Die Mormonen - Zwischen 'Wahrheit' und Wirklichkeit
Mormonenapostel Monson warnt vor der Zerstörung des Glaubens durch die Wissenschaft

Mormonenapostel Monson, 1. Ratgeber der Ersten Präsidentschaft (Stand 2001), hat sich in der Februarausgabe des Ensign 2001 an die Jugend der Glaubensgemeinschaft gewendet, um diese in Bezug auf Glaube, Zweifel und Wissenschaft zu unterweisen. Er sagte:

"Denkt daran, dass Glaube und Zweifel nicht zur selben Zeit in den Gedanken existieren können, denn das eine wird das andere verdrängen. Sollte Zweifel an eurer Tür klopfen, dann sagt zu diesen skeptischen, rebellischen Gedanken: ‚Ich will bei meinem Glauben bleiben und bei dem Glauben meines Volkes. Ich weiß, dass es dort Glück und Zufriedenheit gibt und ich verbiete euch, agnostische, zweifelnde Gedanken, das Haus meines Glaubens zu zerstören. Ich gebe zu, dass ich den Werdegang der Schöpfung nicht verstehe aber ich akzeptiere deren Tatsache. Ich gestehe ein, dass ich die Wunder der Bibel nicht erklären kann und ich werde nicht versuchen, das zu tun aber ich akzeptiere das Wort Gottes. Ich war nicht mit Joseph Smith aber ich glaube ihm. Mein Glaube kam nicht durch Wissenschaft zu mir und ich werde der sogenannten Wissenschaft nicht erlauben, ihn zu zerstören.'" (Februar Ensign, 2001)

Aus welchem Grund, versucht Monson wissenschaftliche Erkenntnisse von den Seinen abzuwenden? Ist es nicht sein Glaube, der seit Joseph Smith die Aneignung des Wissens fördert. Unterhalten die Mormonen nicht eine Universität auf eigene Kosten und wird nicht jedem jungen Mann und jeder jungen Frau (sofern, sie denn keine Mutter wird und das werden fast alle) nahegelegt, ein höchstes Maß an Bildung zu erlangen. Warum sollte diese Bildung plötzlich den eigenen Glauben zerstören, wenn er doch Bestandteil des Glaubens ist und scheinbar von Gott verordnet?

Lesen wir dazu aus dem Buch Lehre und Bündnisse:

"Jeglicher Grundsatz der Intelligenz, den wir uns in diesem Leben zu eigen machen, wird mit uns in der Auferstehung hervorkommen. Und wenn jemand in diesem Leben durch seinen Eifer und Gehorsam mehr Wissen und Intelligenz erlangt, als ein anderer, so wird er in der künftigen Welt um so viel mehr im Vorteil sein." (Abschnitt 130:17,18)

"Und da nicht alle Glauben haben, so sucht eifrig und lehrt einander Worte der Weisheit; ja sucht Worte der Weisheit aus den besten Büchern; trachtet nach Wissen, ja, durch Lerneifer und auch durch Glauben." (Abschnitt 88:118)

Und Joseph Smith lehrte:

"Wissen vertreibt Finsternis, Ungewissheit und Zweifel; denn diese können sich nicht halten, wo wissen und Erkenntnis sind ... Im Wissen liegt Macht. Gott hat mehr Macht als alle anderen Wesen, weil er größeres Wissen hat..." (Lehren des Propheten, S.292)

