Die Mormonen - Zwischen 'Wahrheit' und Wirklichkeit

SEKTENFÜHRER JEFFS

Spiegel-Online, vom 30. August 2006

Das Ende eines polygamen Despoten

Er soll mindestens 40 Frauen sowie 60 Kinder haben und stand auf der gleichen FBI-Fahndungsliste wie Bin Laden: Der Sektenführer Warren Jeffs. Nun ging er der Polizei bei einer Verkehrskontrolle ins Netz.

Las Vegas - Er werde sich nie lebend fangen lassen, hatte Jeffs während seiner über zwei Jahre währenden Flucht vor den Behörden verkündet. Nun ließ der 50-Jährige sich aber doch an einer Autobahn in der Nähe von Las Vegas widerstandslos verhaften, wie die "Los Angeles Times" berichtete. "Als das FBI kam, gab er eine Art Seufzer von sich", wird der Beamte zitiert, dem Jeffs' Cadillac wegen eines kaum lesbaren Nummerschilds aufgefallen war. Im Auto fanden die Beamten schließlich 15 Mobiltelefone, 54.000 Dollar und drei Perücken.

Sowohl in Arizona als auch in Utah liegt ein Haftbefehl gegen Jeffs vor, dem außer Beihilfe zur Vergewaltigung die Verführung Minderjähriger vorgeworfen wird. Sektenaussteiger beschuldigen ihn, hunderte junge Mädchen mit älteren Männern verheiratet zu haben. "Die Verhaftung ist ein großer Schritt auf dem Weg, Jeffs' tyrannisches Regime in Colorado zu beenden", sagte der Generalstaatsanwalt von Arizona, Terry Goddard.

Mindestens 10.000 Anhänger hat Jeffs' Glaubensgemeinschaft, die sich "Fundamentalistische Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" (FLDS) nennt. Sie hatte sich vor rund 100 Jahren von der mormonischen Mutterkirche abgespalten, als diese auf die Polygamie verzichtete. FLDS-Mitglieder leben seitdem weiterhin in der Vielehe. Um in die höchsten Sphären des Himmels zu gelangen, muss ein Mann ihrer Meinung nach mindestens drei Ehefrauen aufweisen.

Warren Jeffs hatte im Jahre 2002 die Führung der Gemeinde von Vater Rulon übernommen, der 70 Frauen gehabt haben soll. Sein Sohn ist US-Zeitungen zufolge mit mindestens 40 Frauen vermählt und hat 60 Kinder. Jungs und junge Männer soll er ehemaligen Sektenmitgliedern zufolge aus der Gemeinde verbannt haben, damit Kirchen-Älteste mehr Auswahl unter den Frauen haben. Mindestens fünf dieser sogenanten "Lost Boys" haben bereits versucht, ihn gerichtlich zu belangen.

Der 11. September als Zeichen der Hoffnung

Jeffs ist in seinem neuen Amt zudem durch Weltuntergangs-Predigten aufgefallen. So erklärte er, die Anschläge vom 11. September 2001 seien ein Zeichen der Hoffnung, dass nun endlich bald das Ende gekommen sei. Wie die "New York Times" berichtet, hatte er zudem verkündet, er selbst sei von Menschenhand unbesiegbar und Gott behüte ihn vor der Verhaftung.

Die US-amerikanischen Behörden hatten jahrelang mit aller Macht nach ihm gefahndet. Im Mai dieses Jahres setzte das FBI ihn auf die Liste der zehn am meisten gesuchten Männer. Der "L.A. Times" zufolge sind die Behörden in Arizona und Utah letzter Zeit zudem vehement gegen die Sekte vorgegangen. Unter anderem wurden polygame Polizeibeamte und Richter entlassen und ein Ermittler eingesetzt, der in Colorado City speziell in Fällen Sachen sexuellen Missbrauchs ermittelt.

In den vergangenen Monaten wurden immer wieder Häuser von Sektenmitgliedern durchsucht, die minderjährige Mädchen geheiratet haben sollen. In diesem Zusammenhang gibt es nun Prozesse gegen acht Männer, die wegen Sex mit Minderjährigen angeklagt sind. Einer der Angeklagten wurde bereits zu 45 Tagen Haft und drei Jahren auf Bewährung verurteilt.

"Der Prozess gegen Jeffs ist Teil dieser Strategie zu zeigen, dass das Gesetz durchgesetzt wird", wird Staatsanwalt Goddard zitiert. "Die wichtige Nachricht ist, dass niemand über dem Gesetz steht - anders, als Jeffs es offensichtlich seinen Anhängern beigebracht hat."

Allerdings ist die Freude über dessen Verhaftung bei ehemaligen Sektenmitgliedern etwas getrübt. "Wenn das Treiben nun ein Ende hat, ist das eine gute Sache", sagte Ward Jeffs, ein Halbbruder des Sektenführers, der sich von ihm lossagte. Allerdings könne man davon ausgehen, dass ein Nachfolger bereitstehe. "Wir warten besorgt darauf, wer nun kommt", erklärte er.

str/AP