"Die Vorstellung, dass eine Gruppe von Menschen im Besitz der Wahrheit
ist, eine Antwort auf alle Fragen der Krankheiten dieser Welt, oder eine Lösung
auf die Bedürfnisse der Menschheit hat, hat über die gesamte Geschichte
hinweg für unsägliches Leid gesorgt." (UN
Generalsekretär Kofi Annan, in seiner Dankesrede zur Verleihung des Friedensnobelpreises
am 10.12.2001 in Oslo)
1. Einleitung
2. Warum Mormone
sein?
3. Das Zeugnis
4. Indoktrination
5. Aufopferung
und Zehntengelder
6. Mormonen
und Psychologie
7. Auswirkungen
des Mormonismus
8. Der Ausstieg
Unter psycho-sozialer Betrachtung der Mormonen möchte ich einmal versuchen,
die Hintergründe und das Warum einer Mitgliedschaft zu durchleuchten.
Neben den vielen theologischen, wissenschaftlichen und historischen Betrachtungen,
ist diese mindestens eben so wichtig. Denn letztlich und objektiv betrachtet,
ist oder wird ein Mensch nicht Mormone, weil diese Religion "wahr"
ist oder bestimmte Glaubensinhalte besonders ansprechend wären (dies
sind nur vordergründige Dinge), sonders weil es etwas in der Psyche der
Menschen gibt, das nach Extremen wie dem Mormonismus greifen muss.
Als ich die Gemeinschaft vor einigen Jahren verlassen habe und begann, diese
Website zu gestalten, habe ich es mir absichtlich nicht zum Ziel gesetzt,
die mir bekannten Mormonen zu "bekehren", sondern lieber ein allgemein
zugängliches Medium hier im Internet zu schaffen. Warum? Nun, nach 14-jähriger
Beobachtung der Mitglieder wurde mir klar, dass die meisten ohne eine "Lebenshilfe"
wie den Mormonismus nicht existieren können. Zum anderen sind Zweifel
und Hinterfragung immer mit inneren und äußeren Konflikten verbunden,
die vor allem die Familie nur schwer verkraften können. Ehrlich gesagt
war mir das "Eisen zu heiß" und so habe ich nur mit solchen
gesprochen, bei denen ich das Gefühl hatte, dass sie wieder selbstständig
Laufen lernen können. Es ist nichts ungewöhnliches, dass ganze Familien
und vor allem Ehen zerbrechen, wenn sich z.B. der Vater oder die Mutter von
der Gemeinschaft abwenden. Viele tragische Geschichten ehemaliger Mitglieder
berichten davon.
Würde man einem Mormonen den Mormonismus von heute auf morgen entziehen,
so wäre ein Zusammenbruch vorprogrammiert. Daher lässt sich auch
erklären, warum die Loslösung von der Gemeinschaft für ein
stark involviertes Mitglied Jahre dauern kann. Der Mormonismus gräbt
sich tief in die Psyche der Menschen ein.
Weiter möchte ich an dieser Stelle aber auch angelehnte Themen, die
den sozial-gesellschaftlichen Bereich betreffen, ansprechen.
Die Fragestellung könnte lauten: Wie sieht also ein ehemaliger Mormonen
heute - mit neuer Einsicht und realitätsbezogenem Verständnis -
das Leben eines Mitgliedes und dessen Einbindung in die Gemeinschaft.
Wie bereits in der Einleitung beschrieben, muss es einen Grund geben, warum
sich ein Mensch einer Sekte oder religiösen Gruppierung anschließt.
Die Konvertierten
Bei Konvertierten, so wie ich es einmal war, kommt es irgendwann einmal im
Leben zu einer Entscheidung, die alles verändern wird. Der Eintritt
in eine Sekte oder Gemeinschaft hat dies unweigerlich zur Folge. Natürlich
gibt es bei jedem Menschen unterschiedliche Beweggründe, bzw. Hintergründe,
aber etwas haben alle gemeinsam: Die Suche nach etwas, das bislang nicht oder
nur teilweise vorhanden war. Ich nenne das Gesuchte das ICH - dem wahren Selbst, welches aufgrund des Erlebten in der Kindheit, nicht vollständig
entwickelt wurde. Man spricht im Leben von Selbstfindung oder dem Weg zu sich selbst. Das ist fast schon eine
Floskel geworden aber richtig betrachtet geht es im Leben genau um das. Ein
Mensch dessen Werdegang von jungen Jahren an genau auf dieses Ziel hingesteuert
hat, baut einen selbstbewussten Charakter auf, der den Weg durchs Leben selbst
gestalten und eigene Träume erfüllt haben will. Er steht sozusagen
auf "eigenen Beinen" und nimmt Teil an dem - nennen wir es einmal
- Wunder der Individualität. Ihm ist ein Leben in erzwungener Uniformität
fremd. Andere wiederum suchen genau in dieser Uniformität Halt, weil
sie eben nur schlecht oder gar nicht auf eigenen Beinen stehen können.
Damit es bei einem Menschen zum Aufbau dieses eigenen Charakters kommen kann,
bedarf es einer gesunden Entwicklung von Kindesbeinen an. Als Kind brauchen
wir die über uns stehenden Eltern und Regeln. Irgendwann sollte eine Loslösung von diesen
Stützen erfolgen. In dieser Loslösung bildet sich das ICH. Je nachdem, wie unsere Erziehung und unser äußeres Umfeld auf uns einwirken,
gelingt das mit mehr oder weniger Erfolg. Diejenigen unter uns, die aus diesem
Prozess nicht vollständig herauskommen, bleiben auf der unbewussten Suche
nach dem ICH. Man könnte auch sagen, dass der Mensch innerlich nicht
richtig erwachsen geworden ist. Wird nicht nachgebildet, versucht man zu kompensieren.
