Die Mormonen - Zwischen 'Wahrheit' und Wirklichkeit
Psycho-soziale Betrachtung der Mormonen

"Die Vorstellung, dass eine Gruppe von Menschen im Besitz der Wahrheit ist, eine Antwort auf alle Fragen der Krankheiten dieser Welt, oder eine Lösung auf die Bedürfnisse der Menschheit hat, hat über die gesamte Geschichte hinweg für unsägliches Leid gesorgt." (UN Generalsekretär Kofi Annan, in seiner Dankesrede zur Verleihung des Friedensnobelpreises am 10.12.2001 in Oslo)

1. Einleitung
2. Warum Mormone sein?
3. Das Zeugnis
4. Indoktrination
5. Aufopferung und Zehntengelder
6. Mormonen und Psychologie
7. Auswirkungen des Mormonismus
8. Der Ausstieg


1. Einleitung

Unter psycho-sozialer Betrachtung der Mormonen möchte ich einmal versuchen, die Hintergründe und das Warum einer Mitgliedschaft zu durchleuchten. Neben den vielen theologischen, wissenschaftlichen und historischen Betrachtungen, ist diese mindestens eben so wichtig. Denn letztlich und objektiv betrachtet, ist oder wird ein Mensch nicht Mormone, weil diese Religion "wahr" ist oder bestimmte Glaubensinhalte besonders ansprechend wären (dies sind nur vordergründige Dinge), sonders weil es etwas in der Psyche der Menschen gibt, das nach Extremen wie dem Mormonismus greifen muss.
Als ich die Gemeinschaft vor einigen Jahren verlassen habe und begann, diese Website zu gestalten, habe ich es mir absichtlich nicht zum Ziel gesetzt, die mir bekannten Mormonen zu "bekehren", sondern lieber ein allgemein zugängliches Medium hier im Internet zu schaffen. Warum? Nun, nach 14-jähriger Beobachtung der Mitglieder wurde mir klar, dass die meisten ohne eine "Lebenshilfe" wie den Mormonismus nicht existieren können. Zum anderen sind Zweifel und Hinterfragung immer mit inneren und äußeren Konflikten verbunden, die vor allem die Familie nur schwer verkraften können. Ehrlich gesagt war mir das "Eisen zu heiß" und so habe ich nur mit solchen gesprochen, bei denen ich das Gefühl hatte, dass sie wieder selbstständig Laufen lernen können. Es ist nichts ungewöhnliches, dass ganze Familien und vor allem Ehen zerbrechen, wenn sich z.B. der Vater oder die Mutter von der Gemeinschaft abwenden. Viele tragische Geschichten ehemaliger Mitglieder berichten davon.
Würde man einem Mormonen den Mormonismus von heute auf morgen entziehen, so wäre ein Zusammenbruch vorprogrammiert. Daher lässt sich auch erklären, warum die Loslösung von der Gemeinschaft für ein stark involviertes Mitglied Jahre dauern kann. Der Mormonismus gräbt sich tief in die Psyche der Menschen ein.
Weiter möchte ich an dieser Stelle aber auch angelehnte Themen, die den sozial-gesellschaftlichen Bereich betreffen, ansprechen.
Die Fragestellung könnte lauten: Wie sieht also ein ehemaliger Mormonen heute - mit neuer Einsicht und realitätsbezogenem Verständnis - das Leben eines Mitgliedes und dessen Einbindung in die Gemeinschaft.


2. Warum Mormone sein?

Wie bereits in der Einleitung beschrieben, muss es einen Grund geben, warum sich ein Mensch einer Sekte oder religiösen Gruppierung anschließt.

Die Konvertierten
Bei Konvertierten, so wie ich es einmal war, kommt es irgendwann einmal im Leben zu einer Entscheidung, die alles verändern wird. Der Eintritt in eine Sekte oder Gemeinschaft hat dies unweigerlich zur Folge. Natürlich gibt es bei jedem Menschen unterschiedliche Beweggründe, bzw. Hintergründe, aber etwas haben alle gemeinsam: Die Suche nach etwas, das bislang nicht oder nur teilweise vorhanden war. Ich nenne das Gesuchte das ICH - dem wahren Selbst, welches aufgrund des Erlebten in der Kindheit, nicht vollständig entwickelt wurde. Man spricht im Leben von Selbstfindung oder dem Weg zu sich selbst. Das ist fast schon eine Floskel geworden aber richtig betrachtet geht es im Leben genau um das. Ein Mensch dessen Werdegang von jungen Jahren an genau auf dieses Ziel hingesteuert hat, baut einen selbstbewussten Charakter auf, der den Weg durchs Leben selbst gestalten und eigene Träume erfüllt haben will. Er steht sozusagen auf "eigenen Beinen" und nimmt Teil an dem - nennen wir es einmal - Wunder der Individualität. Ihm ist ein Leben in erzwungener Uniformität fremd. Andere wiederum suchen genau in dieser Uniformität Halt, weil sie eben nur schlecht oder gar nicht auf eigenen Beinen stehen können. Damit es bei einem Menschen zum Aufbau dieses eigenen Charakters kommen kann, bedarf es einer gesunden Entwicklung von Kindesbeinen an. Als Kind brauchen wir die über uns stehenden Eltern und Regeln. Irgendwann sollte eine Loslösung von diesen Stützen erfolgen. In dieser Loslösung bildet sich das ICH. Je nachdem, wie unsere Erziehung und unser äußeres Umfeld auf uns einwirken, gelingt das mit mehr oder weniger Erfolg. Diejenigen unter uns, die aus diesem Prozess nicht vollständig herauskommen, bleiben auf der unbewussten Suche nach dem ICH. Man könnte auch sagen, dass der Mensch innerlich nicht richtig erwachsen geworden ist. Wird nicht nachgebildet, versucht man zu kompensieren. Und diese Kompensation spiegelt sich oft in der Angehörigkeit einer Sekte, Gemeinschaft oder anderen Bezugspunkten, wie etwa dem Suchtverhalten, wieder. Hier erhofft man sich den fehlenden Halt, den die Gemeinschaft anbietet, zu bekommen und gibt seine wenig vorhandene Individualität für eine in Abhängigkeit stehende Uniformität auf. Alles ist prinzipiell so wie in der Kindheit. Wir unterwerfen uns vorgegebenen Regeln, die wir nicht selbst aufgestellt haben und fügen uns in ein vorgegebenes System. Darin fühlen sich die Menschen dann sicher. Eine Sicherheit, die den hohen Preis des eigenen ICH fordert. Viele werden leider nie erkennen, dass ihr Weg in einer Sackgasse geendet hat und sie werden leider auch nie die Freiheit und Sicherheit verspüren, die ein eigenes ICH mit sich bringt.

