Die Mormonen - Zwischen 'Wahrheit' und Wirklichkeit

Sozialisation der Jugend bei den Mormonen

Von Marianne Zarembski (1998)

  1. Einleitung
  2. Geschichte
  3. Organisation
    3.1 Einige Glaubensgrundsätze
  4. Einbindung in die Gemeinschaft
  5. Jugend in der Kirche
  6. Vollzeitmission
  7. Wie werden die Jugendlichen motiviert?
  8. Bekehrte, Inaktive, Abgefallene
  9. Schlußbemerkungen

Literaturverzeichnis
Fußnoten

1. Einleitung

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage, besser bekannt als "Mormonen". Obwohl diese Religionsgemeinschaft nicht als typische Jugendsekte einzuordnen ist, wie ich noch später darstellen werde, finden sich in ihr viele Programme, mit denen Jugendliche geworben und bekehrt und innerhalb der Gemeinschaft aktiv gehalten werden sollen. Besonders hat mich dabei das Phänomen der "Vollzeitmissionare" interessiert, da zur Zeit (1998) über 58.000 MissionarInnen[1], die meisten im Alter von 19-25 Jahren, für 1 1/2 bis 2 Jahre ehrenamtlich in vielen Ländern der Welt tätig sind. Der Kürze halber und weil der Ausdruck von den Mormonen für ihre Gemeinschaft benutzt wird, werde ich sie im weiteren Text als “Kirche” bezeichnen.   

   Nach einem kurzen Abriß über die Entstehung der Kirche, ihre Organisation und Programme, möchte ich darstellen, wie die Sozialisation der Jugendlichen innerhalb der Kirche verläuft und wie Jugendliche dazu motiviert werden, in so großer Anzahl auf Mission zu gehen. Des weiteren soll untersucht werden, ob diese Kirche besonders für Jugendliche attraktiv ist und ob deren Mitgliedschaft nur eine Übergangsphase darstellt oder ein längerfristiges Lebenskonzept bietet.

2. Geschichte

Am 6. April 1830 wurde die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage (Church of Jesus Christ of Latter-Day Saints) von Joseph Smith und 5 Anhängern im Bundesstaat New York/USA gegründet. J. Smith (1805-1844), ein Bauernsohn aus Vermont/USA, suchte vor dem Hintergrund der 2. großen Erweckungsbewegung (1800-1820) nach der wahren Kirche. Als 14jähriger seien ihm nach einem Gebet Gott und Jesus erschienen und hätten ihm gesagt, sich keiner Kirche anzuschließen, da alle falsche Lehren verbreiteten. Ab 1823 habe ihn ein Engel namens Moroni darauf vorbereitet, goldene Platten in Empfang zu nehmen, die heilige Schriften vergangener Völker enthielten. 4 Jahre später habe er diese Platten, die in einem Hügel vergraben gewesen waren, erhalten, mit der Hilfe Gottes ins englische übersetzt und danach dem Engel zurückgegeben. Dieses Buch Mormon[2], so genannt nach einem der Verfasser der Platten, enthalte die Geschichte einiger Juden, die ca. 600 v. Chr. aus Jerusalem ausgewandert und sich auf dem amerikan. Kontinent niedergelassen haben. Sie hätten Offenbarungen von Gott erhalten und berichteten auch davon, daß Jesus sie nach seiner Auferstehung besucht habe. Die Berichte enden ca. 400 n. Chr., weil diese Völker vom wahren Glauben abgefallen und in Kriegen vernichtet worden seien.[3] Desweiteren werden neben der Bibel zwei weitere Textsammlungen als Heilige Schriften bezeichnet: a) Lehre und Bündnisse: es enthält Prophezeiungen J. Smiths und seiner Nachfolger, Organisationsanweisungen und neuzeitliche Gebote und Offenbarungen und b) Die köstliche Perle:  es enthält von J. Smith übersetzte Teile des Buch Moses, eines Buches Abrahams und von Matthäus 24 aus dem Neuen Testament. Diese Religionsgemeinschaft wird von den Mitgliedern nicht als Neugründung angesehen, sondern als die im Auftrag Gottes wiederhergestellte Urkirche für die Endzeit (die letzten Tage), und zwar genau so, wie sie von Jesus und seinen Aposteln (in den ersten Tagen) gegründet worden war. Sie wird daher als die “einzig wahre Kirche” bezeichnet, der Begriff Sekte wird abgelehnt.[4]

   Das Buch Mormon wurde ab 1830 gedruckt und verbreitet, es wird als das “wahrste Buch” angesehen, neben dem die Bibel auch wichtig ist, die aber Übersetzungsfehler enthalte. In den ersten 10 Jahren wuchs die Mitgliederzahl auf 30.000. Da es im Laufe der Jahre zu immer stärkeren Anfeindungen gegen die Mormonen kam, wanderten sie nach einigen nur kurzfristig erfolgreichen Siedlungsversuchen in Missouri und Ohio weiter nach Westen. Nachdem J. Smith und sein Bruder Hyrum 1844 im Gefängnis von Carthage/Missouri von feindseligen Einwohnern erschossen worden waren, wurde Brigham Young (1801-1877) zum neuen Führer der Kirche ernannt. Die Mormonen wurden aus Missouri vertrieben und überquerten (ab 1847) unter großen Strapazen die Rocky Mountains, um im Gebiet des heutigen Utah, wo sie die Wüste urbar machten, ihren eigenen Staat aufzubauen. Nach einigen Auseinandersetzungen mit der US-Regierung, u. a. wegen der 1852 eingeführten Polygamie (1890 offiziell abgeschafft) und weiterer Autonomie­bestrebungen, akzeptierten spätere Kirchenführer der US-Verfassung und forderten ihre Mitglieder zu Gehorsam gegenüber der Regierung auf.[5]

   Um 1900 gab es bereits 268.330 Mormonen und die Mitgliederzahlen sind auch in diesem Jahrhundert kontinuierlich weiter gestiegen.[6]

  1950 1960 1970 1980 1990
Mitglieder 1111314 1693180 2930810 4638000  
Bekehrtentaufen 14700 48586 79126 211000 330877
Kindertaufen 22808 42189 55210 65000 78000
Missionare 5313 9097 14387 29953 43651

 

3. Organisation

Die Organisation der Kirche mit Hauptverwaltungssitz in Salt Lake City, Utah (USA) ist streng hierarchisch gegliedert. An der Spitze steht der Präsident der Kirche, der auch Prophet, Seher und Offenbarer genannt wird. Er wird auf Lebenszeit berufen, empfängt göttliche Offenbarungen für die ganze Kirche und spricht damit verbindliche Weisungen und Gebote aus, die von den Mitglieder als das Wort Gottes angesehen werden. Er bildet zusammen mit zwei Ratgebern die Erste Präsidentschaft der Kirche. Ihr nachgeordnet ist der Rat der Zwölf Apostel, die als Generalautoritäten bezeichnet werden. Nach dem Tode des Präsidenten wird der jeweils dienstälteste Apostel zum neuen Oberhaupt berufen, seit 1995 ist hat Gordon B. Hinckley (*1910)[7] dieses Amt inne. Da die Kirche inzwischen über 10 Millionen Mitglieder in 144 Ländern der Erde[8] hat, gibt es neben der Führungsspitze weitere Verwaltungsgremien, sowohl in Salt Lake City als auch in Europa, Asien, Afrika und Südamerika. Der europäische Verwaltungssitz befindet sich  in Frankfurt/Main.