Und diese Kompensation spiegelt sich oft in der Angehörigkeit einer Sekte,
Gemeinschaft oder anderen Bezugspunkten, wie etwa dem Suchtverhalten, wieder.
Hier erhofft man sich den fehlenden Halt, den die Gemeinschaft anbietet, zu
bekommen und gibt seine wenig vorhandene Individualität für eine
in Abhängigkeit stehende Uniformität auf. Alles ist prinzipiell
so wie in der Kindheit. Wir unterwerfen uns vorgegebenen Regeln, die wir nicht
selbst aufgestellt haben und fügen uns in ein vorgegebenes System. Darin fühlen sich
die Menschen dann sicher. Eine Sicherheit, die den hohen Preis des eigenen
ICH fordert. Viele werden leider nie erkennen, dass ihr Weg in einer Sackgasse
geendet hat und sie werden leider auch nie die Freiheit und Sicherheit verspüren,
die ein eigenes ICH mit sich bringt.
Ich will mit dem Gesagten nicht aussagen, dass ein Glaube
etwas Negatives wäre. Ein gesunder Glaube kann
viele Energien freilegen und helfen, Ziele zu erreichen und Horizonte zu erweitern. Ich selbst glaube an eine höhere Instanz (höheres Wesen) und an ein jenseitiges Leben. Der Tod, wie wir ihn verstehen, existiert für mich nicht. Allerdings brauche ich für dieses eigene Weltbild kein "Zeugnis", keine ausgeübte Religion und vor allem keine Dogmen. Ich bin der Meinung, dass Religionen einen bestimmten Sinn erfüllen, deren Dogmen aber oft die Sicht vor dem Wesentlichen vernebeln. Aus meiner Sicht ist es falsch anzunehmen, dass es nur einen Weg zu Gott gibt. Es gibt viele, denn auch das Leben ist vielfältig. Missionarischer Eifer, Absolutheitsanspruch, Fanatismus und Dogmatismus führen unweigerlich in Sackgassen und zur Ausgrenzung. Glaube
sollte die Eigenständigkeit des Individuums nicht beschneiden,
in Abhängigkeit oder Isolation führen. Ein freier Glaube sollte dem Menschen dabei helfen, mehr zu sich selbst
zu finden, eigenständig zu werden, Spiritualität zu entwickeln, Verantwortung zu übernehmen, sowie Toleranz und
Freiheit des Denkens zuzulassen. Viel wichtiger als Dogmen ist die Bereitschaft, ein Leben in gutem und hilfsbereitem Miteinander zu führen, ohne Diskriminierung irgendeiner Gruppe von Menschen. Das Leben erblüht in einer Vielfalt.
Wer auch immer dafür verantwortlich ist, wollte die Vielfalt des
Lebens, nicht die Monotonie und Uniformität. Ein gesunder Glaube spiegelt in sich die Freiheit wieder, das Leben und den Glauben anderer zu respektieren.
Das so genannte "Zeugnis" spielt eine zentrale Rolle im Leben
eines jeden Mormonen. Es ist der eigentliche Beweggrund und das Fundament,
auf welches der Glaube aufgebaut wird. Unter einem Zeugnis versteht ein Mormone
ein "besonderes Ereignis", das ihm die Wahrheit und Richtigkeit
seines Glaubens bestätigt. Dies geschieht meist in Form von Gefühlen,
Stimmen oder Begebenheiten - die göttlichen Ursprungs sein sollen - und
rein subjektiver Natur sind. Ein Zeugnis ist über allen Zweifel erhaben
und gilt auch dann mehr, wenn alle rationalen Fakten und Tatsachen dagegen
sprechen. Dadurch wird der Bezug zur Realität komplett ausgehebelt und
ein Instrumentarium geschaffen, das einen erheblichen tiefenpsychologischen
Einfluss hat. Der Mensch wird nun steuerbar und verliert ein wichtiges Kriterium
der menschlichen Existenz: Die Nutzung seines Verstandes zur Unterscheidung
zwischen Phantasie und Wirklichkeit.
Prinzipiell müssten Mormonen eigentlich selbst drauf kommen, dass ein
Zeugnis nichts anderes als ein Subjektiverleben ist und in keiner Weise die
Wahrheit oder Richtigkeit einer Religion oder Sachverhaltes bestätigt.
Leider leben Mormonen aber in ihrer eigenen Welt, in der die Untersuchung
und Betrachtung anderer Religionen und Glaubenden nicht Teil des Systems ist.
Ansonsten würden Mormonen nämlich feststellen, dass diese "Zeugnisse"
Bestandteil jeder Religion und jeden Glaubens sind. Der Zeuge Jehovas fühlt
sich in seinem Glauben genauso bestätigt, wie der Moslem, der Baptist,
der Hindu und der Katholik. Sie alle meinen den einzig wahren Glauben gefunden
zu haben und führen dies auf die selben subjektiven Empfindungen zurück.
Genau an dieser Stelle wird das "Zeugnis" entmachtet, da unlogisch.
Falls man einen Mormonen auf dieses Problem anspricht wird er wahrscheinlich
sagen, dass andere nur Teilwahrheiten haben oder deren Zeugnisse von Satan
beeinflusst sind. Man nennt das Dissonanz
Management. Wir werden beim Begriff der Apologetik
näher darauf eingehen.
