Von Marianne Zarembski (1998)
- Einleitung
- Geschichte
- Organisation
3.1 Einige Glaubensgrundsätze
- Einbindung in die Gemeinschaft
- Jugend in der Kirche
- Vollzeitmission
- Wie werden die Jugendlichen motiviert?
- Bekehrte, Inaktive, Abgefallene
- Schlußbemerkungen
Literaturverzeichnis
Fußnoten
1. Einleitung
Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit der Kirche Jesu Christi der
Heiligen der letzten Tage, besser bekannt als "Mormonen". Obwohl
diese Religionsgemeinschaft nicht als typische Jugendsekte einzuordnen
ist, wie ich noch später darstellen werde, finden sich in ihr viele
Programme, mit denen Jugendliche geworben und bekehrt und innerhalb
der Gemeinschaft aktiv gehalten werden sollen. Besonders hat mich dabei
das Phänomen der "Vollzeitmissionare" interessiert, da zur Zeit (1998)
über 58.000 MissionarInnen,
die meisten im Alter von 19-25 Jahren, für 1 1/2 bis 2 Jahre ehrenamtlich
in vielen Ländern der Welt tätig sind. Der Kürze halber und weil der
Ausdruck von den Mormonen für ihre Gemeinschaft benutzt wird, werde
ich sie im weiteren Text als “Kirche” bezeichnen.
Nach einem kurzen Abriß über die Entstehung der Kirche, ihre Organisation
und Programme, möchte ich darstellen, wie die Sozialisation der Jugendlichen
innerhalb der Kirche verläuft und wie Jugendliche dazu motiviert werden,
in so großer Anzahl auf Mission zu gehen. Des weiteren soll untersucht
werden, ob diese Kirche besonders für Jugendliche attraktiv ist und
ob deren Mitgliedschaft nur eine Übergangsphase darstellt oder ein
längerfristiges Lebenskonzept bietet.
2. Geschichte
Am 6. April 1830 wurde die Kirche Jesu Christi der Heiligen der
letzten Tage (Church of Jesus Christ of Latter-Day Saints) von
Joseph Smith und 5 Anhängern im Bundesstaat New York/USA gegründet.
J. Smith (1805-1844), ein Bauernsohn aus Vermont/USA, suchte vor dem
Hintergrund der 2. großen Erweckungsbewegung (1800-1820) nach der
wahren Kirche. Als 14jähriger seien ihm nach einem Gebet Gott und
Jesus erschienen und hätten ihm gesagt, sich keiner Kirche anzuschließen,
da alle falsche Lehren verbreiteten. Ab 1823 habe ihn ein Engel namens
Moroni darauf vorbereitet, goldene Platten in Empfang zu nehmen, die
heilige Schriften vergangener Völker enthielten. 4 Jahre später habe
er diese Platten, die in einem Hügel vergraben gewesen waren, erhalten,
mit der Hilfe Gottes ins englische übersetzt und danach dem Engel
zurückgegeben. Dieses Buch Mormon,
so genannt nach einem der Verfasser der Platten, enthalte die Geschichte
einiger Juden, die ca. 600 v. Chr. aus Jerusalem ausgewandert und
sich auf dem amerikan. Kontinent niedergelassen haben. Sie hätten
Offenbarungen von Gott erhalten und berichteten auch davon, daß Jesus
sie nach seiner Auferstehung besucht habe. Die Berichte enden ca.
400 n. Chr., weil diese Völker vom wahren Glauben abgefallen und in
Kriegen vernichtet worden seien.
Desweiteren werden neben der Bibel zwei weitere Textsammlungen als
Heilige Schriften bezeichnet: a) Lehre und Bündnisse: es enthält
Prophezeiungen J. Smiths und seiner Nachfolger, Organisationsanweisungen
und neuzeitliche Gebote und Offenbarungen und b) Die köstliche
Perle: es enthält von J. Smith übersetzte Teile des Buch Moses,
eines Buches Abrahams und von Matthäus 24 aus dem Neuen
Testament. Diese Religionsgemeinschaft wird von den Mitgliedern nicht
als Neugründung angesehen, sondern als die im Auftrag Gottes wiederhergestellte
Urkirche für die Endzeit (die letzten Tage), und zwar genau so, wie
sie von Jesus und seinen Aposteln (in den ersten Tagen) gegründet
worden war. Sie wird daher als die “einzig wahre Kirche”
bezeichnet, der Begriff Sekte wird abgelehnt.
Das Buch Mormon wurde ab 1830 gedruckt und verbreitet,
es wird als das “wahrste Buch” angesehen, neben dem die
Bibel auch wichtig ist, die aber Übersetzungsfehler enthalte. In den
ersten 10 Jahren wuchs die Mitgliederzahl auf 30.000. Da es im Laufe
der Jahre zu immer stärkeren Anfeindungen gegen die Mormonen kam,
wanderten sie nach einigen nur kurzfristig erfolgreichen Siedlungsversuchen
in Missouri und Ohio weiter nach Westen. Nachdem J. Smith und sein
Bruder Hyrum 1844 im Gefängnis von Carthage/Missouri von feindseligen
Einwohnern erschossen worden waren, wurde Brigham Young (1801-1877)
zum neuen Führer der Kirche ernannt. Die Mormonen wurden aus Missouri
vertrieben und überquerten (ab 1847) unter großen Strapazen die Rocky
Mountains, um im Gebiet des heutigen Utah, wo sie die Wüste urbar
machten, ihren eigenen Staat aufzubauen. Nach einigen Auseinandersetzungen
mit der US-Regierung, u. a. wegen der 1852 eingeführten Polygamie
(1890 offiziell abgeschafft) und weiterer Autonomiebestrebungen,
akzeptierten spätere Kirchenführer der US-Verfassung und forderten
ihre Mitglieder zu Gehorsam gegenüber der Regierung auf.