   Auf lokaler Ebene wird jede Gemeinde von einem Leiter mit dem Titel Bischof und seinen zwei Ratgebern geführt. Die Gemeinden einer Region sind in einem Pfahl[9] organisiert, der jeweils von einem Pfahlpräsidenten mit zwei Ratgebern und einer Gruppe von 12 Männern, dem Hohen Rat geführt wird. Desweiteren gibt es Gebiets- u. Regionalrepräsentanten, die die Verbindung zwischen den Pfählen und dem Hauptsitz der Kirche in Utah herstellen[10]. In Hannover gibt es zwei Gemeinden mit je ca. 300 Mitgliedern, zum Pfahl Hannover gehören außerdem Gemeinden in Göttingen, Braunschweig, Hildesheim, Celle, Stadthagen, Nienburg und Bielefeld. 

   Die Kirche wird von einer ausschließlich männliches Führerschaft geleitet, da nach ihrem Verständnis Gott nur den Männern sein Priestertum übertragen hat. Frauen werden zwar als gleichwertig, aber nicht als gleichberechtigt angesehen. Sie können auf Gemeinde- u. Pfahlebene als Leiterinnen oder Lehrerinnen tätig sein, aber nur in Positionen mit geringer Autonomie, die dem Priestertum untergeordnet sind. Die Kirche finanziert sich durch den “Zehnten”, jedes Mitglied soll 10% seines Einkommens an die Kirche zahlen, dazu weitere Spenden für notleidende Mitglieder, für das Missionsprogramm und fallweise für humanitäre Hilfe bei Kriegen oder Katastrophen. Die Zahlungen sind theoretisch freiwillig, sie werden nicht kontrolliert, aber in Ansprachen des öfteren angemahnt, da den Mitgliedern sonst Segnungen Gottes vorenthalten würden[11]

3.1 Einige Glaubensgrundsätze

- Gott, Jesus Christus und der Heilige Geist sind die drei getrennten Personen der Gottheit.

- Das 2. Kommen Christi steht kurz bevor, er wird mit den Rechtschaffenen 1000 Jahre (im Millenium) diese Erde regieren, danach folgt das Jüngste Gericht.

- Die Lehre von der Erbsünde und Säuglingstaufe werden abgelehnt.

- Jeder Mensch muß von seinen Sünden umkehren und sich durch vollständiges Untertauchen im Wasser im Namen Jesu Christi bei den Mormonen, die als einzige Gottes Vollmacht dazu haben, taufen lassen.

- Jeder Mensch wird nach seinem Tode auferstehen und einen unsterblichen Körper bekommen, aber nur, wer ein gehorsamens und aktives (= würdiges) Mitglied der "einzig wahren Kirche" war, kann in der höchsten, der “celestialen” Herrlichkeit bei Gott leben. Dazu gehört auch, daß der/die Gläubige verheiratet sein und in einem der Tempel der Kirche, zu dem nur würdige Mitglieder Zutritt habe, eine “ewige Ehe” geschlossen haben muß.

- Sexualität darf nur innerhalb der Ehe gelebt werden, Abtreibung wird abgelehnt, Homosexualität wird als Sünde angesehen, die man überwinden kann und muß.[12]

4. Einbindung in die Gemeinschaft

Das neue Mitglied akzeptiert mit seiner Taufe nicht nur die religiösen Grundsätze und Gebote, son­dern wird auch sehr stark in das Gemeindeleben eingebunden. Von jedem Mitglied wird erwartet, daß es den Zehnten zahlt und darüber hinaus seine Zeit und Mittel großzügig zur Verfügung stellt. Es sollte jeden Sonntag am gemeinsames Gottesdienst, der Abendmahlsversammlung, und zwei Unterrichtsklassen teilnehmen sowie an diversen Aktivitäten während der Woche. Dafür wird von Salt Lake City aus standardisiertes und einheitliches Informations- und Unterrichtsmaterial herausgegeben, das für die Mitglieder weltweit bindend ist. Auf den oberen und überregionalen Verwaltungsebenen arbeiten hauptamtliche, bezahlte Führungskräfte. Auf Pfahl- und Gemeindeebene wird die gesamte organisatorische und seelsorgerische Arbeit von Laien durchgeführt. Daher wird von jedem erwartet, gerne und zuverlässig in verschiedenen Berufungen ehrenamtlich tätig zu sein. Es wird keinen Zwang auf die Mitglieder ausgeübt, aber ständig betont , daß die Kirchenführer von Gott inspiriert seien, wenn sie die Mitglieder zu einer Aufgabe berufen. Daraus ergibt sich die moralische Verpflichtung, alle aufgetragenen Arbeiten möglichst ohne Einwände anzunehmen und solange (manchmal Jahre) darin eifrig tätig zu sein, bis eine Entlassung durch den Gemeinde- oder Pfahlleiter erfolgt.[13] Dadurch wird ein großer Teil der Freizeit der Mormonen in Anspruch genommen, so daß neben Beruf und Familie wenig Zeit für Freundschaften oder Freizeitaktivitäten außerhalb der Kirche bleibt. Es wird nicht angestrebt, die Mitglieder von der Gesellschaft zu isolieren. Man ermutigt sie sogar, gute Kontakte zu Verwandten und Freunden aufzubauen und zu pflegen, allerdings mit dem Hintergedanken, diese zu zu missionieren. Trotzdem bewegen sich viele Mormonen wegen der vielen kirchlichen Aufgaben und der unterschiedlichen Anschauungen und gesellschaftlichen Gepflogenheiten in der Freizeit fast ausschließlich unter ihresgleichen.[14]

   Dazu trägt auch das Wort der Weisheit[15] wesentlich bei, das schon von Josef Smith im Rahmen einer gesunden Lebensweise propagiert wurde und seit 1930 fest als Gebot in der Kirche verankert ist. Es verpflichtet die Mitglieder, gesundheitsschädliche Stoffe, wie Kaffee, schwarzen Tee, Alkohol und Nikotin zu meiden. Dieser Verzicht auf allgemein übliche Genußmittel führt dazu, daß sich Mormonen in ihrem Verhalten von Andersgläubigen abgrenzen. Es gibt ihnen oft ein Gefühl besonderer Glaubenstreue und Überlegenheit, solchen "Versuchungen" gegenüber standhaft zu bleiben. Dadurch gewinnen sie für sich ein bestimmtes Gemeinschaftsgefühl und eine neue Identität. Dieses bei jeder Geselligkeit leicht auffällige Anderssein wird von manchen gern zum Anlaß genommen, um das Gespräch auf das Thema Religion lenken und missionarisch tätig zu werden.

