Vielleicht ist es ganz interessant, den Weg des eigenen Austritts einmal zu
dokumentieren. Da ich mich selbst viele Jahre - aufgrund diverser Tätigkeiten
in der Gemeinschaft - mit dem Austritt anderer beschäftigt habe, war
mir bei meinem eigenen klar, welche Probleme auf mich zu kommen könnten.
Die Mormonen gehen in der Regel sehr locker mit den Austrittsgesuchen ihrer
Mitglieder um. Ich kann mich an Zeiten erinnern, da hat man solche Gesuche
erst einmal in eine Schublade gelegt, weil man dem Austrittssuchenden unterstellte,
eigentlich nicht so richtig zu wissen, was er da macht. Die Zeit und ein paar
Besuche der Heimlehrer würden es schon richten.
Selbst wenn der Bischof ein Gesuch bestätigte, war damit noch nicht klar,
ob der Name des Betreffenden in den Frankfurter Unterlagen gelöscht wurde.
Ich hatte immer wieder mit Fällen zu tun, bei denen mir Menschen nachweislich
versicherten, dass sie ausgetreten waren, die Namen von Frankfurt (Hauptsitz
der Kirche in Deutschland) aber immer noch auf Listen gesetzt wurden - sie
waren also nicht gelöscht.
In meinem Falle sollte es jedoch etwas anders kommen. Ich verließ im
März 1999 die Gemeinschaft und begann mit den Recherchen für diese
Homepage. Nach einem Jahr war die Zeit für mich gekommen, den Austritt
zu erklären. Da die Kirche in Deutschland mancherorts eine Körperschaft
des Öffentlichen Rechts ist und ansonsten wie ein normaler Verein angesehen
werden kann, sah ich nicht ein, mich wegen meiner Beweggründe vor einem
Kirchengericht zu verantworten - warum auch. In meinen Augen hatte die Kirche
ihren Wahrheitsanspruch verloren und damit auch alle Rechte, in irgendeiner
Form über mich zu bestimmen. Es ging eigentlich nur noch um Formalitäten
- nach meinem Empfinden jedenfalls.
Ich schrieb daher folgenden Brief an meinen Bischof und den Pfahlpräsidenten.
Ich hätte keine Begründung angeben müssen aber es war mir ein
Bedürfnis:
23. Januar 2000
An den Zweigpräsident des Zweiges Emmendingen, A.D.
Cc.: Pfahlpräsident L. W.
Austritt aus der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten
Tage
Lieber A. und lieber L.,
nach fast einem Jahr der Abwesenheit von Kirchenversammlungen und der
intensiven Auseinandersetzung mit den Lehren und der Geschichte der Kirche,
bin ich zum Entschluss gekommen, hiermit meinen Austritt zu erklären.
Zu meiner Begründung:
- Ich glaube nicht, dass die Kirche das ist, was sie vorgibt zu sein.
Das Bild der heutigen Kirche entspricht nicht der Realität.
- Joseph Smith war sicherlich ein interessanter Mann und hat die Geschichte
des amerikanischen Westens mitgeprägt aber er war kein Prophet.
- Das Buch Mormon ist die Widerspiegelung der Ansichten des 19. Jahrhunderts
und hat mit den Ureinwohnern Amerikas nichts zu tun. Es ist ein Produkt
Joseph Smiths.
- Der Glaube, dass Gott jemals aufgrund von Sünde Menschen schwarz
gemacht hat ist rassistisch, unrealistisch und menschenfeindlich. Wer
an so etwas glaubt, lebt in der Vergangenheit und verstößt
gegen jegliche Form der Menschlichkeit und gegen so hart erkämpfte
Errungenschaften unserer modernen Zeit.
- Die ideologische Prägung der Menschen in den Tempeln der Kirche
ist okkult und hat sektirischen Charakter. Das Endowment ist eine Anlehnung
an die Freimaurerei und hat meiner Ansicht nach keinen göttlichen
Ursprung.
- Die Lehre und Organisation der Kirche ist eine Vermischung christlicher
Elemente mit den eigenen Ideen Joseph Smiths und einigen seiner Zeitgenossen.
- Die Kirche hat viele gute Elemente auf denen sie weiter aufbauen sollte.
Gleichzeitig muss sie den alleinigen Anspruch auf die 'Wahrheit' aufgeben
und zu den Fehlern der Vergangenheit, als auch zu Erkenntnissen der Gegenwart
stehen.
- Die Veränderlichkeit der Kirche ist ein Zeichen für den fragwürdigen
Umgang mit deren Lehre und Geschichte und wirft ein Bild von erheblicher
Zweifelhaftigkeit auf ihr Umfeld
.
