Mormonen und Polygamie

Joseph F. Smith (1838 - 1918), 6. Präsident der Mormonenkirche.  Hier mit seinen Frauen und Kindern


Nachtrag November 2014: Die Mormonenkirche gibt nun offiziell zu, dass ihr Gründer und Prophet Joseph Smith etwa 40 Frauen ehelichte. Manche davon waren bereits verheiratet und die Jüngste war gerade 14 Jahre alt. (Presse: Spiegel Online. / Bekanntmachung: www.lds.org)

Fragt man heute einen Passanten auf der Straße nach den Mormonen, so erhält man in den meisten Fällen die Antwort: "Das sind doch die mit den vielen Frauen." Während in der breiten Bevölkerung diese einst praktizierte Lebensform der Polygamie im Gedächtnis verblieben ist, wünschten viele Mormonen, dass man dieses oft als Peinlichkeit empfundene Thema lieber in der Vergangenheit ruhen lassen sollte.

Gorden B. Hinckley, gegenwärtiger Präsident der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Stand Aug. 2006), machte 1998 in einem Interview folgende Aussage:

"... zwischen zwei und fünf Prozent unserer Leute waren involviert. Es war eine sehr eingeschränkte Praktik, die sehr vorsichtig gehandhabt und 1890 eingestellt wurde. Der Präsident der Kirche, der Mann, der die Position inne hatte, die ich heute habe, betete darüber, beschäftigte sich damit, und empfing vom Herrn eine Offenbarung, die besagte, dass es nun Zeit sei, es zu beenden. Das war vor 118 Jahren. Das liegt hinter uns." 1

Ob die Aussage Hinckleys der Realität entspricht und ob es sich hierbei vielleicht doch um eine Verharmlosung der Dinge handelt, wird sich im Laufe der nun folgenden Diskussion zeigen.

Die HLT-Gemeinschaft der Mormonen praktiziert offiziell seit dem so genannten Manifest vom 24. September 1890 keine Polygamie mehr. Der damalige Präsident Wilford Woodruff dazu:

"Da nun der Kongress Gesetze erlassen hat, die die Vielehe verbieten, und da das höchste Appellationsgericht diese Gesetze als verfassungsmäßig bezeichnet hat, erkläre ich hiermit meine Absicht, mich diesen Gesetzen zu fügen und bei den Mitgliedern der Kirche, deren Präsident ich bin, meinen Einfluss geltend zu machen, dass ,sie es auch tun ... Und nun erkläre ich öffentlich, dass ich den Heiligen der Letzten Tage den Rat erteile, von jeder Eheschließung, die durch die Gesetze des Landes verboten ist, Abstand zu nehmen." 2

Polygame Beziehungen werden aber auch heute noch von mormonischen Splittergruppen in illegaler Weise in den USA fortgeführt. Diese Splittergruppen gehören aber nicht der HLT-Gemeinschaft (Kirche Jesu Christi Der Heiligen Der Letzten Tage) an (siehe: www.polygamy.org). Zu diesen Splittergruppen zählt auch der im August 2006 festgenommene Sektenführer Warren Jeffs, der bis zu seiner Festnahme zu den 10 meist gesuchten Verbrechern der USA gehörte und einer mormonischen Sekte, der Fundamentalistischen Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (FLDS), von 10.000 Mitgliedern vorstand. Ihm wurde u.a. Kindesmißbrauch und Verkuppelung von minderjährigen Mädchen mit älteren Männern vorgeworfen. Bis zu seiner Flucht im Januar 2006, lebte er mit zahlreichen Frauen zurückgezogen in einem Haus hinter Mauern.
Die HLT-Gemeinschaft ist sichtlich bemüht, bei Fällen, wie dem von Warren Jeffs, über Pressemitteilungen klar zu stellen:

Mormonen praktizieren keine Mehrehe.... Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage hat die Mehrehe 1890 abgeschafft...
1998 hat der Präsident der Kirche, Gordon B. Hinckley, erklärt:
"Ich möchte kategorisch sagen, dass diese Kirche mit denen, die die Polygamie praktizieren, nichts zu tun hat. Es sind keine Mitglieder der Kirche. Die meisten sind nie Mitglieder gewesen. Sie verstoßen gegen das Zivilrecht...
Wenn festgestellt wird, dass eines unserer Mitglieder die Mehrehe praktiziert, wird es exkommuniziert, was die schwerste Strafe ist, die die Kirche verhängen kann. Es verstößt also nicht nur gegen das Zivilrecht, sondern missachtet auch die Gesetze dieser Kirche." ...

