Die Mormonen - Zwischen 'Wahrheit' und Wirklichkeit

Ein Untersucher prüft das Buch Mormon

(Aus einem Leserbrief. Verantwortlich für den Inhalt ist der Autor)


Hallo Holger!

Vielleicht erst einmal etwas zu mir: ich heiße Gernot. N., bin 37 und wohne in Berlin. Beim Suchen nach Klärung bin ich auf Deine "Mormonismus"-Seite gestoßen und möchte Dir großes Lob sagen für diese Arbeit. Die Seite finde ich gut gestaltet, sehr informativ und angenehm übersichtlich. Dazu kommt ein gutes Deutsch, was heute nicht mehr selbstverständlich ist. Am meisten aber gefällt mir Dein Tonfall, weil Du aufklärst, ohne Verbitterung oder Polemik zu zeigen. Das ist eine große Leistung, denn bei manchen, z.B. im "Exmo"-Forum, spürt man mit Trauer gemischte Wut, die so verständlich ist, aber einem Außenstehenden den inneren Zugang erschwert. Wie schwer es fällt, das wegzulassen, weiß ich von mir selbst; ich bin DDR-Bürger und habe als solcher Jahre gebraucht, um mein eigenes Leben aufzuarbeiten, und obwohl ich einer derer bin, die damals die Revolution mit anschoben, war das mit Erkenntnissen verbunden, die anzunehmen sehr bitter für mich war. Dir gelingt es, Dich nicht davon überwältigen zu lassen, und das öffnet Außenstehenden den Zugang zum Problem und läßt sie das Schicksal der "Exmos" erst empfinden. Meine Hochachtung!

Den ersten Eindruck von der HLT bekam ich vor einem Jahr in Gestalt zweier junger amerikanischer Missionare, die einen Bücherstand aufgebaut hatten und die ich neugierig ansprach, eigentlich nur, um meine Wissenslücken zu füllen. Meine Informationslust verstanden sie jedoch falsch, und als ich so unklug war, ihnen meine Adresse zu verraten, hatte ich mehrere Wochen lang keine Ruhe. Wieder und wieder standen sie vor der Tür, lächelten und wollten mit mir sprechen, bis ich sie voll Ärger unhöflich hinauswarf. So war mein erster Eindruck von der HLT ein aufdringlicher. Schade.

Das Buch Mormon, das ich bekam, las ich aber trotzdem, denn neugierig war ich immer noch. Und ich muß gestehen, daß ich beeindruckt war von der inneren Kraft der Worte und der Glaubensgewißheit; aber gleichzeitig kamen mir Bedenken. Das erstenmal stutzte ich, als ich im Buch Helaman die Verwendung von Zement fand. Später kamen mir weitere Zweifel bei der Beschreibung von Streitwagen, wo doch die Spanier keine Wagen vorfanden, oder bei der Erwähnung von Seide. Deine Seite ist mir eine Hilfe beim Umgang damit gewesen, und nun weiß ich, was ich von der HLT erwarten kann. Auch dafür meinen Dank an Dich!

Die schöne Liste der Widersprüche im Buch Mormon war mir eine gute Lesehilfe. Dabei stieß ich noch auf weitere Punkte, die mich erheiterten, manchmal auch empörten. Vielleicht interessieren sie Dich? Falls Du noch Material sammelst, liste ich Dir mal meine Dissonanzen auf:

1. In 1. Nephi 16:10 (und später noch mehrmals) wird ein Kompaß erwähnt. "Fern im Osten, vor allem in China, waren magnetische Richtungsweiser Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende eher als in Europa bekannt. ... So sollen schon 1100 Jahre vor der Zeitrechnung Mitglieder einer ausländischen Gesandtschaft am chinesischen Hof fünf "magnetische Wagen" als Geschenk erhalten haben, damit sie auf der langen Heimreise nicht die Orientierung verloren. ... Die erste genauere Darstellung eines magnetischen Richtungsweisers für Seereisen stammt zwar aus viel späterer Zeit (11. Jh.), aber es besteht kein Zweifel, daß der Schiffskompaß Zeitgenosse oder naher Nachfahre des magnetischen Wagens war ... Gegen Ende des 12. oder zu Beginn des 13. Jahrhunderts gelangte der Kompaß, mit großer Wahrscheinlichkeit über arabische Seefahrer, nach Europa. Mittelmeer- Kapitäne benutzten ihn als erste ..." (Quelle: Walter Conrad: Vom Jakobsstab zur Satellitennavigation. Urania Verlag Leipzig/Jena/Berlin 1979)

