Die Mormonen - Zwischen 'Wahrheit' und Wirklichkeit
B.H. Roberts und „View of the Hebrews"

So unglaublich es für viele Mitglieder der Kirche klingen mag aber auch einer der größten Gelehrten und Historiker der Kirche, B.H. Roberts, kam zum Glauben daran, dass Joseph Smith Themen für das Buch Mormon aus anderen Büchern der damaligen Zeit entlehnt haben könnte.

Roberts verfasste nicht nur die „Introduction and Notes" für die History of the Church, sondern schrieb selbst das sechs Bände umfassendes Werk A Comprehensive History of the Church of Jesus Christ of Latter Day Saints und viele andere Bücher, die das Buch Mormon verteidigen.

Nachdem Roberts das Buch View of the Hebrews von Ethan Smith studiert hatte, welches 1825 publiziert wurde, zeigte er 18 Parallelen zwischen diesem und dem Buch Mormon auf. Er schrieb dazu zwei sehr signifikante Manuskripte, die von der Kirche aus Furcht sehr lange zurückgehalten wurden. Kopien dieser Manuskripte in fotografierter Form gelangten jedoch an die Öffentlichkeit und sind heute in Buchform unter den Namen Studies of the Book of Mormon erhältlich.

In diesen Manuskripten gestand Roberts ein, dass Joseph Smith auf Grundlage der damals vorhandenen Informationen, das Buch Mormon hätte selbst schreiben können. Je tiefer sich Roberts in die Materie begab, desto mehr kamen Zweifel und Fragen auf, die er dann auch äußerte.

Wie nun sah Roberts die Möglichkeit, dass Joseph Smith in der Lage gewesen sein könnte, das Buch selbst zu schreiben? Er schrieb:

„ Ein weiteres Thema bleibt hier noch zur Betrachtung übrig... - besaß Joseph Smith eine ausreichend lebhaftes und kreatives Vorstellungsvermögen, um aus solchem Material, wie in den vorangegangenen Kapiteln aufgezeigt, das Buch Mormon zu schreiben.... Dass solche Vorstellungskraft von einer höheren Ordnung stammt wird hier zugestanden und es besteht kein Zweifel, dass Joseph Smith einen solch begabten Kopf besaß.....
Im Licht dieser Beweise kann es keinen Zweifel geben, dass Joseph Smith, der Prophet, im Besitz einer solchen lebhaften, starken und kreativen Vorstellungskraft war. Eine Vorstellungskraft die es ihm ermöglichen würde - mit den Vorstellungen, die im 'Allgemwissen' über anerkanntes amerikanisches Altertum der damaligen Zeit gefunden wurden, unterstützt durch ein Werk, wie Ethan Smiths View of the Hebrews - ein Buch wie das Buch Mormon zu entwerfen. "
1

Diese Worte stammen nicht von einem Kirchengegner, sondern von einem bedeutenden Gelehrten der Kirche. Weiter schrieb er:

„ Es gab andere Anti-Christen unter den Nephiten, die aber mehr militärische Führer als religiöse Macher waren.... sie sind alle von der selben Sorte; so ähnlich, dass ein Kopf der Erfinder aller ist - dass eines jungen und ungelehrten aber religiös geneigten Kopfes. Ich gebe traurig zu, dass der Beweis auf Joseph als deren Erfinder zeigt. Es ist schwer daran zu glauben, dass sie eine historische Grundlage haben und dass sie durch lange Zeitperioden getrennt in Erscheinung traten, unter einem Volk, welches die Vorfahren der roten Menschen Amerikas waren. " 2

In seinen früheren Schriften von 1909 bestand Roberts darauf, dass Joseph Smith keinen Zugang zu Büchern gehabt haben kann, von denen er ein Fundament für das Buch Mormon hätte entnehmen können. In Studies of the Book of Mormon gestand er ein, dass er zu dieser Zeit weder von Josiah Priests Buch The Wonders of Nature and Providence, Displayed noch von Ethan Smiths Buch View of the Hebrews inhaltliche Kenntnisse gehabt habe. Er revidierte seine Meinung und schrieb:

„ Es ist insgesamt möglich, dass diese beiden Bücher... entweder von Jospeh Smith besessen wurden oder ihm sicherlich bekannt waren... " 3

Roberts erkannte, dass der Inhalt des Buches Mormon mit dem „Allgemeinwissen" der damaligen Zeit in Einklang steht und dass dieses Wissen den Grundstock für das Buch Mormon gelegt haben könnte. Zudem entdeckte er zahlreiche Ähnlichkeiten und Parallelen zwischen dem Buch Mormon und den genannten Büchern.

Roberts entwarf die genannten Manuskripte damals auf Wunsch von Apostel Talmage der von einem Nichtmitglied einige kritische Fragen zur Geschichte des Buches Mormon erhalten hatte. Roberts übergab den Führern der Kirche über 400 Seiten zu den genannten Fragen. Die Manuskripte wurden nie der Öffentlichkeit übergeben. Ob B.H. Roberts im Glauben an das Buch Mormon verblieb, bleibt ungeklärt. Er behielt jedenfalls seine Position in der Kirche inne.

Von Apologeten der Kirche wird gesagt, dass Roberts hier nur die Rolle des „Teufels Advokat" übernommen hätte. Andere, wie John L. Sorenson, erklären die aufgekommenen Probleme damit, dass Roberts zu seiner Zeit noch von Amerika als dem gesamten Bevölkerungsgebiet der Nephiten und Jarediten ausgegangen sei und nicht von einem begrenzten Gebiet in Mesoamerika. Die Inhalte der Manuskripte sprechen jedoch eine klare und andere Sprache. Jeder Leser kann sich dazu eine Meinung bilden.

Hier nun einige der Parallelen zwischen dem Buch Mormon und View of the Hebrews:

  • Die selbe Herkunft: Die Indianer sind wirklich Israeliten
  • Die selben Merkmale: Die Indianer waren einst sachkundig in Literatur, Kultur und Religion
  • Die selbe Hervorhebung: Jesaja und die Wiederherstellung Israels
  • Die selbe Ansicht: Die Amerikaner sind prophetisch berufen, den Indianern das Evangelium zu predigen.
  • Die selbe Einwanderungsroute: Eine lange Reise nordwärts, finden „Viele Wasser" ( Jarediten ).
  • Das selbe Schicksal: Eine Teilung in zivilisierte und barbarische Gruppen. Die Zivilisierten werden schließlich vernichtet.
  • Die selbe Kultur: Die Ureinwohner Amerikas sollen Menschen der Eisenzeit gewesen sein.
  • Die selbe Herkunft: Alle Rassen stammen von einer Familie. Alle Sprachen entstammen dem Hebräischen.
  • Die selbe Religion: Die Vorfahren der Indianer dienten dem Großen Geist aber verfielen dann in Götzendienst.
  • Die selben Schriften: Ein „verlorenes Buch Gottes", welches in einem indianischen „Hügel" vergraben wurde.
  • Die selben Einrichtungen: Militärische und heilige Türme. Von der Monarchie zur republikanischen Regierung.
  • Das selbe Christentum: Das Evangelium und Christus waren im alten Amerika bekannt.

Dies sind nur einige Parallelen in Kurzform dargestellt. Wie man sieht, können diese durchaus den Grundstock für das Buch Mormon gelegt haben. Viel interessanter sind natürlich Roberts Ausführungen dazu, die aber hier nicht aufgenommen werden können. Das Buch kann jedoch bestellt werden. 4


Fußnoten

1 B.H. Roberts, Studies of the Book of Mormon, S.243,250

2 B.H. Roberts, Studies of the Book of Mormon, S.271

3 B.H. Roberts, Studies of the Book of Mormon, S.252-254

4 Entweder über www.amazon.com oder www.utlm.org