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Gott war einst ein Mensch
Unter Polytheismus versteht man zunächst den Glauben an viele Götter,
so wie es einst die Römer und Griechen praktizierten. Der mormonische Polytheismus
ist jedoch anderer Natur. Die Mormonen verehren nur einen Gott, glauben aber,
dass es neben diesem noch viele andere gibt, die wie er, erhöhte Menschen
sind. Demnach war auch Gott selbst einmal ein Mensch, der durch Lernen, Prüfung
und Wachstum zu einem Gott herangereift ist.
Joseph Smith lehrte in seiner berühmten King Follet Ansprache folgendes:
"Gott selbst war einmal wie wir jetzt sind und ist ein
erhöhter Mensch und sitzt erhöht im Himmel. Das ist das große
Geheimnis. Wenn der Schleier heute durchtrennt werden würde und der
große Gott, der diese Welt in seiner Umlaufbahn hält und der
alle Welten und alle Dinge durch seiner Macht aufrechterhält, sich
sichtbar machen würde, - Ich sage, wenn ihr ihn heute sehen könntet,
würdet ihr ihn in menschlicher Form sehen -- wie euch selbst, in ganzer
Person, Abbild und Form wie ein Mensch; denn Adam wurde genau in dieser
Weise als Abbild und Gott ähnlich erschaffen, und empfing Anweisungen,
lief, sprach und unterhielt sich mit ihm, wie ein Mensch mit dem anderen
redet und kommuniziert." (King Follett Discourse, Journal of Discourses,
Band 6, S.1-11)
Der Ort, an dem ein Mensch sich auf das Gottwerden vorbereiten soll ist die
Erde. Diese spielt im "Plan der Erlösung" eine zentrale Rolle.
Der Plan der Erlösung
Gemäß der Doktrin hat Gott Vater eine Frau im Himmel, mit der er
gemeinsam sehr viele "Geistkinder" gezeugt hat. Diese befanden sich
vor Erschaffung der Erde alle in einem körperlosen Zustand in seiner
Gegenwart. Die Erde wurde dann unter Anweisung des Vaters (Elohim) vom vorirdischen
Christus (Jehova) - gemeinsam mit Adam (Michael) (Lehre
des Tempels) - zu dem Zweck geschaffen, den Geistkindern einen Körper
zu verleihen und sie zu prüfen. Jesus selbst nimmt dabei eine Sonderrolle
ein. Als auserkorenes Geistkind übernahm er die Aufgabe des Erlösers.
Er versteht sich daher als "großer Bruder" der restlichen
Menschen. (Es sei hier vermerkt, dass Jesus nach mormonischem Glauben nicht
durch den Heiligen Geist empfangen wurde, sondern durch einen Geschlechtsakt
zwischen Gott und Maria).
Wer die Prüfung auf der Erde durch Treue zum "Evangelium" hält,
im mormonischen
Tempel seine "Begabung" (Endowment)
empfangen - und auch dort geheiratet hat - und bis zum "Ende ausharrt",
der wird selbst eines Tages wie Gott werden und selbst Geistkinder, Welten
und Götter schaffen. Es sei hier vermerkt, dass nur im Tempel verheiratete
Mitglieder Götter werden können, der Rest wird als "dienende
Engel" bezeichnet. Die Erde ist also eine Götterschmiede.
Als erster Mensch wurde Adam aus dem "Vorirdischen Dasein" in den
Garten Eden geschickt. Den Rest der Geschichte kennen wir. Brigham Young ging
sogar so weit, Adam als göttliche Inkarnation zu bezeichnen (siehe Adam-Gott-Doktrin).
Diese Lehre hat für sehr viel Aufsehen gesorgt, wird heute aber allenfalls
unter vorgehaltener Hand gelehrt und offiziell dementiert.