Um 1900 gab es bereits 268.330 Mormonen und die Mitgliederzahlen
sind auch in diesem Jahrhundert kontinuierlich weiter gestiegen.
| |
1950 |
1960 |
1970 |
1980 |
1990 |
| Mitglieder |
1111314 |
1693180 |
2930810 |
4638000 |
|
| Bekehrtentaufen |
14700 |
48586 |
79126 |
211000 |
330877 |
| Kindertaufen |
22808 |
42189 |
55210 |
65000 |
78000 |
| Missionare |
5313 |
9097 |
14387 |
29953 |
43651 |
3. Organisation
Die Organisation der Kirche mit Hauptverwaltungssitz in Salt Lake
City, Utah (USA) ist streng hierarchisch gegliedert. An der Spitze
steht der Präsident der Kirche, der auch Prophet, Seher und Offenbarer
genannt wird. Er wird auf Lebenszeit berufen, empfängt göttliche Offenbarungen
für die ganze Kirche und spricht damit verbindliche Weisungen und
Gebote aus, die von den Mitglieder als das Wort Gottes angesehen werden.
Er bildet zusammen mit zwei Ratgebern die Erste Präsidentschaft der
Kirche. Ihr nachgeordnet ist der Rat der Zwölf Apostel, die als Generalautoritäten
bezeichnet werden. Nach dem Tode des Präsidenten wird der jeweils
dienstälteste Apostel zum neuen Oberhaupt berufen, seit 1995 ist hat
Gordon B. Hinckley (*1910)
dieses Amt inne. Da die Kirche inzwischen über 10 Millionen Mitglieder
in 144 Ländern der Erde
hat, gibt es neben der Führungsspitze weitere Verwaltungsgremien,
sowohl in Salt Lake City als auch in Europa, Asien, Afrika und Südamerika.
Der europäische Verwaltungssitz befindet sich in Frankfurt/Main.
Auf lokaler Ebene wird jede Gemeinde von einem Leiter mit dem
Titel Bischof und seinen zwei Ratgebern geführt. Die Gemeinden
einer Region sind in einem Pfahl
organisiert, der jeweils von einem Pfahlpräsidenten mit zwei
Ratgebern und einer Gruppe von 12 Männern, dem Hohen Rat geführt
wird. Desweiteren gibt es Gebiets- u. Regionalrepräsentanten,
die die Verbindung zwischen den Pfählen und dem Hauptsitz der Kirche
in Utah herstellen.
In Hannover gibt es zwei Gemeinden mit je ca. 300 Mitgliedern, zum
Pfahl Hannover gehören außerdem Gemeinden in Göttingen, Braunschweig,
Hildesheim, Celle, Stadthagen, Nienburg und Bielefeld.
Die Kirche wird von einer ausschließlich männliches Führerschaft
geleitet, da nach ihrem Verständnis Gott nur den Männern sein Priestertum
übertragen hat. Frauen werden zwar als gleichwertig, aber nicht als
gleichberechtigt angesehen. Sie können auf Gemeinde- u. Pfahlebene
als Leiterinnen oder Lehrerinnen tätig sein, aber nur in Positionen
mit geringer Autonomie, die dem Priestertum untergeordnet sind. Die
Kirche finanziert sich durch den “Zehnten”, jedes Mitglied
soll 10% seines Einkommens an die Kirche zahlen, dazu weitere Spenden
für notleidende Mitglieder, für das Missionsprogramm und fallweise
für humanitäre Hilfe bei Kriegen oder Katastrophen. Die Zahlungen
sind theoretisch freiwillig, sie werden nicht kontrolliert, aber in
Ansprachen des öfteren angemahnt, da den Mitgliedern sonst Segnungen
Gottes vorenthalten würden
3.1 Einige Glaubensgrundsätze
- Gott, Jesus Christus und der Heilige Geist sind die drei getrennten
Personen der Gottheit.
- Das 2. Kommen Christi steht kurz bevor, er wird mit den Rechtschaffenen
1000 Jahre (im Millenium) diese Erde regieren, danach folgt das Jüngste
Gericht.
- Die Lehre von der Erbsünde und Säuglingstaufe werden abgelehnt.
- Jeder Mensch muß von seinen Sünden umkehren und sich durch vollständiges
Untertauchen im Wasser im Namen Jesu Christi bei den Mormonen, die
als einzige Gottes Vollmacht dazu haben, taufen lassen.
- Jeder Mensch wird nach seinem Tode auferstehen und einen unsterblichen
Körper bekommen, aber nur, wer ein gehorsamens und aktives (= würdiges)
Mitglied der "einzig wahren Kirche" war, kann in der höchsten,
der “celestialen” Herrlichkeit bei Gott leben. Dazu gehört
auch, daß der/die Gläubige verheiratet sein und in einem der Tempel
der Kirche, zu dem nur würdige Mitglieder Zutritt habe, eine “ewige
Ehe” geschlossen haben muß.
- Sexualität darf nur innerhalb der Ehe gelebt werden, Abtreibung
wird abgelehnt, Homosexualität wird als Sünde angesehen, die man überwinden
kann und muß.
4. Einbindung in die Gemeinschaft
Das neue Mitglied akzeptiert mit seiner Taufe nicht nur die religiösen
Grundsätze und Gebote, sondern wird auch sehr stark in das Gemeindeleben
eingebunden. Von jedem Mitglied wird erwartet, daß es den Zehnten
zahlt und darüber hinaus seine Zeit und Mittel großzügig zur Verfügung
stellt. Es sollte jeden Sonntag am gemeinsames Gottesdienst, der Abendmahlsversammlung,
und zwei Unterrichtsklassen teilnehmen sowie an diversen Aktivitäten
während der Woche. Dafür wird von Salt Lake City aus standardisiertes
und einheitliches Informations- und Unterrichtsmaterial herausgegeben,
das für die Mitglieder weltweit bindend ist. Auf den oberen und überregionalen
Verwaltungsebenen arbeiten hauptamtliche, bezahlte Führungskräfte.
Auf Pfahl- und Gemeindeebene wird die gesamte organisatorische und
seelsorgerische Arbeit von Laien durchgeführt. Daher wird von jedem
erwartet, gerne und zuverlässig in verschiedenen Berufungen
ehrenamtlich tätig zu sein. Es wird keinen Zwang auf die Mitglieder
ausgeübt, aber ständig betont , daß die Kirchenführer von Gott inspiriert
seien, wenn sie die Mitglieder zu einer Aufgabe berufen. Daraus ergibt
sich die moralische Verpflichtung, alle aufgetragenen Arbeiten möglichst
ohne Einwände anzunehmen und solange (manchmal Jahre) darin eifrig
tätig zu sein, bis eine Entlassung durch den Gemeinde- oder
Pfahlleiter erfolgt.