Diese offizielle Verurteilung praktizierender Polygamisten in Amerika, ist deutlich gesagt hypokritisch. Auch wenn heute bei den HLT-Mormonen die praktizierte Polygamie physisch nicht mehr betrieben wird, so besteht die Lehre der Polygamie und deren Bedeutung weiter und findet ihre spirituelle Anwendung in den Tempeln der Gemeinschaft weltweit, jeden Tag!
Denn im Glauben der Mormonen ist Gott auch ein Polygamist und alle Mormonen, die einst ein Gott sein werden (mormonischer Polytheismus), natürlich auch:

"Wir haben klar aufgezeigt, dass Gott der Vater eine Vielzahl an Frauen hatte...mit denen er unsere Geister schuf und genauso den Geist von Jesus Christus, seinem Erstgeborenen...Wir haben auch bewiesen, dass Gott der Vater und unser Herr Jesus Christus, ihre Frauen im Zeitlichen, als auch für die Ewigkeit haben werden..."(HLT Apostel Orson Pratt, The Seer, S. 172)
Die Mitglieder glauben auch weiterhin an dieses "celestiale Gesetz" (göttliches Gesetz), welches einem Mann in der Ewigkeit mehrere Frauen bescheren kann. Demnach ist es möglich, an einen noch lebenden Witwer eine weitere Frau - oder nach deren Tod wieder weitere Frauen - zu "siegeln" (hier verheiraten). Bei stellvertretenden Arbeiten im Tempel ist die Siegelung mehrerer verstorbener Frauen an einen verstorbenen Mann völlig normal. Viele Frauen in der Kirche stehen dieser Praxis dennoch kritisch gegenüber und hadern mit dieser Lehre. In den letzten Jahren war es dann plötzlich auch möglich, mehrere Männer an eine Frau zu siegeln. Allerdings hat diese Frau dann in der Ewigkeit nur einen Mann, den sie sich wohl entweder aussuchen kann oder der von Gott für sie bestimmt wird. Die Kirche lässt aber von dieser neuen Handhabung fast nichts nach außen dringen. Die weiter bestehende Anerkennung der Polygamie als "ewiges und göttliches Gesetz", trotz Aussetzung der irdischen Praktizierung im Jahre 1890, führt alle Beschwichtigungen und Pressemitteilungen letztendlich ad absurdum. Oder sollten wir davon ausgehen, dass der mormonische Gott seine polygame Lebensweise mit dem Manifest von 1890 auch beendet hat?

Die Mormonen versuchen ihren Mitgliedern ein möglichst "vollkommenes" Bild der polygamen Lebensform zu Zeiten von Joseph Smith und Brigham Young zu vermitteln. So besteht die generelle Meinung, dass nur sehr wenige, würdige Brüder überhaupt in diese Praxis involviert waren und keinerlei sexuelle Absichten dahinter standen. Weiter wird immer wieder herausgestellt, dass es damals mehr Frauen als Männer in der Kirche gab und diese deshalb in Form der Vielehe versorgt werden mussten. Während die meisten Mitglieder bereitwillig diese Erklärungen annehmen, hinterfragen andere auf kritische Weise die Praktiken der damaligen Zeit. Dabei kommt ein Bild zum Vorschein, das dem der Kirchenführer widerspricht und die Mormonen in ein äußerst fragwürdiges Licht rückt.

Die Lehre der Vielehe stammt von einer Offenbarung, die der Prophet Joseph Smith am 12. Juli 1843 verfasste und noch heute als Abschnitt 132 im Buch Lehre und Bündnisse zu finden ist. Darin steht:

"Wahrlich, so spricht der Herr zu dir, mein Knecht Joseph: Da du mich gefragt hast und wissen und verstehen willst, inwiefern ich, der Herr, meine Knechte Abraham, Isaak und Jakob und auch Mose, David und Salomon, meine Knechte gerechtfertigt habe, und zwar im Hinblick auf den Grundsatz und die Lehre, wonach sie viele Frauen und Nebenfrauen gehabt haben -, ... Darum bereite dein Herz vor, die Weisungen zu empfangen und zu befolgen, die ich im Begriff bin, dir zu geben; denn alle, denen dieses Gesetz offenbart wird, müssen es befolgen. ... Gott gebot Abraham, und Sara gab Abraham die Hagar zur Frau. Und warum tat sie das? Weil es das Gesetz war; und aus Hagar entsprangen viele Völker ... Befand sich Abraham deshalb unter Schuldspruch? Wahrlich ich sage euch: Nein; denn ich. der Herr, habe es geboten ... Abraham empfing Nebenfrauen und diese gebaren ihm Kinder; und das wurde ihm als Rechtschaffenheit angerechnet, weil sie ihm gegeben worden waren und er nach meinem Gesetz lebte ... David empfing ebenfalls viele Frauen und Nebenfrauen, und auch Salomo und Mose ... und in nichts sündigten sie als nur in dem, was sie nicht von mir empfangen hatten. David wurden seine Frauen und Nebenfrauen von mir gegeben ...
Und meine Magd Emma Smith soll alle diejenigen empfangen, die meinem Knecht Joseph gegeben worden sind und die vor mir tugendhaft und rein sind ... Und weiter, was das Gesetz des Priestertums betrifft: Wenn ein Mann eine Jungfrau ehelicht und den Wunsch hat, noch eine andere zu ehelichen, und die erste gibt ihre Zustimmung, und wenn er dann die zweite ehelicht, und sie sind Jungfrauen und haben sich keinem anderen Mann versprochen, dann ist er gerechtfertigt; er kann keinen Ehebruch begehen ... Und wenn ihm durch dieses Gesetz zehn Jungfrauen gegeben werden, so kann er doch keinen Ehebruch begehen, denn sie gehören ihm ..." 3

Interessanterweise gab es in den Anfangszeiten der Kirche einen Abschnitt in der Ausgabe von 1835 der Lehre und Bündnisse, der die Mehrehe verbot! Die Kirche glaubte also anfänglich nicht an polygame Praktiken. In diesem genannten Abschnitt (101:4) heißt es:

"Und soweit dieser Kirche Christi das Verbrechen der Unzucht und Polygamie vorgeworfen wurde: wir verkünden, dass wir daran glauben, dass ein Mann eine Frau haben sollte; und eine Frau nur einen Ehemann ...." 4

Dieser Abschnitt wurde bis 1876 in jeder Ausgabe der Lehre und Bündnisse abgedruckt. Zu dieser Zeit wurde Abschnitt 132 eingefügt, der die Polygamie erlaubt, und der genannte Abschnitt, welcher die Polygamie verbot, wurde komplett entfernt. Wilford Woodruff, der der vierte Präsident der Kirche war, machte dazu folgende Aussage in einem Interview:

"F: Nun frage ich sie, Mr. Woodruff, warum die Kirche, deren Präsident sie sind, in der Ausgabe der Lehre und Bündnisse von 1876, den Abschnitt über die Ehe entfernt hat, wie er in der Ausgabe von 1835 gefunden wird und in allen Ausgaben bis 1876, und stattdessen die Offenbarung über die Mehrehe vom 12. Juli 1843 eingefügt hat? A: Ich weiß nicht warum dies getan wurde. Es wurde durch die Vollmacht dessen getan, der damals Präsident war, ich glaube Präsident Young war damals Präsident ... F: Wurde es nicht deswegen getan, weil das eine mit dem anderen in Widerspruch stand? A: Ich weiß es nicht ..." 5

Die Führer wussten also keine Antwort darauf, warum diese Handlung vorgenommen wurde. Wie verhält es sich aber nun nach Ansicht der Kirche mit Mehrehen, die vor der Offenbarung vom 12. Juli 1843 geschlossen wurde? Lorenzo Snow, fünfter Präsident der Kirche, sagte dazu:

"Und ein Mann der das Gesetz in der Ausgabe von 1835 verletzte, bis zu der Zeit, wo die Kirche die Offenbarung [Abschnitt 132] anerkannte, verletzte das Gesetz der Kirche, wenn er die Mehrehe praktizierte. Ja mein Herr, er würde von der Kirche verworfen werden, und ich denke, dass es mir genauso ergehen sollte, wenn ich es getan hätte. Wenn ein Mann noch vor der Offenbarung von 1843 mehr als eine Frau gehabt hätte, die zur selben Zeit gelebt hätten, wäre er von der Kirche ausgestoßen worden. Es wäre gemäß den Gesetzen der Kirche Ehebruch gewesen und genauso gemäß den Gesetzen des Staates." 6

