Die Mormonen - Zwischen 'Wahrheit' und Wirklichkeit
"Reformiertes Ägyptisch"

Bevor man sich mit dem so genannten „Reformierten Ägyptisch" auseinandersetzt, ist es ratsam, einen kurzen Blick auf die Entstehung und Geschichte der ägyptischen Schrift zu werfen.

Die Ägypter selbst sahen die Schrift als ein Geschenk der Götter an, genauer des Mondgottes Thot. Die Schriften selbst nannten sie „Gottesworte", die wir mit einem semantisch ganz ähnlichen Begriff bezeichnen, dem von den Griechen geprägten „Hieroglyphen", was so viel wie „heilige Zeichen" bedeutet. Die Hieroglyphen wurden schon in der 1. Dynastie, ca. 2950 v.Chr, verwendet und haben sich in 3500 Jahren nicht wesentlich verändert.

Dem Franzosen Jean-François Champollion (1790-1832) gelang schließlich die entgültige Entzifferung der Hieroglyphen und des Hieratischen mit Hilfe des „Steines von Rosette", der ein Priesterdekret in drei verschiedenen Sprachen enthält: Den Hieroglyphen, in demotischen Schriftzeichen und in Griechisch. Champollion veröffentlichte 1824 sein Werk. 1836 erschien eine Grammatik und 1841 ein Wörterbuch. Generationen von Ägyptologen haben seither an der Wiedergewinnung der ägyptischen Sprache weitergearbeitet.

Die Hieroglyphenschrift ist, auch wenn es den Anschein gibt, keine Bildschrift. Als Monumentalschrift war sie für die Dauer bestimmt und hauptsächlich auf Stein geschrieben. Alle Texte von zeitlich begrenzter Intension dagegen wurden in einer anderen Schrift geschrieben, die „Hieratisch" genannt wurde. Sie ist durch Verflüssigung der Hieroglyphenschrift entstanden und scheint nahezu gleichzeitig mit dieser entwickelt worden zu sein. Das Hieratische könnte man als Schreibschrift und die Hieroglyphen als Druckschrift bezeichnen. Etwa 700 v. Chr. wurde das Hieratische noch weiter vereinfacht und es entstand die dritte ägyptische Schrift, das „Demotische". Das Demotische wurde zur Alltagsschrift, wobei das Hieratische für religiöse Texte weiter erhalten blieb. Das Demotisch war sozusagen die „Volksschrift" und das Hieratische die „Priesterschrift". 1 Beide Schreibformen existierten also zu Zeiten Lehis.

Eine Abbildung ägyptischer Schriftzeichen:

Aegyptisch.jpg

Laut dem Buch Mormon wurde das Buch von seinen Autoren in einer uns heute nicht bekannten Sprache geschrieben, die sich „Reformiertes Ägyptisch" nennt 2. Im ersten Buch Nephi lesen wir:

„ Ja, ich mache einen Bericht in der Sprache meines Vaters, die aus dem Wissen der Juden und der Sprache der Ägypter besteht. " 3

Mit dieser, aus dem Ägyptischen entwickelten Sprache, wird von Kritikern der Kirche oft folgende Frage gestellt:
Kann es wirklich sein, dass Hebräer mit all den Hintergründen ihrer Geschichte und Mentalität, die ägyptische Sprache wählen würden, um einen Bericht zu verfassen? Seitens der Kirche wird man dazu oft hören, wie praktikabel und platzsparend diese Sprache gewesen sein muss, und dass die deshalb benutzt wurde. Völkergeschichtlich scheint der Sachverhalt jedoch fragwürdig. Lehi war ein Hebräer, der sein Leben lang in Jerusalem gelebt hat und fest in die Traditionen seines Volkes eingebunden war. Die Hebräer liebten und verehrten ihre Sprache. Es war die Sprache, in der Gott vom Sinai zu ihnen gesprochen hatte. Weiterhin hassten die Hebräer die Ägypter aufgrund ihrer Vergangenheit. Kann es also sein, dass auch auf den Messingplatten ein hebräischer Bericht in ägyptischer Sprache zu finden war 4, nämlich die fünf Bücher Mose und die Geschichte des Hauses Israel bis hin zur Regierung Zidkijas, in einer Sprache, die kompliziert und schwer zu erlernen war?

