Die Mormonen - Zwischen 'Wahrheit' und Wirklichkeit
Was ist Mormonismus? - Wer sind die Mormonen?


Der Mormonismus ist auf seinen Gründer Joseph Smith (1805 - 1844) zurückzuführen. Smith behauptete im Jahre 1820 eine Vision gehabt zu haben, in der ihm Gott Vater und Jesus Christus erschienen. Diese sollen ihm mitgeteilt haben, dass alle derzeit bestehenden Kirchen im Irrtum seien und er sich keiner anschließen dürfe. In den Jahren von 1823 bis 1827 hatte er weitere Erscheinungen. Diesmal von einem Engel namens Moroni, der ihm letztendlich den Auftrag gegeben haben soll das Buch Mormon von goldenen Platten - die seit Jahrhunderten in einem nahen Hügel lagerten - zu übersetzen. Joseph Smith übersetzte dann das Buch mit Hilfe eines selbstgefundenen "Sehersteines" und dem so genannten "Urim und Tummim", der dem Buch beigelegen haben soll. Das Buch handelt von den Ureinwohnern Amerikas, die gemäß den Ansichten des 19. Jahrhunderts, von Jerusalem aus in die Neue Welt kamen und dort eine gemischte Religionsform aus Altem und Neuem Testament lebten. Der Höhepunkt des Buches ist der Besuch von Jesus Christus in der Neuen Welt.

Joseph Smith gründete schließlich am 6. April 1830 mit nur sechs Mitgliedern die "Kirche Christi" (später Kirche Jesu Christi Der Heiligen Der Letzten Tage oder Mormonen) in Fayette, New York. Die Mormonenkirche breitete sich aus und musste in den folgenden Jahren häufig ihren Standort wechseln. Von Fayette (New York) nach Kirtland (Ohio) und Far West (Missouri). Von dort nach Nauvoo (Illinois) und schließlich nach Westen über die Rocky Mountains. Dort gründeten die Mormonen ihre noch heute bestehende Metropole Salt Lake City (Utah). In den Gründerzeiten von Salt Lake (1847) und danach folgten Tausende von Gläubigen dem Ruf der Gemeinschaft und nahmen den beschwerlichen Weg (1300 km) über die Prärie und die Berge auf sich, um sich im "Zion" der Mormonen zu sammeln. Die Pioniere der Mormonenkirche trugen damit einen großen Teil zur Erschließung des amerikanischen Westens bei.
Im Zuge der Besiedlung und der Gründung des Staates Utah, befanden sich die Mormonen sogar kurze Zeit mit den USA im Krieg. Zu dieser Zeit wurde auch das drittgrösste Massaker in der amerikanischen Geschichte von Mormonen und Indianern an einem friedlichen Siedlertreck verübt: Das Mountain Meadow Massaker.