Dadurch wird ein großer Teil der Freizeit der Mormonen in Anspruch
genommen, so daß neben Beruf und Familie wenig Zeit für Freundschaften
oder Freizeitaktivitäten außerhalb der Kirche bleibt. Es wird nicht
angestrebt, die Mitglieder von der Gesellschaft zu isolieren. Man
ermutigt sie sogar, gute Kontakte zu Verwandten und Freunden aufzubauen
und zu pflegen, allerdings mit dem Hintergedanken, diese zu zu missionieren.
Trotzdem bewegen sich viele Mormonen wegen der vielen kirchlichen
Aufgaben und der unterschiedlichen Anschauungen und gesellschaftlichen
Gepflogenheiten in der Freizeit fast ausschließlich unter ihresgleichen.
Dazu trägt auch das Wort der Weisheit
wesentlich bei, das schon von Josef Smith im Rahmen einer gesunden
Lebensweise propagiert wurde und seit 1930 fest als Gebot in der Kirche
verankert ist. Es verpflichtet die Mitglieder, gesundheitsschädliche
Stoffe, wie Kaffee, schwarzen Tee, Alkohol und Nikotin zu meiden.
Dieser Verzicht auf allgemein übliche Genußmittel führt dazu, daß
sich Mormonen in ihrem Verhalten von Andersgläubigen abgrenzen. Es
gibt ihnen oft ein Gefühl besonderer Glaubenstreue und Überlegenheit,
solchen "Versuchungen" gegenüber standhaft zu bleiben. Dadurch
gewinnen sie für sich ein bestimmtes Gemeinschaftsgefühl und eine
neue Identität. Dieses bei jeder Geselligkeit leicht auffällige Anderssein
wird von manchen gern zum Anlaß genommen, um das Gespräch auf das
Thema Religion lenken und missionarisch tätig zu werden.
5. Jugend in der Kirche
Bei der Sozialisation der Kinder und Jugendlichen ergibt sich das
im folgenden dargestellte Bild.
Die idealtypische Mormonenfamilie geht jeden Sonntag in die Kirche,
wo die 3-11jährigen Kinder in der Primarvereinigung zum Halten
der Zehn Gebote, zum Beten und zum Lesen der heiligen Schriften, besonders
des Buches Mormon und der Ansprachen der Kirchenführer, angehalten
werden. “Wenn ihr so lebt, wie Gott es möchte und wie er es
uns durch seine erwählten Propheten ans Herz legt, hab ihr ein gutes
Gefühl.” Eltern und
Kirchenleitung arbeiten darauf hin, daß sich die Kinder mit 8 Jahren
taufen lassen, da sie dann alt genug seien, diese Entscheidung selbst
zu treffen.
Aus Ansprachen der Kirchenführer wird deutlich, daß ihnen bewußt
ist, daß die Kinder in der kritischen Jugendphase in Gefahr sind,
sich von der konservativen Lebens- und Denkweise der Kirche abzuwenden.
Daher widmet man der Altersgruppe der 12-25jährigen besondere Aufmerksamkeit.
Sie werden durch Aufgaben in das Kirchenleben eingebunden und dürfen
Ansprachen im Gottesdienst halten. Neben einem Pfadfinderprogramm
für die Jungen und ein Junge Damen- bzw. Junge Männer-Programm
für 12-18jährige, gibt es ein Seminarprogramm, in dem die 14-18jährigen
schon vor der Schule morgens als Gruppe oder mit den Eltern Leitfäden
der Kirche durcharbeiten.
"Das Seminar vor der Schule hilft ihnen, tagsüber und
in der Schule, den Versuchungen des Satans zu widerstehen."
Die Kirche unterhält ein speziell auf Jugendliche zugeschnittenes
Unterrichtssystem (CES Church Education System), das für die
Kirchenjugend weltweit standardisiertes Unterrichtsmaterial erstellt,
mit dessen Hilfe sie Schriftstellen und Kirchenlehren verinnerlichen
sollen und durch das sie immer wieder zu Aktivität in der Kirche und
einem rechtschaffenen Lebenswandel angespornt werden sollen. Für die
18-25jährigen gibt es ein entsprechendes Institutsprogramm,
das einmal wöchentlich stattfindet. In den USA unterhält die Kirch
drei Universitäten: BYU (Brigham Young Universität) in Provo/Utah,
BYU Hawaii und Ricks College in Rexburg/Idaho. Es sind öffentlich
zugängliche Bildungseinrichtungen, aber alle Studenten müssen sich
an Kirchenstandards (Wort der Weisheit, sexuelle Abstinenz für Ledige)
halten.
Den Jugendlichen wird nahegelegt, innerhalb der von der Kirche vorgeschriebenen
Bahnen eigene religiöse Erfahrungen zu sammeln, indem sie individuell
beten, die heiligen Schriften lesen und die Gebote halten. Sie werden
aufgefordert, sich ein “eigenes Zeugnis von der Wahrheit der
Kirche” zu erarbeiten und “vom Heiligen Geist führen zu
lassen.” Durch mehrtägige Freizeiten sollen die Jugendlichen
durch religiöse Gemeinschaftserlebnisse im Glauben gestärkt werden
und andere Gleichgesinnte kennenlernen. Von den 18-25jährigen werden
diese Freizeiten genannt Jugendtagungen allerdings auch als
"Heiratsmarkt" tituliert, da es ein wichtiges Anliegen der Eltern,
der Kirchenführer und auch vieler Jugendlicher ist, innerhalb der
Kirche schon früh einen Ehepartner zu finden.
Obwohl alle Jugendlichen dazu angehalten werden, sich später um
eine gute und qualifizierte Ausbildung zu bemühen, werden die Mädchen
ab 12 Jahren im weiteren Verlauf der religiösen Erziehung eindeutig
in die Rolle der Mutter und Hausfrau gedrängt. Diese konservative
Rollenzuweisung und eine Verherrlichung der Mutterschaft wird als
das von Gott gewollte Ideal gelehrt und als Schutz vor zerrütteten
Familien propagiert.
"Eure Frau wird sich wirklich glücklich schätzen können, wenn
sie nicht hinausgehen und sich im Erwerbsleben behaupten muß. Doppelt
gesegnet wird sie sein, wenn sie zu Hause bleiben kann, weil ihr
der Ernährer der Familie seid."