2. Nephi zitiert in 1. Nephi 20 das Kapitel Jesaja 48; 1. Nephi 20:10
lautet: "Denn siehe, ich habe dich geläutert, im Feuerofen der Bedrängnis habe ich dich erwählt." Auch Luther übersetzte an dieser Stelle ursprünglich "auserwählt" (Luthertext nach der Revision von 1912). In der Jesaja- Handschrift von Qumran (2. Jh. v. Chr.) steht aber dort das Wort "geprüft", eine Lesart, der inzwischen die Einheitsübersetzung und der revidierte Luthertext von 1964 folgen; die deutsche Mormon-Ausgabe von 1986 bleibt unerschütterlich bei der alten Lesart.

3. Das gleiche Problem findet sich in 2. Nephi 12:20, wo aus Jesaja, Kapitel 2, zitiert wird: "An dem Tag wirft der Mensch seine Götzen aus Silber und seine Götzen aus Gold, die er sich zur Anbetung gemacht hat, zu den Maulwürfen und Fledermäusen." Luther übersetzte ebenfalls "Maulwürfe" (und der revidierte Luthertext von 1967 tut das auch noch), während im Qumran-Text dafür "Ratten" steht. Einheitsübersetzung und "Die Gute Nachricht" (Die Bibel in heutigem Deutsch) haben diese Lesart übernommen, sogar die Neue-Welt-Übersetzung der Zeugen Jehovas redet an dieser Stelle von "Spitzmäusen"; nur das Buch Mormon nicht. Pech für die HLT-Mitglieder - die müssen ihre Götzen mühsam in Maulwurfslöcher quetschen, während wir unsere genüßlich in die Kellerecke schmeißen dürfen.

4. Derselbe Sachverhalt gilt für Mosia 14:8, wo Abinadi Jesaja 53:8
zitiert: "um der Übertretungen meines Volkes willen wurde er geplagt." Auch die Lutherübersetzung von 1964 legt sich auf das Fürwort "meines" fest. Das Qumranmanuskript schreibt hier aber: "seines Volkes", was logischer klingt und offensichtlich in späteren Zeiten fehlerhaft abgeschrieben wurde. Interessant, daß Abinadi genau diesen Fehler zitiert.

5. Im Soziologielehrbuch "Geschichte der Urgesellschaft" (Heinz Grünert u.a., Deutscher Verlag der Wissenschaften Berlin (Ost) 1989), finden sich auch Beschreibungen der Lebensweise amerikanischer Ureinwohner vor 1492: "Die Bewohner der pazifischen und atlantischen Küsten sowie der inländischen Seeufer wandten sich ... in aktiver Anpassung an die mit dem nacheiszeitlichen Klimawechsel verbundenen Umweltveränderungen und den dadurch bedingten Rückgang des Großwildes verstärkt dem Einsammeln von Mollusken und dem Fischfang zu. Von Kalifornien bis Chile und von der Golfküste der USA bis Brasilien bezeugen riesige Muschelhaufen entlang der Meeresufer eine spezialisierte Meeresfangwirtschaft mit relativ hoher Seßhaftigkeit." (S. 206) - Das Buch Mormon nennt Getreide- und Maisanbau, Viehzucht und Elefanten, aber ich kann mich nicht entsinnen, etwas über Fischfang gelesen zu haben.