Bei all diesen Erlebnissen handelt es sich um Reaktionen unseres Unterbewusstseins
und sie entstehen mit aufgrund unserer bewussten oder unbewussten Suche.
Es dürfte für einen Mormonen schwierig sein die wirklichen Hintergründe
seiner subjektiven Empfindungen zu verstehen. Solange mit Hilfe der Indoktrination
die Furcht geschaffen wird, beim Verlust des Zeugnisses, alle "himmlischen
Segnungen" zu verlieren, hat man kaum eine Chance. Zu tief greifen existenzielle
Ängste in die Psyche des Menschen ein: Ein Teufelskreis. Die wenigsten
finden den Mut, das eigene Zeugnis zu hinterfragen. Aber allein hierin befindet
sich der Schlüssel zur Erkenntnis und Weiterentwicklung.
Die Indoktrination stellt eine Schlüsselfunktion in allen Sekten und
Kulten dar, so auch bei den Mormonen. Ohne sie ist eine feste Bindung der
Mitglieder kaum möglich. Um einen Menschen aber zu binden, muss ihm ein
neues Weltbild auferlegt und das alte vernichtet werden. Der Aufbau eines
solchen Weltbildes ist meist mit dem völligen Realitätsverlust verbunden.
Es gilt die neue Ordnung und keine andere hat Gültigkeit. Diesen Prozess
findet man aber nicht nur in Sekten und religiösen Gruppen wieder, auch
politische Systeme, wie der Nationalsozialismus, der Sozialismus und der Kommunismus
machen sich diese Methodik zu Eigen. Das neue Weltbild wird prinzipiell aus
den bestehenden Lehren gebildet. Damit es Fuß fassen kann, ist ein intensives
"Arbeiten" mit dem Betreffenden notwendig. Dazu bedienen sich die
Gruppen meist fester Vorgehensweisen. Auch die Mormonen haben feste Muster
der Indoktrination:
Methodik
Phase 1: Zeugnisbildung:
Die Missionare verabreichen "leichte Kost" und führen den Untersucher
anhand von vorgefertigten Diskussionen zum Zeugnis und zur Taufverpflichtung
Phase 2: Zeugnisfestigung:
Nach der leichten Kost erfolgt präzise angelegte Unterweisung in speziellen
Klassen und der Zuweisung von Heimlehrern und Besuchslehrerinnen (Interne
Kontrollorgane). Hilfsmittel sind auch die so genannten Bekehrtentaufen-Kontrolllisten.
Phase 3: Weitere Verpflichtungen:
Das Mitglied bekommt Aufgaben (Berufungen) und wird so in den Kreislauf mit
aufgenommen, wird Teil des Systems und beginnt sich damit zu identifizieren.
Diese Identifizierung führt im Idealfall zur höchsten mormonischen
Verpflichtung: Dem Tempelendowment. Der Tempel ist ein Ort tiefster Indoktrination.
Nichts wirkt im Leben eines Mormonen so verpflichtend, wie die dort eingegangenen
Bündnisse. Bis 1990 wurden diese mit Androhung der Todesstrafe
eingeschärft!!
Phase 4: Beschäftigung und Wiederholung
Das Mitglied hat den Glauben an die elitäre Besonderheit der eigenen Gruppierung
angenommen und beginnt diese zu verkörpern. Durch feste Integration, Überwachung
(Interviews) und beständiges Repetieren der Doktrin (auch in Form von Ritualen)
wird sichergestellt, dass das Mitglied im Sinne der Gemeinschaft handelt und
denkt. Über die Jahre entsteht ein tiefes Abhängigkeitsverhältnis
und eine komplette Vereinnahmung der Seele des Mitgliedes. Je länger dieser
Zustand anhält, desto schwieriger ist der Loslösungsprozess.
Apologetik
Ein besonderes Phänomen innerhalb der Indoktrination stellt die Apologetik
dar. Ich bin auf dieser Homepage schon gesondert und ausführlich auf
das Thema eingegangen (siehe
Apologetik).
Dass ein Mensch, der sich nur oberflächlich mit Fakten und Tatsachen
beschäftigt (und dies stellt einen Großteil der Mormonen dar) relativ
leicht indoktriniert werden kann, scheint klar. Dass aber selbst Gelehrte
unter den Mormonen, die sich mit den vielen Widersprüchen des Mormonismus
auseinandersetzen, nicht von der Realität überzeugt werden können,
ist eben ein Phänomen, welches psychologische Ursachen hat. Ich wiederhole
hier dazu zwei Punkte aus dem Artikel Apologetik:
1. Realitätsverschiebung
Dieses Phänomen findet überall dort statt, wo Ideologien oder Religionen,
das Weltbild eines Menschen beeinflussen oder bilden. Anstelle des eigenen
Weltbildes, tritt das von der "Lehre" vorgegebene und ersetzt dieses
weitgehend. Menschen, die in einer Religion oder Ideologie aufgewachsen sind,
unterliegen diesem Vorgang meist noch intensiver, als Konvertierte. Es ist
daher für Aussteiger oft schwierig, diese psychologische Barriere zu
überwinden und wieder zu sich selbst zu finden.