"Ihr lernt gerade, wie man Hausfrau wird, und damit tut ihr
genau das, was der Herr von euch möchte. Tief im Herzen jedes Mädchens
liegt die Sehnsucht, eines Tages Ehefrau und Mutter zu sein. (...)die
meisten Frauen finden die größte Erfüllung in der Familie..
"Euer Werk (als Mädchen) besteht zu einem großenTeil darin,
die Menschheit mit eurer großen Fähigkeit, Anteil zu nehmen und
barmherzig zu sein, zu bereichern."
Die Jungen erhalten mit 12 Jahren das Priestertum, dürfen damit
sonntags das Abendmahl austeilen und können weiter in der Priestertumshierarchie
aufsteigen, falls die den Kirchengeboten entsprechend leben. Da die
Mädchen lieber heiraten sollten, dürfen sie erst mit 21 Jahren auf
Mission gehen (für 1 1/2 Jahre), wenn sie möchten: sie werden aber
nicht sonderlich dazu ermutigt.
Den Jungen hingegen wird es sowohl zu Hause als auch in den Versammlungen
von klein auf als zentrale und ehrenvolle Aufgabe vermittelt.. Die
Erfüllung einer Mission bringt ihnen unter den Mormonen Anerkennung
und wird als wichtige Lebenserfahrung dargestellt. Es sei ein Gebot
Gottes und ein Dienst an den Mitmenschen, denen man die “Wahrheit”
und damit den Schlüssel zum ewigen Glück bringe. Jeder gesunde junge
Mann hat daher die Verpflichtung, eine Mission zu erfüllen, und sollte
mit ca. 19 Jahren, nach Abschluß einer Lehre oder nach dem Abitur,
dazu bereit sein.
Aus dem Verständnis heraus, die einzig wahre Kirche zu sein, war
schon von Anbeginn ein großes Sendungsbewußtsein vorhanden, da die
Mitglieder es als ihre Aufgabe anzusehen, die ganze Menschheit auf
die Wiederkehr Christi vorbereiten zu müssen. In diesem Zusammenhang
und dank der ständig wachsenden Mitgliederzahl, wird die Missionsarbeit
als weltverbesserndes und immer erfolgreicher werdendes Programm der
Kirche angepriesen, sogar mit militärischen Metaphern.
"Die Kirche wird hier und im Ausland immer mehr als das wahrgenommen,
was sie wirklich ist. Wir gehen voran und marschieren wie ein Heer,
dessen Fahnen die immerwährende Wahrheit schmückt. Wir stehen für
eine Sache, die sich vehement für die Wahrheit und für das Gute
einsetzt [...]."
| |
1995 |
1996 |
1997 |
1998 |
| Missionare |
48631 |
52983 |
56531 |
> 58000 |
| Mission |
307 |
309 |
318 |
|
| |
|
|
|
|
| Bekehrtentaufen |
304330 |
321385 |
317798 |
|
| Taufen 8jähriger |
71139 |
81017 |
75214 |
|
| Mitglieder gesamt |
9340898 |
9694549 |
10070524 |
|
Seit Beginn dieses Jahrhunderts hat die Kirche ein ständig expandierendes
Programm für jugendliche MissionarInnen aufgebaut, allein in den letzten
drei Jahren hat sich die Zahl der MissionarInnen um 10.000 erhöht.
Da generell alle Mitglieder im Alltag missionarisch tätig sein sollten,
werden die hauptamtlich berufenen Jugendlichen in der Kirche als VollzeitmissionarInnen
bezeichnet.
7. Vollzeitmission
Jede/r Jugendliche, der auf Mission gehen möchte, braucht die Einwilligung
des Gemeinde- und des Pfahlleiters, da die Bewerber gewisse Standards
erfüllen müssen. Sie dürfen z.B. keine unehelichen Kinder haben oder
geschieden sein. Wer sexuelle Beziehungen hatte, muß von seinen Sünden
umkehren und eine Zeitlang (wenige Wochen bis zu 3 Jahre) warten,
bis er/sie würdig für eine Mission ist.
Die Bewerbungsunterlagen werden zur Hauptverwaltung nach Salt Lake
City gesandt, wo das entsprechende Gremium entscheidet, in welchem
Missionsgebiet der/die Jugendliche arbeiten soll. Da auch diese Berufung
als von Gott inspiriert gilt, richtet sich das Einsatzgebiet nicht
nach den Vorlieben der Betroffenen, sonders wird ohne Mitspracherecht
von oben verfügt. Finanziert wird die Mission hauptsächlich durch
eigene Mittel, Unterstützung der Eltern oder durch Spenden anderer
Mitglieder in den Missionarsfond. Die Kirchenverwaltung bezahlt nur
Reisekosten und das Sprachtraining. Die neuen MissionarInnen werden
in einem Trainingszentrum (das größte, das MTC, liegt in Provo/Utah),
geschult. Sie lernen zwei Monate intensiv die erforderliche Fremdsprache
und vor allem die vorgeschriebenen Diskussionen, in denen sie
die Wiederherstellung der Kirche, einige Grundsätze der Lehre und
vor allem die Aufforderung, das Buch Mormon zu lesen und sich
taufen zu lassen, verkünden. Mit diesen sechs Lektionen sollen später
potentielle Interessenten, genannt Untersucher belehrt und
bekehrt werden. Die Missionare werden nur oberflächlich geschult,
erwerben dabei kein fundiertes theologisches Wissen und verfügen oft
über wenig Lebenserfahrung und geringe Sprachkenntnisse. Diese Defizite
sollen durch ihre jugendliche Begeisterungsfähigkeit und ihre persönliche
Überzeugung von der Wahrheit ihrer Lehre wettgemacht werden.
Ca 1/3 aller (körperlich und psychisch gesunden) männlichen Jugendlichen
im Alter von 19-25 Jahren erfüllen eine Vollzeitmission, dazu ca.
20 % der jungen Frauen.
Da es im deutschsprachigen Raum in der Regel kleinere Gemeinden mit
ca. 30-120 aktiven Mitgliedern gibt, sind in den einzelnen Gemeinden
nur wenige Jugendliche gleichzeitig auf Mission, ca 2-8 wurde mir
als Durchschnittszahl genannt, es arbeiten überwiegend US-amerikanische
MissionarInnen im europäischen Raum. Die Kirchenführung strebt an,
immer mehr einheimische Missionare zu rekrutieren, da sie ohne Sprachprobleme
und mit besserem Verständnis für die einheimische Kultur effektiver
arbeiten können.