Nach dem Tod Joseph Smiths, im Jahre 1844, bildeten sich einige Splittergruppen (darunter die RLDS - heute Community of Christ). Der Hauptzweig - Die Kirche Jesu Christi Der Heiligen Der Letzten Tage (HLT) - ist heute weltweit vertreten und hat nach eigenen Angaben mittlerweile um die 15,8 Mio. Mitglieder (2017). Die Hälfte davon leben in den USA. Sie verzeichnet einen Zuwachs von ca. 200.000 - 300.000 Mitgliedern jährlich. 2004 waren es 241.239 Bekehrungen. Diese von den Mormonen offiziell genannten Zahlen sind allerdings zu hinterfragen, weil die Gemeinschaft die hohe Anzahl der jährlichen Austritte in ihrer Wachstumsstatistik nicht berücksichtigt. In Amerika treten jährlich so viele Menschen aus, wie im gleichen Zeitraum zum Mormonismus konvertieren. Es findet also dort kein Wachstum mehr statt. Erhebungen haben ergeben, dass es insgesamt nur etwa 4 Mio. Mitglieder gibt, die jeden Sonntag die Versammlungen besuchen. Die Differenz zur oben genannten Zahl sind inaktive und ausgetretene Mitglieder. Mormonen verweisen in diesem Zusammenhang gerne darauf, dass sie die am schnellsten wachsende Religionsgemeinschaft seien. Fakt ist jedoch, dass die Mormonen ihre Austritte nicht berücksichtigen und andere Gemeinschaften, wie die Sieben-Tage-Adventisten (1849 gegründet und heute ca. 13 Mio. Mitglieder), erheblich schneller wachsen, nämlich mittlerweile mit 900.000 bis 1.2 Mio. Konvertiten jährlich (s.a. Salt Lake Tribune, 01.09.2005). Damit fällt auch ein anderer Mythos, den die Mormonen gerne anführen: Sie sehen sich als eine aufsteigende neue Weltreligion. Sieht man richtig hin, stellt sich die Frage, wie das sein kann. Mit einem Heer von 70.000 (2017) Vollzeitmissionaren versuchen die Mormonen die Zahl ihrer Mitglieder zu erhöhen. Statistisch gesehen bekehrte also im Jahre 2004 jeder Missionar 4 Menschen zu seinem Glauben. Da mehr als die Hälfte davon inaktiv wurden oder austraten, bleiben pro Missionar gerade mal 1.5 - 2 Bekehrte für das Jahr übrig. Während die Gemeinschaft in den 80er Jahren noch ein Wachstum von 5% erfuhr, waren es zwischen 2000 und 2004 nur noch 3%. Stellt man Aufwand und Ergebnis gegenüber, so wird klar, dass es sich hierbei nicht um eine zukünftige Weltreligion handelt, sondern um eine Gemeinschaft, die mit enormem Aufwand nur wenig erzielt hat und sinkende Wachstumsraten aufzuweisen hat. Keine andere Religionsgemeinschaft, wie z.B. die Zeugen Jehovas oder die Sieben-Tage-Adventisten, verfügen über solche missionarische Mittel und wachsen doch schneller als die Mormonen.
Die Mormonen sind in Deutschland mit etwa 40.000 Mitgliedern (2017) vertreten. Aus eigener Erfahrung kann gesagt werden, dass etwa ein Drittel davon - also ca. 13.000 - aktive Mitglieder sind. Der Rest wird wenig erfolgreichen Reaktivierungsmaßnahmen unterzogen und inoffiziell nicht selten als "Dateileichen" bezeichnet. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich die Gemeinschaft mit Austritten schwer tut, denn das schlägt sich negativ in der Statistik nieder und die ehrliche Auseinandersetzung mit den realen Zahlen erzeugt Dissonanzen im Glaubensgerüst, daher werden die nach unten korrigierten Zahlen auch offiziell von den Führern nicht verkündet. Das wäre ein Eingeständnis des eigentlichen Misserfolgs. Ein typisches Verhalten für die Mormonen.
Menschen, die austreten möchten, erleben daher nicht selten ein langwieriges Prozedere, bei dem oft erst die Androhung juristischer Maßnahmen zum Erfolg führt. Der Zuwachs in Deutschland stagniert seit Jahren. Dafür gibt es unterschiedliche Ursachen. Eine davon ist die im Internet seit Jahren wachsende Aufklärung in deutscher Sprache. Zum anderen findet jede Gruppierung innerhalb einer Gesellschaft ihren spezifischen Sättigungsgrad und der scheint bei den Mormonen mit 0.05% Bevölkerungsanteil erreicht zu sein.

Die Mormonenkirche ist durch ihr Priestertum und dessen Führungsämter in Gemeinden, Pfähle und Gebiete organisiert. Den Kopf bilden die so genannte Erste Präsidentschaft mit dem "Propheten" und das Kollegium der "Zwölf Apostel". Diese werden von den Kollegien der "Siebziger" unterstützt. Jeder, der in diese Gremien berufen wird, nennt man eine "Generalautorität". Stirbt der Prophet, so rückt automatisch der dienstälteste Apostel nach.
In den Gemeinden und Pfählen stehen Älteste, Bischöfe und Pfahlpräsidenten den Mitgliedern vor. Die Frauen tragen kein Priestertum, haben aber in den so genannten Hilfsorganisationen auch Führungsämter inne. Das Priestertum der Mormonenkirche ist eine Mischform aus den Strukturen des Alten und Neuen Testamentes. Es besteht aus einem "Aaronischen" und "Melchisedekischen" Priestertum. In den unteren Ebenen arbeiten ausschließlich unbezahlte Laienpriester, die diese Arbeit neben ihrer normalen Beschäftigung verrichten. In höchster Ebene arbeiten die Führer Vollzeit und werden dafür inoffiziell bezahlt.
Jugendliche, männliche Mitglieder erhalten das Aaronische Priestertum schon ab 12 Jahren. Das Melchisedekische Priestertum wird ab 18 Jahren übertragen.