Was Monson zu erwähnen vergisst ist, dass es nicht nur um diese paar einfachen Fragen geht, die er hier sehr pauschal anführt, um ja nicht konkreter werden zu müssen. Es geht heute vielmehr um sehr viel existenziellere Fragen für die Mormonen, die durch die Wissenschaft aufgeworfen werden und die entweder im völligen Widerspruch zu den Glaubensinhalten der Gemeinschaft stehen oder diese zumindest in Frage stellen. Hinzu kommen weitere, internen Probleme der Mormonen, die durch tiefere Recherchen der eigenen Historie in den letzten Jahrzehnten hervorgekommen sind. Auch diese Recherchen stellen das offizielle Bild der Kirche in anderem Licht dar. Je mehr Forschung betrieben wird, desto schwieriger wird es für die Mormonen, die eigene Haltung und Linie glaubhaft zu vertreten. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Monson vorschlägt, nur nach Glauben zu leben und die Fakten der "sogenannten" Wissenschaft zu ignorieren. Es ist dies das indirekte Eingeständnis, dass die Wissenschaft die Behauptungen der Kirche nicht zu stützen vermag und man deshalb ohne sie leben muss, denn beides kann im Kopf eines Mitgliedes nicht gleichzeitig existieren. Die größtenteils sehr fragwürdigen Versuche von FARMS, doch noch eine Unterstützung der wissenschaftlichen Seite zu erhalten, geraten mehr und mehr ins Hintertreffen und sind für einen leidenschaftslosen Betrachter der Problematik ohnehin irrelevant.
Es zeichnet sich ab, was schon lange so kommen musste. Die Kirche wird sich in verschiedene Lager spalten. Die Kirchenführer werden eine konservativ fundamentalistische Haltung einnehmen, ohne die ihre Existenz und die der Kirche gefährdet wäre. Weiter wird es kircheneigene Wissenschaftler von FARMS geben, die weiterhin versuchen werden, sich in bestimmten Punkten von der Lehre der Kirche zu trennen und eigene Standpunkte zu vertreten, ohne den Wahrheitsanspruch der Kirche aufgeben zu müssen. Ein Beispiel dafür ist Prof. John L. Sorenson, der unverblümt zugibt, dass die Ansichten von Joseph Smith und Moroni bezüglich der Verbreitung der Lamaniten und Nephiten in der Neuen Welt, so wörtlich, "Unsinn" sind. Allerdings wird dadurch ein Konflikt unter den Mitgliedern geschürt, der diese zwischen den alten, fundamentalen Lehren der Kirche und neuen Ansichten hin und her zu werfen droht. Müssen doch dazu viele Aussagen von Generalautoritäten entblöst und korrigiert werden. Wie schwer das den heutigen Führen bei der Schwarzenfrage fällt, wurde auf dieser Website bereits aufgezeigt.

Und dann wird es immer mehr Mitglieder und Wissenschaftler der Gemeinschaft geben, die erkennen müssen, dass die Kirche nicht das ist, für was sie sich ausgibt. Es wird sich hierbei um Aussteiger und Loyale handeln. Darunter Simon Southerton, ein ehemaliger Bischof und Molekularbiologe, der aufgrund der genetischen Erkenntnisse die Kirche verlassen hat. Er machte folgende Aussage:

"Die existierenden DNA Forschungen zeigen auf überwältigende Art und Weise, dass die eingeborenen Amerikaner und Polynesier, Nachfahren asiatischer Vorfahren sind. Ist es ehrlich, die Mitglieder der Kirche in Hinblick auf die Berge von Beweisen für diese Fakten im Dunkeln zu lassen, während man über die Mächtigkeit dieser Technologie diskutiert, um genealogische Verwandtschaften offen zu legen?" (Salt Lake Tribune, 30. November, 2000)

Auf den Punkt gebracht sagt Monson seinen Leuten, dass sie Augen und Ohren verschliessen sollen oder sogar müssen, um nicht von den drückenden Beweisen erschlagen zu werden, die so reichhaltig den eigenen Glauben bedrohen. Aber ist es wirklich eine Bedrohung? Nein, es ist vielmehr die Chance, sich von alten Mythen und Ansichten zu trennen und dem Verstand wieder mit Neuem und Vernünftigem zu umgeben.

Steckt hinter der Aussage nicht auch die eigene Angst, die seit Jahren besitzende Macht und Führung in der Kirche verlieren zu können? Oder ist es vielleicht sogar die Angst davor, selbst erkennen zu müssen, dass man kein Apostel Gottes ist und Joseph Smith alles andere war als ein Prophet?