Die Mormonen - Zwischen 'Wahrheit' und Wirklichkeit

Frank Heckmann: "Wir sind ganz normale Menschen"

Saarbrücker Zeitung vom 09.02.2002

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Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage - Interview mit ihrem Öffentlichkeitsbeauftragten des Pfahls Mannheim

Saarbrücken. Vor Olympia startete die "SZ" eine Serie, deren erster Teil sich mit den Mormonen beschäftigte, besonders mit der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Es gab etliche Reaktionen. Frank Heckmann (43), Öffentlichkeitsbeauftragter des Pfahls (wie eine Diözese) Mannheim, beantwortet Fragen über Behauptungen von Kritikern der Kirche.

Frage: Der Vatikan bezeichnet Ihre Kirche als Sekte, die evangelische Kirche als amerikanische Neu-Religion. Was ist Ihre Kirche wirklich?

Heckmann: Wir sind ganz normale Menschen. Wir betonen das Familienleben. Wir sind eine christliche Kirche, die in Deutschland den Status einer "Körperschaft des öffentlichen Rechts" hat. Wir glauben, dass nach dem Tod der Apostel Jesu seine Lehre in Teilen geändert wurde und die apostolische Vollmacht verloren ging. Im 19. Jahrhundert wurde die Kirche Jesu Christi in ihrer ursprünglichen Form wiederhergestellt,- also eine Fortsetzung der Urkirche. Wir betonen persönliche Werte wie Ehrlichkeit, Treue, Hilfsbereitschaft und sittliche Reinheit.

Frage: Es gibt viele Aussagen von Sekten-Beauftragten über den Erwerb des Tempelscheins und die Tempelzeremonie. Aussteiger aus Ihrer Kirche behaupten, es habe bis 1990 kirchenintern sogar die Androhung der Todesstrafe gegeben, falls ein Täufling Einzelheiten der Zeremonie verraten hätte. Stimmt das?

Heckmann: Nein, so etwas wie eine Androhung der Todesstrafe gab es nicht. Die Kirche hat von Anfang an die Ansicht vertreten, dass eine kirchliche Strafe niemals Leib, Leben oder Eigentum einer Person tangieren darf, sondern sich nur auf die Beschneidung von kirchlichen Rechten wie das Nehmen des Abendmahls oder das Recht der Stimmabgabe bei kirchlichen Entscheidungen beschränken darf. Wir haben Gemeindehäuser und Tempel. Während das Gemeindeleben und der Gottesdienst sich in Gemeindehäusern abspielt, die es in jeder größeren deutschen Stadt gibt, ist der Tempel für heilige Handlungen, wie zum Beispiel die Eheschließung, die nach unserem Glauben über den Tod hinaus Bestand hat, vorbehalten. Es gibt in Deutschland zwei der über 100 Tempel weltweit. Über die Tempelzeremonie reden wir nicht außerhalb des Tempels, weil sie uns heilig ist.

Frage: Was sind die wesentlichen Unterschiede zu den großen Kirchen?

Heckmann: Wer Mitglied der Kirche werden will, muss an Christus glauben, muss zur Umkehr bereit sein und sich taufen lassen. Wir vollziehen die Taufe durch Untertauchen von Menschen, die entscheidungsfähig sind. Kleine Kinder werden nicht getauft. Wir glauben, dass es heute lebende Propheten und Apostel Christi gibt. Wir sind eine Offenbarungsreligion und glauben, dass jeder Mensch das Recht hat, von Gott Offenbarung und Inspiration für sein Leben zu bekommen.

Frage: Ihre im 19. Jahrhundert entstandene Kirche hat ja sogar noch für Martin Luther eine "Taufe für Verstorbene'' abgehalten. Sie glauben tatsächlich, dass auch bereits Verstorbene noch getauft werden können?

Heckmann: Ja, das ergibt sich aus dem 1. Korintherbrief, Kapitel 15:29. Wir glauben, dass alle Menschen nach dem Tod weiterleben und auferstehen werden. Die Bibel sagt, dass die Taufe eine Bedingung der Erlösung ist. Konnten Menschen nicht auf der Erde getauft werden, können dies andere stellvertretend für sie tun. Wir glauben aber, dass der Verstorbene vor seiner Auferstehung dies annehmen oder verwerfen kann.

Frage: Ihre Mitglieder stehen ja im Leben wohl fest auf der Erde. Ihre Kirche nutzt jeden hohen technischen Standard. Aber den jungen Missionaren wird nahegelegt, auf Handys und Fernsehen zu verzichten. Warum?

Heckmann: Sie sollen sich ganz ihrer Missionsarbeit widmen und daran reifen.

Frage: Unbestritten ist das aggressive Auftreten so mancher Missionare. Sekten-Beauftragte der katholischen und evangelischen Kirche berichten von Klagen über massive Belästigungen. Wie rechtfertigen Sie dieses Vorgehen, bei dem das deutliche "Nein" eines Angesprochenen nicht sofort respektiert wird?

Heckmann: Das kann ich nicht gut heißen. Wir sind alle fehlerhaft. Das Problem ist oft die Umsetzung von Theorie in Praxis. Nach dem Recht auf Leben selbst ist das Recht auf freie Willensentscheidung für uns das höchste menschliche Gut. Das sollte auch bei der Missionsarbeit so sein.

Frage: Wer Mitglied wird, muss zehn Prozent seines Einkommens abgeben. Was macht Ihre Kirche mit dem vielen Geld?

Heckmann: Wir verwenden 50 Prozent der Einnahmen für karitative Zwecke. Die Kirche lehrt Eigenverantwortung, Vermeidung von Schulden und persönliche Vorsorge. Wir haben ein Wohlfahrtsprogramm aufgelegt, um Menschen in Arbeit zu bringen, damit sie ihr Selbstwertgefühl behalten können, indem sie für sich, ihre Gesundheit und ihre Finanzen selbst sorgen können. Wir sind auch in Ehrenämtern unseres Gemeinwesens tätig und wollen gute Nachbarn sein. Freiwilliger Dienst und Hinwendung zum Nächsten ist Teil unserer Religion. In Utah haben wir trotz überproportional vieler Kinder die geringste Kinder-Armut.

Frage: Wie kommen Sie damit klar, dass der Skandal um die Bewerbung der Mormonen-Stadt Salt Lake City weltweit mit Ihrer Kirche in Verbindung gebracht wird?

Heckmann: Ich leide darunter. Aber es handelt sich hierbei um Fehlverhalten einzelner, die teilweise gar keine Mitglieder der Kirche sind, ich möchte aber erwähnen, dass der Journalist, der den Skandal aufdeckte, auch ein Mitglied unserer Kirche ist.

Frage: Während der Olympischen Winterspiele wird Ihre Kirche weltweit viele Gelegenheiten haben, sich darzustellen. Ihre Kirche hat in Deutschland nur 36000 Mitglieder, das sind knapp 0,5 Prozent der Bevölkerung. Erwarten Sie einen Schub bei der Missionsarbeit?

Heckmann: Vielleicht nehmen sich jetzt Menschen die Zeit, uns zuzuhören, um zu erfahren, was unsere Kirche bietet.

Das Gespräch führte GÜNTHER WETTLAUFER