Bis 1978 durften Männer mit dunkler Hautfarbe das Priestertum nicht tragen. Die Gemeinschaft glaubte, so wie es im 19. Jahrhundert üblich war, dass Menschen mit schwarzer Hautfarbe einen Fluch tragen, der auf das Verhalten Kains im Alten Testament und den Ungehorsam der Lamaniten des Buches Mormons zurückzuführen ist. Die Mormonenkirche lässt heute zwar schwarze Priester zu, hat sich von der Lehre aber erst Ende 2013 aufgrund von äußerem Druck getrennt. Diskriminierung findet neben dem Rassenproblem aber auch noch anderweitig statt. So z. B. die Diskriminierung von Frauen, Homosexuellen, Gelehrten und Abtrünnigen.

In den Anfängen der Gemeinschaft konnten die Männer mehrere Frauen heiraten. Diese von der Mormonenkirche als "ewiges Gesetz" angesehene Lehre wurde aber im Jahre 1890 aufgrund von äußerem Druck abgeschafft und wird von der offiziellen Mormonenkirche in der Praxis nicht mehr betrieben. Dennoch glauben die Mitglieder, dass diese im Reich Gottes fortbestehen wird (Gott hat demnach auch viele Frauen) und so können in den Tempeln der Gemeinschaft weiterhin mehrere Frauen an einen Mann gesiegelt (hier: verheiratet) werden. Allerdings nur dann, wenn der bislang lebende Ehepartner verstorben ist. Splittergruppen der Mormonen praktizieren auch heute noch Polygamie in den USA.

Die Lehre der Mormonen ist eine Vermischung aus Altem und Neuem Testament, anderer Gruppierungen, wie z.B. den Freimaurern, sowie dem Gedankengut Joseph Smiths und seiner Mitstreiter, wobei auch der Okkultismus und das Wissen des 19. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle spielten. Der Mormonismus ist daher den synkretistischen (Neu)Religionen zuzuordnen, wird aber auch als chiliastische Sekte verstanden. Mormonen sehen sich selbst als Christen, die christliche Ökumene aber aufgrund des abweichenden Lehren nicht. Neben der Bibel glauben die Mitglieder noch an weitere Bücher, die sie in den Kanon ihrer Heiligen Schrift aufgenommen haben. Neben dem Buch Mormon gibt es das Buch "Lehre und Bündnisse" und die "Köstliche Perle". Das Buch Mormon wird als das richtigste Buch auf Erden angesehen und erhält damit einen höheren Stellenwert als die Bibel. Dies begründet sich dadurch, dass die Gemeinschaft die Bibel als unvollständig und an vielen Stellen falsch übersetzt sieht, aus der viele Lehren der damaligen Zeit entnommen worden sind. Obwohl archäologisch, anthropologisch und sprachwissenschaftlich längst widerlegt, versuchen Mormonengelehrte (Apologeten) immer noch, die Authentizität der Bücher Mormon und Abraham in einem fast verzweifelten Kampf aufrecht zu erhalten. Steht oder fällt doch die Glaubhaftigkeit der Mormonenkirche mit der Wahrheit oder Unwahrheit dieser Bücher.
Sie sieht sich selbst als einzig wahre und "wiederhergestellte" Kirche Jesu Christi. Der Prophet an ihrer Spitze wird als Sprachrohr Gottes angesehen. Er präsidiert über die gesamte Organisation, hat zwei Ratgeber und gehört einem Kollegium von neuzeitlichen "Aposteln" an. Die Gemeinschaft ist theokratisch aufgebaut und der Gehorsam und das Anerkennen der vorgesetzten Führer ist wichtiger Glaubensbestandteil. Kritik an Führern wird nicht geduldet. Gemäß der Ersten Vision von Joseph Smith gelten alle anderen Kirchen als ein "Gräuel in den Augen Gottes" und als "verderbt". Mormonen geben sich diesbezüglich nach außen hin gerne tolerant. Ihre theologischen Grundgedanken sind es jedoch nicht.