Die Kirche unterhält zur Zeit über 300 Missionen in vielen Ländern
der Welt, die jeweils von einem Missionspräsidenten und seiner Frau
geleitet werden. Die MissionarInnen sind strengen Regeln unterworfen,
sie haben sich ausschließlich der Missionsarbeit zu widmen. Sie dürfen
nichts allein unternehmen, sondern müssen immer mit dem/der ihnen
zugeteilten gleichgeschlechtlichen MitarbeiterIn zusammenbleiben.
Urlaub oder Heimfahrten gibt es während dieser Zeit nicht, ihre Lektüre
soll sich auf die vier Heiligen Schriften (s. S. 2) und einige wenige
, von der Kirche genehmigte "glaubensstärkende" Bücher beschränken.
Innerhalb von 1-6 Monaten werden die MissionarInnen jeweils in andere
Gemeinden und/oder zu neuen MitarbeiterInnen versetzt. Diese Versetzungen
werden durch den Missionspräsidenten und seine 2 Assistenten (besonders
tchtige junge Missionare) angeordnet, wobei der/die einzelne verpflichtet
ist, mit den jeweiligen MitarbeiterInnen gut auszukommen und zusammenzuarbeiten.
Ein Tag in der Woche ist frei zum Wäsche waschen, Briefe schreiben,
einkaufen. Evtl. bleibt noch Zeit für kleine Ausflüge oder Sport (nur
Volleyball oder Korbball). An dem Abend finden dann Gruppentreffen
statt, um über die geleistete Arbeit zu sprechen und um sich gegenseitig
zu weiteren Anstrengungen zu motivieren. Jede Woche muß ein Berichtsbogen
an den Missionspräsidenten geschickt werden, in dem Arbeitsstunden,
angestrebte Ziele und die Anzahl der Kontakte zu Untersuchern
und die Zahl der Taufen aufgelistet werden. Die MissionarInnen sind
in ein enges Netz von Hilfen, Kontrollen und Verhaltensregeln eingebunden.
Ihre ausschließliche Aufgabe besteht darin, Interessenten zu finden,
sie zu belehren und zur Taufe zu bewegen, indem sie an Türen klopfen,
Leute auf der Straße ansprechen, Bücher Mormon verschenken
und mit den örtlichen Mitglieder zusammenarbeiten.
"Sprechen sie einen jeden an: die Verkäuferin im Laden, die
Leute im Bus, die Menschen auf der Straße - einfach jeden, dem Sie
begegnen."
Da die Kirche bis zum Zweiten Weltkrieg ihre Mitglieder (1940=862.664)
größtenteils in Nordamerika und Nordeuropa gewonnen hat, wurden dadurch
auch die Kultur und das Erscheinungsbild der Momonen geprägt. Die
Missionare sind verpflichtet, im dunklen Anzug, weißem Hemd und Krawatte
zu missionieren, während die jungen Frauen immer Röcke bzw. Kleider
zu tragen haben. Diese Kleidung wird generell für den Besuch von Kirchenversammlungen
nahegelegt. Damit werden Aussehen und Kleidung der gutsituierten und
gepflegten US-amerikanischen Mittelschicht weltweit als das von Gott
für Menschen aller Kulturen gewünschte und erstrebenswerte Erscheinungsbild
propagiert. Zu diesem Wertekanon gehören u.a. auch Tüchtigkeit, Ehrlichkeit
Hilfsbereitschaft, Streben nach Bildung, beruflichem Erfolg (in erster
Linie für Männer) und einem gewissen materiellen Wohlstand.
Die Missionszeit stellt einen wichtigen Sozialisationsfaktor für
die MissionarInnen selbst dar. Während von ihnen Gehorsam zu allen
Missionsregeln, Disziplin und großes religiöses und emotionalen Engagements
wird, werden sie in den Verwaltungs- und Organisationsformen und -techniken
der Kirche geschult. Sie sind in einem System eingebunden, das von
ihnen ständige Planung, Zielsetzung, verantwortliches Arbeiten und
Auswerten ihrer Leistungen fordert. Sie erwerben damit Qualifikationen,
die sowohl in der hierarchisch, bürokratisch geführten Kirche als
auch allgemein für Verwaltungsaufgaben nützlich sind.
Im Durchschnitt bekehrt jede(r) MissionarIn weltweit während eines
Jahres 5-7 Menschen. Dabei sind die Tauferfolge regional sehr unterschiedlich.
In Mittel- und Südamerika, auf den Philippinen und den Polynesischen
Inseln schließen sich Menschen schneller und in größere Anzahl der
Kirche an als in Europa. Im deutschsprachigen Raum stagnieren die
Mitgliederzahlen dagegen seit ca. 20 Jahren.
Deutschland 35.000
Österreich 3.800
Schweiz 6.800
Obwohl MissionarInnen in Nordeuropa oft vergebens versuchen, Interesse
für ihre Botschaft zu wecken und kaum Taufen als Erfolgserlebnisse
vorzuweisen haben, wird diese Zeit zwar als “schwierig, aber
ein besonderes Erlebnis und geistig stärkend” geschildert. Durch
Gemeindemitglieder und Kirchenführer wird ihnen das Gefühl vermittelt,
etwas besonderes zu sein und zu leisten.
“Unsere Missionare [...] kommen zu Ihnen, um Ihnen weitere
Klarheit und zusätzliche heilige Schriften zu bringen und um Ihnen
zu sagen, daß Gott lebt und daß Jesus der Messias ist.. [ ] Wir
schicken ihnen für 2 Jahre unsere hervorragenden jungen Männer und
Frauen, die gerade erwachsen werden. Wir schicken ihnen unsere Kinder,
die wir lieben und die wir unterwiesen und erzogen haben."
Da sie während der Missionszeit ein recht behütetes Leben mit genau
vorgeschriebenem Tagesablauf geführt haben, wird es manchmal als schwierige
Umstellung empfunden, sich im Alltag mit den anstehenden beruflichen
Entscheidungen und “weltlichen” Problemen wieder zurechtzufinden.