5. Jugend in der Kirche

Bei der Sozialisation der Kinder und Jugendlichen ergibt sich das im folgenden dargestellte Bild.[16]

   Die idealtypische Mormonenfamilie geht jeden Sonntag in die Kirche, wo die 3-11jährigen Kinder in der Primarvereinigung zum Halten der Zehn Gebote, zum Beten und zum Lesen der heiligen Schriften, besonders des Buches Mormon und der Ansprachen der Kirchenführer, angehalten werden. “Wenn ihr so lebt, wie Gott es möchte und wie er es uns durch seine erwählten Propheten ans Herz legt, hab ihr ein gutes Gefühl.”[17] Eltern und Kirchenleitung arbeiten darauf hin, daß sich die Kinder mit 8 Jahren taufen lassen, da sie dann alt genug seien, diese Entscheidung selbst zu treffen.

   Aus Ansprachen der Kirchenführer wird deutlich, daß ihnen bewußt ist, daß die Kinder in der kritischen Jugendphase in Gefahr sind, sich von der konservativen Lebens- und Denkweise der Kirche abzuwenden. Daher widmet man der Altersgruppe der 12-25jährigen besondere Aufmerksamkeit. Sie werden durch Aufgaben in das Kirchenleben eingebunden und dürfen Ansprachen im Gottesdienst halten. Neben einem Pfadfinderprogramm für die Jungen und ein Junge Damen- bzw. Junge Männer-Programm für 12-18jährige, gibt es ein Seminarprogramm, in dem die 14-18jährigen schon vor der Schule morgens als Gruppe oder mit den Eltern Leitfäden der Kirche durcharbeiten.

"Das Seminar vor der Schule hilft ihnen, tagsüber und in der Schule, den Versuchungen des Satans zu widerstehen."[18]

Die Kirche unterhält ein speziell auf Jugendliche zugeschnittenes Unterrichtssystem (CES Church Education System), das für die Kirchenjugend weltweit standardisiertes Unterrichtsmaterial erstellt, mit dessen Hilfe sie Schriftstellen und Kirchenlehren verinnerlichen sollen und durch das sie immer wieder zu Aktivität in der Kirche und einem rechtschaffenen Lebenswandel angespornt werden sollen. Für die 18-25jährigen gibt es ein entsprechendes Institutsprogramm, das einmal wöchentlich stattfindet. In den USA unterhält die Kirch drei Universitäten: BYU (Brigham Young Universität)  in Provo/Utah, BYU Hawaii und Ricks College in Rexburg/Idaho. Es sind öffentlich zugängliche Bildungseinrichtungen, aber alle Studenten müssen sich an Kirchenstandards (Wort der Weisheit, sexuelle Abstinenz für Ledige) halten.[19] Den Jugendlichen wird nahegelegt, innerhalb der von der Kirche vorgeschriebenen Bahnen eigene religiöse Erfahrungen zu sammeln, indem sie individuell beten, die heiligen Schriften lesen und die Gebote halten. Sie werden aufgefordert, sich ein “eigenes Zeugnis von der Wahrheit der Kirche” zu erarbeiten und “vom Heiligen Geist führen zu lassen.” Durch mehrtägige Freizeiten sollen die Jugendlichen durch religiöse Gemeinschaftserlebnisse im Glauben gestärkt werden und andere Gleichgesinnte kennenlernen. Von den 18-25jährigen werden diese Freizeiten genannt Jugendtagungen allerdings auch als "Heiratsmarkt" tituliert, da es ein wichtiges Anliegen der Eltern, der Kirchenführer und auch vieler Jugendlicher ist, innerhalb der Kirche schon früh einen Ehepartner zu finden.

   Obwohl alle Jugendlichen dazu angehalten werden, sich später um eine gute und qualifizierte Ausbildung zu bemühen, werden die Mädchen ab 12 Jahren im weiteren Verlauf der religiösen Erziehung eindeutig in die Rolle der Mutter und Hausfrau gedrängt. Diese konservative Rollenzuweisung und eine Verherrlichung der Mutterschaft wird als das von Gott gewollte Ideal gelehrt und als Schutz vor zerrütteten Familien propagiert[20].

"Eure Frau wird sich wirklich glücklich schätzen können, wenn sie nicht hinausgehen und sich im Erwerbsleben behaupten muß. Doppelt gesegnet wird sie sein, wenn sie zu Hause bleiben kann, weil ihr der Ernährer der Familie seid." [21]

"Ihr lernt gerade, wie man Hausfrau wird, und damit tut ihr genau das, was der Herr von euch möchte. Tief im Herzen jedes Mädchens liegt die Sehnsucht, eines Tages Ehefrau und Mutter zu sein. (...)die meisten Frauen fin­den die größte Erfüllung in der Familie.[22].

"Euer Werk (als Mädchen) besteht zu einem großenTeil darin, die Menschheit mit eurer großen Fähig­keit, An­teil zu nehmen und barmherzig zu sein, zu bereichern."[23]

   Die Jungen erhalten mit 12 Jahren das Priestertum, dürfen damit sonntags das Abendmahl austeilen und können weiter in der Priestertumshierarchie[24] aufsteigen, falls die den Kirchengeboten entsprechend leben. Da die Mädchen lieber heiraten sollten, dürfen sie erst mit 21 Jahren auf Mission gehen (für 1 1/2 Jahre), wenn sie möchten: sie werden aber nicht sonderlich dazu ermutigt.[25] Den Jungen hingegen wird es sowohl zu Hause als auch in den Versammlungen von klein auf als zentrale und ehrenvolle Aufgabe vermittelt.. Die Erfüllung einer Mission bringt ihnen unter den Mormonen Anerkennung und wird als wichtige Lebenserfahrung dargestellt. Es sei ein Gebot Gottes und ein Dienst an den Mitmenschen, denen man die “Wahrheit” und damit den Schlüssel zum ewigen Glück bringe. Jeder gesunde junge Mann hat daher die Verpflichtung, eine Mission zu erfüllen, und sollte mit ca. 19 Jahren, nach Abschluß einer Lehre oder nach dem Abitur, dazu bereit sein.[26]

   Aus dem Verständnis heraus, die einzig wahre Kirche zu sein, war schon von Anbeginn ein großes Sendungsbewußtsein vorhanden, da die Mitglieder es als ihre Aufgabe anzusehen, die ganze Menschheit auf die Wiederkehr Christi vorbereiten zu müssen. In diesem Zusammenhang und dank der ständig wachsenden Mitgliederzahl, wird die Missionsarbeit als weltverbesserndes und immer erfolgreicher werdendes Programm der Kirche angepriesen, sogar mit militärischen Metaphern.      

