Die Mormonen - Zwischen 'Wahrheit' und Wirklichkeit

Über den Autor

Mein Ausstieg: Ein Einstieg ins Leben

Ich werde oft gefragt, warum ich nach 14 Jahren Mitgliedschaft bei den Mormonen von heute auf morgen meine Koffer gepackt habe, um ein völlig neues Leben zu beginnen. Ich möchte hier kurz darauf eingehen.

Mit 19 Jahren (1985) schloss ich mich - auf der Suche nach irgendetwas - der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) an. Innerhalb von 4 Wochen wurde ich getauft, was ziemlich kurzfristig erscheint. Dieser Sachverhalt zeigt, dass ich damals relativ unkritisch mit den Lehren der Mormonen umging und es gleichzeitig im deutschsprachigen Raum noch sehr wenig Literatur über die Glaubensgemeinschaft gab.

Ich war schnell begeistert und all die Jahre tief involviert. Dies bedeutete auch, dass ich deren Weltbild vollständig übernommen hatte. Ich ging für zwei Jahre nach England auf Mission (1985-1987), hatte danach zahlreiche Funktionen inne (Hohepriestergruppenleiter, Junge-Männer-Leiter, Ratgeber in der Bischofschaft, Hoher Rat - alles ehrenamtlich) und arbeitete bis zum März 1999 als Zweigpräsident (Gemeindeleiter) in Emmendingen (BW). Dann verließ ich die Mormonen.
Ein Jahr später, Im März 2000, erklärte ich meinen Austritt und wurde schließlich wegen "Abtrünnigkeit" als Apostat ausgeschlossen. Dazu passt vielleicht ein Zitat von Mark Twain sehr gut:

"Ein Mensch wird in der Kirche aufgenommen für das, was er glaubt -- und aus ihr rausgeworfen für das, was er weiß."

Vielleicht trifft es dieses Zitat am besten. Ich hatte trotz meiner Überzeugung immer gewisse Zweifel, die primär die Doktrin betrafen. Doch wie die meisten Mormonen verdrängte ich diese erfolgreich (siehe Apologetik).
Irgendwann, so in meinem 30 Lebensjahr, trat innerlich eine eher unbewusste Veränderung ein. Ich begann das Leben von neuem zu betrachten und fing an, die Dinge objektiver zu sehen. Zunächst verdrängte ich viel aber mit der Zeit konnte ich mich gegen diese "Anwandlungen der Vernunft" nicht mehr wehren und ich beschloss meinen Glauben erneut zu überprüfen. Ich begann zu recherchieren und stellte zunehmend fest, dass das indoktrinierte Bild, welches die Mormonen gerne als "einzige Wahrheit" bezeichnen, nicht mit der Realität übereinstimmte. Hunderte von Fakten und Tatsachen kamen zum Vorschein, die der Lehre und dem Selbstverständnis der Mormonen widersprachen. Meine Recherchen habe ich in Form dieser Website dokumentiert.

Zu den rationalen Gründen gesellten sich aber auch psycho-soziale Aspekte. Die Mitglieder werden wie bei anderen Gruppierungen und Sekten auch, zeitlich und finanziell sehr in Anspruch genommen (um es gelinde auszudrücken). Alle Ämter werden ehrenamtlich ausgeübt und für die wachsende Familie und sich selbst bleibt immer weniger Zeit. "Nebenbei" hatte man ja auch noch ein berufliches Leben zu bewerkstelligen. Zum anderen hinterfragte ich auch das Warum meiner frühen und langen Mitgliedschaft aus psychologischer Sicht. Meine damalige Frau und ich erkannten rechtzeitig, dass diese Situation uns letztlich mehr Schaden, als Nutzen brachte. Wir stiegen also aus und damit ein ins reelle und eigene Leben. Auch wenn wir nun vieles aus dem Mormonismus abgelegt haben, so gab es natürlich auch positive Erfahrungen und schöne Freundschaften aus dieser Zeit.