Die meisten Jugendlichen scheinen nach der Mission in der Kirche aktiv
zu bleiben und erzählen gern und viel von ihren geistig aufbauenden
und manchmal auch recht skurrilen Erlebnissen mit Mitarbeitern und
Einheimischen. Durch die intensive Beschäftigung mit Kirchenlehre
und Organisationsstrukturen sind sie auf zukünftige Führungsaufgaben
in der Kirche vorbereitet. Die zurückgekehrten jungen Männer gelten
als besonders glaubenstreue Brüder und sind daher begehrte
Heiratskandidaten für die jungen Frauen. Diese wurden von Kindheit
an beständig darin unterwiesen, daß es das wichtigste in ihrem Leben
sei, einen "würdigen Priestertumsträger" und am besten einen
zurückgekerhten Missionar im Tempel zu heiraten.
In manchen Fällen kann es nach der extremen, weltfremden Zeit
der Mission auch zur Abkehr von der Kirche kommen, um selbstbestimmter
zu leben. Manchmal empfinden die Jugendlichen die Mission als eine
Zeit geistiger Enge mit zu vielen Regel und Kontrollen. Manchmal sind
sie desillusioniert, weil sie merken, daß sie schlecht auf das Leben
in eienr fremden Kultur vorbereitet wurden und aufgrund ihrer mangelnden
Lebenserfahrung die Probleme der Menschen kaum verstehen und mit ihren
naiven "Evangeliumsratschlägen" (glauben, beten, sich taufen
lassen, die Gebote halten) nicht lösen könne . Einige MissionarInnen
(lt. Aussage eines ehemaligen Missionars nur ca. 2%, es liegen mir
keine statistischen Angaben vor) brechen deshalb auch die Mission
vorzeitig ab, bleiben aber oft weiter in der Kirche.
8. Wie werden die Jugendlichen motiviert?
Der stärkste Beweggrund für die ständig wachsende Zahl der jugendlichen
MIssionarInnen liegt meiner Meinung nach im unerschütterlichen Sendungsbewußtsein.
Die Mormonen sind davon überzeugt, einen Heilsplan zu besitzen, der
den Inhalten aller anderen Glaubensgemeinschaften, und damit auch
denen der protestantischen und katholischen Kirche, konkurrenzlos
überlegen ist. Ihre Lehre vermittelt den Jugendlichen von klein auf,
daß sie berufen seien, die ganze Welt zu bekehren. Sie werden in dem
Glauben erzogen, die volle Wahrheit zu haben, während andere nur Teilstücke
davon kennen und lehren. Mit diesem Erklärungsmuster scheinen sie
auch Zweifel und Einwände leichter abweisen zu können. Ablehnung und
Mißerfolge bei der Missionsarbeit werden oft dahingehend gedeutet,
daß die Menschen eben noch nicht reif für die wahre Kirche seien.
Außerdem zeigen Widerstände nur, wie sehr Satan gegen sie arbeitet,
was den Wert und die Richtigkeit ihrer Arbeit ebenfalls bestätigt.
Diskussionen mit Kritikern und Zweiflern werden vermieden, Mormonen
ziehen sich dann freundlich darauf zurück, allen ihr “Zeugnis
von der Wahrheit“ zu geben. Sie glauben an den Einfluß des Heiligen
Geistes, der ihnen ihre Wahrheit immer bestätigt und den auch alle
Untersucher verspüren könnten, wenn sie glauben, beten, das
Buch Mormon lesen und alles so akzeptieren, wie die Kirche
es verkündet. Jugendliche, die in diesem Wertesystem aufgewachsen
sind, scheinen selten das Bedürfnis zu haben, Lehren und Dogmen zu
hinterfragen. oder sich mit Widersprüchen und Ungerechtigkeiten im
sozialen und politischen Umfeld auseinanderzusetzen. Es werden Gedanken
verbreitet, die eine sichere, überschaubare Welt suggerieren, in der
man behütet leben kann, wenn man sich nur an die Anweisungen der Kirchenführer
hält. Sie glauben, schon alle Antworten zu kennen und brauchen
daher kaum noch kritschen Fragen zu stellen. Ich denke, daß sich dadurch
den Jugendlichen ein Schutzraum bietet, von dem aus sie mit einer
gewissen Überlegenheit, Engstirnigkeit und manchmal auch Selbstgefälligkeit
auf gesellschaftliche Probleme blicken, für die ihre Führer scheinbar
einfache und allgemeingültige Lösungen anzubieten haben.
“Das Evangelium gilt für alle Menschen und ist universell
anwendbar . Es ist eine Lebensform, die jeder annehmen kann, und
wenn man danach lebt. verschafft es einem größere Freude, größeren
Erfolg und größeres Glück als irgend etwas anderes in der Welt.”
“Ich weiß, daß eine Ansprache auf der Generalkonferenz
nicht die Ungleichheit abschaffen kann, die die Menschheit seit
Jahrhunderten quält, aber ich weiß auch, daß das Evangelium Jesu
Christi die Lösung aller sozialen, politischen und wirtschaftlichen
Konflikte bietet, die es je auf der Welt gab.” Danach
folgen Aufforderungen zum Spenden, Helfen und Teilen mit Anderen.
Desweiteren wird ihnen suggeriert, in einer Gemeinschaft mitzuarbeiten,
die sich rühmen kann, ständig steigende Wachstumsraten zu verzeichnen
und weltweit erfolgreich zu sein.
“Die Kirche wächst einfach phänomenal und
wundersam ... Sie breites sich auf wunderbare Weise auf Erden aus.”
Mössmer ist der Ansicht, daß gerade die Vollzeitmission wesentlich
zur Stabilisierung und engeren Einbindung der Jugendlichen in der
Kirche beiträgt, da sie in einem Alter auf Mission gehen, in dem sie
das von den Eltern und Kirchenführern vermittelte Weltbild oft anzweifeln
und nach unabhängigen Lebensmodellen suchen. In der Rolle als Missionare
müßten sie dann die Glaubensinhalte verteidigen und nach Möglichkeit
beispielhaft vorleben, die sie sonst vielleicht eher abschütteln würden.
Sie seien einerseits alt genug, um in dem auf einer Mission vorgegebenen
Rahmen zu arbeiten, aber noch nicht selbständig genug, um leicht gegen
familiäre und kirchliche Bindungen aufzubegehren.