"Die Kirche wird hier und im Ausland immer mehr als das wahrgenommen, was sie wirklich ist. Wir gehen voran und marschieren wie ein Heer, dessen Fahnen die immerwährende Wahrheit schmückt. Wir stehen für eine Sache, die sich vehement für die Wahrheit und für das Gute einsetzt [...]."[27]

  1995 1996 1997 1998
Missionare 48631 52983 56531 > 58000
Mission 307 309 318  
         
Bekehrtentaufen 304330 321385 317798  
Taufen 8jähriger 71139 81017 75214  
Mitglieder gesamt 9340898 9694549 10070524  

 

Seit Beginn dieses Jahrhunderts hat die Kirche ein ständig expandierendes Programm für jugendliche MissionarInnen aufgebaut, allein in den letzten drei Jahren hat sich die Zahl der MissionarInnen um 10.000 erhöht.[28] Da generell alle Mitglieder im Alltag missionarisch tätig sein sollten, werden die hauptamtlich berufenen Jugendlichen in der Kirche als VollzeitmissionarInnen bezeichnet.

7. Vollzeitmission

Jede/r Jugendliche, der auf Mission gehen möchte, braucht die Einwilligung des Gemeinde- und des Pfahlleiters, da die Bewerber gewisse Standards erfüllen müssen. Sie dürfen z.B. keine unehelichen Kinder haben oder geschieden sein. Wer sexuelle Beziehungen hatte, muß von seinen Sünden umkehren und eine Zeitlang (wenige Wochen bis zu 3 Jahre) warten, bis er/sie würdig für eine Mission ist.[29] Die Bewerbungsunterlagen werden zur Hauptverwaltung nach Salt Lake City gesandt, wo das entsprechende Gremium entscheidet, in welchem Missionsgebiet der/die Jugendliche arbeiten soll. Da auch diese Berufung als von Gott inspiriert gilt, richtet sich das Einsatzgebiet nicht nach den Vorlieben der Betroffenen, sonders wird ohne Mitspracherecht von oben verfügt. Finanziert wird die Mission hauptsächlich durch eigene Mittel, Unterstützung der Eltern oder durch Spenden anderer Mitglieder in den Missionarsfond. Die Kirchenverwaltung bezahlt nur Reisekosten und das Sprachtraining. Die neuen MissionarInnen werden in einem Trainingszentrum (das größte, das MTC, liegt in Provo/Utah), geschult. Sie lernen zwei Monate intensiv die erforderliche Fremdsprache und vor allem die vorgeschriebenen Diskussionen, in denen sie die Wiederherstellung der Kirche, einige Grundsätze der Lehre und vor allem die Aufforderung, das Buch Mormon zu lesen und sich taufen zu lassen, verkünden. Mit diesen sechs Lektionen sollen später potentielle Interessenten, genannt Untersucher belehrt und bekehrt werden. Die Missionare werden nur oberflächlich geschult, erwerben dabei kein fundiertes theologisches Wissen und verfügen oft über wenig Lebenserfahrung und geringe Sprachkenntnisse. Diese Defizite sollen durch ihre jugendliche Begeisterungsfähigkeit und ihre persönliche Überzeugung von der Wahrheit ihrer Lehre wettgemacht werden.[30]

   Ca 1/3 aller (körperlich und psychisch gesunden) männlichen Jugendlichen im Alter von 19-25 Jahren erfüllen eine Vollzeitmission, dazu ca. 20 % der jungen Frauen.[31] Da es im deutschsprachigen Raum in der Regel kleinere Gemeinden mit ca. 30-120 aktiven Mitgliedern gibt, sind in den einzelnen Gemeinden nur wenige Jugendliche gleichzeitig auf Mission, ca 2-8 wurde mir als Durchschnittszahl genannt, es arbeiten überwiegend US-amerikanische MissionarInnen im europäischen Raum. Die Kirchenführung strebt an, immer mehr einheimische Missionare zu rekrutieren, da sie ohne Sprachprobleme und mit besserem Verständnis für die einheimische Kultur effektiver arbeiten können.

   Die Kirche unterhält zur Zeit über 300 Missionen in vielen Ländern der Welt, die jeweils von einem Missionspräsidenten und seiner Frau geleitet werden. Die MissionarInnen sind strengen Regeln unterworfen, sie haben sich ausschließlich der Missionsarbeit zu widmen. Sie dürfen nichts allein unternehmen, sondern müssen immer mit dem/der ihnen zugeteilten gleichgeschlechtlichen MitarbeiterIn zusammenbleiben. Urlaub oder Heimfahrten gibt es während dieser Zeit nicht, ihre Lektüre soll sich auf die vier Heiligen Schriften (s. S. 2) und einige wenige , von der Kirche genehmigte "glaubensstärkende" Bücher beschränken. Innerhalb von 1-6 Monaten werden die MissionarInnen jeweils in andere Gemeinden und/oder zu neuen MitarbeiterInnen versetzt. Diese Versetzungen werden durch den Missionspräsidenten und seine 2 Assistenten (besonders tchtige junge Missionare) angeordnet, wobei der/die einzelne verpflichtet ist, mit den jeweiligen MitarbeiterInnen gut auszukommen und zusammenzuarbeiten. Ein Tag in der Woche ist frei zum Wäsche waschen, Briefe schreiben, einkaufen. Evtl. bleibt noch Zeit für kleine Ausflüge oder Sport (nur Volleyball oder Korbball). An dem Abend finden dann Gruppentreffen statt, um über die geleistete Arbeit zu sprechen und um sich gegenseitig zu weiteren Anstrengungen zu motivieren. Jede Woche muß ein Berichtsbogen an den Missionspräsidenten geschickt werden, in dem Arbeitsstunden, angestrebte Ziele und die Anzahl der Kontakte zu Untersuchern und die Zahl der Taufen aufgelistet werden. Die MissionarInnen sind in ein enges Netz von Hilfen, Kontrollen und Verhaltensregeln eingebunden. Ihre ausschließliche Aufgabe besteht darin, Interessenten zu finden, sie zu belehren und zur Taufe zu bewegen, indem sie an Türen klopfen, Leute auf der Straße ansprechen, Bücher Mormon verschenken und mit den örtlichen Mitglieder zusammenarbeiten.[32]

"Sprechen sie einen jeden an: die Verkäuferin im Laden, die Leute im Bus, die Menschen auf der Straße - einfach jeden, dem Sie begegnen."[33]