Der Grund warum Smith überhaupt Erfolg mit seinen theologischen Auslegungen und Gedanken hatte liegt darin, dass er ein grundlegendes amerikanisches Bedürfnis befriedigte. Er holte das "Heilige Land" nach Amerika. Selbst der Garten Eden befand sich laut Smith dort. Demnach wird Christus auch bei seinem Zweiten Kommen in Amerika erscheinen und das Neue Jerusalem soll in Missouri errichtet werden. Er legte viele Schriftstellen des Alten und Neuen Testamentes auf diese Gedanken hin aus und schürte so den patriotisch-religiösen Eifer der Menschen, den wir auch heute noch in den USA finden: "God's own country".

Weiter ist der Glaube an Jesus Christus und das Familienleben sehr wichtig. Einmal in der Woche halten die Mitglieder einen "Familienabend" ab. Was zunächst als positive Einrichtung erscheint, sieht bei näherer Betrachtung anders aus. Die Mitglieder werden so sehr in die Kirchentätigkeiten eingespannt, dass ein Familienabend notwendig erscheint, um die Familie wenigstens einen Tag in der Woche (Montag) an einen Tisch zu bringen, deren Mitglieder ansonsten von einer Versammlung zur nächsten rennen.
Die Familien werden zu Hause von so genannten "Heim- und Besuchslehrern" besucht und belehrt. Diese berichten dann über den Stand der Familien in ihren entsprechenden Gremien oder dem Bischof. Alle Mitglieder stehen somit unter Beobachtung. Fast jedes aktive Mitglied erhält eine "Berufung" in der Mormonenkirche, die mehr oder weniger zeitaufwendig ist. Die Mitglieder investieren sehr viel Zeit und Mittel im Dienst der Gemeinschaft, was bei manchen unweigerlich zu Problemen führt. Auch die Jugendarbeit spielt eine große Rolle. Die daraus resultierende Sozialisation der Jugend stellt einen der Grundpfeiler für das Wachstum der Gemeinschaft dar.

Junge Männer (Pflicht) und Frauen (freiwillig) werden mit 19 bzw. 21 auf Mission geschickt, um in der ganzen Welt die Mormonenkirche zu repräsentieren und deren Glauben zu verkünden. Über 70.000 Missionare (2017) sind für ihren Glauben tätig. Die Missionare unterliegen strengen Regeln. Für die gesamte Missionszeit dürfen sie niemals alleine sein, sondern immer in Begleitung ihres Mitarbeiters. Engerer Kontakt mit dem anderen Geschlecht ist untersagt. Es gibt keinen Urlaub und auch keine Freizeitgestaltung, bis auf einen halben Tag ("Preparation-Day") in der Woche, an dem sie zusätzlich noch ihre Wäsche und die Einkäufe erledigen müssen. Es gibt kein Fernsehen und keine Zeitung. Die Mission legt fest, welche Literatur gelesen werden darf. Nicht-mormonische Literatur ist verboten. Auch die Auswahl der Musik wird streng reglementiert. In den meisten Missionen dürfen auch keine Telefonate nach Hause getätigt werden, auch nicht an Weihnachten. Bei der Ankunft (so geschehen in England 1987) wird dem Missionar der Personalausweis entzogen und erst am Ende der Mission wieder ausgehändigt. Es existiert eine feste Kleiderordnung. Männer tragen nur Anzüge, Frauen dürfen nur Röcke tragen. Bis vor wenigen Jahren musste jeder Missionar seine Mission auch noch komplett selbst finanzieren. Heute gibt es einen Zuschuss.
Die größten Konvertierungserfolge erzielen die Missionare in den ärmeren und weniger gebildeten Teilen Südamerikas. Der Glaube etabliert sich allgemein in den gebildeteren Bevölkerungsschichten weltweit erheblich schlechter, auch wenn die Mormonen keine anti-intellektuelle Gruppierung wie die Zeugen Jehovas sind. Die Präsentation nach außen ist der Gemeinschaft sehr wichtig. Daher wird alles getan, um schlechte Publicity zu umgehen, wobei auch der Mangel an Kritikfähigkeit offenbar wird. Der Eintritt in die Mormonenkirche erfolgt formal über die Taufe und die Konfirmation, die ab acht Jahren möglich sind.