Obwohl Apologeten, wie bereits erwähnt, meist über eine solide Ausbildung
und Qualifikation verfügen, greift bei der Ausübung der Apologetik
eben diese Realitätsverschiebung und die wissenschaftlichen Argumente
driften ins Irreale ab. Die Folge sind spekulative Theorien und Hypothesen,
wie sie mannigfaltig auf dieser Site diskutiert wurden. Ein schönes Beispiel
dafür sind Nibleys zahlreiche Theorien zum Buch-Abraham-Problem.
Da der Glaube prinzipiell den dominierenden Bereich der Psyche darstellt und
nicht der Ratio, muss es notwendigerweise immer eine Erklärung geben,
da der Glaube ja "wahr" ist. Dies erklärt auch die teilweise
akrobatischen Bemühungen, Dinge zu beweisen oder zu erklären, die
nicht zu bewiesen sind, da schlichtweg unmöglich. Im Glauben aber ist
alles möglich und die Realität wird verdrängt, bzw. durch eine
"neue" Realität ersetzt. Eng in Verbindung mit der Realitätsverschiebung
steht der nächste Punkt.
2. Reduzierung von Dissonanz
Kognitive Dissonanz (eine das Erkennen/Wahrnehmen betreffende Unstimmigkeit)
resultiert meist aus einer Desillusion, die durch das Nichteintreffen eines
den Glauben betreffenden Ereignisses entsteht. (Z.B. Das Kommen Christi datiert
und nicht eingetroffen)
Solche Desillusionen gibt es in allen Religionen, besonders dort, wo angebliche
Voraussagen gemacht werden, die dann nicht eintreffen oder sich als richtig
angenommene Ereignisse, als falsch herausstellen. Im Mormonismus gibt es eine
Vielzahl von Ereignissen und Fakten, die im Gläubigen eben diese kognitive
Dissonanz auslösen. Diese Dissonanz erzeugt Unbehagen, das vom Betreffenden
unbedingt eliminiert werden will. Die betreffende Person wird dann verschiedene
Wege einschlagen, um diese Dissonanz, bzw. das resultierende Unbehagen, zu
eliminieren: (1) Änderung eines oder mehrerer Glaubensgrundsätze,
Meinungen oder Verhaltensweisen. (2) Erwerb neuer Informationen oder Glaubensgrundsätze,
welche den bestehenden Einklang verstärken und somit die gesamte Dissonanz
reduzieren. (3) Die Wichtigkeit solcher Wahrnehmungen vergessen oder reduzieren,
die im dissonanten Verhältnis stehen.
Der Mormonismus ist voller Beispiele, die dies belegen. Die Lehre der Mormonen
hat sich über all die Jahre immer wieder angepasst und verändert,
nur um bestehen zu können und F.A.R.M.S. hat sich als wahrer Meister
dieses Vorgangs entpuppt.
Die Apologetik ist ein besonders trügerisches Phänomen, da es den
Verstand, der ja für die Realitätsrückgewinnung notwendig ist,
neu "kalibriert", wobei Fakten und Tatsachen in veränderte
Sichtweisen gebracht werden, um so dem bestehenden Weltbild zu entsprechen.
Ein sehr guter Artikel,
von Dipl.-Psych. Dieter Rohmann, gibt weitere Einsichten zum Thema. Ich
zitiere daraus:
"Allen Kulten ist gemein, dass ihnen eine autoritäre
Führergestalt vorangestellt ist, der die Mitglieder absoluten Gehorsam
und ergebene Treue entgegenbringen müssen. Es wird eine stark in sich
geschlossene Lehre vermittelt, welche die absolute Wahrheit darstellt und
nicht hinterfragt werden darf. Meist handelt es sich um synkretistische
Ideologien, die auf traditionellen religiösen Hintergründen basieren;
zunehmend jedoch auch um sog. "Psychokulte". Im Zentrum der diversen
Ideologien steht immer ein Heilsversprechen, das die Verbesserung, Rettung
und Erlösung der Welt und/oder des einzelnen Mitglieds beinhaltet -
allerdings nur unter der Bedingung, dass sich das Kultmitglied dem Führer
und seiner Lehre kritiklos unterordnet. Die Mitglieder und deren Alltag
sind in der Regel straff organisiert, wobei zu Beginn nach dem Prinzip der
stufenweisen Vermittlung von Informationen (je nach "Bewusstseinsstufe"
des Einzelnen) vorgegangen wird. Gruppendynamische Prozesse wie Konformität,
gemeinsame Zielsetzung, Rollenverteilung und die verbindliche Definition
von Normen und Werten führen zu einer kultspezifischen Sozialisation,
die zur Verinnerlichung und Verbreitung der Kultideologie führt.
Schrittweise Sozialisation und Indoktrination führen schließlich
zu einer Bewusstseinskontrolle, die sich durch den gezielten Einsatz bestimmter
Techniken, wie Verhaltens-, Gedanken-, Gefühls-, Informations- und
Milieukontrolle, mystische Manipulation, Manipulation der Sprache, Vorrang
der Lehre vor dem Menschen, Zu- und Aberkennung der Existenzberechtigung
sowie der Entzug von Privatsphäre manifestieren. Täuschung und
finanzielle Ausbeutung kommen fast unmerklich bereits zu Beginn zum Einsatz."
Gehorsam den Führern gegenüber
Mormonen wird intern geraten:
... lernen sie zu tun was man ihnen sagt; ob alt oder jung:
lernen sie zu tun was man ihnen sagt für die Zukunft ... Wenn sie jedoch
von ihrem Führer gesagt bekommen sie sollen etwas tun, dann tun sie
es. Es hat sie nicht zu interessieren, ob es richtig oder falsch ist. (Heber
C. Kimball, 1857)
Wenn unsere Führer sprechen, dann hat das Denken aufgehört.
