Die Mormonen - Zwischen 'Wahrheit' und Wirklichkeit

Warum ist es so schwierig, eine Glaubensgemeinschaft mit starken sektiererischen Zügen zu verlassen?

Von Kjell Totland, Psychologe


Einleitung

Offenbar ist dies eine häufig gestellte Frage jener, die fühlen, daß sie "endlich" herausgekommen sind und es im Nachhinein nicht fassen können, warum sie so lange zögerten. Ich meine, daß es wichtig ist, als Teil eines solches Erkenntnisprozesses solche Fragen zu beleuchten und daß die Betreffenden Antworten erhalten, die das Weiterkommen im Leben erleichtern. Die Frage wird auch oft von "Außenstehenden" gestellt, die es nicht fassen können, wie Mitglieder es ertragen können, in einer "solchen" Glaubensgemeinschaft zu sein.

Es ist nicht möglich, auf diese Frage eine eindeutige Antwort zu geben. Denn die Antwort wird von vielen Faktoren beeinflußt:

1. Keine zwei Glaubensgemeinschaften gleichen einander.

2. Alle oder die meisten Glaubensgemeinschaften unterliegen ständiger Veränderung.

3. Ein- und dieselbe Glaubensgemeinschaft wird von den Mitgliedern verschieden empfunden.

4. Die Glaubensgemeinschaft beeinflußt die Mitglieder nicht notwendigerweise gleichartig.

5. Die von der Glaubensgemeinschaft Rekrutierten kommen mit verschiedenen "Belastungen".

6. Es gibt ebenso viele Gründe, in einer Glaubensgemeinschaft zu verbleiben, wie es Mitglieder gibt, und es gibt ebenso viele Gründe, eine Glaubensgemeinschaft zu verlassen, wie es Personen gibt, welche die Glaubensgemeinschaft verlassen

7. Das Erlebnis des Dabeiseins kann z.B. mit dem Geschlecht, dem Alter, der Dauer der Zugehörigkeit und dem Umstand variieren, ob man rekrutiert oder hineingeboren wurde, oder aus anderen Ursachen.

8. Jene, welche die Glaubensgemeinschaft verlassen, kommen in verschiedene "Welten", usw.

Dennoch sieht es für mich so aus, daß eine Anzahl von Gründen sich wiederholen und diese gesammelt dazu beitragen können, eine allgemeine Antwort und eine Antwort in Bezug auf einzelne Personen zu geben, die "ausgestiegen sind". Die Liste der Gründe versteht sich nicht als vollständig und der Leser wird sicher auch andere Gründe als die von mir hier angeführten finden können.

In der Darstellung dieses Themas will. ich davon ausgehen, wie Kinder, die in solchen Glaubensgemeinschaften aufwachsen, sich an diese binden, und wie schwierig es sein kann, eventuell die Glaubensgemeinschaft zu verlassen, während man erwachsen wird. Der Grund dafür ist, meine ich, daß viele der Mechanismen, die allgemein Menschen daran hindern, eine Glaubensgemeinschaft zu verlassen, die selben sind, die Kinder an die Glaubensgemeinschaft binden, in der sie aufgewachsen sind. Dieser Artikel kann also in dem Sinn gelesen werden, wie es die Überschrift angibt, aber auch, wie Kinder, die in solchen Glaubensgemeinschaften aufwachsen, sich an diese binden.

Über Kinder und die Bindung an eine Glaubensgemeinschaft mit starken sektiererischen Zügen

Zunächst wünschen Eltern (gewöhnlich), das Kind / der Jugendliche möge lebenslang ihrer Glaubensgemeinschaft angehören und sich sein ganzes Leben hindurch mit der Vision der Glaubensgemeinschaft identifizieren. Dies macht es notwendig, daß die Glaubensgemeinschaft die Bedürfnisses des Kindes für grundlegende Sicherheit, Identität und Zugehörigkeit erfüllen kann und /oder sich autoritärer Techniken bedient, um - wenn nicht anders - das Kind und seine Entwicklung steuern zu können. Für manche Kinder wird das Aufwachsen in der Glaubensgemeinschaft so natürlich wirken, daß die Verwendung von verschiedenen steuernden Techniken und verschiedenen Formen von mentalen Übergriffen nicht immer nötig ist. Wenn das Kind aus dem einen oder anderen Grund dennoch wünschen sollte, die Glaubensgemeinschaft zu verlassen, dann zeigt es sich, daß es viele "Kräfte" gibt, die es zurückhalten. Hier folgt eine Übersicht über solche "Kräfte":