   Da die Kirche bis zum Zweiten Weltkrieg ihre Mitglieder (1940=862.664)[34] größtenteils in Nordamerika und Nordeuropa gewonnen hat, wurden dadurch auch die Kultur und das Erscheinungsbild der Momonen geprägt. Die Missionare sind verpflichtet, im dunklen Anzug, weißem Hemd und Krawatte zu missionieren, während die jungen Frauen immer Röcke bzw. Kleider zu tragen haben. Diese Kleidung wird generell für den Besuch von Kirchenversammlungen nahegelegt. Damit werden Aussehen und Kleidung der gutsituierten und gepflegten US-amerikanischen Mittelschicht weltweit als das von Gott für Menschen aller Kulturen gewünschte und erstrebenswerte Erscheinungsbild propagiert. Zu diesem Wertekanon gehören u.a. auch Tüchtigkeit, Ehrlichkeit Hilfsbereitschaft, Streben nach Bildung, beruflichem Erfolg (in erster Linie für Männer) und einem gewissen materiellen Wohlstand.

   Die Missionszeit stellt einen wichtigen Sozialisationsfaktor für die MissionarInnen selbst dar. Während von ihnen Gehorsam zu allen Missionsregeln, Disziplin und großes religiöses und emotionalen Engagements wird, werden sie in den Verwaltungs- und Organisationsformen und -techniken der Kirche geschult. Sie sind in einem System eingebunden, das von ihnen ständige Planung, Zielsetzung, verantwortliches Arbeiten und Auswerten ihrer Leistungen fordert. Sie erwerben damit Qualifikationen, die sowohl in der hierarchisch, bürokratisch geführten Kirche als auch allgemein für Verwaltungsaufgaben nützlich sind.[35]

   Im Durchschnitt bekehrt jede(r) MissionarIn weltweit während eines Jahres 5-7 Menschen. Dabei sind die Tauferfolge regional sehr unterschiedlich. In Mittel- und Südamerika, auf den Philippinen und den Polynesischen Inseln schließen sich Menschen schneller und in größere Anzahl der Kirche an als in Europa. Im deutschsprachigen Raum stagnieren die Mitgliederzahlen dagegen seit ca. 20 Jahren[36].

Deutschland    35.000

Österreich       3.800

Schweiz          6.800

Obwohl MissionarInnen in Nordeuropa oft vergebens versuchen, Interesse für ihre Botschaft zu wecken und kaum Taufen als Erfolgserlebnisse vorzuweisen haben, wird diese Zeit zwar als “schwierig, aber ein besonderes Erlebnis und geistig stärkend” geschildert. Durch Gemeindemitglieder und Kirchenführer wird ihnen das Gefühl vermittelt, etwas besonderes zu sein und zu leisten.

“Unsere Missionare [...] kommen zu Ihnen, um Ihnen weitere Klarheit und zusätzliche heilige Schriften zu bringen und um Ihnen zu sagen, daß Gott lebt und daß Jesus der Messias ist.. [   ] Wir schicken ihnen für 2 Jahre unsere hervorragenden jungen Männer und Frauen, die gerade erwachsen werden. Wir schicken ihnen unsere Kinder, die wir lieben und die wir unterwiesen und erzogen haben."[37]

Da sie während der Missionszeit ein recht behütetes Leben mit genau vorgeschriebenem Tagesablauf geführt haben, wird es manchmal als schwierige Umstellung empfunden, sich im Alltag mit den anstehenden beruflichen Entscheidungen und “weltlichen” Problemen wieder zurechtzufinden. Die meisten Jugendlichen scheinen nach der Mission in der Kirche aktiv zu bleiben und erzählen gern und viel von ihren geistig aufbauenden und manchmal auch recht skurrilen Erlebnissen mit Mitarbeitern und Einheimischen. Durch die intensive Beschäftigung mit Kirchenlehre und Organisationsstrukturen sind sie auf zukünftige Führungsaufgaben in der Kirche vorbereitet. Die zurückgekehrten jungen Männer gelten als besonders glaubenstreue Brüder und sind daher begehrte Heiratskandidaten für die jungen Frauen. Diese wurden von Kindheit an beständig darin unterwiesen, daß es das wichtigste in ihrem Leben sei, einen "würdigen Priestertumsträger" und am besten einen zurückgekerhten Missionar im Tempel zu heiraten.

   In manchen Fällen kann es nach der extremen, weltfremden Zeit der Mission auch zur Abkehr von der Kirche kommen, um selbstbestimmter zu leben. Manchmal empfinden die Jugendlichen die Mission als eine Zeit geistiger Enge mit zu vielen Regel und Kontrollen. Manchmal sind sie desillusioniert, weil sie merken, daß sie schlecht auf das Leben in eienr fremden Kultur vorbereitet wurden und aufgrund ihrer mangelnden Lebenserfahrung die Probleme der Menschen kaum verstehen und mit ihren naiven "Evangeliumsratschlägen" (glauben, beten, sich taufen lassen, die Gebote halten) nicht lösen könne . Einige MissionarInnen (lt. Aussage eines ehemaligen Missionars nur ca. 2%, es liegen mir keine statistischen Angaben vor) brechen deshalb auch die Mission vorzeitig ab, bleiben aber oft weiter in der Kirche.[38]

8. Wie werden die Jugendlichen motiviert?

Der stärkste Beweggrund für die ständig wachsende Zahl der jugendlichen MIssionarInnen liegt meiner Meinung nach im unerschütterlichen Sendungsbewußtsein. Die Mormonen sind davon überzeugt, einen Heilsplan zu besitzen, der den Inhalten aller anderen Glaubensgemeinschaften, und damit auch denen der protestantischen und katholischen Kirche, konkurrenzlos überlegen ist. Ihre Lehre vermittelt den Jugendlichen von klein auf, daß sie berufen seien, die ganze Welt zu bekehren. Sie werden in dem Glauben erzogen, die volle Wahrheit zu haben, während andere nur Teilstücke davon kennen und lehren. Mit diesem Erklärungsmuster scheinen sie auch Zweifel und Einwände leichter abweisen zu können. Ablehnung und Mißerfolge bei der Missionsarbeit werden oft dahingehend gedeutet, daß die Menschen eben noch nicht reif für die wahre Kirche seien. Außerdem zeigen Widerstände nur, wie sehr Satan gegen sie arbeitet, was den Wert und die Richtigkeit ihrer Arbeit ebenfalls bestätigt. Diskussionen mit Kritikern und Zweiflern werden vermieden, Mormonen ziehen sich dann freundlich darauf zurück, allen ihr “Zeugnis von der Wahrheit“ zu geben. Sie glauben an den Einfluß des Heiligen Geistes, der ihnen ihre Wahrheit immer bestätigt und den auch alle Untersucher verspüren könnten, wenn sie glauben, beten, das Buch Mormon lesen und alles so akzeptieren, wie die Kirche es verkündet. Jugendliche, die in diesem Wertesystem aufgewachsen sind, scheinen selten das Bedürfnis zu haben, Lehren und Dogmen zu hinterfragen. oder sich mit Widersprüchen und Ungerechtigkeiten im sozialen und politischen Umfeld auseinanderzusetzen. Es werden Gedanken verbreitet, die eine sichere, überschaubare Welt suggerieren, in der man behütet leben kann, wenn man sich nur an die Anweisungen der Kirchenführer hält. Sie glauben, schon alle Antworten zu kennen und brauchen daher kaum noch kritschen Fragen zu stellen. Ich denke, daß sich dadurch den Jugendlichen ein Schutzraum bietet, von dem aus sie mit einer gewissen Überlegenheit, Engstirnigkeit und manchmal auch Selbstgefälligkeit auf gesellschaftliche Probleme blicken, für die ihre Führer scheinbar einfache und allgemeingültige Lösungen anzubieten haben.