Da ich den Umgang der Bischöfe, Zweigpräsidenten und Pfahlpräsidenten
mit Austrittsgesuchen kenne und über das Prozedere des Handbuches Bescheid
weiß, möchte ich darauf hinweisen, dass ich keine 30-Tages-Frist
benötige, mir meiner Entscheidung voll bewusst bin und in einer Verzögerung
keinen Sinn sehe. Dieses Schreiben besitzt volle Gültigkeit und mein
Austritt sollte mit dem Erhalt vollzogen sein. Ich erbitte daher ein mit
dem Stempel der Kirche versehenes Bestätigungsschreiben. Ich werde
weiter an keinem Kirchengericht teilnehmen und sehe darin auch keine Notwendigkeit.
( Bei dem teilweise leichtfertigen Umgang der Kirche mit diesen Gesuchen,
musste dies einmal gesagt werden, denn ich will mich in zehn Jahren nicht
noch immer auf den Listen finden. Wenn ich nur darüber nachdenke, wie
viel Zeit ich damit zugebracht habe, scheinbar längst abgeschlossene
Gesuche nochmals zu bearbeiten..... ).
Ich wünsche Euch und Euren Familien alles Gute und hoffe, dass
dieser Austritt einen Weg der weiteren Verständigung zulässt.
Gruß
H. Rudolph
Soweit mein Schreiben. Einige Zeit später erhielt ich einen kurzen Brief,
der nichts enthielt, außer ein paar Zeilen, die mich zu einem Disziplinarrat
im Pfahl Bern einluden. Dieser sollte am 17. Februar stattfinden. Meinem Austrittsgesuch
wurde also zunächst nicht entsprochen, sondern ein Disziplinarverfahren
sollte es richten. Per E-Mail setzte ich mich mit dem Pfahlpräsident
in Verbindung und äußerte meinen Unmut über das Prozedere.
Man muss wissen, dass bei den Mormonen nicht jeder gleich behandelt wird.
Hat man eine gewisse Position inne gehabt - ich war Hohepriester und Zweigpräsident
- wird der Austritt immer durch ein Kirchengericht erschwert. Man kann also
nicht so einfach gehen. Vor allem dann nicht, wenn man sich wie ich bereits
kritisch geäußert hatte.
Ich beharrte auf meinem Recht des freien Austritts aus einem Verein, bzw.
Körperschaft und drohte damit, das Thema zu veröffentlichen. Mir
wurde zugesagt, dass meinem Austritt nichts in den Weg gestellt werden würde
aber der Disziplinarrat trotzdem zusammenkommen müsse, um den "Ruf
der Kirche gegenüber ihren Mitgliedern zu wahren" und um einen "Weg
der Umkehr zu definieren".
Ich erschien also nicht zum Kirchengericht und erhielt im März 2000 folgenden
ersten Brief der Pfahlpräsidentschaft:
Austrittsbestätigung
Lieber Holger
Am vergangenen 17. Februar 2000 hat die Pfahlpräsidentschaft und der
Hohe Rat des Pfahles Bern Schweiz als dafür zuständiges Gremium
der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage Deinem Austrittsgesuch
schweren Herzens zugestimmt. Somit kann ich Dir schriftlich bestätigen,
dass Du nach Abschluss der mit Deinem Austritt verbundenen Formalitäten
(mit Frankfurt und Salt Lake City; dies dauert in der Regel ca. zwei bis
drei Wochen) nicht mehr in den Mitgliederaufzeichnungen der Kirche Jesu
Christi der Heiligen der Letzten Tage geführt wirst.
Lieber Holger, wir sind traurig, dass Du nicht mehr zur Kirche des
Herrn gezählt werden willst. Wir laden Dich jedoch ein, Deine Einstellung
neu zu überdenken und zurückzukommen in die Herde Gottes. Aufgrund
Deines Wissens und Deines Erinnerungsvermögens an Deine Gefühle
weisst Du sicher, dass der Herr Dich liebt und wünscht, dass Du zu
seiner Herde zurückkommst, mehr noch als ich mir dies wünsche.
Jetzt verbleibt mir nur noch, Dir auf Deinem weiteren Lebensweg gute Gesundheit
und die Führung des Geistes zu wünschen, damit Du Deine Aufgaben
als Ehemann und Vater treu erfüllen kannst.
Ich werde mit erlauben, Dich als Freund ab und zu zu kontaktieren.
gez. der Pfahlpräsident
Interessant ist folgende Formulierung: "...Deinem Austrittsgesuch schweren
Herzens zugestimmt..."
Wieso muss ein Gremium meinem Austritt zustimmen, wo ich doch ein natürliches
Recht darauf habe? Hier offenbart sich sich die Denkweise der Mormonen. Es
bedarf einer "Zustimmung", wenn man gehen möchte. Auch beabsichtigte
der Pfahlpräsident, mich weiter zu kontaktieren - als Freund. Dies ist
Teil der missionarischen Tätigikeit. Ich musste später erwähnen,
dass ich auf diese Art keinen Kontakt mehr wünsche.
