Die Mormonen - Zwischen 'Wahrheit' und Wirklichkeit
Mormonen und Homosexualität

Es gibt im Mormonismus etliche Bereiche, in denen bestimmte Gruppierungen aufgrund ihrer Andersartigkeit diskriminiert werden. Ein bereits auf dieser Site ausführlich diskutiertes Thema ist der Umgang mit den Schwarzen. Aber auch die Homosexuellen sind Teil dieser Diskriminierung.
Wie bei manch anderen religiösen Gruppierungen, ist die Ablehnung derselben tief in der Doktrin verankert. Während unser modernes Zeitalter glücklicherweise langsam aber sicher mit den Augen der Vernunft und Toleranz diesem Thema begegnet (obwohl immer noch genug Ressentiments vorherrschen) , kämpft man im Mormonismus vehement gegen derartige Neigungen. So unterstütze die Gemeinschaft in der Vergangenheit mit hohen Geldsummen Kampagnen, die sich gegen die gleichgeschlechtliche Ehe richten. So geschehen 1998, als die Mormonen für eine Initiative aus Alaska 500.000$ spendeten. Für den Glauben ist Homosexualität nicht nur einfach widernatürlich, sondern vor allem eine schwere Sünde.

Ursprung der religiösen Vorurteile
Die meisten bibelgläubigen Menschen berufen sich u.a. auf das Alte Testament, in dessen Zeiten man sogar mit dem Tod dafür betraft werden konnte:

"Wenn jemand bei einem Manne liegt, wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Gräuel ist, und sollen beide des Todes sterben." ( 3. Mose 20:13 )
Aber auch das Neue Testament versucht eine eigene Erklärung zu finden:
"Darum lieferte Gott sie durch die Begierden ihres Herzens der Unreinheit aus, so dass sie ihren Leib durch ihr eigenes Tun entehrten.... Darum lieferte Gott sie entehrenden Leidenschaften aus: Ihre Frauen vertauschten den natürlichen Verkehr mit dem widernatürlichen; ebenso gaben die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau auf und entbrannten in Begierde zueinander; Männer trieben mit Männern Unzucht und erhielten den ihnen gebührenden Lohn für ihre Verwirrung." (Römer 1:24ff)

Paulus war der Ansicht, dass der Ursprung der Homosexualität als Folge von Ungehorsam gegenüber Gott zu erklären ist und das Gott selbst die Ungehorsamen der Homosexualität auslieferte. Was auch bedeuten würde, dass all diese Menschen vorher nicht homosexuell gewesen sind, sondern - wie Paulis es ausdrückt - in ihren Empfindungen "verwirrt" wurden. Eine Art zweiter Turmbau zu Babel mit Verwirrung unterhalb der Gürtellinie?


Die mormonische Sicht der Dinge

In Anlehnung daran schrieb der bereits verstorbene Präsident Spencer W. Kimball folgendes:

"Die Homosexualität ist eine schändliche Sünde. Sie ist etwas Widerwärtiges für diejenigen, für die sie keine Versuchung darstellt;.... Es ist unangenehm und peinlich, darüber sprechen zu müssen.... Diese Perversion findet man sowohl bei Männern, als auch bei Frauen.... Alle diese Perversionen sind vor Gott nicht nur unnatürlich, sondern unrecht.... Der größte soziale Schaden, der durch die Homosexualität angerichtet wird, trifft die Ehe und die Familie... Weil Homosexualität eine so schwere Sünde ist, wird jemand, der dafür nicht Buße tut, schwer bestraft. "
( Spencer W. Kimball, Das Wunder der Vergebung, S.92,93, 1969)

Kimball führt in seinem Moralepos sogar die Masturbation als mögliche Ursache für Homosexualität an:

"... und was noch schwerwiegender ist: häufig führt sie [die Masturbation] zu einer schrecklichen Sünde, zur Homosexualität nämlich, einem Frevel an der Natur. Sie wird nämlich insgeheim begangen und führt oft dazu, daß zwei Menschen, gleichen Geschlechts sich gegenseitig befriedigen; dabei werden sie schließlich völlig homosexuell." ( Spencer W. Kimball, Das Wunder der Vergebung, S.92, 1969)
Mit solchen Argumenten versuchte man junge Menschen von der "Sünde der Masturbation" zu befreien.