Mormonen glauben daher auch heute noch an Adam und Eva und bezeichnen die
Evolutionslehre als reine Theorie, die man nicht belegen könne - trotz
aller Beweise. Nur einige Gelehrte - wie bspw. Apostel James Talmage - haben
sich dazu hinreißen lassen, an so genannte Präadamiten zu glauben
und sicherlich gibt es auch einige modernere Mormonen, die eigene Theorien
entworfen haben. Die konservativ orthodoxe Führungsetage in Salt Lake
City und die Mehrheit der Mitglieder halten jedoch an Adam und Eva fest. Auch
hier sind die Mormonen im 19. Jahrhundert stehen geblieben. Viele halten sogar
an der alten jüdischen Zeitrechnung fest, die besagt, dass der Mensch
erst 6000 Jahre alt ist. So warnen einige Apostel davor, sich durch anerkannte
wissenschaftliche Erkenntnisse, den eigenen Glauben - der unzweifelhaft über
allem steht - zerstören zu lassen. Darunter Apostel
Monson:
"Denkt daran, dass Glaube und Zweifel nicht zur selben
Zeit in den Gedanken existieren können, denn das eine wird das andere
verdrängen. Sollte Zweifel an eurer Tür klopfen, dann sagt zu diesen
skeptischen, rebellischen Gedanken: Ich will bei meinem Glauben bleiben
und bei dem Glauben meines Volkes. Ich weiß, dass es dort Glück
und Zufriedenheit gibt und ich verbiete euch, agnostische, zweifelnde Gedanken,
das Haus meines Glaubens zu zerstören. Ich gebe zu, dass ich den Werdegang
der Schöpfung nicht verstehe aber ich akzeptiere deren Tatsache. Ich
gestehe ein, dass ich die Wunder der Bibel nicht erklären kann und ich
werde nicht versuchen, das zu tun aber ich akzeptiere das Wort Gottes. Ich
war nicht mit Joseph Smith aber ich glaube ihm. Mein Glaube kam nicht durch
Wissenschaft zu mir und ich werde der so genannten Wissenschaft nicht erlauben,
ihn zu zerstören.'" (Februar Ensign, 2001)
Prinzipiell zerbricht die gesamte mormonische Theologie mit der Tatsache,
dass es Adam und Eva nie gegeben hat und der Mensch sich über Jahrmillionen
bis zum heutigen Tag entwickelt hat. Moderne Archäologie, Anthropologie
und Genforschung zeigen unmissverständlich auf: Der Adam der Neuzeit
heißt Homo Sapiens und hat sich gegen sein parallel bestandenes Pendant
- den Neandertaler - durchgesetzt. Dessen Vorfahren lebten wohl auf Bäumen,
denn immerhin stimmen 98,6 Prozent unseres Erbmaterials mit dem der Schimpansen
überein. Aber davon wollen die Mitglieder nichts hören. Mormonen sind weitgehend Teil des in Amerika von konservativen Christen stark vertretenen Kreationismus,
der die Evolution - und damit Darwin - als falsch erklärt und das Buch Genesis buchstäblich interpretiert.
Stirbt der Mensch, so tritt er in die "Geisterwelt" ein und wartet
dort bis zur Ersten oder Zweiten Auferstehung. In dieser Welt wird den Geistwesen
das mormonische Evangelium gelehrt und in den Tempeln werden alle notwendigen
Verordnungen
für sie stellvertretend vollzogen. Dies begründet die exzessive
Ahnenforschung der Gemeinschaft.
Nach dem Jüngsten Gericht werden die Menschen dann je nach Lebensweise
in drei Reiche verteilt. Dem Celestialen, dem Terrestrialen und dem Telestialen
Reich. Die ganz Schlimmen (Söhne des Verderbens) müssen in die "Äußerste
Finsternis", wo der Satan (übrigens auch ein Geistkind Gottes und
Bruder aller Menschen) sein Unwesen treibt. Mormonen glauben auch, so wie
es in der Bibel steht, an Dämonen. Auch diese waren einst Geistkinder
Gottes, konnten sich aber im Vorirdischen Dasein nicht für den "Plan
Gottes" entscheiden und folgten Luzifer - nach einem "Krieg im Himmel"
- als körperlose Wesen auf die Erde, um die restlichen Kinder Gottes,
die einen Körper erhalten haben, zum Schlechten zu verführen.
Es ist interessant festzustellen, dass Mormonen auch heute noch die Ursache
für bestimmte Krankheiten, wie z.B. Krebs, auf den möglichen Einfluss
von Dämonen zurückführen. In meiner Zeit als Mitglied habe
ich selbst diversen Versuchen beigewohnt, den Teufel (Dämonen) mit Hilfe
des Priestertums
auszutreiben.