Eine Woche später erhielt ich dann einen weiteren Brief:
Disziplinarrat vom 17. Februar 2000
Lieber Holger
Wie bereits in meinem kürzlichen Schreiben mitgeteilt, hat die
Pfahlpräsidentschaft und der Hohe Rat des Pfahles Bern Schweiz als
dafür zuständiges Gremium der Kirche Jesu Christi der Heiligen
der Letzten Tage am vergangenen 1.7. Februar 2000 Deinem Austrittsgesuch
traurig zugestimmt.
Das oben erwähnte Gremium hat in seiner Funktion als kircheninterner
Disziplinarrat (ohne öffentlich-rechtliche Funktion) zudem nach internem
Kirchenrecht gleichzeitig über Deine Übertretungen der Gebote
des Herrn diskutiert. Nach eingehenden Beratungen im Disziplinarrat und
gebetserfülltem Nachsinnen sind wir vom Herrn dazu inspiriert worden,
Dich aus der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage wegen Abtrünnigkeit
auszuschliessen.
Nebst der Löschung Deines Namens aus den Mitgliedschaftsberichten
der Kirche bedeutet dies in Bezug auf das zukünftige Verhältnis
zwischen der Kirche und Dir konkret, dass Du damit keine Mitgliedsrechte
mehr geniesst; unter anderem darfst Du das Garment nicht mehr tragen und
den Zehnten sowie andere Spenden nicht mehr zahlen. Selbstverständlich
darfst Du, falls Du dies wünschst, an den öffentlichen Versammlungen
der Kirche teilnehmen, aber dort keine Ansprache halten, kein Gebet sprechen,
nicht das Abendmahl nehmen und auch bei Beamtenbestätigungen nicht
mitstimmen.
Es ist mir bewusst, dass Deine Ausschluss aus der Kirche eine schwere
kircheninterne Massnahme ist. Der Herr hat die Möglichkeit eines Ausschlusses
jedoch in den Schriften explizit aufgezeichnet, weil dadurch Möglichkeit
besteht, nach einer Zeitspanne der vollständigen Umkehr im Rahmen einer
erneuten Taufe in die Herde Gottes zurückzukehren und sämtliche
Segnungen wiederzuerlangen. Es ist mein aufrichtiger Wunsch, dass Deine
Ausschluss in Dir einen Umkehrprozess auslösen wird, welcher Dich auf
den Weg, den Du durch Deine Übertretungen verlassen hast, zurückbringen
und Dir die persönliche Befriedigung und die Gefühle der inneren
Ruhe, welche Du als Mitglied der Kirche verspürt hast, zurückgeben
wird.
Du hast das Recht, gegen diese kircheninterne Entscheidung Berufung
einzulegen. Eine allfällige Berufung muss schriftlich abgefasst sein,
binnen 30 Tagen bei mir eintreffen (Vgl. obige Adresse) und im einzelnen
darlegen, womit Du Dich nicht einverstanden erklärst. Ich würde
Dein Berufungsgesuch an die Erste Präsidentschaft Weiterleiten, wo
es weiter behandelt würde.
Ich wünsche Dir von Herzen alles gute und den besonderen Segen
des Herrn. Suche Seine Hilfe und Seine Nähe oft, damit Deine Gedanken
von Seinem Geist durchzogen werden und Du Seine Liebe auf eine besondere
Art spüren wirst. Ich hoffe sehr, auch weiterhin Dein Freund bleiben
zu können, der Herr segne Dich und Deine Familie.
Mit freundlichen Grüssen
gez. der Pfahlpräsident
Wieder die Betonung auf "Zustimmung" meines Austrittes. Dazu wird
erwähnt, dass über meine "Übertretungen" diskutiert
wurde und nach Gebet, der "Herr" durch Inspiration meinen Austritt
wegen "Abtrünnigkeit" beschlossen hat.
Wir finden hier ein Gericht vor, dass ein Urteil fällt, ohne den "Angeklagten"
gehört zu haben (wollte ich ja auch nicht). Dann, weil man nicht genug
Beweise hat, wird der "Herr" als Alibi für die eigene, längst
gefallene Entscheidung herangezogen.
Fazit: Ich bin also ausgetreten und exkommuniziert worden.
Der Vorteil: Ich muss mich nicht mehr darum kümmern, ob mein Name tatsächlich
aus den Büchern der Kirche gestrichen wurde. In diesem Fall kann man
sich darauf verlassen.
Später verkündete man im Gemeinderat meinen Ausschluss und die
Mitglieder wurden offiziell angewiesen, sich mit mir nicht über kritische
Fragen zu unterhalten, bzw. keinen Kontakt mehr mit mir aufzunehmen. Ich
habe mich damals über
dieses Verhalten geärgert.
Heute, Jahre später, berührt es mich nicht mehr, weil
ich erkannt habe, dass alle sektirischen Gruppierungen ihre Methodik
haben, Menschen in ihrer Freiheit zu berauben.
Ich habe meine Freiheit aber wieder - und nur darum geht es.