Wenn sie einen Plan vorschlagen, dann ist es Gottes Plan. Wenn sie den Weg
zeigen, dann gibt es keinen anderen der sicher wäre ... Anders zu denken,
ohne sofortige Umkehr, kann einem den Glauben kosten, könnte dessen
Zeugnis zerstören und ihn als Fremder im Königreich Gottes zurücklassen.
(Heimlehrbotschaft, "Die Generalautoritäten der Kirche unterstützen",
1945)
Ich möchte das Thema Zehnten und Aufopferung in Zusammenhang mit der
angesprochenen Problematik behandeln, weil ich es für ein ziemlich schmerzhaftes
und teilweise auch trauriges Kapitel halte.
Mormonen sind aufgrund ihrer religiösen Verpflichtungen zu lebenslanger
Aufopferung verpflichtet. Im Tempel
geloben sie, alles, was in ihrem Besitz steht, sowie ihre Zeit und Talente,
der Mormonenkirche zu weihen. Dazu kommen die monatlichen Zehntengelder und
zusätzlichen Spenden. Daraus resultieren erhebliche Belastungen, die
vor allem für die Familien zu Grenzbelastungen werden.
Ich habe mich kürzlich mit einigen befreundeten Aussteigern unterhalten
und wir kamen zu dem Schluss, dass das Geld, was uns heute als Eigenkapital
für ein Haus fehlt, sang und klanglos in den Geldbeutel der Mormonen
geflossen ist. Viele von uns, die über ein Jahrzehnt oder länger
dabei waren, haben z.T. 100.000.- DM (~50.000 €) an Zehntengelder entrichtet.
Ein unvorstellbare Summe. Die monatlichen Zehntenbelastungen, waren für
jede wachsende Familie eine Bürde (wenn auch subjektiv oft nicht so empfunden).
Viele der Mormonenfamilien überziehen monatlich ihre Konten und müssen
sich einschränken, wo es nur geht. Im Jahre 2000 meldeten 1 aus 46 Haushalten
in Utah Zahlungsunfähigkeit an. Damit steht Utah an der Spitze der amerikanischen
Staaten. Die Führer der Kirche schieben das Problem auf den falschen
Umgang mit Geld, um nicht einsehen zu müssen, dass die Segnungen des
Zehnten ausbleiben. Hinzukommen Sonderausgaben, die jedes Mitglied entrichten
muss. Am stärksten betroffen sind die Mitglieder, die in Führungspositionen
unendlich viele Kilometer zurücklegen müssen, ihr Auto verschleißen
und keinen Pfennig dafür sehen. "Gesetz der Weihung" eben.
Aus Scham wenden sich viele der Familien dann nicht an den örtlichen
Bischoff, um in ihrer Not etwas zu erhalten. Als Zweigpräsident erhielt ich für meine Gemeinde so wenig Geld für das Budget, dass eine Verwaltung,
ohne das weitere finanzielle Engagement der Mitglieder, nicht möglich gewesen wäre.
Dabei stellt sich mir zunächst auch die Frage, ob ein System wie der Zehnte
überhaupt gerecht ist. Natürlich muss jede Organisation von etwas
leben. Ohne Geld geht auch in der "einzig wahren Kirche" rein gar
nichts. Aber ist das "göttliche" Gesetzt den gerecht?
Mormonen berufen sich beim Zehnten auf das Alte Testament und ein jeder Missionar
wird seinem Untersucher predigen, dass 10% doch für jeden gleich sind.
Wirklich?
Nun, stellen wir einmal zwei Familien gegenüber:
Familie 1 hat fünf Kinder und ein monatliches Einkommen von 2300.- €.
Davon fließen jeden Monat (Bruttozehnten) 230.- € ab. Geld, das
Familie 1 mit fünf Kindern bitter notwendig hat. Familie 2 hat zwei Kinder
und ein monatliches Einkommen von 6.000.- €. Davon fließen jeden
Monat 600.- € ab. Es bleiben also noch 5.400.- € für den Rest
der laufenden Kosten!
Wo ist den hier bitte die Gerechtigkeit? Während Familie 1 am Existenzminimum
lebt, spürt Familie 2 kaum etwas von dem Verlust und kann noch gut leben.
In keinem modernen, sozial-orientierten Land wäre so etwas möglich.
Hier würde man Einkommen, Anzahl der Kinder und sonstige Belastungen
berücksichtigen. Es scheint, als ob das Finanzierungssystem Gottes hoffnungslos
veraltet und sozial ungerecht ist.
Mormonen argumentieren natürlich, dass die "Segnungen des Zehnten"
alles wieder gutmachen. Aber das ist ein Trugschluss. Meine Frau und ich haben
festgestellt, dass wir nach unserem Austritt von den Mormonen zunächst
einmal unsere Finanzen saniert haben und heute finanziell besser situiert
sind, als jemals zu Zeiten unserer Mitgliedschaft. Wir sparen Hunderte von
€ jeden Monat und das, was wir früher als Segnungen interpretiert
haben, geschieht heute nach wie vor. Aber das hat nichts mit Segnungen zu
tun. Unsere Waschmaschine läuft auch heute noch ohne Reparaturen, ohne
dass der Herr das Getriebe segnen muss, usw..