Dieser Erlösungsplan findet gemäß der Doktrin nicht nur hier
auf der Erde statt, sondern wiederholt sich unendlich viele Male im gesamten
Universum. Demnach gibt es unzählige Welten und für jede Welt wieder
einen eigenen Erlöser, der es ermöglicht, dass es eine weitere Vielzahl
von neuen Göttern geben wird. Dieser Prozess hat kein Ende und wird in
Ewigkeit fortgesetzt.
Umgang mit der Öffentlichkeit
Durch diese und viele andere Sonderlehren haben sich die Mormonen von der
restlichen christlichen Welt weit entfernt. Die christliche Ökumene kann
die Mormonen daher nicht als Teil ihrer Bewegung anerkennen und umgekehrt.
Obwohl der mormonische Polytheismus einen der wichtigsten Kernpunkte der Lehre
darstellt, fällt es den Mormonen mitunter nicht immer leicht, diesen
in der Öffentlichkeit zu bekennen. Zu sehr fürchtet man eine schlechte
Reputation und einen Rückgang der Bekehrten. Diese Angst ging sogar so
weit, dass Präsident Gordon B. Hinckley in einem Interview vom 4. August
1997 mit dem Time Magazin (Richard N. Ostling) versuchte, die Lehre
unter den Teppich zu kehren, was ihm großen Unwillen seitens der Mitglieder
einbrachte, die ihm Vorwarfen, er würde die Lehre der Kirche nicht richtig
verstehen. Hinckley verteidigte sich, in dem er (wie so oft bei den Mormonen)
behauptete, dass er falsch zitiert worden sei. Das war aber nicht der Fall,
wie eine Anfrage bei Time klar ergeben hat (Anfrage
von Luke P. Wilson - www.irr.org). In einem Auszug des Skriptes von Ostling
heißt es:
Frage: Eine andere entsprechende Frage taucht
auf, bezüglich den Aussagen in der King Follet Ansprache des Propheten.
Antwort: Ja
Frage: … darüber, dass Gott der Vater einst ein
Mensch war, so wie wir. Dies ist etwas, das christliche Schreiber immer
ansprechen. Ist das die Lehre der Kirche heute, dass Gott der Vater einmal
ein Mensch war?
Antwort: Ich weiß nichts davon, dass wir es lehren.
Ich weiß nichts davon, dass wir es betonen. Ich habe lange keine Diskussionen
mehr in öffentlichen Ansprachen darüber gehört. Ich weiß
es nicht. Ich kenne nicht alle Umstände unter welchen diese Aussage
gemacht wurde. Ich verstehe den philosophischen Hintergrund. Aber ich weiß
darüber nicht viel und meine, dass es andere auch nicht tun.
Original
Skriptauszug von Richard N. Ostling
Noch einmal Joseph Smith dazu aus der genannten Rede:
"... Ich werde euch sagen, wie Gott zu Gott wurde. Wir
haben uns vorgestellt und angenommen, dass er von jeher war. Ich werde diese
Idee widerlegen und den Schleier hinfort nehmen, damit ihr sehen könnt.
... Er war einst ein Mensch wie wir; ja, der Gott selbst, unser aller Vater,
wohnte auf einer Erde, wie es auch Jesus Christus tat; und ich werde es
euch aus der Bibel zeigen."
(History of the Church, Band. 6, S.304-306, siehe auch, Teachings of the
Prophet Joseph Smith, zusammengestellt von Joseph Fielding Smith, S.345-347).
Wirft man einmal einen Blick auf die offizielle
Webseite der Mormonen, so wird man erkennen, dass hier versucht wird,
ein möglichst neutrales Bild abzuliefern. Eine christliche Kirche, die
Jesus Christus und die Familie in den Vordergrund stellt. Glückliche
Menschen, die nichts Schöneres kennen, als Mitglied dieser einen Kirche
zu sein.
Hinter diesem Bild, dass man der Öffentlichkeit gerne verkaufen möchte,
zeigt sich jedoch das wahre Gesicht des Mormonismus mit all seinen Widersprüchen,
Irrealitäten, diffusen Lehren und Besonderheiten.
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