Ich will mit dem Gesagten nicht aussagen, dass ein Glaube etwas Negatives wäre. Ein gesunder Glaube kann viele Energien freilegen und helfen, Ziele zu erreichen und Horizonte zu erweitern. Ich selbst glaube an eine höhere Instanz (höheres Wesen) und an ein jenseitiges Leben. Der Tod, wie wir ihn verstehen, existiert für mich nicht. Allerdings brauche ich für dieses eigene Weltbild kein "Zeugnis", keine ausgeübte Religion und vor allem keine Dogmen. Ich bin der Meinung, dass Religionen einen bestimmten Sinn erfüllen, deren Dogmen aber oft die Sicht vor dem Wesentlichen vernebeln. Aus meiner Sicht ist es falsch anzunehmen, dass es nur einen Weg zu Gott gibt. Es gibt viele, denn auch das Leben ist vielfältig. Missionarischer Eifer, Absolutheitsanspruch, Fanatismus und Dogmatismus führen unweigerlich in Sackgassen und zur Ausgrenzung. Glaube sollte die Eigenständigkeit des Individuums nicht beschneiden, in Abhängigkeit oder Isolation führen. Ein freier Glaube sollte dem Menschen dabei helfen, mehr zu sich selbst zu finden, eigenständig zu werden, Spiritualität zu entwickeln, Verantwortung zu übernehmen, sowie Toleranz und Freiheit des Denkens zuzulassen. Viel wichtiger als Dogmen ist die Bereitschaft, ein Leben in gutem und hilfsbereitem Miteinander zu führen, ohne Diskriminierung irgendeiner Gruppe von Menschen. Das Leben erblüht in einer Vielfalt. Wer auch immer dafür verantwortlich ist, wollte die Vielfalt des Lebens, nicht die Monotonie und Uniformität. Ein gesunder Glaube spiegelt in sich die Freiheit wieder, das Leben und den Glauben anderer zu respektieren.

3. Das Zeugnis

Das so genannte "Zeugnis" spielt eine zentrale Rolle im Leben eines jeden Mormonen. Es ist der eigentliche Beweggrund und das Fundament, auf welches der Glaube aufgebaut wird. Unter einem Zeugnis versteht ein Mormone ein "besonderes Ereignis", das ihm die Wahrheit und Richtigkeit seines Glaubens bestätigt. Dies geschieht meist in Form von Gefühlen, Stimmen oder Begebenheiten - die göttlichen Ursprungs sein sollen - und rein subjektiver Natur sind. Ein Zeugnis ist über allen Zweifel erhaben und gilt auch dann mehr, wenn alle rationalen Fakten und Tatsachen dagegen sprechen. Dadurch wird der Bezug zur Realität komplett ausgehebelt und ein Instrumentarium geschaffen, das einen erheblichen tiefenpsychologischen Einfluss hat. Der Mensch wird nun steuerbar und verliert ein wichtiges Kriterium der menschlichen Existenz: Die Nutzung seines Verstandes zur Unterscheidung zwischen Phantasie und Wirklichkeit.
Prinzipiell müssten Mormonen eigentlich selbst drauf kommen, dass ein Zeugnis nichts anderes als ein Subjektiverleben ist und in keiner Weise die Wahrheit oder Richtigkeit einer Religion oder Sachverhaltes bestätigt. Leider leben Mormonen aber in ihrer eigenen Welt, in der die Untersuchung und Betrachtung anderer Religionen und Glaubenden nicht Teil des Systems ist. Ansonsten würden Mormonen nämlich feststellen, dass diese "Zeugnisse" Bestandteil jeder Religion und jeden Glaubens sind. Der Zeuge Jehovas fühlt sich in seinem Glauben genauso bestätigt, wie der Moslem, der Baptist, der Hindu und der Katholik. Sie alle meinen den einzig wahren Glauben gefunden zu haben und führen dies auf die selben subjektiven Empfindungen zurück. Genau an dieser Stelle wird das "Zeugnis" entmachtet, da unlogisch. Falls man einen Mormonen auf dieses Problem anspricht wird er wahrscheinlich sagen, dass andere nur Teilwahrheiten haben oder deren Zeugnisse von Satan beeinflusst sind. Man nennt das Dissonanz Management. Wir werden beim Begriff der Apologetik näher darauf eingehen.
Bei all diesen Erlebnissen handelt es sich um Reaktionen unseres Unterbewusstseins und sie entstehen mit aufgrund unserer bewussten oder unbewussten Suche.
Es dürfte für einen Mormonen schwierig sein die wirklichen Hintergründe seiner subjektiven Empfindungen zu verstehen. Solange mit Hilfe der Indoktrination die Furcht geschaffen wird, beim Verlust des Zeugnisses, alle "himmlischen Segnungen" zu verlieren, hat man kaum eine Chance. Zu tief greifen existenzielle Ängste in die Psyche des Menschen ein: Ein Teufelskreis. Die wenigsten finden den Mut, das eigene Zeugnis zu hinterfragen. Aber allein hierin befindet sich der Schlüssel zur Erkenntnis und Weiterentwicklung.


