Die Mormonen - Zwischen 'Wahrheit' und Wirklichkeit

Die "Säuberung" einer Gemeinde von Problemfällen - wenn Mormonen deuten

Zum Verständnis: Der folgende Leserbrief eines ehemaligen Mitgliedes enthält, neben sehr vielen interessanten und lesenswerten Gedanken, zusätzliche Informationen zu einem Sachverhalt, der die Teilung der Mormonengemeinde Freiburg im Jahre 1998 betrifft. Damals entstand der neue Zweig Emmendingen, dessen Zweigpräsident ich wurde. Die Arbeit war nicht einfach, doch die gesamte Zweigpräsidentschaft bestand aus äußerst aktiven und hoch motivierten Mitgliedern. In diesem Jahr erhielten wir Lob von allen Seiten und ein lokaler Pressebericht löste den nächsten ab. Ein eigenes Gemeindehaus sollte in Kürze entstehen. Im März 1999 verließ ich die Kirche aufgrund meiner beginnenden Recherchen, die heute auf dieser Site zu finden sind. Einige Zeit später folgten meine Ratgeber aus den selben Gründen. Von diesem Zeitpunkt an dümpelte der Zweig, wegen mangelndem Führungspersonal, vor sich hin. Schließlich wurde der Zweig geschlossen und wieder Freiburg zugeführt.
Mitglieder haben mit solchen Ereignissen Probleme, denn man geht davon aus, dass es sich bei den Teilungen immer um höchst inspirative Weisungen handelt. Bei Misserfolgen treten Dissonanzen auf und daher braucht es Erklärungen. Einige der Freiburger Mitglieder haben ihre Erklärung gefunden. Es heißt in dem unten stehenden Brief:

"In Freiburg erzählte mir eine Freundin dann, man habe die Gemeinde falsch geteilt, in Emmendingen seien all die schwierigen Fälle gelandet, mit denen man sowieso schlecht arbeiten und auskommen könne. Daher sei es in den Augen vieler Mitglieder wohl eine sinnvolle "Säuberung" gewesen - abgefallen seien nur die Problemfälle."

"Abgefallen" sind in erster Linie die Führungsbeamten, die seit Jahren auch schon in Freiburg sehr aktiv gearbeitet haben und jetzt mit als "Problemfälle" deklariert werden. Die Führungsetage hat die Gemeinschaft verlassen, weil sie erkannt hat, dass sie eben nicht die einzige Wahrheit besitzt.
Von einer "Säuberung" zu sprechen halte ich für mehr als bedenklich. Erinnern uns doch solche Worte an ein sehr dunkles Kapitel deutscher Geschichte. Natürlich hatte der Zweig sehr viele Mitglieder, die Unterstützung brauchten aber nach meinem damaligen Verständnis von "Evangelium" und "Nächstenliebe", sahen wir es als unsere Aufgabe an, die Schwächeren zu tragen und nicht los zu werden. Ich betreute sogar ein psychisch krankes Mitglied als amtlicher Betreuer, was zeitaufwendig war.
Hier zeigt sich erneut, dass das "christliche" Verständnis der Mormonen von elitärem Gedankengut überschattet wird. Frei nach dem Motto: "Werden wir die Schwachen los, können wir Starken wieder frohlocken." Es muss also immer ein Grund gefunden werden, der das Unerklärbare erklärt, damit das Weltbild nicht zu bröckeln beginnt.

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Lieber Holger Rudolph,

ich habe schon des Öfteren mit Interesse Ihre Webseiten gelesen und möchte mich herzlich dafür bedanken, dass Sie sich so viel Mühe gemacht haben, m. E. sachlich korrekte und ausführliche Informationen über die Mormonen bereitzustellen.

Besonders gefällt mir, dass Sie sich mit psychologischen und sozialen Zusammenhängen auseinandersetzen. Sie haben mir schon einige Erkenntnisse darüber vermittelt, warum und wie sich solche Glaubenssysteme entwickeln, aufgrund welcher eigenen Schwächen und "Verkorkstheiten" ich mich dazu hingezogen und ca. 15 Jahre dabei recht wohl gefühlt habe und warum die "guten" Mitglieder so allergisch auf kritische Fragen reagieren.

Ich wurde 1976 in Freiburg getauft, habe 2 Jahre dort gelebt, mich damals unter den vielen netten Mitgliedern sehr wohl gefühlt und bis heute noch mit einigen befreundet. Ich war 84-86 auf Mission und bis 96 sehr aktiv.

Am 10.1.02 habe ich mein Austrittschreiben an die Kirche abgeschickt, nachdem es mir im Laufe der letzten Jahre immer deutlicher geworden war, dass vieles nicht so stimmt, wie es offiziell in den Leitfäden und den oftmals dümmlichen und oberflächlichen "Belehrungen" in den Gemeinden vermittelt wird. Dank der informativen deutschen und englischen Ex-Mormonen-Seiten ist mir klar geworden, dass ich mich von der Organisation trennen muss, da sie absolut keine göttliche Vollmacht besitzt und es ihre offiziellen Vertreter leider zu oft an Ehrlichkeit und geistiger Erkenntnis fehlen lassen.