Die Kirche bestraft Menschen, die im Zusammenhang mit der Homosexualität nicht "umkehrbereit" sind auf folgende Weise:

"Daher sei an dieser Stelle klargestellt, dass Homosexualität mindestens ebenso schlimm, wie Unzucht oder Ehebruch ist und dass die Kirche des Herrn dem, der Homosexuellen Neigungen nachgegeben hat, die Gemeinschaft entzieht oder ihn ausschließt, wenn er nicht Buße tut...." (Spencer W. Kimball, Das Wunder der Vergebung, S.96, 1969)
Der Mormonenapostel Boyd K. Packer sieht die Homosexualität als wachsende Gefahr für die Mitglieder der Gemeinschaft:
"Die Gefahren, von denen ich gesprochen habe kommen von der Schwulen-Lesben-Bewegung, der Feministen-Bewegung, und die allgegenwärtige Herausforderung von den so genannten Gelehrten oder Intellektuellen." (Aus einer Ansprache zum Koordinationsrat der Kirche, 1993 )
In den Augen der Mormonen ist die Homosexualität also eine schwere Sünde und eine Gefahr, die bekämpft werden muss. Dazu bedienen sich die Führer der Disziplinarstrafen und der "Hilfe für die Kranken".
Demnach ist die Homosexualität mit einer Krankheit gleichzustellen, von der man "geheilt" werden kann:
"Weil die Kirche erkannt hat, daß die Homosexualität in der menschlichen Gesellschaft heute ein großes Problem darstellt und daß man dem Homosexuellen helfen muß, wieder normal zu empfinden und ein normales Leben zu führen, hat die Kirche zwei Generalautoritäten dazu ernannt, auf höherer organisatorischer Ebene der Kirche hilfreich tätig zu werden. Nach Weisung dieser beiden Brüder haben die Bischöfe und Pfahlpräsidenten in aller Welt vielen Menschen geholfen, die an diesem Problem kranken. Die so erzielten Resozialisierungserfolge sind der Polizei und den Gerichten bekannt geworden, so daß nunmehr viele Fälle direkt an diese beiden Brüder verwiesen werden, bei manchen im Rahmen einer Bewährungsfrist." (Spencer W. Kimball, Das Wunder der Vergebung, S.96, 1969)

Man versuchte also den "kranken Sündern" zu helfen, sich von der Homosexualität zu befreien und diese zu "resozialisieren". In den 70er und 80er Jahren wurden an der kircheneigenen Universität BYU "Therapien" angeboten, die helfen sollten, sich von der Homosexualität zu befreien. Viele beschämte junge Menschen unterzogen sich einer solchen "Tortur der Heterosexualisierung", ohne zu wissen, was ihre Neigungen eigentlich sind und in Wirklichkeit bedeuten. Solche Praktiken gibt es heute meines Wissens allerdings nicht mehr und trotzdem fährt die Kirche weiterhin einen scharfen Anti-Homosexuellen-Kurs, den sie nach außen hin so weit wie möglich versucht zu relativieren, wie folgende Aussage von Präsident Gordon B. Hinckley zeigt:

"Erstens glauben wir daran, daß die Ehe zwischen Mann und Frau von Gott verordnet ist. Wir glauben, daß die Ehe ewig sein kann ­ kraft der Ausübung der Macht des immerwährenden Priestertums im Haus des Herrn. Die Menschen fragen nach unserer Haltung zu denen, die sich als Schwule und Lesben betrachten. Meine Antwort lautet, daß wir sie als Söhne und Töchter Gottes lieben. Sie mögen bestimmte Neigungen haben, die sehr stark sind und die sie vielleicht nur schwer in den Griff bekommen können. Die meisten Menschen haben bisweilen die eine oder andere Neigung. Wenn sie diese Neigungen nicht ausleben, können sie genauso vorangehen wie alle übrigen Mitglieder der Kirche. Wenn sie das Gesetz der Keuschheit und die sittlichen Grundsätze der Kirche übertreten, unterliegen sie der Disziplin der Kirche, genauso wie andere auch. Wir möchten diesen Menschen helfen, sie stärken und ihnen in ihren Schwierigkeiten beistehen. Aber wir können nicht schweigend zusehen, wenn sie sich unsittlich verhalten, wenn sie versuchen, für eine so genannte gleichgeschlechtliche Ehe einzutreten, sich dafür einzusetzen und in einer solchen Beziehung zu leben. Wer so etwas erlaubt, nimmt die sehr ernste und heilige Grundlage einer von Gott gebilligten Ehe und ihren Zweck, die Gründung einer Familie, auf die leichte Schulter." (Aus einer Generalkonferenzansprache, Bezug nehmend auf ein Interview mit Larry King)