4. Indoktrination

Die Indoktrination stellt eine Schlüsselfunktion in allen Sekten und Kulten dar, so auch bei den Mormonen. Ohne sie ist eine feste Bindung der Mitglieder kaum möglich. Um einen Menschen aber zu binden, muss ihm ein neues Weltbild auferlegt und das alte vernichtet werden. Der Aufbau eines solchen Weltbildes ist meist mit dem völligen Realitätsverlust verbunden. Es gilt die neue Ordnung und keine andere hat Gültigkeit. Diesen Prozess findet man aber nicht nur in Sekten und religiösen Gruppen wieder, auch politische Systeme, wie der Nationalsozialismus, der Sozialismus und der Kommunismus machen sich diese Methodik zu Eigen. Das neue Weltbild wird prinzipiell aus den bestehenden Lehren gebildet. Damit es Fuß fassen kann, ist ein intensives "Arbeiten" mit dem Betreffenden notwendig. Dazu bedienen sich die Gruppen meist fester Vorgehensweisen. Auch die Mormonen haben feste Muster der Indoktrination:

Methodik
Phase 1: Zeugnisbildung:
Die Missionare verabreichen "leichte Kost" und führen den Untersucher anhand von vorgefertigten Diskussionen zum Zeugnis und zur Taufverpflichtung

Phase 2: Zeugnisfestigung:
Nach der leichten Kost erfolgt präzise angelegte Unterweisung in speziellen Klassen und der Zuweisung von Heimlehrern und Besuchslehrerinnen (Interne Kontrollorgane). Hilfsmittel sind auch die so genannten Bekehrtentaufen-Kontrolllisten.

Phase 3: Weitere Verpflichtungen:
Das Mitglied bekommt Aufgaben (Berufungen) und wird so in den Kreislauf mit aufgenommen, wird Teil des Systems und beginnt sich damit zu identifizieren. Diese Identifizierung führt im Idealfall zur höchsten mormonischen Verpflichtung: Dem Tempelendowment. Der Tempel ist ein Ort tiefster Indoktrination. Nichts wirkt im Leben eines Mormonen so verpflichtend, wie die dort eingegangenen Bündnisse. Bis 1990 wurden diese mit Androhung der Todesstrafe eingeschärft!!

Phase 4: Beschäftigung und Wiederholung
Das Mitglied hat den Glauben an die elitäre Besonderheit der eigenen Gruppierung angenommen und beginnt diese zu verkörpern. Durch feste Integration, Überwachung (Interviews) und beständiges Repetieren der Doktrin (auch in Form von Ritualen) wird sichergestellt, dass das Mitglied im Sinne der Gemeinschaft handelt und denkt. Über die Jahre entsteht ein tiefes Abhängigkeitsverhältnis und eine komplette Vereinnahmung der Seele des Mitgliedes. Je länger dieser Zustand anhält, desto schwieriger ist der Loslösungsprozess.


Apologetik
Ein besonderes Phänomen innerhalb der Indoktrination stellt die Apologetik dar. Ich bin auf dieser Homepage schon gesondert und ausführlich auf das Thema eingegangen (siehe Apologetik).
Dass ein Mensch, der sich nur oberflächlich mit Fakten und Tatsachen beschäftigt (und dies stellt einen Großteil der Mormonen dar) relativ leicht indoktriniert werden kann, scheint klar. Dass aber selbst Gelehrte unter den Mormonen, die sich mit den vielen Widersprüchen des Mormonismus auseinandersetzen, nicht von der Realität überzeugt werden können, ist eben ein Phänomen, welches psychologische Ursachen hat. Ich wiederhole hier dazu zwei Punkte aus dem Artikel Apologetik:

1. Realitätsverschiebung
Dieses Phänomen findet überall dort statt, wo Ideologien oder Religionen, das Weltbild eines Menschen beeinflussen oder bilden. Anstelle des eigenen Weltbildes, tritt das von der "Lehre" vorgegebene und ersetzt dieses weitgehend. Menschen, die in einer Religion oder Ideologie aufgewachsen sind, unterliegen diesem Vorgang meist noch intensiver, als Konvertierte. Es ist daher für Aussteiger oft schwierig, diese psychologische Barriere zu überwinden und wieder zu sich selbst zu finden.
Obwohl Apologeten, wie bereits erwähnt, meist über eine solide Ausbildung und Qualifikation verfügen, greift bei der Ausübung der Apologetik eben diese Realitätsverschiebung und die wissenschaftlichen Argumente driften ins Irreale ab. Die Folge sind spekulative Theorien und Hypothesen, wie sie mannigfaltig auf dieser Site diskutiert wurden. Ein schönes Beispiel dafür sind Nibleys zahlreiche Theorien zum Buch-Abraham-Problem.
Da der Glaube prinzipiell den dominierenden Bereich der Psyche darstellt und nicht der Ratio, muss es notwendigerweise immer eine Erklärung geben, da der Glaube ja "wahr" ist. Dies erklärt auch die teilweise akrobatischen Bemühungen, Dinge zu beweisen oder zu erklären, die nicht zu bewiesen sind, da schlichtweg unmöglich. Im Glauben aber ist alles möglich und die Realität wird verdrängt, bzw. durch eine "neue" Realität ersetzt. Eng in Verbindung mit der Realitätsverschiebung steht der nächste Punkt.

2. Reduzierung von Dissonanz
Kognitive Dissonanz (eine das Erkennen/Wahrnehmen betreffende Unstimmigkeit) resultiert meist aus einer Desillusion, die durch das Nichteintreffen eines den Glauben betreffenden Ereignisses entsteht. (Z.B. Das Kommen Christi datiert und nicht eingetroffen)
Solche Desillusionen gibt es in allen Religionen, besonders dort, wo angebliche Voraussagen gemacht werden, die dann nicht eintreffen oder sich als richtig angenommene Ereignisse, als falsch herausstellen. Im Mormonismus gibt es eine Vielzahl von Ereignissen und Fakten, die im Gläubigen eben diese kognitive Dissonanz auslösen. Diese Dissonanz erzeugt Unbehagen, das vom Betreffenden unbedingt eliminiert werden will. Die betreffende Person wird dann verschiedene Wege einschlagen, um diese Dissonanz, bzw. das resultierende Unbehagen, zu eliminieren: (1) Änderung eines oder mehrerer Glaubensgrundsätze, Meinungen oder Verhaltensweisen. (2) Erwerb neuer Informationen oder Glaubensgrundsätze, welche den bestehenden Einklang verstärken und somit die gesamte Dissonanz reduzieren. (3) Die Wichtigkeit solcher Wahrnehmungen vergessen oder reduzieren, die im dissonanten Verhältnis stehen.
Der Mormonismus ist voller Beispiele, die dies belegen. Die Lehre der Mormonen hat sich über all die Jahre immer wieder angepasst und verändert, nur um bestehen zu können und F.A.R.M.S. hat sich als wahrer Meister dieses Vorgangs entpuppt.

Die Apologetik ist ein besonders trügerisches Phänomen, da es den Verstand, der ja für die Realitätsrückgewinnung notwendig ist, neu "kalibriert", wobei Fakten und Tatsachen in veränderte Sichtweisen gebracht werden, um so dem bestehenden Weltbild zu entsprechen.

Ein sehr guter Artikel, von Dipl.-Psych. Dieter Rohmann, gibt weitere Einsichten zum Thema. Ich zitiere daraus:

"Allen Kulten ist gemein, dass ihnen eine autoritäre Führergestalt vorangestellt ist, der die Mitglieder absoluten Gehorsam und ergebene Treue entgegenbringen müssen. Es wird eine stark in sich geschlossene Lehre vermittelt, welche die absolute Wahrheit darstellt und nicht hinterfragt werden darf. Meist handelt es sich um synkretistische Ideologien, die auf traditionellen religiösen Hintergründen basieren; zunehmend jedoch auch um sog. "Psychokulte". Im Zentrum der diversen Ideologien steht immer ein Heilsversprechen, das die Verbesserung, Rettung und Erlösung der Welt und/oder des einzelnen Mitglieds beinhaltet - allerdings nur unter der Bedingung, dass sich das Kultmitglied dem Führer und seiner Lehre kritiklos unterordnet. Die Mitglieder und deren Alltag sind in der Regel straff organisiert, wobei zu Beginn nach dem Prinzip der stufenweisen Vermittlung von Informationen (je nach "Bewusstseinsstufe" des Einzelnen) vorgegangen wird. Gruppendynamische Prozesse wie Konformität, gemeinsame Zielsetzung, Rollenverteilung und die verbindliche Definition von Normen und Werten führen zu einer kultspezifischen Sozialisation, die zur Verinnerlichung und Verbreitung der Kultideologie führt.
Schrittweise Sozialisation und Indoktrination führen schließlich zu einer Bewusstseinskontrolle, die sich durch den gezielten Einsatz bestimmter Techniken, wie Verhaltens-, Gedanken-, Gefühls-, Informations- und Milieukontrolle, mystische Manipulation, Manipulation der Sprache, Vorrang der Lehre vor dem Menschen, Zu- und Aberkennung der Existenzberechtigung sowie der Entzug von Privatsphäre manifestieren. Täuschung und finanzielle Ausbeutung kommen fast unmerklich bereits zu Beginn zum Einsatz."