Ausschlaggebend für meinen Austritt waren dabei witzigerweise nicht nur die Informationen über J. Smith, Kirchengeschichte, Buch Abraham u. ä., sondern in großem Maße auch die gehässigen und großspurigen Leserbriefe der sog. guten Heiligen, die so gerne den "Abgefallenen" Strafen androhen und sich anmaßen, Gott und die christliche Lehre auf eine Art verteidigen zu müssen, über die sich jeder halbwegs ehrliche und nachdenkliche Mensch nur wundern kann. Natürlich schiebt die Kirche im Zweifelsfall die Schuld auf die einzelnen Mitglieder, "die das mit dem Evangelium und der Nächstenliebe wohl noch nicht richtig verstanden hätten", aber es sind leider die Lehren der Organisation selbst, die diese Art von Dummheit, Selbstgefälligkeit und Fanatismus nicht nur dulden, sondern auch nähren und begünstigen. Daher ist ein Teil "der Anhänger der einzig waren Kirche" unfähig, sich auch nur ansatzweise ehrlich und sachlich mit Informationen auseinander zu setzen. Der Brief an Sie vom 3.8.02 ist leider wieder so ein gelungenes Beispiel, daher musste ich doch endlich schreiben.

Mitte Juli 02 kam die offizielle Bestätigung meines Kirchenaustritts.
Ich hege keine negativen Gefühle gegen die Mitglieder, ich habe viele gute Erinnerungen an nette Mitglieder und schöne Aktivitäten. Ich habe einfach gemerkt, dass ich mich immer mehr über die oberflächlichen Antworten, die Engstirnigkeit und die vielen Beschönigungen geärgert habe und dass ich das enge, fehlerhafte, von Menschen konstruierte Denksystem namens "das wahre Evangelium" nicht mehr brauche.

Vorletztes Jahr schrieb mir eine Freundin aus dem Schwarzwald von dem "Intenet-Problem" der neuen Gemeinde Emmendingen. Sie stellte es als eine Serie von falschen Informationen dar, auf die schwache Mitglieder hereingefallen waren. Auf meinen Einwand, es sei wohl nicht das Internet, sondern die oft verfälschte Kirchengeschichte, womit die Leute Probleme hätten, ging sie nicht ein, sondern schrieb nur, dass sie zum Glück gar keine Zeit habe, sich mit dem Internet zu beschäftigen. Es ist leider wahr (und wird auch gern als Schutzbehauptung vorgeschoben), dass viele Mitglieder zum Glück soooo mit Kirche beschäftigt sind, dass sie gaaaar keine Zeit haben, sich mit den Lehren und den Entwicklungen der Kirche zu beschäftigen. In Freiburg erzählte mir eine Freundin dann, man habe die Gemeinde falsch geteilt, in Emmendingen seien all die schwierigen Fälle gelandet, mit denen man sowieso schlecht arbeiten und auskommen könne. Daher sei es in den Augen vieler Mitglieder wohl eine sinnvolle "Säuberung" gewesen - abgefallen seien nur die Problemfälle. Beide Freundinnen sind sehr nett und tüchtig, keineswegs beschränkt oder gehässig. Ihre Reaktionen zeigen nur deutlich, wie gern einfache Erklärungen und Schwarz-Weiß-Malereien geglaubt und weiter verbreitet werden, um die eigene Sicherheit zu bewahren. Solche Verurteilungen werden unkritisch übernommen und schon ist die Welt der Auserwählten wieder in Ordnung.

Davon abgesehen, hatte ich schon bei vielen "altgedienten" Mitgliedern in den letzten Jahren das Gefühl, dass sie müde sind von der immer gleichen Tretmühle, den ständigen Aufforderungen, noch mehr zu schaffen, von dem beschönigendem Wachstumsgeschwätz und der ewigen Leier von noch mehr Missionsarbeit. Ich denke, dass viele, auch derjenigen, die die Gemeinden tragen und zusammenhalten, nur noch aus Gewohnheit und wegen der ständig geschürten Schuldgefühle im anstrengenden Trott bleiben, oft der Familie zuliebe oder weil sie so viel investiert haben. Wenn sie sich unter aktiven Mitgliedern sicher fühlen, wird viel gejammert und gestöhnt. Die Hindernisse für eine kritische Auseinandersetzung werden ja auch in dem Artikel Aussteigerprobleme sehr gut aufgelistet.

Da ich mich aber nicht (mehr) für das Seelenheil irgendwelcher "Schäfchen" und lieber "Geschwister" verantwortlich fühle, sondern nur für meine eigene Entwicklung und für mein Verhalten in unserer Gesellschaft, sehe ich das Ganze inzwischen recht locker. Dank der gewonnenen Ruhe und Denkfreiheit fühle ich mich sehr viel entspannter und habe viele Denkschablonen und Vorurteile abgebaut. Ich genieße das Leben und habe weder das Bedürfnis, "über die Stränge zu schlagen", noch anderen krampfhaft die Augen zu öffnen. Wenn sie in ihrer Entwicklung so weit sind, werden sie selbst anfangen, nachzudenken und sich zu informieren. Dann sind solche Seiten wie diese oder die von Gunar u. ä. sehr wichtig. Daher möchte ich Sie ermutigen, trotz aller Peinlichkeiten der "Verteidiger der einzig wahren Wahrheit", sich weiter sachlich mit dem Mormonentum auseinander zu setzen und gute Informationen und Denkanstöße bereitzustellen.

Mit freundlichen Grüßen
M.Z.