Die Gemeinschaft finanziert sich über den "Zehnten", einem auf dem Alten Testament beruhenden Gesetz, bei dem jedes Mitglied einen Zehntel seines Einkommens zu entrichten hat. Dadurch wird jährlich ein finanzieller Zuwachs von schätzungsweise mehr als 6 Milliarden Dollar erzielt. Zusätzlich verfügt der Glaube über Besitztümer und Firmenanteile, im Wert von mehr als 30 Milliarden Dollar. Die Mormonen investieren viel Geld in den Bau eigener Einrichtungen, sind aber auch karitativ tätig. Weiter werden Gelder zusätzlich wirtschaftlich angelegt. Die Kirchenführer verhindern seit Jahren eine aussagekräftige Transparenz, was die finanzielle Situation angeht. Den Mitgliedern gegenüber wird in den halbjährlichen Konferenzen lediglich gesagt, dass alles korrekt verwaltet wird. Einen näheren Einblick erhalten sie als Zehntenzahler jedoch nicht. Bei diesen Zahlen stellt sich allerdings auch die Frage, warum die Mitglieder, trotz des Reichtums ihrer Denomination und der hohen Zehntenabgaben, noch in vielen anderen Bereichen ihres Kirchenlebens zur Kasse gebeten werden und die Budgets der Gemeinden so niedrig sind, dass es ohne weitere "Opfergaben" der Mitglieder nicht geht.

Die Mitglieder leben entsprechend dem "Wort der Weisheit" abstinent. Sie nehmen weder Alkohol, Tabak, Kaffee oder Schwarztee zu sich. Dieses Gesundheitsgesetz wurde im Jahre 1833 von Joseph Smith "offenbart", erhielt aber seinen heutigen festen Platz in der Gemeinschaft wahrscheinlich erst zu Zeiten der Prohibition, denn Smith selbst - wie auch viele der damaligen Führer - hielten sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts niemals ernsthaft an dieses Kirchengebot. Weiter ist es interessant zu wissen, dass der Verbrauch des Antidepressivums Prozac in Utah weit über dem US-Durchschnitt liegt und besonders Frauen, aufgrund der hohen religiösen Erwartungen, zur Pille greifen (Siehe: Belastungssyndrom und Antidepressiva). Auch Diabetes stellt ein größeres Problem in Utah dar.

Das Weltbild der Mormonen dreht sich primär um den so genannten "Plan der Erlösung". Dieser besagt, dass der Mensch einst in der Gegenwart Gottes als Geistkind lebte und zu Prüfungszwecken zur Erde kam, um später wie Gott werden zu können. Demnach ist jeder Mensch ein potentieller Gott, der eines Tages selbst Welten erschaffen kann - allerdings nur mit Hilfe des mormonischen Priestertums. Das Weltbild ist daher polytheistischer Natur (aber nicht vergleichbar mit dem Polytheismus der Griechen oder Römer). Die Voraussetzung für das Gott-Werden, ist die "ewige Ehe" und das erhalten von Tempelbündnissen. Das Leben nach der Auferstehung wird in drei Herrlichkeiten unterteilt. In die Höchste kommen nur Mitglieder der Mormonenkirche. Entsprechend diesem Glauben, war auch Gott selbst einst ein Mensch, der sich erst später zu Gott entwickelt hat. Mormonen glauben auch, dass Gott in der Nähe eines Sternes Namens "Kolob" wohnt und sind außerdem weitgehend Teil des in Amerika von konservativen Bibellesern stark vertretenen Kreationismus, der die Evolution - und damit Darwin - als falsch erklärt und das Buch Genesis buchstäblich interpretiert.