6. Die im Buch Mormon geschilderte Gesellschaftsordnung unterscheidet klar zwischen Königen und Priestern, welche auch Lehrer waren und vom König in ihr Amt eingesetzt wurden. So steht es z.B. in 2. Nephi 5:26, Jakob 1:18, Mosia 6:3 und Mosia 25:19. Waren die amerikanischen Gesellschaften wirklich so gegliedert? Im obengenannten Lehrbuch fand ich Näheres dazu. Zu den Verhältnissen Nordamerikas steht dort: "Während sich in Mittelamerika und dem Andengebiet klassengesellschaftliche Verhältnisse herausbildeten, verblieben die größten Teile des amerikanischen Doppelkontinents im Zustand der Urgesellschaft. In weiten Gebieten war eine progressive Entwicklung aus umweltbedingten Gründen behindert, wie vor allem ... in den Hochgebirgen der Rocky Mountains ... oder den subpolaren Gebieten. Einige Ansätze progressiver Entwicklungen vollzogen sich im Südwesten der heutigen USA, im Mississippigebiet und an den nordamerikanischen Großen Seen. ... Im Südwesten der USA ... entwickelten sich seit Mitte des 1. Jt. u.Z. die Stämme der Pueblo-Kultur ... Ihr Kult und die bevorrechtete Stellung von Priestern lassen gewisse Parallelen zu den mittelamerikanischen Kulturen ziehen, ohne daß es bei ihnen in vorkolumbianischer Zeit zur Auflösung der Urgesellschaft gekommen wäre." (S. 329; u.Z. heißt "unserer Zeitrechnung", v.u.Z. "vor unserer Z.") Also nichts mit Königen bei den "Indianern".
Anders die mittelamerikanischen Verhältnisse: "Für das letzte Jahrtausend v.u.Z. bezeugen verschiedene hochstehende Kulturen, daß die soziale Differenzierung bereits weit fortgeschritten war, wobei eine Priesterschicht nicht nur religiöse, sondern auch politische Macht besessen zu haben scheint. ... Mit dem Beginn des 1. Jt. v.u.Z. verstärkten sich in verschiedenen Gebieten Mittelamerikas die Erscheinungen der militärischen Demokratie, und schließlich erfolgten Übergänge zu Klassengesellschaften des altorientalischen Typs. ... Für die Priester, welche die politische und religiöse Macht ausübten, mußten von der bäuerlichen Bevölkerung, die in Dorfgemeinden lebte, Arbeits- und Sachleistungen erbracht werden. Die bedeutende gesellschaftliche Stellung der Priester dokumentiert sich markant in den Kulturzentren, der Architektur, der Steinplastik und in den prunkvollen Grabstätten. Berühmt sind die Pyramiden, die im Gegensatz zu den ägyptischen nicht als Gräber, sondern zu Ehren der zahlreichen Götter errichtet waren; daher stand auf der stumpfen Pyramide ein Tempel." (S. 326
ff.) - Dieser Zustand scheint auch noch für die Zeit des Buchs Mormon zu gelten, denn wenige Sätze später heißt es: "Zwischen dem Ende des 6. und der Mitte des 8. Jh. verfielen Stadt und Staat Teotihuacan´ ... In der gleichen Zeit fand auch die Maya-Kultur ihr Ende." (S. 328)
In dieser Zeit hat also in Mittelamerika eine Art Priesterkönigtum geherrscht. Welcher König sollte da einen Priester ernennen? Er war ja beides in einem.
Die Gesellschaften Südamerikas gründeten sich erst viel später: "Ansätze militärdemokratischer und schließlich klassengesellschaftlicher Entwicklung altorientalischen Typs vollzogen sich seit etwa dem 2. Jh. v.u.Z. besonders im nördlichen Küstengebiet und seit etwa dem 3. Jh. u.Z. im Andenhochland. Sie wurden vollendet im Inka-Staat, der - ausgehend von der Inka-Kultur des Cuzcotales in Peru (seit 10. Jh.) - durch einen Bund Ketschua sprechender Stämme unter Führung der Inka-Gens im 14. Jh. gebildet wurde." (S. 328)
Was vor den Inkas war, läßt Raum für Interpretationen offen; aber nach einer entwickelten Gesellschaft, wo es Könige (als Erbkönigtum!) gab, die Priester ernennen, klingt mir das auch nicht. Jarediten, Lamaniten und Nephiten sind ihrer Zeit also gesellschaftlich weit voraus gewesen.