Halten wir also fest: Mehrehen, die vor der Offenbarung von 1843 geschlossen worden sind, wären ungesetzlich und verwerflich gewesen, laut Lorenzo Snow. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass die Mehrehe von Joseph Smith und anderen schon viel früher praktiziert wurde. Dieses Kapitel ist auch in der Kirche sehr widersprüchlich. B.H. Roberts führt - in Widerspruch zu Lorenzo Snow - in der Einführung des 5. Bandes der History of the Church an, dass das Datum vom 12. Juli 1843 nur das Datum der Erlaubnis des Schreibens war und die Prinzipien der Mehrehe schon früher offenbart wurden. Roberts versucht damit die Problematiken mit geschlossenen Mehrehen vor 1843 zu rechtfertigen. Diverse Historiker und Schreiber der Kirche, wie John J. Stewart oder Max Parkin räumen ein, dass Joseph Smith schon 1830 polygame Verhältnisse mit Frauen einging. Mögliche Namen sind Nancy Johnson oder Fanny Alger. Parkin schreibt:

"Die Anschuldigung des Ehebruchs mit einem bestimmten Mädchen wurde von Cowdery gegen Smith in Missouri im Jahre 1837 erhoben.; diese Anschuldigung wurde eine der Beschwerden die die Kirche gegen Cowdery in seinem Exkommunikationsprozesses in Far West am 12. April 1838 erhob. Smith versuchte die Anschuldigung Cowderys damit zu erklären, dass Oliver Cowdery sein Busenfreund gewesen sei und er ihm viel Dinge anvertraut habe." 7

In einem Brief vom 21. Januar 1838 schrieb Oliver Cowdery, der einer der drei Zeugen des Buches Mormon war:

"Als er [Joseph Smith] dort war hatten wir einige Unterhaltungen und in jeder unterließ ich es nicht zu erwähnen, dass das, was ich gesagt hatte wahr sei. Eine schmutzige, ekelhafte, dreckige Affäre zwischen ihm und Fanny Alger wurde besprochen und ich erklärte mit Bestimmtheit, dass ich niemals von der Wahrheit abgekommen sei in dieser Sache, und wie ich annehme wurde dies von ihm zugegeben." 8

Einige Mormonenschreiber gestehen ein, dass es eine Verbindung zwischen Smith und Fanny Alger gab. Sie bemerken jedoch, dass es sich dabei um ein polygames Verhältnis gehandelt habe und dies von Gott geboten worden war. Andrew Jonson, ein HLT Historiker erstellte eine Liste von 27 Frauen, die an Joseph Smith gesiegelt wurden. Er bemerkte, dass Fanny Alger einer der ersten dieser Frauen gewesen sei. 9

Der Mormonenapostel John A. Widtsoe sagte zu diesem Verhältnis:

"Es scheint, dass Fanny Alger eine der ersten polygamen Frauen von Joseph Smith gewesen ist. Sie lebte noch viele Jahre nach dem Tod des Propheten und verleugnete nie ihre Beziehung zu ihm." 10

Hier entstehen nun einige Fragen. War Fanny Alger tatsächlich eine polygame Frau von Joseph Smith, trotz eines Abschnittes in Lehre und Bündnisse, der die Mehrehe zu dieser Zeit verbot? Oder waren Smith und Alger des Ehebruchs schuldig, wie Lorenzo Snow oben bemerkte und wie es Oliver Cowdery anschuldigte? Ist das gesamte Verhalten nicht äußerst widersprüchlich? Konnte sich Joseph Smith einfach den Gesetzen des Landes und seiner Kirche widersetzen und Praktiken eingehen, die verboten waren? Welche Beweggründe sind hinter der Polygamie zu suchen? War es tatsächlich das Gebot Gottes oder der Wille eines Mannes, der seine Bedürfnisse mit Hilfe scheinbar religiöser Offenbarungen zu befriedigen suchte? Waren es sexuelle oder spirituelle Ambitionen oder gar beides? War die offizielle Haltung in Lehre und Bündnisse von 1835 nur ein Vorwand, um die geheime Praktiken vor der Öffentlichkeit zu vertuschen? Der Leser möge sich mit Hilfe aller weiteren Fakten selbst ein Urteil bilden.