1. Das Kind hat seine Identifikationsobjekte in der Bewegung.

Wenn das Kind seine Identität als Erwachsener finden soll, dann ist es natürlich, dazu die Menschen zu benützen, von denen es während des Aufwachsens abhängig und mit denen es in dieser Zeit verbunden war, nämlich die Eltern. Es würde relative starker "Kräfte" bedürfen, daß ein Kind eine andere Lebensrichtung als seine Eltern einschlüge, besonders wenn es sich in der Praxis nur um zwei Alternativen handelt: Sich entweder den Eltern und der Ideologie der Glaubensgemeinschaft unterzuordnen oder mit "allem" zu brechen. Ansonsten ist es in unserer Kultur gewöhnlich einfacher, eine andere Weltanschauung oder Lebensrichtung als seine Eltern zu wählen, ohne daß es zum "Bruch" führen muß. In "solchen" Glaubensgemeinschaften ist es außerdem relativ üblich, einen starken formellen oder informellen Konformitätsdruck auszuüben.

2. Das Kind erlebt Zugehörigkeit und Lebensbewältigung nur in der Glaubensgemeinschaft

Das Kind wuchs damit auf, bezüglich z.B. Werten, Interessen, sozialer Kompetenz und Sprach- und Begriffskultur nur innerhalb des Rahmens der Glaubensgemeinschaft zu funktionieren. Hier erhält das Kind die Bestätigung und "Verstärkung" seiner eingelernten "geistigen Fertigkeiten". Jene Fertigkeiten, welche die Glaubensgemeinschaft als wesentlich betrachtet, werden außerhalb der Glaubensgemeinschaft als unwesentlich oder unverständlich angesehen. In der Kultur "außerhalb" landet das Kind deshalb auf dem "Abstellgleis" und kann sich als mehr oder weniger unsicher, unbeholfen und mißglückt erleben.

3. Das Kind erlebt soziale Anerkennung und Freundschaft nur in der Glaubensgemeinschaft

Das Kind hat einen natürlichen Bedarf für soziale Anerkennung und Freundschaft. Die "Codes" zur Erreichung dessen liegen in erster Linie innerhalb des Systems der Glaubensgemeinschaft.

4. Das Kind kann sich selbst nur durch die Zielsetzung der Glaubensgemeinschaft verwirklichen

Die Glaubensgemeinschaft bietet einen Sinn für das Leben, welcher die Glaubensgemeinschaft im Verhältnis dazu, was "Gott nun in den letzten Tagen der Welt zu allererst vermitteln möchte", in eine zentrale Position rückt. Dies wird vielleicht das wichtigste Element in dem "Gesamtpaket" sein, das die Glaubensgemeinschaft anzubieten hat.

5. Das Kind wächst mit einem allgemeinen Mißtrauen gegen die "Gesellschaft außerhalb" (die "Welt") oder mit Angst vor dieser auf.

Gewöhnlich werden "die außerhalb" als ein Teil der "Welt" definiert, (d.h. von Satan kontrolliert), als geistig Erblindete, die "sich in Sünde wälzen", falsche Religionen verehren und auf verschiedene Weise "darauf aus sind, die Glaubensgemeinschaft zu verfolgen". Das Kind wird auch davor gewarnt, mit "anderen" Kindern, die vorzugsweise als "Missionsobjekte" definiert werden, Beziehungen auf gleicher Basis einzugehen.

6. Das Kind hat keine Erfahrung damit, aus eigenem selbständigem Denken zu handeln, wenn es um die Frage eines eventuellen Austritts geht.

Erfahrungen, welche die Grundlage für einen Gedankenprozeß bilden können, der sich zu Zweifel, Skepsis oder "Irrglauben" entwickeln kann, werden sich schwer ausbilden können, wenn die Umgebung einen solchen Prozeß nicht unterstützt. Eigener Bedarf für kognitive Resonanz kann dazu führen, daß man die Tatsachen leugnet oder uminterpretiert. Und wenn man Zweifelsfragen mit Personen besprechen will, zu denen man Zutrauen oder vor denen man Respekt hat, riskiert man, daß der Prozeß im Keim erstickt wird, weil der oder die Betreffende voreingenommen ist, sich im System befindet und es von vornherein als vorteilhaft ansieht, daß man "bleibt".