Weitere Merkmale sind die von der Gemeinschaft errichteten Tempel (156 welteweit, 2 in Deutschland, 2017). Nur Mitglieder mit einem gültigen "Tempelschein" dürfen den Tempel betreten. Voraussetzung sind ein moralisch einwandfreies Leben, Gehorsam den Führern gegenüber, Pflichterfüllung in der Mormonenkirche, Glaube an die Grundsätze (Ehrlichkeit, Zehnten, Treue, usw.). Im Tempel wird die so genannte "Taufe für die Toten" vollzogen. Die Mitglieder glauben, dass eine stellvertretende Taufe für Verstorbene möglich ist. Weiter erhalten erwachsene Mitglieder ihr "Endowment". Diese Zeremonie, bei der spezielle Tempelkleidung erforderlich ist, verpflichtet das Mitglied zur absoluten Loyalität und Hingabe zur Gemeinschaft und soll ihn mit den nötigen, geistigen Dingen ausrüsten, die ein Leben in der Gegenwart Gottes ermöglichen. Die Zeremonie ist eine abgeänderte Form der Freimaurerzeremonie, vermischt mit Elementen des Neuen und Alten Testaments, sowie den Einflüssen Joseph Smiths und seiner Nachfolger. Joseph Smith selbst und viele seiner Anhänger gehörten dem Freimaurertum seiner Zeit an, die eigene Logen gründeten. Paradoxer Weise darf heute kein Mitglied mehr Freimaurer werden, weil diese als eine "geheime Organsiation" angesehen werden. Im Rahmen der Zeremonie werden Namen, Zeichen und Kennzeichen bekannt gegeben, die die Mitglieder niemals nach außen tragen dürfen. Bis 1990 wurden den Mitgliedern innerhalb der Zeremonie mögliche göttliche Todesstrafen im Falle einer Herausgabe angedroht. Aufgrund der hohen Geheimhaltungspflicht und des stark indoktrinierenden Charakters des Endowments, unterliegen die Mitglieder bewußt und unbewußt einem großen, psychologischen Druck (siehe auch: psycho-soziale Betrachtung der Mormonen). Nach Erhalt des Endowments dürfen die Mitglieder keine einfache Unterwäsche mehr tragen. Sie erhalten so genannte "Garments", die sie Zeit ihres Lebens als Erinnerung an ihre Bündnisse tragen müssen. Damit greift die Gemeinschaft sehr weit in das Privatleben ihrer Mitglieder ein.
In den 90er Jahren wurden unter Protest der jüdischen Öffentlichkeit, die Totentaufen für Holocaustopfer (darunter Anne Frank) in den Tempeln der Mormonen beendet. Doch auch für die Täter, wie Adolf Hitler und andere Nazigrößen, wurden stellvertretende Taufen und Endowmentzeremonien durchgeführt.

Im Tempel werden aber auch Ehen für die Ewigkeit geschlossen und Familien aneinander "gesiegelt". Die Mormonenkirche glaubt, dass Familien ewigen Bestand haben und wirbt heute primär mit dieser Botschaft. Wer nicht im Tempel heiratet, kann einst nicht wie Gott werden und wird eine dienende Funktion im Himmel einnehmen. Diese Lehre setzt vor allem alleinstehende Erwachsene unter Druck. Um diese Gruppe zu verheiraten, gibt es diverse interne Programme, welche das Zusammentreffen fördern - eine Art "Heiratsmarkt" (diesen Begriff benutzen Mormonen hinter vorgehaltener Hand selbst).

Rechtschaffenheit und Moral stehen im Glaubenssystem an erster Stelle. Die Geschichte zeigt jedoch, dass die Mormonen diesem Anspruch oft selbst nicht gerecht wurden. Der Skandal um die Olympischen Spiele 2002 in Salt Lake City, ist nur ein Beispiel dafür. Hierbei hatten Mormonen durch Bestechung den Zuschlag für die Spiele in der Mormonenmetropole erwirkt.

Die Lehre der Gemeinschaft wurde über die Jahre immer wieder verändert und den äußeren Begebenheiten angepasst (Polygamie, Schwarze und das Priestertum, Tempel, usw.). Sie versucht sich langsam von den vielen fragwürdigen Lehren der Vergangenheit zu distanzieren und ein Bild der allgemeinen Akzeptanz zu schaffen. Es wird nur noch wenig Betonung auf markante Lehren gelegt und vielmehr die Familie und Jesus Christus in den Vordergrund gestellt. Die Mitglieder gehen weitgehend unkritisch mit der Vergangenheit, Veränderlichkeit und den Lehren der Mormonenkirche um. Diese Website soll helfen, einen tieferen Einblick in den Mormonismus zu erhalten.