“Das Evangelium gilt für alle Menschen und ist universell anwendbar . Es ist eine Lebensform, die jeder anneh­men kann, und wenn man danach lebt. verschafft es einem größere Freude, größeren Erfolg und größeres Glück als irgend etwas anderes in der Welt.”[39]

“Ich weiß, daß eine Ansprache auf der Generalkonferenz nicht die Ungleichheit abschaffen kann, die die Menschheit seit Jahrhunderten quält, aber ich weiß auch, daß das Evangelium Jesu Christi die Lösung aller sozialen, politischen und wirtschaftlichen Konflikte bietet, die es je auf der Welt gab.” Danach folgen Aufforderungen zum Spenden, Helfen und Teilen mit Anderen.[40]

Desweiteren wird ihnen suggeriert, in einer Gemeinschaft mitzuarbeiten, die sich rühmen kann, ständig steigende Wachstumsraten zu verzeichnen und weltweit erfolgreich zu sein.

                “Die Kirche wächst einfach phänomenal und wundersam ... Sie breites sich auf wunderbare Weise auf Erden aus.”[41]

Mössmer ist der Ansicht, daß gerade die Vollzeitmission wesentlich zur Stabilisierung und engeren Einbindung der Jugendlichen in der Kirche beiträgt, da sie in einem Alter auf Mission gehen, in dem sie das von den Eltern und Kirchenführern vermittelte Weltbild oft anzweifeln und nach unabhängigen Lebensmodellen suchen. In der Rolle als Missionare müßten sie dann die Glaubensinhalte verteidigen und nach Möglichkeit beispielhaft vorleben, die sie sonst vielleicht eher abschütteln würden. Sie seien einerseits alt genug, um in dem auf einer Mission vorgegebenen Rahmen zu arbeiten, aber noch nicht selbständig genug, um leicht gegen familiäre und kirchliche Bindungen aufzubegehren.[42] Von Mormonen selbst wird es als ein hilfreiches Mittel gegen Glaubenszweifel empfohlen, das “Evangelium mit anderen zu teilen”, da dadurch das “eigene Zeugnis gestärkt würde.” Eine Mission ist auf jeden Fall ein Sozialisationstraining, in dem sie lernen, Missionsregeln zu gehorchen, sich in fremder Umgebung, meist noch in fremder Kultur und Sprache, zurechtzufinden, Kontakte zu Menschen aller Schichten aufzunehmen und für ihre Überzeugung einzustehen. Neben denen, die von klein auf in Richtung Mission erzogen wurden, gehen allerdings auch junge Leute auf Mission, die sich erst als Jugendliche der Kirche angeschlossen haben und oft gegen den Willen der Angehörigen den Entschluß fassen, 2 Jahre auf Mission zu gehen. In manchen Fällen arrangiert sich die Familie damit, manchmal kommt es zum Bruch mit den Angehörigen und der/die Jugendliche steht als EinzelkämpferIn da. Sie werden aber stark von ihrer Kirchegemeinde unterstützt, die stolz darauf ist, daß der/die Neue solchen starken Glauben beweist. Es liegen mir keine Daten darüber vor, wie viele der MissionarInnen aus Mormonenfamilien kommen bzw. wie viele Neubekehrte darunter sind.

9. Bekehrte, Inaktive, Abgefallene

Generell sucht die Kirche Menschen aller Altersstufen und Schichten zu bekehren. Da sie die Familie als fundamentale Einheit der Gesellschaft und der Ewigkeit ansieht, ist sie besonders an der Bekehrung, am Aufbau und Erhalt intakter Familien interessiert. Da das Gros die MissionarInnen 19-25 Jahre alt ist, finden sie aber auch vermehrt Kontakte zu Gleichaltrigen, wobei die netten, gepflegten jungen Männer besonders bei weiblichen Jugendlichen auf Interesse zu stoßen scheinen. Es liegt mir kein statistisches Material darüber vor, in welcher Altersgruppe die größten Tauferfolge zu verzeichnen sind und wie hoch der Prozentsatz der Mitglieder ist, die während oder nach der Jugendphase inaktiv werden oder die Kirche wieder verlassen. Aus eigener Erfahrung (Taufe mit 26 Jaahren) weiß ich, daß sich eine recht große Zahl der Mitglieder als Jugendliche oder unverheiratete junge Erwachsene der Kirche angeschlossene haben. und noch anschließen. Da die Jugendphase generell eine Zeit ist, in der Menschen nach Orientierung suchen und offen für neue Werte und Lebensformen ist, fühlen sich auch vermehrt Jugendliche von einer religiösen Gemeinschaft angezogen und in ihr geborgen, die ihnen klare und eindeutige Antworten auf Sinnfragen gibt und sie eindeutige Verhaltensregeln lehrt.

               “Bleibt (der Kirche) treu. Wenn ihr das tut, wird sie für euch zum Anker inmitten der stürmischen See.”[43]

Der Erfolg der Missionsbestrebungen scheint dabei auf eine bestimmte Zielgruppe, auch unter den Jugendlichen, beschränkt zu sein. In diesem religiösen Rahmen fühlen sich Menschen wohl, die familienorientiert und konservativ sind und das Bedürfnis haben, sozial und religiös stark in einer Gemeinschaft eingebunden zu sein. Sie haben mehr Möglichkeiten als in den etablierten Kirchen, sich am Gemeindeleben zu beteiligen und eigene (kirchenkonforme) Glaubenserfahrungen zu sammeln. Dafür müssen sie aber bereit sein, großzügig Geld und Zeit in die Kirchenarbeit zu investieren. Sicher und geborgen können sie sich nur dann fühlen, wenn sie die hierarchische Struktur und die Autorität des von Gott auserwählten Propheten und der Kirchenführer sowie das von ihnen verfaßte Lehrmaterial anerkennen.