Die Offenbarung zur Mehrehe könnte hervorgekommen sein, um Emma Smith, die sich Zeit ihres Lebens gegen diese Praxis sträubte, zu überzeugen. William Clayton, der ein Sekretär von Joseph Smith war, dazu:

"Am Morgen des 12. Juli 1843 kamen Joseph und Hyrum in das Büro ... sie unterhielten sich über die Mehrehe. Hyrum sagte zu Joseph, 'Wenn Du die Offenbarung zur Mehrehe schreibst werde ich sie nehmen und Emma vorlesen und ich glaube, dass ich sie von deren Wahrheit überzeugen kann und du wirst danach Frieden haben.' Joseph lächelte und sagte, 'Du kennst Emma nicht so wie ich sie kenne', ... Joseph sagte dann, 'Nun, ich werde die Offenbarung schreiben und wir werden sehen.' ... Hyrum ging dann zu Emma und las ihr die Offenbarung vor. Joseph verblieb bis zu seiner Rückkehr mit mir im Büro. Als er zurückkam fragte Joseph ihn, welchen Erfolg er gehabt habe. Hyrum antwortete, dass niemals in seinem Leben jemand schärfer mit ihm gesprochen hätte." 11

Wir erinnern uns auch noch an einen Vers des Abschnittes 132, wie oben zitiert:

"Und meine Magd Emma Smith soll alle diejenigen empfangen, die meinem Knecht Joseph gegeben worden sind und die vor mir tugendhaft und rein sind ..."

Smith berichtete nach diesem Ereignis, dass Emma ihn aufs äußerste bedrängte, um der Offenbarung habhaft zu werden, damit sie sie zerstören könne. Eingehende Studien haben ergeben, dass Joseph Smith mit wenigstens 12 Frauen vor dieser Offenbarung von 1843 in polygamem Verhältnis lebte. Auch aus der Offenbarung selbst geht dies ja hervor, da Emma aufgefordert wird, diejenigen zu empfangen, die Smith bereits gegeben wurden. Emma war sicherlich nicht damit einverstanden und es stellt sich die Frage, ob sie von diesen Beziehungen zunächst überhaupt wusste, denn wie in anderen Fällen, pflegte Smith die Beziehungen anfänglich geheim zu halten. Eine Zustimmung der ersten Frau, wie sie in der Offenbarung von 1843 (Abschnitt 132) verlangt wird, war mindestens teilweise nicht vorhanden, was das folgende Beispiel von Emily Dow Partridge zeigt:

"... der Prophet Joseph und seine Frau Emma boten uns ein Heim in ihrer Familie an und behandelten und mit großer Freundlichkeit. Wir waren dort für etwa ein Jahr, als uns das Prinzip der Mehrehe bekannt gemacht wurde, und ich wurde am 4. März 1843 mit Joseph Smith verheiratet, die Zeremonie wurde vom Ältesten Heber C. Kimball durchgeführt. Meine Schwester Eliza wurde ein paar Tage später auch mit Joseph verheiratet. Dies wurde ohne das Wissen von Emma Smith gemacht. Zwei Monate später gestand sie ihrem Ehemann zwei weitere Frauen zu, vorausgesetzt, dass sie die beiden auswählen dürfte. Sie wählte daraufhin meine Schwester Eliza und mich aus und um Familienstreitigkeiten zu vermeiden, dachte Bruder Joseph es sei das Beste eine weitere Zeremonie zu vollziehen. Demgemäß wurden wir am 11. Mai 1843 in der Gegenwart von Emma an Joseph Smith gesiegelt ... Von dieser Zeit an war Emma unser bitterster Feind." 12

Hieraus wird ersichtlich, dass sich Smith nicht an seine eigenen Offenbarungen hielt und es ihm bei der Mehrehe wahrscheinlich um ganz andere Dinge ging. Interessant hierbei zu bemerken ist die Tatsache, dass in Abschnitt 132 Vers 54 und 55 der Herr Emma mit Zerstörung droht, wenn sie sich nicht dem Gesetz unterordnet:

"Doch wenn sie nicht nach diesem Gebot lebt, wird sie vernichtet werden, spricht der Herr; denn ich bin der Herr, dein Gott, und ich werde sie vernichten, wenn sie nicht nach meinem Gesetz lebt. Aber wenn sie nicht nach diesem Gebot lebt, dann soll mein Knecht Joseph doch alles für sie tun, ja, wie er es gesagt hat; ..."