Gehorsam den Führern gegenüber
Mormonen wird intern geraten:

... lernen sie zu tun was man ihnen sagt; ob alt oder jung: lernen sie zu tun was man ihnen sagt für die Zukunft ... Wenn sie jedoch von ihrem Führer gesagt bekommen sie sollen etwas tun, dann tun sie es. Es hat sie nicht zu interessieren, ob es richtig oder falsch ist. (Heber C. Kimball, 1857)

Wenn unsere Führer sprechen, dann hat das Denken aufgehört. Wenn sie einen Plan vorschlagen, dann ist es Gottes Plan. Wenn sie den Weg zeigen, dann gibt es keinen anderen der sicher wäre ... Anders zu denken, ohne sofortige Umkehr, kann einem den Glauben kosten, könnte dessen Zeugnis zerstören und ihn als Fremder im Königreich Gottes zurücklassen. (Heimlehrbotschaft, "Die Generalautoritäten der Kirche unterstützen", 1945)



5. Aufopferung und Zehntengelder

Ich möchte das Thema Zehnten und Aufopferung in Zusammenhang mit der angesprochenen Problematik behandeln, weil ich es für ein ziemlich schmerzhaftes und teilweise auch trauriges Kapitel halte.
Mormonen sind aufgrund ihrer religiösen Verpflichtungen zu lebenslanger Aufopferung verpflichtet. Im Tempel geloben sie, alles, was in ihrem Besitz steht, sowie ihre Zeit und Talente, der Mormonenkirche zu weihen. Dazu kommen die monatlichen Zehntengelder und zusätzlichen Spenden. Daraus resultieren erhebliche Belastungen, die vor allem für die Familien zu Grenzbelastungen werden.
Ich habe mich kürzlich mit einigen befreundeten Aussteigern unterhalten und wir kamen zu dem Schluss, dass das Geld, was uns heute als Eigenkapital für ein Haus fehlt, sang und klanglos in den Geldbeutel der Mormonen geflossen ist. Viele von uns, die über ein Jahrzehnt oder länger dabei waren, haben z.T. 100.000.- DM (~50.000 €) an Zehntengelder entrichtet. Ein unvorstellbare Summe. Die monatlichen Zehntenbelastungen, waren für jede wachsende Familie eine Bürde (wenn auch subjektiv oft nicht so empfunden). Viele der Mormonenfamilien überziehen monatlich ihre Konten und müssen sich einschränken, wo es nur geht. Im Jahre 2000 meldeten 1 aus 46 Haushalten in Utah Zahlungsunfähigkeit an. Damit steht Utah an der Spitze der amerikanischen Staaten. Die Führer der Kirche schieben das Problem auf den falschen Umgang mit Geld, um nicht einsehen zu müssen, dass die Segnungen des Zehnten ausbleiben. Hinzukommen Sonderausgaben, die jedes Mitglied entrichten muss. Am stärksten betroffen sind die Mitglieder, die in Führungspositionen unendlich viele Kilometer zurücklegen müssen, ihr Auto verschleißen und keinen Pfennig dafür sehen. "Gesetz der Weihung" eben. Aus Scham wenden sich viele der Familien dann nicht an den örtlichen Bischoff, um in ihrer Not etwas zu erhalten. Als Zweigpräsident erhielt ich für meine Gemeinde so wenig Geld für das Budget, dass eine Verwaltung, ohne das weitere finanzielle Engagement der Mitglieder, nicht möglich gewesen wäre.
Dabei stellt sich mir zunächst auch die Frage, ob ein System wie der Zehnte überhaupt gerecht ist. Natürlich muss jede Organisation von etwas leben. Ohne Geld geht auch in der "einzig wahren Kirche" rein gar nichts. Aber ist das "göttliche" Gesetzt den gerecht?

Mormonen berufen sich beim Zehnten auf das Alte Testament und ein jeder Missionar wird seinem Untersucher predigen, dass 10% doch für jeden gleich sind. Wirklich?
Nun, stellen wir einmal zwei Familien gegenüber:
Familie 1 hat fünf Kinder und ein monatliches Einkommen von 2300.- €. Davon fließen jeden Monat (Bruttozehnten) 230.- € ab. Geld, das Familie 1 mit fünf Kindern bitter notwendig hat. Familie 2 hat zwei Kinder und ein monatliches Einkommen von 6.000.- €. Davon fließen jeden Monat 600.- € ab. Es bleiben also noch 5.400.- € für den Rest der laufenden Kosten!
Wo ist den hier bitte die Gerechtigkeit? Während Familie 1 am Existenzminimum lebt, spürt Familie 2 kaum etwas von dem Verlust und kann noch gut leben. In keinem modernen, sozial-orientierten Land wäre so etwas möglich. Hier würde man Einkommen, Anzahl der Kinder und sonstige Belastungen berücksichtigen. Es scheint, als ob das Finanzierungssystem Gottes hoffnungslos veraltet und sozial ungerecht ist.
Mormonen argumentieren natürlich, dass die "Segnungen des Zehnten" alles wieder gutmachen. Aber das ist ein Trugschluss. Meine Frau und ich haben festgestellt, dass wir nach unserem Austritt von den Mormonen zunächst einmal unsere Finanzen saniert haben und heute finanziell besser situiert sind, als jemals zu Zeiten unserer Mitgliedschaft. Wir sparen Hunderte von € jeden Monat und das, was wir früher als Segnungen interpretiert haben, geschieht heute nach wie vor. Aber das hat nichts mit Segnungen zu tun. Unsere Waschmaschine läuft auch heute noch ohne Reparaturen, ohne dass der Herr das Getriebe segnen muss, usw..
Manche Mitglieder sprechen von "Wundern", in Zusammenhang mit dem Zehnten. Dazu sei gesagt, dass wenn überhaupt, der Glaube (Beeinflussung unseres Unterbewusstseins) an eine Sache selbst eine Reaktion hervorruft und nicht das Befolgen des Gebotes selbst. Der "Mechanismus des Glaubens" (siehe Murphy) funktioniert überall und unabhängig von einer bestimmten Religion oder Gruppierung. Es handelt sich dabei um Suggestivkräfte, die sich auch solche bewusst und unbewusst zu Nutze machen, die überhaupt nicht religiös sind.