Des Weiteren hatte ich letztlich Probleme damit, in einem konservativen, archaischen System zu leben, in der es die Gleichstellung der Frau nicht gibt, Schwarze aufgrund ihrer Hautfarbe lange Zeit keine Priester werden konnten und wo geglaubt wurde, dass die schwarze Hautfarbe durch einen göttlichen Fluch zustande kam. Auch die Diskriminierung Homosexueller konnte ich nicht mehr mittragen.

Erst, wenn man einen solchen Ausstieg durchlebt, erkennt man, wie tief sich ein irreales Weltbild im Inneren festsetzen kann. Es dauert eine geraume Zeit (oft Jahre), bis sich ein neues, eigenes Weltbild gefestigt hat. Aber damit beginnt der Weg zu sich selbst, welcher ein Weg in Freiheit ist. Für die Mormonen bin ich heute ein "Verräter". Ich selbst sehe mich als Aufklärer und freidenkendenden Mensch, der den Respekt vor dem "Anderen" zurückgewonnen hat.

Es wird auch immer wieder gefragt, welches Weltbild oder welchen Glauben ich nach meinem Ausstieg angenommen habe. Zunächst habe ich mich völlig frei gemacht und mir sehr lange Zeit genommen, Stück für Stück ein eigenes Weltbild aufzubauen, mit dem ich sehr zufrieden bin. Was den Glauben betrifft, der ja auch Platz in einem Weltbild finden kann, möchte ich folgende Gedanken äußern:
Ein gesunder Glaube kann viele Energien freilegen und helfen, Ziele zu erreichen und Horizonte zu erweitern. Ich selbst glaube an eine höhere Instanz (höheres Wesen) und an ein jenseitiges Leben. Der Tod, wie wir ihn verstehen, existiert für mich nicht. Allerdings brauche ich für dieses eigene Weltbild kein "Zeugnis", keine ausgeübte Religion und vor allem keine Dogmen. Ich bin der Meinung, dass Religionen einen bestimmten Sinn erfüllen, deren Dogmen aber oft die Sicht vor dem Wesentlichen vernebeln. Aus meiner Sicht ist es falsch anzunehmen, dass es nur einen Weg zu Gott gibt. Es gibt viele, denn auch das Leben ist vielfältig. Missionarischer Eifer, Absolutheitsanspruch, Fanatismus und Dogmatismus führen unweigerlich in Sackgassen und zur Ausgrenzung. Glaube sollte die Eigenständigkeit des Individuums nicht beschneiden, in Abhängigkeit oder Isolation führen. Ein freier Glaube sollte dem Menschen dabei helfen, mehr zu sich selbst zu finden, eigenständig zu werden, Spiritualität zu entwickeln, Verantwortung zu übernehmen, sowie Toleranz und Freiheit des Denkens zuzulassen. Viel wichtiger als Dogmen ist die Bereitschaft, ein Leben in gutem und hilfsbereitem Miteinander zu führen, ohne Diskriminierung irgendeiner Gruppe von Menschen. Das Leben erblüht in einer Vielfalt. Wer auch immer dafür verantwortlich ist, wollte die Vielfalt des Lebens, nicht die Monotonie und Uniformität. Ein gesunder Glaube spiegelt in sich die Freiheit wieder, das Leben und den Glauben anderer zu respektieren.


Abschließend möchte ich noch folgende Gedanken weitergeben:

"Ein sinnvolles Weiterkommen auf dem eigenen Lebensweg gibt es nur für Menschen, die bereit sind, ihre eigene Überzeugung immer wieder zu hinterfragen. Wer dabei aus Angst und Unsicherheit zurückschreckt, dreht sich weiter nur um den Kreis des Stillstandes. Wer jedoch Mut hat, auf dem Weg zu sich selbst, Neues zu ergründen, ist ein Pionier seiner eigenen Freiheit."

"Die Wirklichkeit sucht beständig nach Menschen, die Mut und Einsicht genug haben, sie denen vor Augen zu führen, die in ihrer Wahrheit gefangen sind."

Holger Rudolph

 

Siehe dazu auch: Abschied vom Mormonismus


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