Die Mormonen - Zwischen 'Wahrheit' und Wirklichkeit

Beziehungen zwischen einem Nichtmormonen und eine(r)m Missionar/in

Hallo Holger, einen schönen guten Tag!

Zunächst einmal möchte ich Ihnen meinen aufrichtigen Glückwunsch zu Ihrer fantastischen Seite aussprechen. Sehr vielfältig, fundiert und interessant. Ich habe einen besonderen Anlass, warum ich Ihnen heute schreibe und ich hoffe, Sie werden die Zeit und Muße finden, mir zu antworten. – Doch zunächst einmal ist es vonnöten, einige Worte der Einleitung zu sprechen. Ich heiße A.-O. N., bin ein junger Mann von 31 Jahren, unverheiratet alleinlebend, Mediengestalter von Beruf und seit einem halben Jahr arbeitslos. Seit etwa 5 Jahren habe ich über die hier in O. tätigen Missionare Kontakt zur Mormonenkirche, mal mehr, mal weniger intensiv. Man hat mir den Stempel „Untersucher“ aufgedrückt und mir schon oft die Taufe nahegelegt, die aber keinesfalls für mich in Frage kommt. Ich treffe mich mit den Missionaren, um mein Englisch nicht einrosten zu lassen. Ich habe auch schon oft die Versammlungen besucht, denn grundsätzlich interessieren mich Ideologien, Religionen und Kulturen, und ich versuche seit langer Zeit zu ergründen, welche Beweggründe Menschen in einen tiefen Glauben bringen, denn ich habe einen solchen Glauben nicht.....

Ich will zum eigentlichen Anlass meines Schreibens kommen. Vor nunmehr einem halben Jahr habe ich hier eine Missionarin aus den USA kennengelernt und, soweit das unter den Umständen der permanenten Anwesenheit Dritter möglich ist, viel mit ihr geredet. Sie gefiel (und gefällt) mir sehr, die Chemie stimmt einfach, wie man so schön sagt. Doch es sind einige seltsame Dinge vorgefallen. In einer sonntäglichen Abendmahlsversammlung saßen wir nebeneinander und haben uns auch über das Geschehen unterhalten. Zufällig war an diesem Tag der Misionspräsident mit seiner Frau anwesend. Nach dem Ende der Versammlung kam dieser sofort auf uns zu und begann ein Gespräch mit mir, ob es mir heute gefallen hätte etc. Es war ihm sogar aus seiner Position in der „Chefetage“ aufgefallen, dass ich, immerhin etwa 25 Meter von ihm entfernt, Englisch mit der Missionarin gesprochen hatte. Wir haben etwa zehn Minuten miteinander geredet. Ich fragte mich, warum er denn ausgerechnet mit mir spricht. Dann habe ich die Gemeinde verlassen, die Missionarin und ihre Kollegin begleiteten mich noch bis zu meinem Auto, wir redeten noch eine Weile und ich fuhr fort. Seltsam war nur, dass ein Gemeindemitglied ohne erkennbaren Grund auf dem Parkplatz umherschwirrte und uns beobachtete.