Neben den finanziellen Belastungen der Mitglieder treten immer mehr gesundheitliche Folgen in Zusammenhang mit deren Aufopferung zu Tage. Besonders bei solchen, die 100%ig ihre Arbeit erfüllen wollen und verantwortungsvolle Berufungen inne haben. Die Kombination aus Beruf, großer Familie und den Aufgaben in der Gemeinschaft, wachsen vielen über den Kopf und es kommt zu Stresskrankheiten (während es sich andere Mitglieder eher gemütlich machen). Allein in meiner alten Gemeinde gab und gibt es mehrere Fälle, die teilweise bis zur Arbeitsunfähigkeit geführt haben. Darunter Magenprobleme, Erschöpfungszustände, Depressionen, Gehörstürze, Kopfschmerzen, plötzliche Ohnmachten und andere Symptome. Leider nehmen diese Mitglieder die Warnsignale des Körpers und der Psyche nicht wahr. Man versucht Erklärungen zu finden, denn eigentlich darf so etwas ja nicht sein (Dissonanz Management). So müssen es halt Prüfungen sein, die der Herr auferlegt und die es gilt zu bestehen. Würde einem Außenstehenden - oder noch schlimmer, Abtrünnigen - so etwas zustoßen, so wird man sagen, dass es sich um Mangel an Segnungen handelt. Zu einem Eingeständnis der Missstände wird es nicht kommen, weil man sonst das System kritisieren und Zweifel an der göttlichen Führung äußern würde.
Leider gehen die Führer der Kirche unsensibel mit dem Problem um. Mitglieder die ohnehin schon sehr belastet sind, wird meist eine große Berufung übertragen, ohne die Folgen zu bedenken. Man versteckt sich hinter dem Deckmantel Inspiration und weiß, dass die meisten eine Berufung ohnehin niemals ablehnen würden. Ein Teufelskreis, der seine Opfer fordert.
Als ich vor 1999 als Zweigpräsident das Handtuch geworfen habe, bin ich diesem Schicksal gerade noch entgangen. Auch mich plagten wegen der Überlastungen gesundheitliche Probleme und glücklicherweise hatte ich den Mut, die Notbremse zu ziehen. Andere werden ihr Leben lang leiden müssen. Schöne heile Welt.....


6. Mormonen und Psychologie

Ich möchte mit diesem Teil vor allem dem apologetischen Schreiben von René A. Krywult (das seit einiger Zeit plötzlich aus dem Internet verschwunden ist aber unter www.archive.org noch zu finden ist) widersprechen, das ich für ein typisches Beispiel von mormonischem Wunschdenken und Realitätsverschiebung halte. Hier werden Randfakten generalisiert und ein völlig falscher Eindruck vermittelt.
Mormonen hören es nicht gerne, wenn man feststellt, dass ihr Glaube die Psychologie prinzipiell skeptisch beurteilt. Hier, wie auch bei der Fragestellung, ob Mormonen anti-intellektuell sind, muss man differenzieren. Natürlich gibt es auch Mormonen die den Beruf eines Psychologen ausüben und es wurde einem Mitglied sicher auch schon einmal geraten, einen Psychologen aufzusuchen aber dies sind mehr die Ausnahmen. Meine Erfahrung aus 14 Jahren zeigt, dass der Großteil der Mormonen der Psychologie eher fremd gegenüber steht und allenfalls ein kleiner Teil der Mitglieder sich aufgeschlossen gibt. Gespräche, die ich mit diversen Psychologen geführt habe zeigen auf, dass versierte und informierte Psychologen dem Mormonismus in keiner Weise neutral gegenüberstehen, wie sie es etwa bei den anerkannten christlichen Religionen sind. Es wird klar zwischen Sekte und harmloseren Religionen unterschieden.
Bei Mormonen, die selbst Psychologen sind, tritt das gleiche Phänomen zutage, wie bei den Intellektuellen der Gemeinschaft (siehe Apologetik). Um ihr Wissen mit dem mormonischen Glauben in Einklang zu bringen, müssen sie ihre Dissonanzen reduzieren (siehe oben). Ich würde daher auch nicht behaupten, dass Mormonen anti-intellektuell sind. Dem Großteil der Mormonen mangelt es nur an der intellektuellen Hinterfragung ihres Glaubens, während ein kleinerer Teil von Intellektuellen Dissonanz Management betreibt.
Es ist allerdings an dieser Stelle interessant zu erwähnen, dass Mormonen die Homosexualität u.a. als "mentales Gesundheitsproblem" betrachten, welches einer therapeutischen Behandlung bedarf (siehe Mormonismus und Homosexualität).