Eine der jüngsten Aussagen zum Thema erschien am 26.10.2004 von der Ersten Präsidentschaft:

Die Erste Präsidentschaft der Kirche hat folgende Verlautbarung veröffentlicht:

"Wir, die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, wenden uns voller Verständnis und mit allem Respekt denen zu, die sich zu Angehörigen des gleichen Geschlechts hingezogen fühlen. Wir sind uns dessen bewusst, dass dies zu großer Einsamkeit führen mag, aber dem, was vor dem Herrn recht ist, muss auch Rechnung getragen werden.
Wir bestätigen den Grundsatz der Lehre, der auf heiligen Schriften beruht, dass die Ehe zwischen Mann und Frau im Plan des Schöpfers für die ewige Bestimmung seiner Kinder unverzichtbar ist. Die Zeugungskraft darf nur zwischen einem Mann und einer Frau angewandt werden, die rechtmäßig miteinander verheiratet sind.
Jede andere sexuelle Beziehung, so auch die zwischen Angehörigen des gleichen Geschlechts, untergräbt die von Gott geschaffene Einrichtung Familie. Dementsprechend begrüßt die Kirche jede Maßnahme, durch welche die Ehe als Verbindung zwischen Mann und Frau festgeschrieben wird oder die verhindert, dass irgendeine andere sexuelle Beziehung einen rechtlichen Status erhält."

1995 erschien ein Dokument von den LDS Social Services (HLT Sozialdienst) mit dem Titel: Understanding and Helping Individuals with Homosexual Problems (Hilfe und Verständnis für Personen mit homosexuellen Problemen). In diesem Dokument wird behauptet, dass Homosexualität ein "mentales Gesundheitsproblem" sei, welches als behandelbare Störung anzusehen ist. Diese Störung wird auf Funktionsstörungen innerhalb der Familie zurückgeführt. Als Fazit wird daher eine psychotherapeutische Behandlung empfohlen - wenn nicht sogar verlangt. Auch wenn diese Behauptungen moderner erscheinen, als die reine Brandmarkung des Sünders, so stempeln sie die Homosexualität doch weiter als Krankheitsform ab, die einer Behandlung bedarf!
Die lokalen Führer werden weiterhin aufgerufen, betroffene Mitglieder zur Umkehr oder Behandlung zu bewegen oder eben disziplinarisch gegen sie vorzugehen, sofern sie ihre "Neigungen" nicht unterdrücken. Demnach dürfen Homosexuelle Mitglieder bleiben, wenn sie ihre sexuellen Bedürfnisse verneinen. Es wird von ihnen verlangt immer keusch zu leben, denn eine Ehe von Gleichgeschlechtlichen wird entschieden abgelehnt.
Zusammenfassend heißt das: Die Homosexualität ist eine psychische Krankheit, ihre Ausübung eine Sünde.
Das Resultat einer solchen Politik sind Menschen, die sich mit Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen ihr ganzes Leben lang herumschlagen müssen, ohne jemals gelernt zu haben, zu sich selbst zu stehen. Menschlich gesehen eine Tragödie. Der Glaube intensiviert diese Diskriminierung in hohem Maße und wirkt als psychologischer Keulenschlag auf die Seele der Betroffenen. Aber muss eine solche Tragödie sein? Sind denn die Ansichten der Mormonen tatsächlich haltbar oder haben sie irgendeinen Gültigkeitsanspruch?


Möglicher Ursprung der Homosexualität
(Hinweis: Es gibt nach wie vor unterschiedliche Ansichten und Theorien darüber, wie Homosexualität entsteht. Ich möchte in diesem Artikel eine wissenschaftliche Sichtweise aufnehmen, ohne einen Anspruch auf das letzte Wort. Ich bin mir auch bewusst darüber, dass Homosexuelle eine ständige Nachforschung über die Ursachen als eher lästig empfinden. Sie möchten so akzeptiert werden, wie sie sind. Trotzdem halte ich es für wichtig, dass man dem religiösen Fundamentalismus etwas zum Nachdenken entgegen hält.)
Die moderne Forschung hat enorme Fortschritte gemacht und bezüglich der Entstehung der Homosexualität sehr plausible Erklärungen gefunden. Bekanntlich besteht der Mensch aus 46 Chromosomen, von denen 23 mütterlicherseits und 23 väterlicherseits vererbt werden. In diesen Chromosomen befindet sich der Bauplan des werdenden Menschen, der auch über die Geschlechtlichkeit entscheidet. Die Grundschablone für den Aufbau des menschlichen Körpers und Gehirns ist weiblich, daher sind alle Embryos zunächst Mädchen, auch wenn es sich um ein XY-Baby, also einen Jungen, handelt . Sechs bis acht Wochen nach der Empfängnis sind alle Embryonen geschlechtslos. Danach werden Hormone gebildet, die für Ausbildung der Geschlechtlichkeit verantwortlich sind und so z.B. die Genitalien formen und das Gehirn auf männlich oder weiblich programmieren. Nun, was hat das aber mit der Homosexualität zu tun? Beispielsweise lesen wir in einem Buch von Allan und Barbara Pease folgendes:

"Nehmen wir einmal an, ein männlicher Embryo (XY) benötigt mindestens eine Einheit männlicher Geschlechtshormone, um die männlichen Genitalien auszubilden, und drei weitere Einheiten, um das Gehirn mit einem männlichen Betriebssystem zu konfigurieren, doch aus Gründen, die wir noch untersuchen werden, erhält er nicht die erforderliche Dosis. Sagen wir, er bräuchte insgesamt vier Einheiten, erhält aber nur drei. Die erste Einheit wird für die Bildung der männlichen Geschlechtsorgane benötigt, weshalb dem Gehirn nur zwei weitere Einheiten zur Verfügung stehen, was bedeutet, daß das Gehirn zu zwei Dritteln männlich und zu einem Drittel weiblich ist. Das Ergebnis ist ein Baby, das später zu einer Person mit einem hauptsächlich männlichen Gehirn heranwachsen wird, der aber noch einige weibliche Denkmuster und Fähigkeiten anhaften werden. Wenn der männliche Embryo nun, sagen wir, zwei Einheiten männlicher Geschlechtshormone erhält, wird die eine für die Bildung der Hoden verwendet, und das Gehirn erhält nur eine Einheit statt der erforderlichen drei. Hier haben wir ein Baby, dessen Gehirn von der Struktur und dem Denken her hauptsächlich weiblich ist, sich aber in einem genetisch gesehen männlichen Körper befindet. Wenn dieses Kind in die Pubertät kommt, besteht eine große Wahrscheinlichkeit, daß der Junge sich als homosexuell entpuppt. Wie das abläuft, werden wir im achten Kapitel unter die Lupe nehmen.
Wenn der Embryo ein Mädchen (XX) ist, sind wenig bis gar keine männlichen Geschlechtshormone vorhanden. Also bildet der Körper weibliche Geschlechtsorgane aus, und die Gehirnschablone behält ihre weiblichen Eigenschaften bei. Das Gehirn wird weiter durch weibliche Geschlechtshormone bestimmt und entwickelt alle Attribute, die zum Nestbau und zur Nestverteidigung erforderlich sind, einschließlich der Zentren, die nötig sind, um verbale und nonverbale Signale zu entschlüsseln. Wenn das Baby zur Welt kommt, wird es mädchenhaft aussehen, und sein Verhalten wird aufgrund der 'weiblichen' Verbindungen im Gehirn auch mädchenhaft sein. Gelegentlich in der Regel aus Versehen erhält der weibliche Embryo allerdings eine größere Dosis männlicher Geschlechtshormone. Das Baby kommt in diesem Fall mit einem mehr oder weniger stark ausgeprägten männlichen Gehirn auf die Welt. Wie das abläuft, werden wir ebenfalls im achten Kapitel untersuchen.
Man schätzt, daß zwischen 80 und 85 Prozent aller Männer hauptsächlich 'männliche' Verbindungen im Gehirn aufweisen und daß 15 bis 20 Prozent aller Männer mehr oder weniger weibliche Gehirne haben. Viele aus dieser zweiten Gruppe werden im Erwachsenenalter homosexuell.
Wenn wir in diesem Buch vom weiblichen Geschlecht sprechen, beziehen wir uns auf die zirka neunzig Prozent der Frauen und Mädchen, deren Gehirne überwiegend auf typisch weibliches Verhalten programmiert sind. Etwa zehn Prozent aller Frauen haben ein Gehirn, das in mehr oder weniger starkem Ausmaß über einige männliche Fähigkeiten verfügt, weil es in dem Zeitraum von sechs bis acht Wochen nach der Empfängnis eine Dosis männlicher Geschlechtshormone erhalten hat."
(Allan und Barbara Pease, Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken, S.98ff, Ullstein Verlag, 2000. Hervorhebungen eingefügt)


Fazit
Die Homosexualität könnte also ein Produkt der Natur sein, das beim Aufbau des menschlichen Lebens zustande kommt. Bei Homosexuellen wurden möglicherweise zu viele gegengeschlechtliche Hormoneinheiten verarbeitet.