Nach einigen weiteren Treffen mit diesen zwei Missionarinnen habe ich meiner „Favoritin“ dann schriftlich mitgeteilt, dass mich die ständige Anwesenheit Dritter stört und habe sie eingeladen, dass wir gemeinsam und alleine etwas unternehmen. Sie reagierte zunächst nicht, doch drei Tage später geschah dann das Unglaubliche: der Missionspräsident rief mich hier zuhause an und erzählte mir, die betreffende Missionarin habe ihn angerufen und ihm von meinem Schreiben erzählt. Er erzählte mir, es sei den Missionaren verboten, sich alleine mit dem anderen Geschlecht zu treffen und drohte mir damit, wenn das nicht aufhören würde, müsste er sie versetzen. Ich war natürlich sprachlos und wie vom Blitz getroffen. Eine Unverschämtheit, sich in diese Privatsache zu mischen und mit solchen Drohungen zu arbeiten! – In der darauffolgenden Zeit war die Missionarin dann wie ausgewechselt – keine Treffen mehr, nicht mal ein „Hallo“, lediglich Blickkontakt, und sie schien ständig auf der Hut zu sein, denn sobald ich mich in ihrer Nähe zeigte, war sofort entweder der Bischof oder der Gemeindemissionsleiter bei ihr und begann eine Unterredung. – Ich frage sie nun, ob sie mir das erklären können, denn in dem Fall bin ich mir meiner Weisheit am Ende. Kann es sein, dass die Missionare gegenseitig ihre Post kontrollieren? Ich kann es mir einfach nicht vorstellen, dass eine erwachsene und intelligente Frau den Missionspräsidenten anruft und von einem solchen privaten Brief erzählt. Kann es sein, dass ihr völlig der Kontakt zu mir verboten wurde? Dass sie nicht einmal mehr Hallo sagen durfte? Und wird über solche Sachen die komplette Gemeinde informiert? – Die Frau ist mittlerweile versetzt worden, ich weiß aber wohin. Was kann denn mit ihr geschehen, wenn ich dort einmal hinfahre und sie besuche, oder ihr schreibe? Welche Konsequenzen kann das für sie haben, solange sie Missionarin ist? Ich möchte ja nun auch nicht, dass ihr durch mein Handeln irgendwelche Nachteile erwachsen.

Ich hoffe sehr, dass Sie mir einiges dazu erklären können.


Hallo,

Missionare stehen in der Gemeinschaft unter einer besonderen Verpflichtung. Sie haben sich bereit erklärt, für 1.5 bzw. 2 Jahre nichts anderes zu tun, als sich der Missionsarbeit zu widmen. Missionare sind daher nicht fei zu handeln, wie sie wollen. Sie unterliegen strengen Missionsregeln und müssen täglich Rechenschaft über ihre Arbeit abliefern. Zu den genannten Regeln gehört u.a.:

1. Immer in Begleitung des Mitarbeiters sein.
2. Völlige Enthaltsamkeit, keine Beziehungen zum anderen Geschlecht. Keine Masturbation
3. Einhaltung des festgelegten Tagesablaufs
4. Keine Zeitung lesen
5. Kein Fernsehen
6. Keine Bücher lesen, außer denen, die erlaubt sind
7. Keine Musik hören, die nicht genehmigt wurde. (Manchmal ist das nur der Messias von Händel)
8. Gehorsam dem Missionspräsidenten gegenüber
9. Kein Kontakt in die Heimat (nur mit Genehmigung)
10. Kein Urlaub, keine Reisetätigkeiten
11. Kein Verlassen der vorgegebenen Gebietsgrenzen ohne Genehmigung (Distrikt, Zone, Mission)

Deine "Favoritin" ist nicht frei. Sie musste den Vorfall dem Präsidenten melden. Ansonsten hätte es vielleicht auch die Mitarbeiterin gemacht. Ihr wurde geraten, sich von Ihnen fern zu halten. Sie wird wahrscheinlich auch keinen Kontakt zu Ihnen mehr aufnehmen. Es gibt keine Möglichkeit für sie, sich alleine mit jemandem zu treffen.

Diese Regeln (die meisten) treten erst außer Kraft, wenn sie nach Hause fliegt und "entlassen" wird.

Sie sollten daher keine Bemühungen mehr unternehmen, die junge Frau zu erreichen. Es ist zwecklos. Sie würde weiter versetzt werden. Selbst wenn sie keine Missionarin mehr ist, dürfte eine Beziehung äußerst schwierig werden. Mormonen sind angehalten, sich Partner innerhalb des Systems zu suchen. Die Konflikte durch unterschiedliche Weltbilder sind sehr groß.

Tja, so sieht das aus. Ich war selbst 2 Jahre als Missionar in England. Nicht jeder würde sich in eine solche Zwangsjacke stecken lassen. Dazu muss man schon gehörig indoktriniert sein.

Ich hoffe, ich konnte ein wenig weiterhelfen. Bei weiteren Fragen, nur zu.

Gruß

H. Rudolph

Siehe dazu auch den Leitartikel: Beziehungen zwischen Mormonen und Nichtmormonen