Zeitschrift für Humanismus und Aufklärung 4/99
von Ulrich Tünsmeyer
Bei weltanschaulichen Konflikten stoßen Argumente auf Grenzen. Kann
man mit jemandem inhaltlich debattieren, wenn man mit ihm in den fundamentalen
Prinzipien nicht übereinstimmt?
Die Kunst des Argumentierens ist die Kunst des Lebens. Wir argumentieren und
streiten, weil wir es müssen; weil es das Leben fordert und weil das Leben
selbst nichts weiter als eine argumentative Auseinandersetzung darstellt. Wir
diskutieren, um herauszufinden, ob ein Gedanke wirkungsvoll oder ein Plan durchführbar
ist; wir streiten, um festzustellen, was andere wissen. Kurzum, der Mensch versucht,
mit den Mitteln der Sprache seine Mitmenschen für seine Position zu gewinnen.
Die Kunst zu streiten
Die Suche nach Wahrheit, das Streben nach Gerechtigkeit, das Aufbrechen von
Kreativität kann nicht in der Isolation blühen. Nur im konstruktiven
Streit, im Austausch von Argumenten findet Entwicklung statt : Ohne liebevolle
Auseinandersetzungen können Kinder niemals elterliche Zuwendung erfahren,
noch kann sich eine Beziehung zwischen Eltern und Kindern entwickeln, aus der
ein reifes, psychisch gesundes Kind erwächst. Ohne öffentliche Debatte
wird jeder Staat zur Wüste, in der nichts wächst, nichts blüht,
nichts geschaffen wird, nichts lebt.
Die Kunst zu streiten folgt bestimmten Regeln und erfordert eine bestimmte
geistige Grundeinstellung; dennoch können wir alle gewinnend argumentieren.
Man kann in der Küche, im Schlafzimmer, im Gerichtssaal, in der Politik
und auf der Straße argumentieren - überall. Das bedeutet allerdings
nicht, dass sich Streitfälle nur argumentativ lösen lassen. Manchmal
gelingt, oft misslingt es. Dies zeigen die vielen kriegerischen Auseinandersetzungen.
Selbst in Fällen, wo der Misserfolg von vornherein abzusehen ist und die
historische Erfahrung die argumentierende Auseinandersetzung als hoffnungslos
erscheinen lässt, gibt es doch immer wieder Versuche, eine Lösung
friedlich auszuhandeln sozusagen Hoffnung, wo scheinbar nichts zu hoffen ist.
Mit jemandem allerdings, der bereits unsere Prinzipien ablehnt, können
wir nicht diskutieren. Das ist der Normalfall im Streit zwischen zwei Ideologien.
Ein argumentativer Kampf zwischen ihnen ist kaum möglich, denn argumentieren
setzt eine Basis voraus.
Die Idee der universalen Menschenrechte, die auf der persönlichen Würde
und Freiheit jedes einzelnen Menschens beruht, ist mit dem ideologischen Absolutismus
des religiösen Fundamentalismus - unabhängig ob christlicher, jüdischer,
hinduistischer oder islamischer Provinienz - nicht diskutierbar. Der historische
Normalfall ist, dass Religionen oder Ideologien je nach Maßgabe der realen
Machtkonstellationen mit Feuer und Schwert übereinander herfallen oder
sie existieren nebeneinander und ignorieren den Gegner.
Gegen Fanatismus: Welches Mittel hilft?
Somit stellt sich die Frage nach den Möglichkeiten der Auseinandersetzung
mit fanatischen Ideologen. Hier hat schon Voltaire, immerhin ein erfogreicher
Streiter gegen religiöse Dogmatik, pessimistisch festgestellt: "Gegen
diese epidemische Krankheit (des Fanatismus) gibt es kein Mittel, als den Geist
der Philosophie, der allmählich die Sitten der Menschen besänftigt
und den Ausbruch des Übels vorhersieht. Wenn dieses Übel nämlich
einmal um sich gegriffen hat, muß man die Flucht ergreifen und abwarten,
dass die Luft wieder rein wird."