7. Das Kind hat keine alternative gedankliche Plattform entwickelt, von der aus es das, wo es dabei ist, kritisch beurteilen kann.

Sich gegenüber seiner eigenen Tätigkeit oder gegenüber jener, die man um sich herum findet, kritisch zu verhalten, setzt voraus, daß man ein Wertesystem verinnerlicht hat, das es ermöglicht, diese Dinge von "außerhalb" zu betrachten. Solche Überlegungen und Erkenntnisse sind eine Fertigkeit, zu der Kinder in "solchen" Glaubensgemeinschaften nicht ermuntert werden. Die Erkenntnis, daß die eigene Anschauung nur eine Deutung der Wirklichkeit darstellt, wir nicht gefördert. "So wie wir es sehen, so ist es." Solche ego-syntone Auffassungen können einen Konformitätsdruck erzeugen, in dem Unsicherheit und Zweifel sich schwer entwickeln können (siehe das Märchen von "Des Kaisers neuen Kleidern"). Gleichzeitig zeigt es sich interessanterweise, daß ein guter Teil jener Erwachsener, die eine solche Glaubensgemeinschaft verlassen, dies deshalb tun, weil sie in der Glaubensgemeinschaft etwas erlebt haben, was ihrem intaktem Wertesystem widerspricht (z.B.: "Man tötet keine unschuldigen Menschen", "man begeht keine mentalen oder physischen Übergriffe gegen andere Menschen", "man lügt nicht, auch wenn es einer edlen Absicht oder dem kollektiven Interesse dienen sollte", u. dgl.).

8. Das Kind investiert "alles" in die Bindung an die Glaubensgemeinschaft und wird sich scheuen, sich von diesen Investitionen zu trennen.

Diese Erscheinung kann man z.B. mit einer Person vergleichen, die "alles" auf Aktien gesetzt hat, deren Wert ständig sinkt. Unter dem Motto "Eis im Magen zu haben", "von jetzt an kann es nur mehr in eine Richtung gehen, nämlich aufwärts", und Ähnlichem entscheidet sich das Kind dafür, weiterzumachen, auch wenn es viele gute Argumente dagegen haben sollte oder aus dem einen oder anderen Grund sich zur Gesellschaft außerhalb der Glaubensgemeinschaft hingezogen fühlt (weil es z.B. dort einen Freund / eine Freundin hat). Es ist innerhalb der Glaubensgemeinschaft auch üblich, darüber zu sprechen, man befinde sich "kurz vor dem Durchbruch, und große Dinge würden geschehen" oder Ähnlichem.

9. Das Kind wagt nicht, seinen Eltern gegenüber kritisch zu sein, auch wenn es in die Pubertät kommt.

Wenn man in der Glaubensgemeinschaft sehr zu Gehorsam gegenüber den Eltern aufgefordert wird , einschließlich Drohungen mit Sanktionen für Ungehorsam, wird die Möglichkeit des "Aufruhrs" in der Pubertät, der für die Entwicklung des Kindes zu einer gesunden und selbständigen Identität offenbar notwendig ist, gestört. Dies kann zu einer "verzögerten Pubertät", zu Depressionen oder anderen psychischen Problemen führen.

Insgesamt bedeuten alle diese Punkte, daß es allerhand bedarf, daß z. B ein Teenager aus der Glaubensgemeinschaft ausbricht, in der er / sie aufgewachsen ist. Und dies kann einen Teil der Mechanismen erklären, welche die Ursache sind, daß erwachsene Menschen, ob sie nun in der Glaubensgemeinschaft aufgewachsen sind oder nur "rekrutiert" wurden, fühlen, daß sie allzu lange warteten, bevor sie ausbrachen. Gleichzeitig dürfen wir auch nicht vergessen, daß man in einer solchen Situation leicht in Versuchung gerät, "schwarz-weiß" zu denken, indem man z.B. seine früheren negativen Erfahrungen anschwärzt und seine jetzigen idyllisiert, und daß man vielleicht Zeit benötigt, um seine alten und neuen Erfahrungen in einer differenzierteren Perspektive zu sehen.

Copyright © 2000 Kjell Totland

Übersetzung und Quelle: Friedrich Griess