Es ist daher wichtig zu verstehen, dass die Homosexualität eine ganz natürliche Sache ist. Sie hat es schon immer gegeben und sie wird es immer geben. Es ist keine Krankheit und auch keine Sünde, von der man umkehren muss. Man kann Homosexualität auch nicht "heilen" und braucht es auch nicht. Es ist auch kein Fehler der Natur, sondern - wie gesagt - ein Produkt der Natur.


Die Homosexualität ist Teil der Menschheitsgeschichte

"Bei den 'alten' Griechen war die Homosexualität nicht nur erlaubt, sondern genoß sogar hohes Ansehen. Das Schönheitsideal der Griechen war eine schlanke, jungenhafte, jugendliche Gestalt, die man in Gemälden und Statuen verewigte. Angesehene Griechen schrieben Liebesgedichte zu Ehren ihrer jüngeren Liebhaber. Die Griechen glaubten, daß die männliche Homosexualität einem noblen, höheren Zweck diene und Jugendliche dazu inspiriere, wertvolle Mitglieder der Gemeinschaft zu werden. Junge homosexuelle Männer entpuppten sich auch als mutige und erfolgreiche Krieger, denn sie kämpften 'Seite an Seite, voller Liebe, gemeinsam mit den anderen'. Als die Christenheit damit begann, gleichgeschlechtliche Beziehungen zu verdammen, und man verbreitete, wie Gott seinen Zorn über Sodom entfesselt hatte, wurde die Homosexualität verbannt und im Wandschrank verborgen; bis vor kurzem zeigte sie sich nicht mehr in der Öffentlichkeit.
Im Viktorianischen Zeitalter leugnete man die Existenz der Homosexualität; sollte es sie dennoch geben, dann mußte sie das Werk Satans sein und wurde dementsprechend hart bestraft. Selbst jetzt, wo wir auf das 21. Jahrhundert zusteuern, glauben die meisten Mitglieder der älteren Generation noch, daß die Homosexualität ein modernes Phänomen und ein 'unnatürliches Treiben' sei.
In Wirklichkeit gibt es sie, seit es männliche Embryonen gibt, die - aus welchem Grund auch immer - nicht die erforderliche Menge an männlichen Geschlechtshormonen während ihrer Entwicklung im Mutterleib erhielten. Bei den Primaten dient homosexuelles Verhalten dazu, Mitglieder einer Gruppe stärker aneinander zu binden oder einem überlegeneren Mitglied Unterwerfung zu zeigen, so wie das auch bei Rindvieh, Hähnen und Hunden der Fall ist. Der Lesbianismus erhielt seinen Namen 612 v. Chr. von der griechischen Insel Lesbos. Zu keiner Zeit wurde die weibliche Homosexualität mit der gleichen Verachtung gestraft wie die männliche, wahrscheinlich weil man sie eher mit Intimität verband und weniger als "Perversion" empfand."
(Allan und Barbara Pease, Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken, S.269ff, Ullstein Verlag, 2000)
Meines Erachtens ist es ein Verstoß gegen die Grundrechte des Menschen, die Homosexualität zu diskriminieren. Noch schlimmer wird es, wenn diese Diskriminierung von Menschen kommt, die sich als Teil einer "christlichen Gesinnung" verstehen. Hat ein Gott - wie auch immer er aussehen mag - das Leben tatsächlich geschaffen, dann müssen wir auch hier feststellen, dass er eindeutig vom Produkt der Homosexualität als Teil des genetischen Bauplans gewusst haben muss. Er kann diese also nicht später als Sünde deklarieren. Es ist schließlich sein Werk und seine Küche und nicht die eines Anderen.


Kann man die homosexuellen Neigungen verändern, so, wie es die Mormonen behaupten?