7. In der Kampfbeschreibung Alma 44 wird der Skalp Zerahemnachs erwähnt. Dazu fand ich in einem (zugegeben: alten) Buch folgendes: "Fast stets Begleiterscheinung und häufig sogar Ursache des Krieges ist die Trophäe. Ihrer Entstehung nach läuft sie der Jagdtrophäe parallel oder baut sich vielleicht sogar auf ihr auf ... Völlig trophäenlos waren zur Zeit der ersten Berührung mit den Europäern nur die Eskimo und die Feuerländer ... Von dem übrigen Amerika ist der größte Teil ein Gebiet der Kopftrophäe; so ganz Südamerika außer dem soeben genannten Gran Chaco, Feuerland und Surinam (in Gran Chaco und Surinam haben die Indianer skalpiert); so auch der ganze Norden Nordamerikas westlich der Hudsonbai, die gesamte Westküste, Mexiko und das übrige Mittelamerika. Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet des Skalpierens ist im Gegensatz dazu noch recht eng: es füllt lediglich den Osten der heutigen Union östlich des Mississippi und einen schmalen Streifen längs des Lorenzstromes. Nur in diesem Raume war also die Kopftrophäe bereits durch den Skalp überholt worden; überall sonst herrschten die vorhin skizzierten, anders gearteten Verhältnisse. Aber auch in diesem Urherd bestand die Sitte des Skalpierens in der uns geläufigen Form um 1600 noch keineswegs. Man skalpierte zwar, aber nur den abgeschnittenen Kopf, entweder, nachdem man ihn schon heimgebracht hatte, oder auch gleich an Ort und Stelle. Das Skalpieren in der Hitze des Gefechts ist, wie Friderici nachweist (E. Friderici, Skalpieren und ähnliche Kriegsbräuche in Amerika. Braunschweig 1906), erst durch die in Nordamerika eingedrungenen Weißen herangezüchtet worden, und die ungeheure Verbreitung, die die neue Sitte in sehr kurzer Zeit und bis fast auf die Gegenwart gefunden hat, nicht minder." (Dr. Karl Weule, Krieg in den Tiefen der Menschheit. Franckh´sche Verlagsbuchhandlung Stuttgart 1916, S.86)
Das heißt, daß die ältere, bevorzugte Form die Kopftrophäe war und sich, wenn überhaupt, nur einzelne Stämme zu dem "modernen" Skalp durchringen konnten. Da es recht unwahrscheinlich ist, daß eine solche "Erfindung" zugunsten der älteren wieder aufgegeben wird, kann ihre Verbreitung zu Zeiten des Buches Mormon kaum größer gewesen sein. Demnach müßte man die in Alma 43-44 beschriebene Schlacht relativ genau lokalisieren können; ansonsten stimmt hier etwas nicht. Zu beachten ist, daß auch die Bibel ggf. von Kopftrophäen, aber nie von Skalpen spricht! (1. Samuel 17:46, 51, 54; 1. Samuel 31:9; 2. Samuel 4:7-8; Judith 13:9, 18-19; Matth 14:8) Erst, als die Engländer 1637 und die Franzosen 1688 Prämien einführten, nahm das Skalpieren die Ausmaße an, wie sie Joseph Smith um 1830 kennenlernte. - Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie Zerahemnach längere Zeit nach einer so schweren Verwundung noch in der Lage gewesen sein soll, um Frieden zu bitten.

8. Der den Nephiten erschienene Jesus predigt diesen in 3. Nephi 12-13 die Bergpredigt, die auch Matthäus 5-6 überliefert. Interessant ist dabei, daß er das Vaterunser mit den Worten "Denn dein ist das Reich und die Macht und die Herrlichkeit immerdar. Amen" beendet (3. Nephi 13:13). So schließt das uns geläufige Vaterunser auch; in den ältesten Manuskripten des Matthäusevangeliums fehlt jener Vers aber, wie auch in der Parallelüberlieferung Lukas 11:2-4. Dieser Lobpreis stellt, jüdischer Sitte entsprechend, die Antwort der Gemeinde auf das von einem einzelnen gesprochene Gebet dar und ist als solcher erst nachträglich an den Text angehangen worden. Der auferstandene Jesus gibt den Nephiten also ein Ritual, das er zu seinen Lebzeiten gar nicht erlassen haben kann.

9. Auch der Prophet Maleachi wird von Jesus zitiert (3. Nephi 24). Der Name dieses Propheten ist jedoch kein Eigenname, sondern der hebräische Ausdruck für "mein Bote"; den wirklichen Namen des Autors überliefert die Bibel nicht. Es verwundert, daß auch Jesus der Rufnamen des Propheten, der ja immerhin Jesu Kommen verkündete, nicht bekannt ist.