Was sollte diese Vernichtung aussagen? War dies nur spirituell gemeint? Sicher ist jedenfalls, dass Joseph 1844 ermordet wurde und Emma sogar die Kirche verließ, unter anderem auch wegen der Polygamie. Sie lebte noch bis 1879. Dies war offensichtlich ein Versuch des Propheten, seine Frau unter Druck zu setzen. Aber nicht nur Joseph Smith heiratete weitere Frauen ohne die Zustimmung der ersten Frau. Weitere Beispiele finden wir bei Heber C. Kimball, Orson Pratt, B.H. Roberts und anderen.13

Wie bereits erwähnt, war Joseph Smith gemäß den Worten von Lorenzo Snow, des Ehebruchs in mehreren Fällen schuldig. Auch der Millennial Star, eine Mormonenzeitung, vertritt in der Ausgabe vom 25. Juli 1857 öffentlich diese Meinung:

"Die Heiligen der Letzten Tage hatten, vom Beginn der Kirche im Jahre 1830 bis zum Jahr 1843, keine Vollmacht mehr als eine Frau zu ehelichen. Sich anders als so zu verhalten, wäre eine große Übertretung gewesen."

Demnach hatten Joseph Smith und andere, gemäß dem Verständnis der Kirche, Ehebruch begangen. Um aus diesem Dilemma herauszukommen, behaupten Kirchenführer, dass die Offenbarung zur Polygamie schon vor 1843 gegeben wurde aber erst am 12. Juli 1843 niedergeschrieben wurde. Dazu wurde auch die Einleitung zu Abschnitt 132 verändert. In der Ausgabe der Lehre und Bündnisse von 1890 heißt es, dass die Offenbarung durch Joseph Smith am 12. Juli 1843 gegeben wurde. In der heutigen Ausgabe wurde das Wort "aufgezeichnet" eingefügt.

Wie schon erwähnt brachen die Mormonen mit der Polygamie auch das Gesetz des Landes und standen damit in direktem Widerspruch zu ihren eigenen Gesetzen. In Abschnitt 58, der am 1. August 1831 offenbart wurde, heißt es in Vers 21 und 22:

"Keiner soll das Gesetz des Landes brechen, denn wer die Gesetze Gottes einhält, der braucht die Gesetze des Landes nicht zu brechen. Darum seid der Staatsgewalt untertan ..." 14

Um in Nauvoo, welches zum Staate Illinois gehört, Polygamie zu praktizieren, mussten die Mormonen die Gesetze des Landes brechen und damit direkt gegen ein Gesetz ihres eigenen Glaubens, welches ja scheinbar auch von Gott gegeben wurde, verstoßen. Kann es einen Gott geben, der so widersprüchliche Gesetze gibt? Das Gesetz gegen Bigamie wurde in Illinois am 12. Februar 1833 erlassen und jeder, der dieses Gesetz brach, sollte wenigstens 1000 Dollar bezahlen und sah sich einer Gefängnisstrafe von nicht weniger als zwei Jahren gegenüber. Joseph Smith selbst wurde in Illinois wegen Polygamie angeklagt 15 und es ist durchaus möglich, dass einer der Gründe, warum er im Gefängnis zu Carthage einsaß, die Anklage wegen Polygamie war. Es konnte jedoch zu keiner Verhandlung kommen, weil der Prophet vorher ermordet wurde.

Weiter ist ein Vergleich zwischen den Aussagen des Buches Mormon und des Abschnittes 132 zum Thema Polygamie sehr interessant. In Jakob Kapitel 2 heißt es:

"Dieses Volk fängt an, im Übeltun zuzunehmen; sie verstehen die Schrift nicht, denn wenn sie sich in Hurerei einlassen, so reden sie sich auf das heraus, was über David und seinen Sohn Salomo geschrieben worden ist. Siehe, David und Salomo hatten wahrhaftig viele Frauen und Nebenfrauen, und das war ein Gräuel vor mir, spricht der Herr ... Darum meine Brüder, vernehmt mich und hört auf das Wort des Herrn: Kein Mann unter euch soll mehr als nur eine Frau haben; denn ich der Herr erfreue mich an der Keuschheit der Frauen."