"Homosexuelle wählen ihre sexuelle Orientierung genauso wenig wie Heterosexuelle. Wissenschaftler und die meisten Sexualforscher stimmen darin überein, daß die Homosexualität eine Orientierung ist, auf die man keinen Einfluß hat. Sie sind der festen Überzeugung, daß sich bei den meisten die homosexuelle Orientierung im Mutterleib herausbildet und daß im Alter von fünf Jahren die homosexuellen Muster bereits fest in der betreffenden Person verankert sind und von dieser in keiner Weise mehr gesteuert werden können. Jahrhunderte lang hat man die unterschiedlichsten Techniken angewendet, um homosexuelle Tendenzen bei den Betroffenen zu unterdrücken. Dazu gehörten Brustamputationen, Kastration, medikamentöse Behandlungen, die Entfernung der Gebärmutter, frontale Lobotomie, Psychotherapie, Elektroschocktherapie, Gebetsrunden, spirituelle Sitzungen und Exorzismus. Keine dieser Therapien hat jemals angeschlagen. Im besten Fall haben sie bewirkt, daß einige Bisexuelle ihre sexuellen Aktivitäten auf das andere Geschlecht konzentriert haben oder einige Homosexuelle sich dazu gezwungen sahen, aus Schuldgefühlen oder Angst heraus enthaltsam zu werden, doch viele andere wurden in den Selbstmord getrieben.
Die Chancen, daß Sie heterosexuell sind, liegen bei über neunzig Prozent. Denken Sie einmal daran, wie schwierig es für Sie wäre, sich zum gleichen Geschlecht hingezogen zu fühlen. Das wird Ihnen eine ungefähre Vorstellung davon geben, daß es praktisch unmöglich ist, Gefühle zu erzeugen, die man nicht bereits in sich hat. Wenn Homosexualität wirklich eine Entscheidung wäre, wie so viele behaupten, warum würde sich eine halbwegs intelligente Person für einen Lebensstil entscheiden, der sie soviel Feindseligkeit, so vielen Vorurteilen und Diskriminierungen aussetzt? Hormone sind die Auslöser für Homosexualität, nicht bewußte Entscheidungen."
(Allan und Barbara Pease, Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken, S.274ff, Ullstein Verlag, 2000. Hervorhebungen eingefügt)
Ich stelle daher fest, dass die Ansichten des Alten Testamentes, die des Paulus und die der Mormonen komplett veraltet - um nicht archaisch zu sagen - sind und jeglicher Vernunft widersprechen. Hier, wie an vielen anderen Stellen des Mormonismus, kommt der Stillstand des mormonischen Denkens empfindlich zum Vorschein. Das, was Spencer W. Kimball und andere Kirchenführer zu diesem Thema gesagt haben, ist schlichtweg Unsinn und wenn man Kimballs Aussage zur Masturbation betrachtet, sogar fahrlässige Naivität.

Es scheint mir daher wichtig, mit diesem Artikel für Toleranz und Akzeptanz denen gegenüber zu werben, die in den Augen mancher Menschen "andersartig" sind. Es gibt keine Andersartigkeit. Wir alle sind Bestandteil einer Lebensarchitektur, die auf Vielfalt und Individualität basiert. Andersartigkeit ist eine Empfindung, die deswegen zustande kommt, weil der Mensch nicht lernen will, über den Tellerrand zu blicken. Es gibt keine Wertigkeit aufgrund von Hautfarbe, Kultur oder geschlechtlicher Neigung. Nur diejenigen, die ihre absolutistischen Gebäude errichten wollen, instrumentalisieren die Begrenztheit des Verstandes für ihre Zwecke.

Homosexuelles Auftreten in der Gesellschaft
Viele heterosexuelle Menschen haben auch deswegen Vorurteile gegenüber den Homosexuellen, weil in den letzten Jahren die Schwulen-Lesben-Bewegung mit sehr viel Provokation versucht hat, auf sich aufmerksam zu machen und eine Veränderung im Denken der Gesellschaft zu bewirken. Dazu gehört z.B. der Schwulen- und Lesbierinnenkarneval in Sydney. Diese Umzüge stoßen meist auf Ablehnung und schüren die Vorurteile weiter, dass es sich bei homosexuellen Menschen um perverse Spinner handelt.
Ich möchte dazu bemerken, dass unsere Gesellschaft immer dann einen solchen Umbruch durchlebt, wenn es zu Einseitigkeit gekommen ist. Die 68er-Bewegung hat mit Erfolg gegen den bornierten Konservatismus der Nachkriegsgeneration aufbegehrt. Sie tat es auch mit einem extremen Verhalten. Ein Extrem stellte sich gegen das andere, bis sich ein Mittelweg eingependelt hatte. Heute braucht niemand mehr als Hippie herumzulaufen.
Die genannte Provokation wird dann in eine Normalität übergehen, wenn den Homosexuellen mit mehr Verständnis und Akzeptanz begegnet wird, das ist eigentlich alles, was es braucht.