10. Im gleichen Kapitel redet Jesus, ohne nachzudenken, von "Freßheuschrecken" (3. Nephi 24:11). Maleachi, von dem das Zitat stammt, lebte in Vorderasien, wo Heuschreckenschwärme noch heute eine gefürchtete Plage darstellen. Ich kenne mich in der Insektenfauna Amerikas nicht aus; es soll eine Wanderschreckenart in Südamerika leben, aber von Schwärmen amerikanischer Wanderheuschrecken, die so große Landstriche verwüsten, daß sie in religiösen Schriften verflucht werden, habe ich bis jetzt nichts gehört. Wenn Jesus vor seiner Gemeinde von Tieren redet, die diese wenig oder nicht einschätzen kann, ist er ein ganz schlechter Prediger gewesen.

11. In den jareditischen Königslisten, wo ein Herrscher dem anderen folgt, taucht in der Abfolge der Namen in Ether 11:9 urplötzlich ein "Set" auf, der ebenso abrupt wieder verschwindet; nirgends steht, wo er herkam oder endete. Ein solcher Bruch läßt an eine Überlieferungslücke denken, aber kann es im Buch Mormon eine Lücke geben? Wahrscheinlicher ist, daß Joseph Smith hier einfach den Faden verlor.
Überhaupt sehen die jareditischen Königslisten merkwürdig aus: Im Gegensatz zu anderen historischen Herrscherfolgen, die den Stolz und die Tradition alter Reiche ausmachten, fehlen den dreißig Königen nach Jared die Herrscherjahre. Nur an wenigen Stellen nennt Moroni Alter oder Herrschaftsdauer, aber zu unkonkret, um die jareditische Ära genau fixieren zu können. So bleiben die Angaben des Buches Ether seltsam nebelhaft.

12. Wohin das führen kann, zeigt sich in der Zusammenschau von Ether 6:20 und Ether 15:2. Nach ersterer Angabe zählten die Kolonisten bei Jareds Tod 22 + 12 Personen (zählen konnten sie also doch), nach letzterer starben in der ersten großen Völkerschlacht zwei Millionen Menschen, wobei noch genug übrig blieben, um sich am Hügel Cumorah dem Endkampf zu stellen. Nun gibt es eine Formel, nach der man die jährliche natürliche Bevölkerungszunahme errechnen kann (nach: Dr. Kurt Witthauer, Bevölkerungszahlen im Wandel, Hermann Haack Gotha/Leipzig 1971, S. 120):

p = (n-te Wurzel aus (b/a)) - 1

wobei p die Zunahmerate in Promille, a die Ausgangsbevölkerung und b die Bevölkerung nach n Jahren ist. Zur Berechnung benötigt man aber exakte Zeiträume!
Ich habe probeweise die mittleren Regierungszeiten der 35 judäischen und israelischen Könige von David bis 527 v. Chr. eingesetzt, die länger als ein Jahr regierten (18 +/- 15 Jahre). Nimmt man die oben genannten Bevölkerungszahlen als Fixpunkte, so kommt man bei 30 genannten jareditischen Königen x 18 Jahre mittlere Regierungszeit (=540 Jahre
Jarediten) auf ein Bevölkerungswachstum von 20,5 Promille - ein Wert, der dem heutiger Entwicklungsländer wie Malaysia, Indonesien und Mexiko nahekommt. Beim oberen Toleranzwert (18 + 15 = 33 Jahre mittlere
Regierungszeit) ergibt sich eine Wachstumsquote von immer noch 11,1 Promille, was im Bereich katholischer Länder hohen Lebensstandards, wie Italien, Irland oder Polen, liegt. Wie dem auch sei, bei Völkern der frühen Eisenzeit, die ein unbekanntes Land urbar machten mußten und dabei noch lange, blutige Bruderkriege austrugen, ist ein solches Wachstum unwahrscheinlich.