Für den Philosophen Hubert Schleichert bedeutet Fanatismus Inhumanität
im Namen hoher Ideale. Er ist das Gegenteil von Toleranz. Das Grundprinzip des
Fanatismus lautet: "Meine Wahrheit verdient einen Sonderstatus gegenüber
allen falschen Lehren." Eine religiöse Variante lautet: "Man
muss Gott mehr gehorchen als den Menschen." Verbindet sich ein solches
Prinzip mit der Meinung "Ich besitze die Wahrheit" oder "Ich
weiss, was Gott von mir will", bricht Fanatismus aus.
Neben den religiösen gibt es weitere Formen von Fanatismus: politische
Ideologien, Rassismus, Nationalismus. Nach Schleichert hat aber keiner dieser
Bereiche eine so ausdifferenzierte, sich über mehr als ein Jahrtausend
erstreckende Argumentation in Sachen Intoleranz hervorgebracht wie der religiöse
Fanatismus.
Ist eine argumentative Auseinandersetzung über die Grundprinzipien einer
Ideologie oder Religion, oder gar eine Kritik daran, überhaupt möglich?
Handelt es sich nur um vergebliche, manchmal sogar gefährliche Bemühungen?
Denn solche Auseinandersetzungen finden immer wieder statt: Missionare predigen,
andere predigen davon Abweichendes. Kritiker bestreiten die Predigt und Aufklärer
schreiben gegen Obskurantismus und Fanatismus. Wie kann man hier argumentieren?
Religionen heben als Wesen und angeblichen Verdienst des Glaubens immer wieder
hervor, dass er nicht auf Argumenten beruht. Was aber ohne Argumente geglaubt
wird, kann auch niemand mit Argumenten schlüssig widerlegen.
Glaubenssysteme erschüttern
Glaubenssysteme kann man also nur erschüttern, indem man die Vernunft
subversiv nutzt! So Hubert Schleicherts These in seinem Buch "Wie man mit
Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren. Eine Anleitung
zum subversiven Denken".
Subversive Kritik des Aufklärers bedeutet, genaue Informationen aufzuzeigen
über eine Ideologie, eine umfassende Darstellung ihrer Probleme, Seltsamkeiten,
Abstrusitäten und der Alternativen zu geben. Es gilt, immer wieder andere
Denkmöglichkeiten darzulegen. Es geht nicht darum, zu widerlegen oder
mit böswilligen Unterstellungen zu diffamieren, sondern die realen Handlungen
und die Aussagen einer Ideologie klar und in aller Offenheit darzustellen
- und somit auf Peinlichkeiten und Widersprüche hinzuweisen. Der Aufklärer
behauptet in der subversiven Argumentation nicht, irgend etwas zu beweisen
oder zu widerlegen. Er will nur informieren, demonstrieren, andere Denkmöglichkeiten
vorführen. Er will zeigen, was die betreffende Ideologie alles beinhaltet.
Der Vorteil einer subversiven Kritik ist, dass kein Bekenntnis notwendig ist.
Das subversive Vorgehen kann psychische Verspannungen und Fixierungen lockern.
Es legt nahe, dass die Dinge vielleicht auch anders sein oder anders gesehen
werden können. Es hebt die verengte Sicht auf. Es schärft den Blick
für die Folgen einer Ideologie, es lehrt, Ideologien von außen zu
betrachten. Es zeigt, wie man oft einfache Erklärungen an die Stelle von
Wundern und Mythen setzen kann. Und vor allem, es nennt Unmenschlichkeiten beim
Namen, statt sie mit einem religiösen oder ideologischen Schleier zu überdecken.
Aber es erhebt nicht den Anspruch eine Religion oder Ideologie zu widerlegen.
Die subversive Argumentation hat nicht die Form einer externen Kritik der Art
"Was du glaubst, ist falsch"; sie lautet vielmehr: "Ich zeige
dir, an was du eigentlich glaubst."
Mit der subversiven Argumentation trifft man die Kernaussagen eines Glaubenssystems
nicht, sondern weist auf Dinge hin, die der Gläubige oder Fanatiker peinlich
berührt auch zugeben kann, aber für nicht entscheidend hält.
Man demonstriert beispielsweise, wieviel Schwindel, Lüge und unkritische
Gutgläubigkeit bei Wunderberichten im Spiel sind. Dies lässt sich
problemlos aufzeigen und der Gläubige kann nur matt widersprechen. An der
Grundposition - dass Wunder möglich sind - wird das allerdings nichts ändern.