Von Mormonen selbst wird es als ein hilfreiches Mittel gegen Glaubenszweifel
empfohlen, das “Evangelium mit anderen zu teilen”, da
dadurch das “eigene Zeugnis gestärkt würde.” Eine Mission
ist auf jeden Fall ein Sozialisationstraining, in dem sie lernen,
Missionsregeln zu gehorchen, sich in fremder Umgebung, meist noch
in fremder Kultur und Sprache, zurechtzufinden, Kontakte zu Menschen
aller Schichten aufzunehmen und für ihre Überzeugung einzustehen.
Neben denen, die von klein auf in Richtung Mission erzogen wurden,
gehen allerdings auch junge Leute auf Mission, die sich erst als Jugendliche
der Kirche angeschlossen haben und oft gegen den Willen der Angehörigen
den Entschluß fassen, 2 Jahre auf Mission zu gehen. In manchen Fällen
arrangiert sich die Familie damit, manchmal kommt es zum Bruch mit
den Angehörigen und der/die Jugendliche steht als EinzelkämpferIn
da. Sie werden aber stark von ihrer Kirchegemeinde unterstützt, die
stolz darauf ist, daß der/die Neue solchen starken Glauben beweist.
Es liegen mir keine Daten darüber vor, wie viele der MissionarInnen
aus Mormonenfamilien kommen bzw. wie viele Neubekehrte darunter sind.
9. Bekehrte, Inaktive, Abgefallene
Generell sucht die Kirche Menschen aller Altersstufen und Schichten
zu bekehren. Da sie die Familie als fundamentale Einheit der Gesellschaft
und der Ewigkeit ansieht, ist sie besonders an der Bekehrung, am Aufbau
und Erhalt intakter Familien interessiert. Da das Gros die MissionarInnen
19-25 Jahre alt ist, finden sie aber auch vermehrt Kontakte zu Gleichaltrigen,
wobei die netten, gepflegten jungen Männer besonders bei weiblichen
Jugendlichen auf Interesse zu stoßen scheinen. Es liegt mir kein statistisches
Material darüber vor, in welcher Altersgruppe die größten Tauferfolge
zu verzeichnen sind und wie hoch der Prozentsatz der Mitglieder ist,
die während oder nach der Jugendphase inaktiv werden oder die Kirche
wieder verlassen. Aus eigener Erfahrung (Taufe mit 26 Jaahren) weiß
ich, daß sich eine recht große Zahl der Mitglieder als Jugendliche
oder unverheiratete junge Erwachsene der Kirche angeschlossene haben.
und noch anschließen. Da die Jugendphase generell eine Zeit ist, in
der Menschen nach Orientierung suchen und offen für neue Werte und
Lebensformen ist, fühlen sich auch vermehrt Jugendliche von einer
religiösen Gemeinschaft angezogen und in ihr geborgen, die ihnen klare
und eindeutige Antworten auf Sinnfragen gibt und sie eindeutige Verhaltensregeln
lehrt.
“Bleibt (der Kirche) treu. Wenn ihr das
tut, wird sie für euch zum Anker inmitten der stürmischen See.”
Der Erfolg der Missionsbestrebungen scheint dabei auf eine
bestimmte Zielgruppe, auch unter den Jugendlichen, beschränkt zu sein.
In diesem religiösen Rahmen fühlen sich Menschen wohl, die familienorientiert
und konservativ sind und das Bedürfnis haben, sozial und religiös
stark in einer Gemeinschaft eingebunden zu sein. Sie haben mehr Möglichkeiten
als in den etablierten Kirchen, sich am Gemeindeleben zu beteiligen
und eigene (kirchenkonforme) Glaubenserfahrungen zu sammeln. Dafür
müssen sie aber bereit sein, großzügig Geld und Zeit in die Kirchenarbeit
zu investieren. Sicher und geborgen können sie sich nur dann fühlen,
wenn sie die hierarchische Struktur und die Autorität des von Gott
auserwählten Propheten und der Kirchenführer sowie das von ihnen verfaßte
Lehrmaterial anerkennen.
Besonders die weiblichen Jugendlichen dürfen sich mit Fragen der
Gleichberechtigung nicht allzu kritisch auseinandersetzen und müssen
bereit sein, das Priestertum und damit die Vorrangstellung der Männer
als gottgegeben zu akzeptieren. Sie sollten auch mit der traditionellen
Rolle als treusorgende Hausfrau und Mutter, die beruflichen Ehrgeiz
zurückstellt, einverstanden sein. Sexuelle Enthaltsamkeit vor und
außerhalb der Ehe werden den Jugendlichen immer wieder als wichtiges
Gebot verkündet. Sie sollen die “wichtige Teenagerzeit nicht
mit Sünde zu belasten, da Reinheit die Grundlage des Lebenserfolges
ist.”
Unter Reinheit wird dabei in erster Linie sexuelle Abstinenz
verstanden, beide Geschlechter sollen ohne vorherige sexuelle Erfahrung
in die Ehe gehen. Deshalb heiraten Mormonen oft schon mit Anfang bis
Mitte 20 und bekommen früh Kinder, oft noch während der Ausbildung
oder des Studiums. Im Gegensatz zu der in unserer Gesellschaft immer
länger werdenden Übergangsphase zwischen Kindheit und Familiengründung,
ist daher unter den Mormonen die Übergangs- und Selbstfindungsphase
recht kurz. Sie sind früh in familiäre Verantwortung eingebunden,
dadurch scheint sich ihr Verbleib als Mitglieder der Kirche zu stabilisieren.
Die Kirche verliert einen Teil der Jugendlichen, die innerhalb
einer Mormonenfamilie aufgewachsen sind, während und nach der Pubertät,
weil diese nicht bereit sind, die strengen Verhaltensnormen zu befolgen.