13. Die meisten Rätsel geben mir aber die Seefahrten Nephis und Jareds auf. Bisher glaubte ich, sie hätten über den Atlantik stattgefunden, was entlang des ost-westlich gerichteten Kanarenstroms/Nordäquatorialstroms
funktionieren kann; Thor Heyerdal hat es mit seinen "Ra"-Expeditionen 1969/70 bewiesen. Nun las ich aber bei Dir ("Das Buch Mormon: Geographie"), daß die HLT der Meinung ist, Nephi und Jared wären von Vorderasien an die amerikanische Pazifikküste getrieben worden?! Auf diese Idee kann nur kommen, wer keinen Atlas zu Hause hat. Ich arbeite beim Deutschen Wetterdienst und beschäftige mich mit den Strömungsmustern von Wind und Wasser auf der Erde. Gerade auf Indik und Pazifik laufen die großen, breiten Hauptströmungen in Ost-West-Richtung!
Nephi war da etwas besser dran, war er doch laut 1. Nephi 18:23 besegelt und mußte daher nicht unbedingt einer Strömung gehorchen; er konnte gegen Ende des Winters die Segel setzen, mit dem noch wehenden Nordostmonsun die ostafrikanische Küste entlangsegeln, um dann nördlich von Madagaskar auf den schmalen, ostwärts strömenden Äquatorial-Gegenstrom zu treffen, der sich im Frühling bildet, um dann, wieder den Wind nutzend, durch das Gewirr der Sunda-Inseln zu steuern, um dann vor der Ostküste Borneos erneut den Äquatorial-Gegenstrom zu nutzen und mit ihm den Pazifik zu queren. Prinzipiell ist das nicht unmöglich, zumal schon im 4. Jahrtausend v. Chr. die Sumerer, die Monsunwinde nutzend, einen regelmäßigen Schiffsverkehr Arabien - Indien einrichteten und Pharao Necho II. um 595 v. Chr. phönikische Seeleute rund um Afrika herum schickte (Walter Krämer: Die Entdeckung und Erforschung der Erde. Brockhaus Verlag Leipzig 1974, S. 53 und 80f.). Trotzdem und gerade deshalb stellt sich die Frage, weshalb es dann unbedingt Amerika sein mußte, wenn am Rande des Indischen Ozeans ganz Südasien und ganz Ostafrika leicht erreichbar waren.
Die urtümlichen Boote Jareds aber haben offensichtlich weder Segel noch Ruder gehabt; wie sollten sie West-Ost-Ströme finden? Der Kuroshio-Strom des Nordpazifik ist mit der beschriebenen Fahrtechnik nicht erreichbar. Die schmalen, höchstens 1000 km breiten Äquatorial-Gegenströme von Indik und Pazifik muß man erst mal treffen, ohne vor den indonesischen Inseln auf Grund zu laufen, und auch das klappt nur, wenn man zuvor die mächtigen, ost-westlich verlaufenden Äquatorialströme beider Meere überlistet. Am ehesten wäre denkbar, daß man, irgendwie die Querriegel ungünstiger Tropenströmungen überwindend, zur Westwinddrift südpolarer Breiten vorstößt, sich mit ihr über Indik und Pazifik treiben und dann mit dem Perustrom nordwärts an die Küste Südamerikas tragen läßt!
Kein Wunder, daß Jared zum Herrn schrie - angesichts dieser Aufgabe brauchte er wirklich seine Hilfe. Und wenn man noch bedenkt, daß seine acht Boote 344 Tage lang ununterbrochen auf dem Wasser waren, ohne daß sich eins verirrte oder sank, hat Gott hier wirklich ein Wunder vollbracht.

Im Buch Mormon werden mehrmals "Lehre und Bündnisse" und die "Köstliche Perle" erwähnt, was mich neugierig machte. Schließlich ging ich in ein Gemeindehaus der HLT (zur Sicherheit in kein Berliner), erbat mir eine Gesamtausgabe, gab als Adresse ein Haus im Berliner Regierungsviertel an und ging. Den Verdacht auf Buchdiebstahl weise ich hiermit entschieden zurück, denn ich hatte und habe ein schlechtes Gewissen, rede darüber und hoffe so auf LuB 64:7: "Ich, der Herr, vergebe denen ihre Sünden, die ihre Sünden vor mir bekennen und um Vergebung bitten." Seit ich LuB und KP lese, fühle ich mich dem Menschen Joseph Smith, seinem Denken, seiner Geisteswelt näher und verstehe den Eifer der Missionare ein wenig.

Doch auch wenn ich ihre Begeisterung nun akzeptieren kann, haben sich in meine eigene Seele Zweifel eingenistet. Als "Locker-Evangelischer" bin ich gewohnt, über Glauben zu diskutieren, und wenn ich ohne Denken glauben soll, sträuben sich mir (als sozialistisch Aufgewachsenem) die Nackenhaare. Die Beschreibung Deines Schicksals hat mir geholfen, gegen die HLT immun zu werden; dafür möchte ich Dir danken. Für Deine Aufklärungsarbeit wünsche ich Dir viel Erfolg! Sei herzlich gegrüßt aus Berlin von

Gernot