Trotzdem ist der Hinweis auf die vielen Betrügereien, mit denen man es
hier zu tun hat, auf lange Sicht nicht wirkungslos. Es ist kein konklusives
(folgerndes) Argument, sondern ein subversives. Der Wunderglaube wird nicht
widerlegt, sondern erscheint als veraltet.
Fanatiker müssen einsam bleiben
Dass freilich der echte Fanatiker nicht durch Argumente zu beeindrucken ist,
gehört zu seinen Wesensmerkmalen. Den Fanatiker muss man eigentlich sich
selbst überlassen, aber man versucht die Gefahr zu verringern, die von
ihm ausgeht. Wer gegen einen Fanatismus argumentiert, scheint sich zwar an die
Fanatiker zu wenden, um sie von den Vorzügen einer besseren und menschlicheren
Sache zu überzeugen. In Wirklichkeit wendet er sich aber an die noch nicht
oder noch nicht so stark "Befallenen" und versucht, sie zu immunisieren.
Das Ziel ist nicht, den Fanatiker zu widerlegen, sondern zu verhindern, dass
seine Ergüsse breites Interesse finden.
Letztlich werden Ideologien wie Religionen aller Art - sieht man von imperialer
Gewalt ab - weder besiegt, widerlegt noch überwunden, sondern sie werden
vielmehr obsolet, ignoriert, langweilig, vergessen. Die lange Geschichte des
Christentums in Europa zeigt zum einen, wie wenig eine argumentative Auseinandersetzung
mit der Lehre und Praxis der Kirche auf Dauer bewirkt hat. Auf der anderen Seite
ist heute trotz der wiederholt nachgewiesenen Wirkungslosigkeit von Argumenten
gegen das Christentum festzustellen, dass die Kirchen seit Aufkommen einer freien
Kritik langsam, aber sicher den Boden unter den Füßen verloren haben.
Waren die Attacken des freidenkerischen und kritischen Geistes, der riesige
Aufwand an Religions- und Dogmenkritik, doch nicht so wirkungslos? Auch wenn
es unmöglich ist, die Ursachen dafür im einzelnen zu benennen und
zu gewichten, ist doch gewiss, dass die aufklärerische Arbeit ihre Wirkung
gehabt hat. Langsam, aber nachhaltig, hat sie die Mauern der ideologischen Festungen
untergraben. Dies genau ist es, was Schleichert mit dem Begriff der "subversiven
Vernunft" ausdrücken will.
...
Argumentative Auseinandersetzung auf eine Frage des Geschmacks zu reduzieren,
hieße allerdings postmoderne Beliebigkeit. Ausgehend vom Begriff der Vernunft
gilt es, sich die Zielrichtung der argumentativen Auseinandersetzung mit Ideologien
bewusst zu machen. Schleichert benutzt die knappe, aber kluge Raison-Definition
aus der Enzyklopädie: "Vernunft besteht darin, die Dinge zu sehen,
wie sie sind. Jemand, der im Rausch die Dinge doppelt sieht, ist seiner Vernunft
beraubt. Schwärmerei ist genauso wie Wein."
Für den Aufklärer heißt Vernunft in erster Linie dies: Niemand
soll im Namen welcher Religion, Ideologie oder Ideale auch immer, bedrängt,
geängstigt, verhöhnt, materiell beeinträchtigt, seiner Freiheit
beraubt, gefoltert oder ermordet werden. Daraus folgt nach Schleichert: "Ideologien,
Religionen, Schwärmereien, Visionen, Dogmen, Doktrinen, Glaube und Aberglaube,
Orthodoxien, Häresien und was es dergleichen auch immer geben mag, die
zur Verletzung der Menschenrechte anleiten oder dieselben verharmlosen, soll
man attackieren - auch dann, wenn sie sich im Moment lammfromm geben. Denn die
Erfahrung lehrt, dass man in diesen Dingen überhaupt nicht misstrauisch
genug sein kann. Deshalb wollen wir jeden Versuch abwehren, die Vernunft als
gemeinsame Basis menschlicher Kommunikation verächtlich zu machen, jede
Relativierung der Vernunft durch verspielte Intellektuelle genauso wie durch
verbohrte Fanatiker."