Manche Mitglieder sprechen von "Wundern", in Zusammenhang mit dem
Zehnten. Dazu sei gesagt, dass wenn überhaupt, der Glaube (Beeinflussung
unseres Unterbewusstseins) an eine Sache selbst eine Reaktion hervorruft und
nicht das Befolgen des Gebotes selbst. Der "Mechanismus des Glaubens"
(siehe Murphy) funktioniert überall und unabhängig von einer bestimmten
Religion oder Gruppierung. Es handelt sich dabei um Suggestivkräfte,
die sich auch solche bewusst und unbewusst zu Nutze machen, die überhaupt
nicht religiös sind.
Neben den finanziellen Belastungen der Mitglieder treten immer mehr
gesundheitliche Folgen in Zusammenhang mit deren Aufopferung zu Tage.
Besonders bei solchen, die 100%ig ihre Arbeit erfüllen wollen und
verantwortungsvolle Berufungen inne haben. Die Kombination aus Beruf,
großer Familie und den Aufgaben in der Gemeinschaft, wachsen vielen
über den Kopf und es kommt zu Stresskrankheiten (während es
sich andere Mitglieder eher gemütlich machen). Allein in meiner
alten Gemeinde gab und gibt es mehrere Fälle, die teilweise bis
zur Arbeitsunfähigkeit geführt haben. Darunter Magenprobleme,
Erschöpfungszustände, Depressionen, Gehörstürze,
Kopfschmerzen, plötzliche Ohnmachten und andere Symptome. Leider
nehmen diese Mitglieder die Warnsignale des Körpers und der Psyche
nicht wahr. Man versucht Erklärungen zu finden, denn eigentlich
darf so etwas ja nicht sein (Dissonanz Management). So müssen es
halt Prüfungen sein, die der Herr auferlegt und die es gilt zu
bestehen. Würde einem Außenstehenden - oder noch schlimmer,
Abtrünnigen - so etwas zustoßen, so wird man sagen, dass
es sich um Mangel an Segnungen handelt. Zu einem Eingeständnis
der Missstände wird es nicht kommen, weil man sonst das System
kritisieren und Zweifel an der göttlichen Führung äußern
würde.
Leider gehen die Führer der Kirche unsensibel mit dem Problem um. Mitglieder
die ohnehin schon sehr belastet sind, wird meist eine große Berufung
übertragen, ohne die Folgen zu bedenken. Man versteckt sich hinter dem
Deckmantel Inspiration und weiß, dass die meisten eine Berufung ohnehin
niemals ablehnen würden. Ein Teufelskreis, der seine Opfer fordert.
Als ich vor 1999 als Zweigpräsident das Handtuch geworfen habe, bin ich
diesem Schicksal gerade noch entgangen. Auch mich plagten wegen der Überlastungen
gesundheitliche Probleme und glücklicherweise hatte ich den Mut, die
Notbremse zu ziehen. Andere werden ihr Leben lang leiden müssen. Schöne
heile Welt.....
Ich möchte mit diesem Teil vor allem dem apologetischen
Schreiben von René A. Krywult (das seit einiger Zeit plötzlich
aus dem Internet verschwunden ist aber unter www.archive.org noch zu
finden ist) widersprechen, das ich für ein typisches Beispiel von
mormonischem Wunschdenken und Realitätsverschiebung halte. Hier
werden Randfakten generalisiert und ein völlig falscher Eindruck
vermittelt.
Mormonen hören es nicht gerne, wenn man feststellt, dass ihr Glaube die
Psychologie prinzipiell skeptisch beurteilt. Hier, wie auch bei der Fragestellung,
ob Mormonen anti-intellektuell sind, muss man differenzieren. Natürlich
gibt es auch Mormonen die den Beruf eines Psychologen ausüben und es
wurde einem Mitglied sicher auch schon einmal geraten, einen Psychologen aufzusuchen
aber dies sind mehr die Ausnahmen. Meine Erfahrung aus 14 Jahren zeigt, dass
der Großteil der Mormonen der Psychologie eher fremd gegenüber
steht und allenfalls ein kleiner Teil der Mitglieder sich aufgeschlossen gibt.
Gespräche, die ich mit diversen Psychologen geführt habe zeigen
auf, dass versierte und informierte Psychologen dem Mormonismus in keiner
Weise neutral gegenüberstehen, wie sie es etwa bei den anerkannten christlichen
Religionen sind. Es wird klar zwischen Sekte und harmloseren Religionen unterschieden.
Bei Mormonen, die selbst Psychologen sind, tritt das gleiche Phänomen
zutage, wie bei den Intellektuellen der Gemeinschaft (siehe
Apologetik). Um ihr Wissen mit dem mormonischen Glauben in Einklang zu
bringen, müssen sie ihre Dissonanzen
reduzieren (siehe oben). Ich würde daher auch nicht behaupten, dass
Mormonen anti-intellektuell sind. Dem Großteil der Mormonen mangelt
es nur an der intellektuellen Hinterfragung ihres Glaubens, während ein
kleinerer Teil von Intellektuellen Dissonanz Management betreibt.
Es ist allerdings an dieser Stelle interessant zu erwähnen, dass Mormonen
die Homosexualität u.a. als "mentales Gesundheitsproblem" betrachten,
welches einer therapeutischen Behandlung bedarf (siehe Mormonismus
und Homosexualität).
Pseudo-psychologische Betreuung durch Laien
Den wenigsten Mitgliedern wird also jemals wirklich geraten werden,
bei einem ernsteren Problem, einen Psychologen aufzusuchen. Um es genauer
auszudrücken: Man wird ein psychisches Problem erst gar nicht erkennen.