   Besonders die weiblichen Jugendlichen dürfen sich mit Fragen der Gleichberechtigung nicht allzu kritisch auseinandersetzen und müssen bereit sein, das Priestertum und damit die Vorrangstellung der Männer als gottgegeben zu akzeptieren. Sie sollten auch mit der traditionellen Rolle als treusorgende Hausfrau und Mutter, die beruflichen Ehrgeiz zurückstellt, einverstanden sein. Sexuelle Enthaltsamkeit vor und außerhalb der Ehe werden den Jugendlichen immer wieder als wichtiges Gebot verkündet. Sie sollen die “wichtige Teenagerzeit nicht mit Sünde zu belasten, da Reinheit die Grundlage des Lebenserfolges ist.”[44] Unter Reinheit wird dabei in erster Linie sexuelle Abstinenz verstanden, beide Geschlechter sollen ohne vorherige sexuelle Erfahrung in die Ehe gehen. Deshalb heiraten Mormonen oft schon mit Anfang bis Mitte 20 und bekommen früh Kinder, oft noch während der Ausbildung oder des Studiums. Im Gegensatz zu der in unserer Gesellschaft immer länger werdenden Übergangsphase zwischen Kindheit und Familiengründung, ist daher unter den Mormonen die Übergangs- und Selbstfindungsphase recht kurz. Sie sind früh in familiäre Verantwortung eingebunden, dadurch scheint sich ihr Verbleib als Mitglieder der Kirche zu stabilisieren.

   Die Kirche verliert einen Teil der Jugendlichen, die innerhalb einer Mormonenfamilie aufgewachsen sind, während und nach der Pubertät, weil diese nicht bereit sind, die strengen Verhaltensnormen zu befolgen. Sie lehnen meist nicht grundsätzlich die Kirche ab, treten auch nicht aus oder wenden sich anderen Glaubensgemeinschaften zu, sondern streben nur ein selbstbestimmteres Leben ohne regelmäßige Kirchenbesuche und -verpflichtungen an. Zum anderen fühlen sich diejenigen jungen Erwachsenen auf Dauer nicht wohl in der Gemeinschaft, die wegen der eingeschränkten Auswahl in den relativ kleinen Kirchengemeinden keinen passenden Heiratspartner finden, oder Familiengründung und Kinderreichtum nicht als ihr vordringlichstes Lebensziel ansehen. Sie verlassen ebenfalls die Kirche, weil sie ein Leben ohne enge Normen auf Dauer freier und attraktiver finden und weil sie außerhalb des engen Kreises der Kirche Freunde und Partner finden.[45] In der Altersgruppe der 25-40jährigen Alleinstehenden scheinen nur noch  wenige der eingetragenen Mitglieder aktiv zu sein.. Da die Kirche wenig Druck auf “Glaubensschwache” ausübt, sondern sie eher durch wohlmeinende Anrufe, Besuche oder Einladungen zu Veranstaltungen wieder zu begeistern sucht, treten die Mitglieder meist nicht aus der Kirche aus, sondern werden “inaktiv”, indem sie den Kontakt zur Kirchengemeinde abbrechen. Da die ehrenamtliche Arbeit so viel Freizeit und Energie in Anspruch nimmt, ist bei den Aktiven oft auch wenig Zeit und Interesse vorhanden, sich um die Inaktiven zu kümmern. Im deutschsprachigen Raum sind ca 30-35% der eingetragenen Mitglieder aktiv, d. h. sie besuchen regelmäßig Kirchenveranstaltungen. In einigen Gebieten der USA, besonders in Utah, sind bis zu 70% der eingetragenen Mitglieder aktiv, wobei 30-72 % der Bevölkerung Mormonen sind.[46]

   Um aus der Kirche auszutreten, muß eine schriftliche Austrittserklärung an den örtlichen Gemeindeleiter geschickt werden. Da die Kirche der Ansicht ist, daß dem Austrittswilligen dadurch wichtige ewige göttliche Segnungen verloren gehen, werden die Austrittsgesuche oft sehr schleppend behandelt und die Gemeindeleiter versuchen in der Regel durch Gespräche, die Leute von ihrem Vorhaben abzubringen, sie zur "Umkehr" zu bewegen und sie zu reaktivieren. Falls das nicht gelingt, wird der Austrittswunsch in der Regel ohne weiteren Druck oder Feindseligkeiten akzeptiert[47]. Danach besteht von Seiten der Mitglieder meist wenig Interesse, weiter persönliche Kontakte mit den "Abgefallenen" aufrecht zu erhalten, so daß diese mit Verlassen der Glaubensgemeinschaft auch ihren Freundes- und Bekanntenkreis verlieren.

9. Schlußbemerkungen

In vieler Hinsicht war es mir nicht möglich, gezielt Daten über Jugendliche in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage herauszufinden. Die Wachstumsraten werden offiziell bekannt gegeben, während Statistiken über Kirchenaustritte und Inaktivitätsraten auch für Mitglieder dieser religiösen Gemeinschaft schwer zugänglich sind. In vielem kann ich daher nur eigene Eindrücke wiedergeben, die ich durch eigene Erfahrung als jahrelanges aktives Mitglied dieser Glaubensgemeinschaft und durch Gespräch mit vielen Mitgliedern, gewonnen habe.

