Die Mormonen - Zwischen 'Wahrheit' und Wirklichkeit
Der Verräter

Eine Betrachtung des Phänomens (Stigmas) nach dem Austritt aus einer Sekte

Ich war 14 Jahre Mitglied bei den Mormonen und sehr stark involviert. Dies bezieht sich sowohl auf den Bereich der Amtsausübung, als auch auf das soziale Umfeld. Einen alten Freundes- oder Bekanntenkreis gab es schon lange nicht mehr. Man war hauptsächlich mit Mitgliedern der Gemeinschaft zusammen. Dies umfasste Versammlungen, Veranstaltungen, Sitzungen, Aktivitäten und private Unternehmungen. Wie bei vielen anderen Sekten auch, findet eine Ablösung vom alten Umfeld statt und die Gemeinschaft wird zum neuen Mittelpunkt des Lebens.
Es ist nun interessant festzustellen, dass der Austritt eine Art Umkehrprozess des Eintritts darstellt. Während man beim Eintritt sein altes Umfeld verlässt, verlässt einen die Gemeinschaft beim Austritt in ungeahnter Schnelligkeit. D.h., die Mitglieder ziehen sich auf eine Art zurück, die man nicht für möglich gehalten hätte. Jahrelang hat man gemeinsam für eine Sache gekämpft und plötzlich spürt man diese Distanz, das Reden hinter vorgehaltener Hand und den Abbruch fast aller Beziehungen. Man stellt vor allem fest, dass Freundschaften innerhalb der Gemeinschaft, außerhalb keinen Bestand mehr haben - bis auf wenige Ausnahmen. Diese Freundschaften basierten alleine auf dem gemeinsamen Weltbild und nur bruchstückhaft auf einer zwischenmenschlichen Beziehung.
Anfangs wünschte ich mir noch, dass es Möglichkeiten gäbe, Brücken zu schlagen. Später lernte ich, dass fast keine Grundlage dafür existiert. Ein Rückzug meinerseits war die logische Konsequenz.
Als ich 1999 mein Amt als Zweigpräsident nieder legte und nicht mehr zur Kirche ging, setzte sofort Funkstille ein, die nur vereinzelt unterbrochen wurde. Menschen, denen ich so lange nahe stand, schrieben allenfalls einen Brief; es gab einen sporadischen Besuch nach Wochen und viele Monate so gut wie kaum einen Kontakt. Manche waren beleidigt, weil ich nicht gleich mit ihnen geredet hatte und meldeten sich nicht mehr. Persönliche Einladungen waren tabu, allenfalls kamen sporadisch Einladungen zur Teilnahme an Kirchenaktivitäten. Da konnte man sich hinter der Gruppe verstecken. Warum?
Nun, man muss bei Austritten und Inaktivität unterscheiden:

  • Inaktivität aufgrund von Desinteresse oder Problemen mit den "Geboten"
  • Inaktivität und Austritt aufgrund von Hinterfragung des Glaubens

Solange jemand nur "Schwächen" zeigt, ist es für die Mitglieder kein Problem, den Kontakt aufrecht zu erhalten. Missionarische Aktivitäten (Reaktivierung) sind an der Tagesordnung. Die Inaktiven werden in Listen geführt und es gibt Programme, die eine Wiedereingliederung bewirken sollen.
Bleibt jemand fern, weil der den Glauben hinterfragt und recherchiert hat, tritt ein Problem auf, das zum genannten Effekt der Funkstille führt. In diesem Falle wird das eigene Weltbild in Gefahr gebracht und ein Kontakt könnte problematisch werden. Nach einem Jahr meines Fernbleibens schrieb ich einen Brief an alle "alten Freunde" und erklärte meine Gründe und die Absicht des Austritts. Es gab spärliche Rückmeldungen aber keine ordentliche Diskussion. Was kam, war die Einladung zum Kirchengericht, die ich dankend ablehnte. Bei diesem wurde dann meine Exkommunikation beschlossen - wegen Abtrünnigkeit. Niemand hatte sich ernsthaft mit meinen Gründen beschäftigt oder meine Artikel gelesen. Der Pfahlpräsident erhielt per "Inspiration" die Anweisung zum Ausschluss. So einfach geht es, wenn man nichts konkretisieren will. Diese "inspirativen Ausschlüsse" sind bei den Mormonen keine Seltenheit. Später verkündete man im Gemeinderat meinen Ausschluss und die Mitglieder wurden offiziell angewiesen, sich mit mir nicht über kritische Fragen zu unterhalten, bzw. keinen Kontakt mehr mit mir aufzunehmen. Ich wurde also auf eine gewisse Art und Weise geächtet.
Irgendwann sagte man mir einmal: "Wer nicht mehr kommen will, soll sich in Stille zurückziehen." Es wird von scheidenden Mitgliedern erwartet, dass sie kein Aufsehen erregen, um den "Frieden" der Gemeinschaft nicht zu stören. Ein Leser meine Homepage schrieb:

"Mir stellt sich die Frage warum? Wenn Sie ein Problem haben, dann stören Sie doch nicht den Frieden anderer." (Leserbrief)
Mormonen empfinden eine Hinterfragung ihrer Lehre als Störung des Hausfriedens. In Wirklichkeit ist es ein Problem für die Mitglieder, wenn an ihrem Weltbild gerüttelt wird. Manche Mitglieder gingen noch weiter und drückten aus, was die meisten anderen Denken. In einem Brief eines Mormonen aus meiner alten Gemeinde heißt es:
    "Merke dir, wer kritisiert, sei es Religion, Politik, Wirtschaft oder Sonstiges ist sowieso auf dem falschen Dampfer. Wer Gott beleidigt, den holt ohnehin der Teufel, manchmal schnell oft aber langsam und kriechend ...
    Es tut mir leid, dass ich dir dies so krass sagen muss aber wir Bayern gehen nach der Devise: Heiß oder kalt, Ja oder Nein, niemals sollst du ein Verräter sein."
    (Brief eines Mitgliedes aus dem Jahre 2002)
Mehrer Dinge kommen hier zum Ausdruck:
  • Der Mangel an Kritikfähigkeit
  • Absolutheitsanspruch der eigenen Religion
  • Abtrünnige sind des Teufels
  • Abtrünnige sind Verräter

Dieses Bild trifft auf alle Sekten, Psychogruppen und Kulte zu.

Der Verräter erhält ein unübersehbares Stigma, das die eigene Position stärken soll. Der angebliche "Verrat" des anderen rechtfertigt die eigene Position des nicht Hinterfragens, der Distanz und der mangelnden Kritikfähigkeit.
"Er hat unser Nest beschmutzt." Dies soll heißen: Unsere Laken sind alle weiß wie Schnee. Schmutz wird nur durch Verräter und Kritiker erzeugt. Sind wir sie los, bleibt alles beim Alten - "blendend" weiß. Die Ächtung des Verräters ist Teil des in allen Gruppen praktizierten Dissonanz Managements und als solches zu Beurteilen. Wie gesagt, es gibt Ausnahmen. Aber sehr wenige.
Ich habe mich nie in der Rolle eines Verräters gesehen, warum auch? Meine Arbeit ist die eines Aufklärers. Sie soll denen helfen, die erblindet sind und anderen, nicht blind zu werden.