Mormonen haben ihre eigene Psychologie, die sehr einfach gestrickt ist:
"Gott heilt alle Wunden". Und so werden die Mitglieder ihr
ganzes Leben lang die Aufforderung hören, zu beten, zu studieren
und mit ihrem Bischoff oder Heimlehrer zu sprechen. Diese sind aber
nur Laien, die in der Regel nichts anderes vermitteln, als das, was
die Handbücher vorgeben. Die eigentlichen Probleme der Mitglieder
werden unbearbeitet bleiben. Ich erinnere mich an ein Mitglied, das
mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte und den "weisen"
Rat eines anderen Mitgliedes empfing: "Die Liebe Gottes wird alles
richten." Ein anderes, noch sehr junges Mitglied, litt offensichtlich
an Depressionen und wandte sich darum an einen älteren Priestertumsführer.
Der "diagnostizierte", - ganz typisch für die Mormonen
- das wahrscheinliche Vorhandensein von Sünden und riet dem Betreffenden
umzukehren, damit seine Probleme gelöst werden würden. Jahre
später stellte sich die wahre Ursache der Depressionen heraus.
Solche Beispiele gibt es noch viele.
Als Zweigpräsident hatte ich einen jungen Zweig zu leiten, der
zur Hälfte aus sozial schwachen und mit psychischen Problemen behafteten
Mitgliedern besetzt war. Eine Herausforderung, der man als Laie nicht
gewachsen ist. Viele hätten professionelle Hilfe gebraucht. Ich
kenne nur sehr wenige Mormonen, die bei Bedarf den Weg zu einem Psychologen
gesucht haben. Weiter ist es interessant zu wissen, dass der Verbrauch
des Antidepressivums Prozac in Utah 60 Prozent über dem US- Durchschnitt
liegt und besonders die Frauen unter den Mormonen zum Medikament greifen.
Für was ein so glückliches Volk wohl Antidepressiva braucht?
(Siehe dazu: Belastungssyndrom
und Antidepressiva)
(Punkt 7 ist ein Auszug aus einem Artikel
von infoSekta,
den ich besonders in diesem Punkt für sehr gelungen halte)
Fremdbestimmung und Ausgrenzung
Aus der sehr starren Verteilung der Geschlechterrollen heraus ergeben
sich große Schwierigkeiten für Paare, die aus irgendwelchen Gründen
keine Kinder haben können oder wollen. Freiwillig oder unfreiwillig
Alleinlebende geraten bei dieser Verherrlichung der Familie erst recht
an den Rand, zumal dereinst nur in den höchsten der drei Himmel eingelassen
wird, wer eine Ehe 'vorweisen' kann, die auch für die Ewigkeit gilt,
d.h. nach einem Mormonenritual geschlossen wurde.
Da die einzig legitime Form gelebter Sexualität sich auf die
heterosexuelle, mindestens zivilrechtlich geschlossene Ehe beschränkt
und ein Zuwiderhandeln mit Exkommunikation bestraft werden kann, geraten
weitere Menschengruppen massiv unter moralischen Druck. Nicht zuletzt
die Jugendlichen, die dadurch jede Regung ihres Körpers als schuld-
oder sündhaft erfahren. Viele heiraten daher sehr früh - oft
sind sie kaum 20 Jahre alt - und haben Kinder, bevor sie die Gelegenheit
hatten, noch unbelastet von so großen Verpflichtungen ihren Platz in
der Welt zu suchen und zu finden.
Verlust bisheriger sozialer Bindungen
Elitebewusstsein, Missionierungsdruck und das auf das Jenseits gerichtete
Weltbild schaffen einen kaum überwindbaren Graben zwischen Mormonen
und Nicht-Mormonen. Zudem ist das Mitglied zeitlich und kräftemäßig
derart in kirchliche Aufgaben eingebunden, dass es kaum dazu kommt,
Kontakte ausserhalb zu pflegen. Bisherige soziale Beziehungen versanden,
da sich die Wertsetzungen soweit verschieben, dass kaum mehr Gemeinsames
übrigbleibt. Beide erhalten das Gefühl, nicht mehr zum andern
vordringen zu können. Für den Mormonen scheitert es daran,
dass der andere ihn nicht verstehen will oder kann, wobei für ihn
"Verstehen" nur heißen kann, die Lehre vom Standpunkt eines
Gläubigen aus zu sehen und sie demzufolge auch zu übernehmen.
Nicht-Bekehrungswillige erhalten zunehmend den Eindruck einer unsichtbaren
Wand, die sich zwischen ihnen und dem bisherigen Freund aufrichtet,
der Freund wird immer fremder und unnahbarer. Da die Diskussionen von
beiden je länger je mehr als fruchtlos empfunden werden, wird die
Beziehung abgebrochen oder 'schläft ein'.
Eigenwahrnehmung und unerreichbares Ideal
Die Eigenwahrnehmung beginnt sich zu ändern, indem sich das neugewonnene
Mitglied nicht mehr darüber definiert, was es mit sich und andern
erlebt, sondern sich zunehmend an dem idealisierten Bild eines perfekten
Mormonen misst. Dieses Bild ist aber insofern unrealistisch, als ein
vollkommenes Leben in absolutem Einklang mit der Lehre nicht nur menschliches
Maß übersteigt, sondern auch ein Auslöschen der individuellen
Persönlichkeit erfordern würde. Das Mitglied bleibt also trotz
großer Anstrengungen stets in seiner Eigenart, in seiner 'Unzulänglichkeit'
wie es meint, 'gefangen'. Dabei verliert es allmählich die realistische
Einschätzung seiner wirklichen Fähigkeiten und Kompetenzen
und wird dadurch besonders anfällig für Manipulationen, die
mit Schuld- oder Angstgefühlen operieren.