Pseudo-psychologische Betreuung durch Laien
Den wenigsten Mitgliedern wird also jemals wirklich geraten werden, bei einem ernsteren Problem, einen Psychologen aufzusuchen. Um es genauer auszudrücken: Man wird ein psychisches Problem erst gar nicht erkennen. Mormonen haben ihre eigene Psychologie, die sehr einfach gestrickt ist: "Gott heilt alle Wunden". Und so werden die Mitglieder ihr ganzes Leben lang die Aufforderung hören, zu beten, zu studieren und mit ihrem Bischoff oder Heimlehrer zu sprechen. Diese sind aber nur Laien, die in der Regel nichts anderes vermitteln, als das, was die Handbücher vorgeben. Die eigentlichen Probleme der Mitglieder werden unbearbeitet bleiben. Ich erinnere mich an ein Mitglied, das mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte und den "weisen" Rat eines anderen Mitgliedes empfing: "Die Liebe Gottes wird alles richten." Ein anderes, noch sehr junges Mitglied, litt offensichtlich an Depressionen und wandte sich darum an einen älteren Priestertumsführer. Der "diagnostizierte", - ganz typisch für die Mormonen - das wahrscheinliche Vorhandensein von Sünden und riet dem Betreffenden umzukehren, damit seine Probleme gelöst werden würden. Jahre später stellte sich die wahre Ursache der Depressionen heraus. Solche Beispiele gibt es noch viele.
Als Zweigpräsident hatte ich einen jungen Zweig zu leiten, der zur Hälfte aus sozial schwachen und mit psychischen Problemen behafteten Mitgliedern besetzt war. Eine Herausforderung, der man als Laie nicht gewachsen ist. Viele hätten professionelle Hilfe gebraucht. Ich kenne nur sehr wenige Mormonen, die bei Bedarf den Weg zu einem Psychologen gesucht haben. Weiter ist es interessant zu wissen, dass der Verbrauch des Antidepressivums Prozac in Utah 60 Prozent über dem US- Durchschnitt liegt und besonders die Frauen unter den Mormonen zum Medikament greifen. Für was ein so glückliches Volk wohl Antidepressiva braucht? (Siehe dazu: Belastungssyndrom und Antidepressiva)



7. Auswirkungen des Mormonismus
(Punkt 7 ist ein Auszug aus einem Artikel von infoSekta, den ich besonders in diesem Punkt für sehr gelungen halte)

Fremdbestimmung und Ausgrenzung
Aus der sehr starren Verteilung der Geschlechterrollen heraus ergeben sich große Schwierigkeiten für Paare, die aus irgendwelchen Gründen keine Kinder haben können oder wollen. Freiwillig oder unfreiwillig Alleinlebende geraten bei dieser Verherrlichung der Familie erst recht an den Rand, zumal dereinst nur in den höchsten der drei Himmel eingelassen wird, wer eine Ehe 'vorweisen' kann, die auch für die Ewigkeit gilt, d.h. nach einem Mormonenritual geschlossen wurde.
Da die einzig legitime Form gelebter Sexualität sich auf die heterosexuelle, mindestens zivilrechtlich geschlossene Ehe beschränkt und ein Zuwiderhandeln mit Exkommunikation bestraft werden kann, geraten weitere Menschengruppen massiv unter moralischen Druck. Nicht zuletzt die Jugendlichen, die dadurch jede Regung ihres Körpers als schuld- oder sündhaft erfahren. Viele heiraten daher sehr früh - oft sind sie kaum 20 Jahre alt - und haben Kinder, bevor sie die Gelegenheit hatten, noch unbelastet von so großen Verpflichtungen ihren Platz in der Welt zu suchen und zu finden.

Verlust bisheriger sozialer Bindungen
Elitebewusstsein, Missionierungsdruck und das auf das Jenseits gerichtete Weltbild schaffen einen kaum überwindbaren Graben zwischen Mormonen und Nicht-Mormonen. Zudem ist das Mitglied zeitlich und kräftemäßig derart in kirchliche Aufgaben eingebunden, dass es kaum dazu kommt, Kontakte ausserhalb zu pflegen. Bisherige soziale Beziehungen versanden, da sich die Wertsetzungen soweit verschieben, dass kaum mehr Gemeinsames übrigbleibt. Beide erhalten das Gefühl, nicht mehr zum andern vordringen zu können. Für den Mormonen scheitert es daran, dass der andere ihn nicht verstehen will oder kann, wobei für ihn "Verstehen" nur heißen kann, die Lehre vom Standpunkt eines Gläubigen aus zu sehen und sie demzufolge auch zu übernehmen. Nicht-Bekehrungswillige erhalten zunehmend den Eindruck einer unsichtbaren Wand, die sich zwischen ihnen und dem bisherigen Freund aufrichtet, der Freund wird immer fremder und unnahbarer. Da die Diskussionen von beiden je länger je mehr als fruchtlos empfunden werden, wird die Beziehung abgebrochen oder 'schläft ein'.

Eigenwahrnehmung und unerreichbares Ideal
Die Eigenwahrnehmung beginnt sich zu ändern, indem sich das neugewonnene Mitglied nicht mehr darüber definiert, was es mit sich und andern erlebt, sondern sich zunehmend an dem idealisierten Bild eines perfekten Mormonen misst. Dieses Bild ist aber insofern unrealistisch, als ein vollkommenes Leben in absolutem Einklang mit der Lehre nicht nur menschliches Maß übersteigt, sondern auch ein Auslöschen der individuellen Persönlichkeit erfordern würde. Das Mitglied bleibt also trotz großer Anstrengungen stets in seiner Eigenart, in seiner 'Unzulänglichkeit' wie es meint, 'gefangen'. Dabei verliert es allmählich die realistische Einschätzung seiner wirklichen Fähigkeiten und Kompetenzen und wird dadurch besonders anfällig für Manipulationen, die mit Schuld- oder Angstgefühlen operieren.

