Die Mormonen - Zwischen 'Wahrheit' und Wirklichkeit

Mormonen und die Indianer

Forrest Cuch, ein gebürtiger Navajo (State Director of the Division of Indian Affairs), machte foldende Aussage in bezug auf die Beziehungen zwischen Mormonen und Indianern:

"Es ist Propaganda, daß die mormonischen Pioniere und weißen Siedler in Utah, die amerikanischen Indianer besser behandelt hätten wie Leute in anderen Gebieten. ... Viele Stämme haben sich noch nicht erholt ... ." (http://www.sltrib.com/02132002/utah/176110.htm)


"Die Mormonen möchten, dass wir ganz verschwinden"

Immer an den Rand gedrängt: Utahs Ureinwohner erfahren auch bei Olympia nur wenig christliche Nächstenliebe.

Von Cornel Faltin

Salt Lake City - Die Szene hat etwas traurig Beklemmendes. In der hintersten Ecke eines riesigen Parkplatzes des mondänen Ski-Gebietes Canyons, einen Steinwurf vom Olympic Park entfernt, tanzt eine Gruppe Ute-Indianer in ihren farbenprächtigen Ledergewändern traditionelle Formationen.
Ein Trommler mit langen, grauen Haaren sorgt für den Takt, während ein anderer Stammesangehöriger die wild anmutenden Tänze mit einem monoton klingenden Gesang unterstützt. Die Zahl der Tänzer und Musiker übertrifft die der Zuschauer bei weitem. Verloren stehen einige Skifahrer an ihre Autos gelehnt und sehen dem Treiben zu. David Cuch, ein gebürtiger Navajo, hat sich zur Aufgabe gemacht, den Olympia-Besuchern die Ureinwohner des Staates Utah zu präsentieren. "Das ist sehr schwer, da wir leider fast kein Geld haben und ausschließlich auf Spenden angewiesen sind", erzählt der Nachkomme der Indianer.
Seit Jahren arbeiten der junge Mann mit den glänzenden schwarzen, zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren und einige Gleichgesinnte daran, den Sportlern und Gästen aus aller Welt zu zeigen, welch große Kultur sie haben und dass sie die ersten Siedler des teilweise schroffen Landes rund um den Großen Salzsee waren.
Das Olympische Komitee hat den fünf Stämmen bei der Eröffnungsfeier einen ganzen Abschnitt gewidmet. Da durfte getanzt und getrommelt werden, und die Stammesältesten in voller Montur mit Federschmuck und farbenfrohen Gewändern nahmen von Sportlern Zweige als Zeichen der Freundschaft entgegen und segneten die Athleten im Gegenzug.
"Das war ein sehr schöner Auftritt", erinnert sich Cuch. Der studierte Diplomvolkswirt weiß natürlich, dass sich Indianer im Federschmuck und mit traditionellen Tänzen immer gut verkaufen. Als Cuch um Geld für eine Präsentation der Indianer während Olympia bat, bekam er statt der erhofften Dollar und Hilfe nur die kalte Schulter.
Nach dem Motto "Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan" kümmerte man sich nicht mehr um die Ureinwohner Utahs. Vergeblich baten Stammesmitglieder die Vertreter der reichen Ski-Orte Park City, Deer Valley und Snowbasin um Geld und Platz, wo sie ihre Geschichte zeigen konnten.
Als man aufgeben wollte, erbarmte sich der Besitzer des Canyons-Skigebietes und bot Cuch an, dass er ein 3000 Quadratmeter großes Stück Land, das ungenutzt vor sich hindümpelt, für seine Zwecke haben könne.
In wochenlanger Arbeit haben er und viele andere Stammesbrüder dort das größte Tipi der Welt errichtet. Es ist 15 Meter hoch und hat einen Durchmesser von 19 Meter. Die Gesamtkosten für die 17 Tonnen schwere Konstruktion, die einmal im Guinness-Buch der Rekorde verewigt werden soll, betrugen 45 600 Dollar. In dem großen Zelt verkaufen Indianer handgefertigten Silberschmuck, Schnitzerein, Wolldecken und nicht ganz so Traditionelles, Navajo-Burger oder Ute-Tacos. Es gibt Informationsbroschüren und Stammesangehörige, die den wenigen Besuchern, die hin und wieder hereinschauen, Auskunft über alles Wissenswerte geben.
Cuchs größtes Problem ist, dass das Olympische Komitee entlang der Straße keinerlei Plakatwerbung erlaubt. "Wir sind quasi auf Laufkundschaft, das heißt Parkplatzbenutzer oder vorbeifahrende Autos, die das große Tipi sehen, angewiesen", lamentiert Cuch.
Auch Tuhani Crow, einer der Tänzer, die sechs Stunden Autofahrt auf sich genommen haben, um ihre Kunst zu zeigen, ist deprimiert und meint: "Wir werden wieder einmal an den Rand gedrängt und am liebsten hätten die Mormonen, dass wir ganz verschwinden."
Geschichtsprofessor Tom Alexander von der örtlichen Brigham Young-Universität stimmt diesem Vorwurf zu. "Leider hat es Tradition, dass die Mormonen die Indianer an den Rand drängen und abschieben wollen in Reservate. Das begann Ende des 19. Jahrhunderts, als man Tausende der Ureinwohner von ihrem Land vertrieb und teilweise verhungern ließ", erzählt Alexander.
Verhungern muss keiner der Ute, Navajos und all der anderen am Parkplatzrand von Canyons, aber anstatt der erhofften Präsentation ihrer stolzen Kultur bleiben am Ende der Spiele nur Schulden für Strom, Wasser und den Bau des Zeltes. David Cuch hofft, dieses Problem auf ganz moderne Art zu lösen. "Wir werden das Tipi bei e-bay im Internet versteigern."

Quelle: Hamburger Abendblatt vom 20.02.2002