Psychische Beeinträchtigung
Der spontane innere Dialog, die persönliche Auseinandersetzung
mit sich und der Welt, wird zunehmend in engere Bahnen gelenkt, bis
nur noch ein kleiner Kanal übrigbleibt, der zum angestrebten mormonischen
Ideal passt. Alles andere muss ausgeblendet werden, 'versickert' sozusagen
unbesehen und ungenutzt. Ein großer Teil der eigenen Persönlichkeit
bleibt somit ständig unterdrückt, zudem unterhöhlt ein
hartnäckiges Gefühl der Unzulänglichkeit das Selbstwertgefühl.
Dies bildet die psychische Grundlage für Depressionen, Angstzustände,
aber auch für chronische, körperliche Beschwerden. Mössmer
(1995, S. 220) gibt denn auch an, dass amerikanische Mormonen mehr Beruhigungs-
und Aufputschmittel konsumieren als der durchschnittliche Amerikaner.
Der Ausstieg aus einer Sekte oder religiösen Gruppierung ist meist ein
schwieriger Prozess. Es dauert oftmals nicht lange, sich einem Glauben anzuschließen.
Ihn aber wieder zu verlassen, kann Monate oder Jahre in Anspruch nehmen und
ist nicht selten mit psychischen Problemen verbunden.
In der Regel kommt es nicht von heute auf morgen zu dem Entschluss, die Gemeinschaft
zu verlassen. Der Ausstieg ist ein Prozess, den man in folgende Abschnitte unterteilen
könnte:
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Schwierigste Lebensphasen |
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Mitgliedschaft
in der Sekte |
Phase
des Zweifels |
Ausstieg |
Desorientierung |
Neuorientierung |
Definition
neuer Lebensinhalte |
Neuer
Lebensstil |
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(Bildquelle: Infolink)
Der Gesamtprozess kann sich, wie bereits erwähnt, mehrere Monate oder
Jahre hinziehen, je nach dem, wie sehr man in die Gemeinschaft involviert
war und wie tief die Indoktrination gegriffen hat.
Die Ablösungsphase wird eingeleitet, indem auf emotionaler oder rationaler
Ebene ein Denkprozess in Gang gesetzt wird, der das Hinterfragen des eigenen
Glaubens zulässt - Zweifel. Dieser Denkprozess ist Voraussetzung dafür, eine
neue, objektive Sichtweise zu entwickeln. Das Ingangsetzen des Denkprozesses
steht in direktem Zusammenhang mit dem sich loslösenden ICH, welches
nun beginnt nach eigenem Wachstum und Selbstständigkeit zu streben (siehe
oben). Ist dieser Prozess soweit gediehen, dass das ICH die Oberhand gewinnt,
kommt es zur Entscheidungsphase, die oft sehr schmerzlich ist und viel Kraft
braucht - Ausstieg. Es ist daher von Vorteil, wenn dem Betreffenden jemand zur Seite
steht.
Die Phase der Neubildung besteht nun aus einem inneren Umbruch. Nachdem der
Entschluss zum Ausstieg gefasst worden ist, muss nun das alte, indoktrinierte
Weltbild, durch ein eigenes, neues Weltbild ersetzt werden. Ein nicht ganz
einfaches Unterfangen. Es besteht die Gefahr der Rückfälligkeit
oder der Flucht in ein anderes "Ersatzprogramm". Prinzipiell lernt
der Betroffene nun, auf eigenen Beinen zu stehen und das ICH auszubilden.
Man sollte sich dazu Zeit lassen und wenn nötig, Hilfe in Anspruch nehmen.
Dazu gibt es mehrere Möglichkeiten:
1. Austausch und Gespräche mit vertrauten Personen
2. Austausch und Gespräche mit ehemaligen Mitglieder (dazu auch Foren
und Mailinglisten)
3. Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe / Seminareveranstaltung
4. Professionelle Hilfe durch einen Psychologen
Infolink bietet Seminare zum Thema Sektenaussieg (nicht nur ZJ). Referent ist der bekannte Psychologe Dieter Rohmann, der zu den wenigen Therapeuten zählt, die sich ganz gezielt mit der Sektenproblematik befasst haben (www.kulte.de).
Wichtig könnte auch sein, Abstand von der religiösen Gruppierung zu finden und missionarische
Bemühungen, die in jedem Falle kommen werden, zu unterbinden.
(Informationen zum
Thema Austritt)
Lohnt es sich?
Der Weg aus einer Sekte ist, wie gesagt, mühsam und steinig aber es lohnt
sich allemal.
"Der Weg zu sich selbst ist der einzige Weg, bei dem das
Individuum das erreicht, wofür es sich wirklich zu leben lohnt. Wenn
es tatsächlich einen definierbaren Sinn des Lebens geben sollte, dann
kommt der Weg zu sich selbst, diesem sicher am nächsten." (Holger
Rudolph)
Oder um es mit den Worten Laotses zu sagen:
Am Ende deiner Reise wirst du nicht gefragt: 'Bist du ein
Heiliger geworden oder hast du für das Heil der Menschen gekämpft?'
Die einzige Frage, die du dann beantworten musst, lautet: 'Bist du du selbst
geworden?' "