   Von Hauth und Reller werden die Mormonen nicht als christliche Religionsgemeinschaft eingeordnet, sondern als eine “eigenständige, synkretistische Neu-Religion”, die auch eine Verbindung mit der Ökumene strikt ablehnt. Das Buch Mormon wird von beiden Autoren als "frei erfunden" bezeichnet.[48] Abgesehen von den darin erhaltenen Lehren, spiegeln sich im Wertesystem der Mormonen meines Erachtens etliche religiöse, soziale und politische Ansichten der amerikanischen konservativen Mittelschicht wieder. Diese Religion behauptet, die einzig wahre Kirche Gottes auf Erden zu sein, der sich jeder anschließen muß, wenn er seine ewige Seligkeit nicht gefährden will. Dies kann als moralischer Druck empfunden werden, als vorsätzliche und irreführende Manipulation, um interessierte Menschen aller Altersgruppen, nicht speziell Jugendliche, als Mitglieder zu gewinnen und sie mit dieser Argumentation in der Kirche festzuhalten. Meines Erachtens arbeiten allerdings u. a.. die Zeugen Jehovas sehr viel stärker mit angsteinflößenden Lehren, wie der Androhung göttlicher Strafen bei Unbußfertigkeit. Bei den Mormonen wird eher der Aspekt der Freude, des glücklichen (Familien)Lebens und der einfachen Lösungen für alle Probleme betont. Für Jugendliche, die innerhalb der Mormonenfamilien aufwachsen, läßt sich Manipulation durch sozialen Konformitätsdruck feststellen, da ein recht engumrissenes, konservatives Weltbild mit strikter Einteilung in Gut und Böse gelehrt und die Lebensplanung von klein auf in eng vorgeschriebene Bahnen gelenkt wird. Die Enquetekommission des Bundestages[49] sieht grundsätzlich in der Übermittlung und Weitergabe von Werthaltungen und Glaubensüberzeugungen innerhalb der Familie kein Problem, auch wenn religiöse Anschauungen gelehrt werden, die von denen der “Volkskirchen” abweichen, solange die Kinder dadurch in ihrer Entwicklung nicht geschädigt werden. Da die Mormonen Wert darauf legen, ihre Kinder zu tüchtigen Menschen zu erziehen, die auch im Berufsleben und als Mitglieder der Gesellschaft anerkannt und erfolgreich sein sollen, ist die Erziehung zwar konservativ, grenzt die Jugendlichen sicher in manchen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens aus (z.B. durch das  Wort der Weisheit oder durch die Verurteilung jeglicher sexuellen Aktivität außerhalb der Ehe), hindert sie aber nicht daran, sich in der sie umgebenden Gesellschaft zurechtzufinden. Da es innerhalb dieser religiösen Gemeinschaft sowohl fundamentalistisch-konservative als auch fortschrittliche-liberale Strömungen und Anschauungen und damit auch Familien und Individuen gibt, lassen sich Eindrücke und Tendenzen auch schwer verallgemeinern.


Literaturverzeichnis

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Fußnoten

[1]Der Stern. Frankfurt/Main: 7/98, 22. Der Stern (inzwischen in Liahona umbenannt)ist die monatlich erscheinende offizielle Zeitschrift der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage. In den hier benutzten Januar- und Juli-Ausgaben finden sich Ansprachen der Kirchenführer anläßlich der jeweils im April und Oktober in Salt Lake City stattfindenden Generalkonferenzen, derenAussagen von den Mitgliedern als von Gott inspiriert und daher als besonders wichtig und bindend angesehen werden.

[2]DasBuch Mormon. Lehre und Bündnisse. Die Köstliche Perle. Frankfurt/Main: 1976.

[3]Arrington, Leonard J. , Bitton, Davis.. The Mormon Experience. A History of the Latter-day Saints. University of Illinois Press: 1979, 3-17.
Mössmer, Albert. Die Mormonen. Düsseldorf:Walter-Verlag, 1995, 15-30.

[4]Hauth, Rüdiger. Die Mormonen. Freiburg: Herder 1995, 18-24.

[5]Mössmer 42-87.

[6]Shepherd, Gordon, Shepherd, Gary. Membership Growth, Church Activity, and Missionary Recruitment in: Dialogue, Salt Lake City:1/96, 35.

[7]Arrington 288-294. Mössmer 200-206.

[8]Der Stern 7/98, 22

[9] Der Begriff Pfahl stammt aus dem Alten Testament, in Anlehnung an die Zeltpfähle, die das Zelt mit der Bundeslade abgestützt haben.

[10]Arrington 291,292.

[11]Arrington 262, 293. Poelmann, Ronald, Der Zehnte - ein Vorzug in: Der Stern 7/98, 89,90.

[12]Hauth 59-64. Reller (Hrsg.): Handbuch Religiöse Gemeinschaften. Gütersloh: 1993, 396,397.

[13]Monson, Thomas. Zum Dienen berufen in Der Stern: 7/96, 41-43.

[14]Arrington 288-96. Hauth 74,.75.

[15]Packer, Boyd. Das Wort der Weisheit -  der Grundsatz und die Verheißungen in: Der Stern 7/96, 17-19.

[16]Siehe auch Arrington 284-307.

[17]Hinckley, Gordon  in: Der Stern 7/96, 85.

[18]Hinckley. Seid rein in: Der Stern 7/96, 45.

[19]Mauss, Armand. The Mormon Struggle with Assimilation and Identity: Trends and Developments since  Midcentury in: Dialogue. A Journal of Mormon Thought. Salt Lake City: 1/94, 146.

[20]Mössmer 235.

[21]Hinckley. Seid des Mädchens würdig, das ihr eines Tages heiraten werdet in: Der Stern 7/98, 56.

[22]Thomas, Carol. Wissen, wer wir wirklich sind in: Der Stern 7/98 105.

[23]Faust, James E. Den Engeln so nah in: Der Stern 7/98, 111.

[24]Mössmer, 209-212.

[25]Hinckley Gedanken [...] zum Missionsdienst in: Der Stern 1/98, 57.

[26]Mössmer 228-230.

[27]Tingey, Earl C., Der Missionsdienst in: Der Stern 7/98, 43-45.

[28]Statistische Berichte in: Der Stern 7/96, 7/97, 7/98, 1/99.

[29]Missionaries Expected To Meet Higher Standard in: Sunstone. Salt Lake City, 12/93, 71.

[30]Mössmer 228-230. Shepherd 43.

[31]Mauss 133.

[32]Shepherd 39. Arrington 301,302.

[33]Tingey, 44 in: Der Stern 7/98.

[34]Mössmer 8,9, 31-51.

[35]Mössmer 235. Shepherd 56.

[36]Internet. www.mormonentum.de vom 7.3.1999. Arrington 343.344.

[37]Edgley, Richard. Uns liegt soviel daran, daß wir die Allerbesten schicken in: Der Stern: 1/97 59,60

[38]Dittberner, Jörg. Das  Phänomen der “Early returned Missionaries” in: Betrachtungen . Bremen, 2/94, 13-16.

[39]Jolley, J. Kent. Das Evangelium ist universell anwendbar. in: Der Stern 1/98,83 zitiert aus Ensign, Juli 1974, Seite 6.

[40]Holland, Jeffrey. Eine handvoll Mehl und ein wenig Öl in: Der Stern 7796, 29.

[41]Wirthlin, Joseph Der Glaube unserer Väter in: Der Stern 7/96, 31.

[42]Mössmer 230,231.

[43]Hinckley,Bleibt treu und standhaft in: Der Stern 7/96, 87.

[44]Maynes, Richard. Eine celestiale Verbindung mit euren Teenagerjahren in: Der Stern 1/98, 31.

[45]Mössmer 262,263

[46]Bennion, Lowell The Geographic Dynamics of Mormondom, 1965-95 in: Sunstone 12/95, 30.

[47]Internet www.mormons.org. 7.3.99.

[48]Reller  396-398. Hauth 186-189.

[49]Deutscher Bundestag. Endbericht der Enquete-Kommision "Sogenannte Sekten und Psychogruppen" in: BT-Drucksache 13/10950, 6/1998, 81,82.