Psychische Beeinträchtigung
Der spontane innere Dialog, die persönliche Auseinandersetzung mit sich und der Welt, wird zunehmend in engere Bahnen gelenkt, bis nur noch ein kleiner Kanal übrigbleibt, der zum angestrebten mormonischen Ideal passt. Alles andere muss ausgeblendet werden, 'versickert' sozusagen unbesehen und ungenutzt. Ein großer Teil der eigenen Persönlichkeit bleibt somit ständig unterdrückt, zudem unterhöhlt ein hartnäckiges Gefühl der Unzulänglichkeit das Selbstwertgefühl. Dies bildet die psychische Grundlage für Depressionen, Angstzustände, aber auch für chronische, körperliche Beschwerden. Mössmer (1995, S. 220) gibt denn auch an, dass amerikanische Mormonen mehr Beruhigungs- und Aufputschmittel konsumieren als der durchschnittliche Amerikaner.

 

8. Der Ausstieg

Der Ausstieg aus einer Sekte oder religiösen Gruppierung ist meist ein schwieriger Prozess. Es dauert oftmals nicht lange, sich einem Glauben anzuschließen. Ihn aber wieder zu verlassen, kann Monate oder Jahre in Anspruch nehmen und ist nicht selten mit psychischen Problemen verbunden.
In der Regel kommt es nicht von heute auf morgen zu dem Entschluss, die Gemeinschaft zu verlassen. Der Ausstieg ist ein Prozess, den man in folgende Abschnitte unterteilen könnte:

  

Schwierigste Lebensphasen

Mitgliedschaft 
in der Sekte 
Phase 
des Zweifels
Ausstieg Desorientierung Neuorientierung Definition neuer Lebensinhalte Neuer Lebensstil
  

(Bildquelle: Infolink)

Der Gesamtprozess kann sich, wie bereits erwähnt, mehrere Monate oder Jahre hinziehen, je nach dem, wie sehr man in die Gemeinschaft involviert war und wie tief die Indoktrination gegriffen hat.
Die Ablösungsphase wird eingeleitet, indem auf emotionaler oder rationaler Ebene ein Denkprozess in Gang gesetzt wird, der das Hinterfragen des eigenen Glaubens zulässt - Zweifel. Dieser Denkprozess ist Voraussetzung dafür, eine neue, objektive Sichtweise zu entwickeln. Das Ingangsetzen des Denkprozesses steht in direktem Zusammenhang mit dem sich loslösenden ICH, welches nun beginnt nach eigenem Wachstum und Selbstständigkeit zu streben (siehe oben). Ist dieser Prozess soweit gediehen, dass das ICH die Oberhand gewinnt, kommt es zur Entscheidungsphase, die oft sehr schmerzlich ist und viel Kraft braucht - Ausstieg. Es ist daher von Vorteil, wenn dem Betreffenden jemand zur Seite steht.
Die Phase der Neubildung besteht nun aus einem inneren Umbruch. Nachdem der Entschluss zum Ausstieg gefasst worden ist, muss nun das alte, indoktrinierte Weltbild, durch ein eigenes, neues Weltbild ersetzt werden. Ein nicht ganz einfaches Unterfangen. Es besteht die Gefahr der Rückfälligkeit oder der Flucht in ein anderes "Ersatzprogramm". Prinzipiell lernt der Betroffene nun, auf eigenen Beinen zu stehen und das ICH auszubilden.
Man sollte sich dazu Zeit lassen und wenn nötig, Hilfe in Anspruch nehmen. Dazu gibt es mehrere Möglichkeiten:

1. Austausch und Gespräche mit vertrauten Personen
2. Austausch und Gespräche mit ehemaligen Mitglieder (dazu auch Foren und Mailinglisten)
3. Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe / Seminareveranstaltung
4. Professionelle Hilfe durch einen Psychologen

Infolink bietet Seminare zum Thema Sektenaussieg (nicht nur ZJ). Referent ist der bekannte Psychologe Dieter Rohmann, der zu den wenigen Therapeuten zählt, die sich ganz gezielt mit der Sektenproblematik befasst haben (www.kulte.de).

Wichtig könnte auch sein, Abstand von der religiösen Gruppierung zu finden und missionarische Bemühungen, die in jedem Falle kommen werden, zu unterbinden.

(Informationen zum Thema Austritt)

Lohnt es sich?
Der Weg aus einer Sekte ist, wie gesagt, mühsam und steinig aber es lohnt sich allemal.

"Der Weg zu sich selbst ist der einzige Weg, bei dem das Individuum das erreicht, wofür es sich wirklich zu leben lohnt. Wenn es tatsächlich einen definierbaren Sinn des Lebens geben sollte, dann kommt der Weg zu sich selbst, diesem sicher am nächsten." (Holger Rudolph)

Oder um es mit den Worten Laotses zu sagen:

Am Ende deiner Reise wirst du nicht gefragt: 'Bist du ein Heiliger geworden oder hast du für das Heil der Menschen gekämpft?' Die einzige Frage, die du dann beantworten musst, lautet: 'Bist du du selbst geworden?' "