Aber nicht nur Kirchenkritiker, sondern auch Kirchengelehrte stellen sich diese Frage. Der HLT-Kirchenschreiber J.N. Washburn machte dazu einmal folgende Aussage:

„ Der Punkt ist nicht der, dass Vater Lehi, der Jude, Ägyptisch lesen und verstehen konnte, obwohl dies schon überraschend genug ist....
Nein, die große Frage ist, wie es dazu kam, dass die Schriften der Juden in Ägyptisch geschrieben wurden. Wenn ich vorschlagen dürfte, welches das größte Problem für die Buch-Mormon-Wissenschaft ist, so würde ich ohne Frage dieses nennen: Der Bericht in Ägyptisch auf den Messingplatten und die Messingplatten selbst. "
5

Die F.A.R.M.S. Autoren John A. Tvedtnes und Stephen D. Ricks führen an, dass neuste Entdeckungen sehr wohl beweisen, dass semitische Texte auch in ägyptischer Sprache geschrieben wurden. So z.B. das Papyrus Amherst 63 oder diverse Scherben, die gefunden wurden. 6

Während diese Entdeckungen aufzeigen, dass die ägyptische Sprache bestimmten hebräischen Schreibern zugänglich war, bleibt die Frage, ob ein hebräischer Schreiber, außer kleineren Texten, einen so umfangreichen, religiösen Bericht, wie er auf den Messingplatten vorhanden war, jemals in ägyptischer Sprache geschrieben hätte - was auf das Buch Mormon genauso zutrifft. Bislang gibt es keine ähnlichen Funde in diesem Umfang. Dieser Punkt steht offen und bleibt bis zu einem vergleichbaren Fund spekulativ. Fakt ist nur, dass alleine die Mormonenkirche behauptet, dass es solche Berichte gegeben hat, ohne aber einen physikalischen Nachweis dafür liefern zu können, denn bekanntlich sollen die Platten ja einem Engel zurückgegeben worden sein.

Ein weiterer, strittiger Punkt ist der Name „Reformiertes Ägyptisch". Von Kritikern wird angeführt, dass eine Sprache mit diesem Namen bis heute nicht bekannt ist. In der Tat ist weder in der Alten noch in der Neuen Welt eine Sprache mit diesem Namen jemals erwähnt worden. F.A.R.M.S. argumentiert dagegen, dass dieser Name alleine von den Nephiten gebraucht wurde7. Mormon schreibt:

„ Und siehe, wir haben diesen Bericht geschrieben gemäß unserer Kenntnis, in der Schrift, die wir unter uns reformiertes Ägyptisch nennen, überliefert und von uns gemäß unserer Sprechweise abgeändert.... Aber der Herr weiß das, was wir geschrieben haben, und auch das kein anderes Volk unsere Sprache kennt. " 8

Auf die Alte Welt könnte man diese Aussage vielleicht geltend machen. Auf die Neue Welt bezogen ist dies jedoch fraglich. F.A.R.M.S. argumentiert weiter, dass es sich bei dem „Reformierten Ägyptisch" um eine abgeänderte Form des Ägyptischen handle und die Betonung daher auf „Veränderung" liegt. Somit könnte man das Demotische, als auch das Hieratische durchaus als reformiertes Ägyptisch bezeichnen. 9

Laut F.A.R.M.S. müsste die Sprache, in der das Buch Mormon also geschrieben wurde, entweder Demotisch oder Hieratisch in einer von den Nephiten abgeänderten Form sein. Dies alles klingt nach einer spannenden Diskussion, die für den Laien aber eher schwer zu verstehen sein wird. Egal was nun das „Reformierte Ägyptisch" sein soll, ob eine Sprache mit Eigennamen oder ob der Name eine Veränderung suggerieren soll, es war laut dem Buch Mormon, die gängige und universelle Sprache der Menschen aus dem Buch Mormon. Also der Menschen der Neuen Welt und dort muss diese zu finden sein. Zuvor sollten wir uns jedoch noch mit einem Dokument befassen, das einige Exemplare des „Reformierten Ägyptisch" enthalten soll: Der Abschrift für Professor Anthon ( Siehe nächsten Punkt ).


Fußnoten

1 Regine Schulz und Matthias Seidel, Ägypten - die Welt der Pharaonen, S.344 - 347

2 Buch Mormon, Mormon 9:32-33

3 Buch Mormon, 1 Nephi 1:2

4 Buch Mormon, Mosia 1:3-4

5 J.N. Washburn, The Contents, Stucture and Authorship of the Book of Mormon, S.81,

zitiert in Mormonism - Shadow or Reality, von Jerald und Sandra Tanner, S. 104

6 John A. Tvedtnes und Stephen D. Ricks, Jewish and Other Semetic Texts Written in Egyptian Characters

7 F.A.R.M.S. William J. Hamblin, Reformed Egyptian

8 Buch Mormon, Mormon 9:32,34

9 John A. Tvedtnes und Stephen D. Ricks, Jewish and Other Semetic Texts Written in Egyptian Characters