Sie lehnen meist nicht grundsätzlich die Kirche ab, treten auch nicht
aus oder wenden sich anderen Glaubensgemeinschaften zu, sondern streben
nur ein selbstbestimmteres Leben ohne regelmäßige Kirchenbesuche und
-verpflichtungen an. Zum anderen fühlen sich diejenigen jungen Erwachsenen
auf Dauer nicht wohl in der Gemeinschaft, die wegen der eingeschränkten
Auswahl in den relativ kleinen Kirchengemeinden keinen passenden Heiratspartner
finden, oder Familiengründung und Kinderreichtum nicht als ihr vordringlichstes
Lebensziel ansehen. Sie verlassen ebenfalls die Kirche, weil sie ein
Leben ohne enge Normen auf Dauer freier und attraktiver finden und
weil sie außerhalb des engen Kreises der Kirche Freunde und Partner
finden.
In der Altersgruppe der 25-40jährigen Alleinstehenden scheinen nur
noch wenige der eingetragenen Mitglieder aktiv zu sein.. Da die Kirche
wenig Druck auf “Glaubensschwache” ausübt, sondern sie
eher durch wohlmeinende Anrufe, Besuche oder Einladungen zu Veranstaltungen
wieder zu begeistern sucht, treten die Mitglieder meist nicht aus
der Kirche aus, sondern werden “inaktiv”, indem sie den
Kontakt zur Kirchengemeinde abbrechen. Da die ehrenamtliche Arbeit
so viel Freizeit und Energie in Anspruch nimmt, ist bei den Aktiven
oft auch wenig Zeit und Interesse vorhanden, sich um die Inaktiven
zu kümmern. Im deutschsprachigen Raum sind ca 30-35% der eingetragenen
Mitglieder aktiv, d. h. sie besuchen regelmäßig Kirchenveranstaltungen.
In einigen Gebieten der USA, besonders in Utah, sind bis zu 70% der
eingetragenen Mitglieder aktiv, wobei 30-72 % der Bevölkerung Mormonen
sind.
Um aus der Kirche auszutreten, muß eine schriftliche Austrittserklärung
an den örtlichen Gemeindeleiter geschickt werden. Da die Kirche der
Ansicht ist, daß dem Austrittswilligen dadurch wichtige ewige göttliche
Segnungen verloren gehen, werden die Austrittsgesuche oft sehr schleppend
behandelt und die Gemeindeleiter versuchen in der Regel durch Gespräche,
die Leute von ihrem Vorhaben abzubringen, sie zur "Umkehr"
zu bewegen und sie zu reaktivieren. Falls das nicht gelingt, wird
der Austrittswunsch in der Regel ohne weiteren Druck oder Feindseligkeiten
akzeptiert.
Danach besteht von Seiten der Mitglieder meist wenig Interesse, weiter
persönliche Kontakte mit den "Abgefallenen" aufrecht zu
erhalten, so daß diese mit Verlassen der Glaubensgemeinschaft auch
ihren Freundes- und Bekanntenkreis verlieren.
9. Schlußbemerkungen
In vieler Hinsicht war es mir nicht möglich, gezielt Daten über Jugendliche
in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage herauszufinden.
Die Wachstumsraten werden offiziell bekannt gegeben, während Statistiken
über Kirchenaustritte und Inaktivitätsraten auch für Mitglieder dieser
religiösen Gemeinschaft schwer zugänglich sind. In vielem kann ich
daher nur eigene Eindrücke wiedergeben, die ich durch eigene Erfahrung
als jahrelanges aktives Mitglied dieser Glaubensgemeinschaft und durch
Gespräch mit vielen Mitgliedern, gewonnen habe.
Von Hauth und Reller werden die Mormonen nicht als christliche
Religionsgemeinschaft eingeordnet, sondern als eine “eigenständige,
synkretistische Neu-Religion”, die auch eine Verbindung mit
der Ökumene strikt ablehnt. Das Buch Mormon wird von beiden
Autoren als "frei erfunden" bezeichnet.
Abgesehen von den darin erhaltenen Lehren, spiegeln sich im Wertesystem
der Mormonen meines Erachtens etliche religiöse, soziale und politische
Ansichten der amerikanischen konservativen Mittelschicht wieder. Diese
Religion behauptet, die einzig wahre Kirche Gottes auf Erden zu sein,
der sich jeder anschließen muß, wenn er seine ewige Seligkeit nicht
gefährden will. Dies kann als moralischer Druck empfunden werden,
als vorsätzliche und irreführende Manipulation, um interessierte Menschen
aller Altersgruppen, nicht speziell Jugendliche, als Mitglieder zu
gewinnen und sie mit dieser Argumentation in der Kirche festzuhalten.
Meines Erachtens arbeiten allerdings u. a.. die Zeugen Jehovas sehr
viel stärker mit angsteinflößenden Lehren, wie der Androhung göttlicher
Strafen bei Unbußfertigkeit. Bei den Mormonen wird eher der Aspekt
der Freude, des glücklichen (Familien)Lebens und der einfachen Lösungen
für alle Probleme betont. Für Jugendliche, die innerhalb der Mormonenfamilien
aufwachsen, läßt sich Manipulation durch sozialen Konformitätsdruck
feststellen, da ein recht engumrissenes, konservatives Weltbild mit
strikter Einteilung in Gut und Böse gelehrt und die Lebensplanung
von klein auf in eng vorgeschriebene Bahnen gelenkt wird. Die Enquetekommission
des Bundestages
sieht grundsätzlich in der Übermittlung und Weitergabe von Werthaltungen
und Glaubensüberzeugungen innerhalb der Familie kein Problem, auch
wenn religiöse Anschauungen gelehrt werden, die von denen der “Volkskirchen”
abweichen, solange die Kinder dadurch in ihrer Entwicklung nicht geschädigt
werden. Da die Mormonen Wert darauf legen, ihre Kinder zu tüchtigen
Menschen zu erziehen, die auch im Berufsleben und als Mitglieder der
Gesellschaft anerkannt und erfolgreich sein sollen, ist die Erziehung
zwar konservativ, grenzt die Jugendlichen sicher in manchen Bereichen
des gesellschaftlichen Lebens aus (z.B. durch das Wort der Weisheit
oder durch die Verurteilung jeglicher sexuellen Aktivität außerhalb
der Ehe), hindert sie aber nicht daran, sich in der sie umgebenden
Gesellschaft zurechtzufinden. Da es innerhalb dieser religiösen Gemeinschaft
sowohl fundamentalistisch-konservative als auch fortschrittliche-liberale
Strömungen und Anschauungen und damit auch Familien und Individuen
gibt, lassen sich Eindrücke und Tendenzen auch schwer verallgemeinern.
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