Wir erinnern uns an Abschnitt 132:

"David empfing ebenfalls viele Frauen und Nebenfrauen, und auch Salomo und Mose ... und in nichts sündigten sie als nur in dem, was sie nicht von mir empfangen hatten ... David wurden seine Frauen und Nebenfrauen von mir gegeben ..."

Beide Aussagen stehen in komplettem Widerspruch. Hierin zeigt sich, dass Smith sogar bereit war, Widersprüche innerhalb seiner eigenen Schriften in Kauf zu nehmen, um eine Rechtfertigung für sein Verhalten zu finden. Dies zeigt sehr gut die Erklärungsnot auf in der er sich befunden hat und ist ein weiterer Beweis für beständige Veränderlichkeit des Mormonismus. Dass das Buch Mormon allein von monogamen Systemen spricht, zeigen auch folgende Schriftstellen auf:

"Und es begab sich: Riplakisch tat nicht das, was in den Augen des Herrn recht war, denn er hatte viele Frauen und Nebenfrauen ..." "Denn siehe, er hielt die Gebote Gottes nicht, sondern wandelte nach den Wünschen seines eigenen Herzens. Und er hatte viele Frauen und Nebenfrauen." 16

David Whitmer, einer der drei Zeugen des Buches Mormon, machte folgende Aussage dazu:

Ich möchte gerne ein paar Worte zu den Heiligen der Letzten Tage sagen, besonders zu denen, die an die Lehre der Polygamie glauben. Wie kann es sein, dass ihr euer Vertrauen in einen Mann setzt und an eine Offenbarung von ihm glaubt, die dem Wort Gottes im Buch Mormon widerspricht, dies ist in der Tat sehr seltsam ... diese Offenbarung ist ein eindeutiger Widerspruch zum Wort Gottes im Buch Mormon. Dies ist für jeden einfach genug zu erkennen und zu verstehen. Könnt ihr nicht erkennen, dass diese Offenbarung nicht von Gott ist? Warum, oh warum setzt ihr euer Vertrauen in den Arm des Fleisches? ... ihr glaubt an eine Offenbarung, die vorgibt von Gott zu sein, die er geändert hat und seinem Volk erlaubt etwas zu praktizieren, von dem er gesagt hat, dass es eine Sünde und ein Gräuel in seinen Augen ist." 17

Aus christlicher Sicht gibt es im Neuen Testament keine Hinweise darauf, dass Gott polygame Praktiken billigen oder gar gebieten würde, im Gegenteil. Verschiedene Schriftstellen weisen darauf hin, dass ein Mann nur eine Frau haben soll. 18 Die Kirche kann sich alleine auf Praktiken des Alten Testaments berufen, von denen nicht klar ist, ob sie jemals von Gott geboten oder gebilligt wurden. Es war eine Lebensweise der damaligen Menschen und kennzeichnet den Wert der Frau in den Augen der Männer zu dieser Zeit. Es scheint offensichtlich, dass Christus den Frauen weit mehr an Stellenwert hatte zukommen lassen, als es die Juden jemals taten. Sollte diese Errungenschaft tatsächlich im 19. Jahrhundert nochmals mit primitiverem Gedankengut des Alten Testamentes zerschlagen werden? Es scheint offensichtlich, dass Joseph Smith viele seiner Ideen aus dem Alten Testament entlehnte (siehe dazu auch Priestertum und Blutsühne) und diese damit rechtfertigte.

Eine heute weit verbreitete Erklärung für die Polygamie in der Kirche ist die Theorie, dass es damals mehr Frauen als Männer in der Kirche gab. Das dies nicht der Fall gewesen ist, beweist folgende Aussage von Mormonenapostel John A. Widtsoe:

"Die Mehrehe hat Anlass für viel Gesprächsstoff gegeben. Mitglieder der Kirche, die mit deren Geschichte nicht vertraut sind und viele Nichtmitglieder, haben irreführende Gründe für den Ursprung des polygamen Systems unter den Heiligen der Letzten Tage aufgestellt. Die bekannteste unter diesen Hypothesen besagt, dass die Kirche durch die Polygamie Ehemänner für die große Überzahl von weiblichen Mitgliedern bereitstellen wollte. Die unterstellte Annahme in dieser Theorie, die besagt, dass es mehr weibliche als männliche Mitglieder in der Kirche gab, wird nicht durch bestehende Beweise unterstützt. Im Gegenteil, es scheint, als ob es immer mehr Männer als Frauen in der Kirche gab ... Die Aufzeichnungen der Volkszählungen der Vereinigten Staaten von 1850 bis 1940 und alle verfügbaren Kirchenlisten zeigen einheitlich eine Mehrzahl von männlichen Einwohnern in Utah und in der Kirche ... Orson Pratt schrieb 1853 erklärend, mit direktem Wissen über die Zustände in Utah, als der Überschuss an Frauen angeblich am höchsten war, gegen die Meinung, dass die weiblichen Einwohner von Utah in der Überzahl waren ... 'Dass es nur wenig Leute gab und die Kirche, mit dem Wunsch eine größere Zahl zu haben, die Praktik erlaubte, um einen phänomenalen Anstieg in der Bevölkerung zu erreichen. Dies ist nicht haltbar, da es keine Überzahl von Frauen gab.'" 19

Berichte dieser Zeit zeigen auch auf, dass manche sehr früh heirateten und auch dazu aufgefordert wurden. Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 16 Jahren wurden verheiratet, sollten aber vor dem 16. Lebensjahr nicht zusammenwohnen. Es gibt Aufzeichnungen, in denen von Ehen zwischen alten Männern und jungen Mädchen berichtet wird. 20

Unter den Frauen, die in polygamen Verhältnissen lebten gab es sehr viel Einsamkeit und Sorgen, obwohl viele dieser Frauen freiwillig und mit tiefreligiöser Absicht diese Bindungen eingingen. Brigham Young berichtete:

"Unsere Schwestern brauchen sich um keine der Lehren Sorgen zu machen. Bruder Penrose sagte, dass es besser für sie sei, wenn sie an die Lehre der Polygamie glauben würden. Aber sie glauben daran, und wissen, dass es wahr ist, und das ist ihre Qual. Es verwirrt und ärgert viele von ihnen, denn sie sind nicht durch deren Geist geheiligt; wenn sie es wären, gäbe es keine Schwierigkeiten." 21

In manchen Ehen gab es keine Liebe. Eine der Frauen von Heber C. Kimball schrieb:

"Ich wurde 1845 mit Heber C. Kimball verheiratet, ... Ich heiratete im Tempel, ... Ich fragte Mr. Kimball nie wie viel Frauen er gehabt hat, als ich ihn heiratete. Ich weiß nicht wie viele Frauen er neben mir gehabt hatte, nachdem wir geheiratet hatten. Ich habe ihn nie danach gefragt ob es neben mir noch andere gab. Es gab keine Liebe in der Verbindung zwischen Kimball und mir und es liegt alleine an mir, ob es irgendeine Umwerbung gab oder nicht." 22

Kimball Young berichtete:

"Als James Hunter seine zweite Frau nahm, konnte die erste, die die beiden zum Endowmenthaus zur Zeremonie begleitet hatte, die ganze Nacht nicht schlafen und lief den Gang rauf und runter, als sie darüber nachdachte, wie ihr Mann in den Armen der neuen Braut liegen würde ... Eine Person erzählte in einem polygamen Haus, in einer Stadt, in der es viele polygame Familien gab, folgende Geschichte: 'Es gibt eine wirkliche Tragödie in der Polygamie, an die ich mich erinnern kann. Eines abends brachte ein Mann eine zweite Frau mit nach Hause. Es war im Winter und die erste Frau war sehr verärgert. In dieser Nacht kletterte sie auf das Dach und erfror.'" 23

Im Hause von Brigham Young wurden die Frauen so unzufrieden und die Zustände so schlimm, dass Brigham Young seinen Frauen anbot, sie alle von der Polygamie zu befreien:

"... ich werde jeder Frau die Freiheit geben und sage zu ihnen, nun geht euren Weg, meine Frauen mit dem Rest, geht euren Weg. Und meine Frauen müssen eines von zwei Dingen tun; entweder sie stärken ihre Schultern und ertragen die Anfechtungen dieser Welt und leben ihre Religion, oder sie können gehen, denn ich werde sie nicht um mich haben. Ich will lieber alleine in den Himmel eingehen, als Streit und Kampf um mich herum zu haben." 24

Diese Schwierigkeiten fanden auch ihren Platz in Joseph Smiths Heim. Es wird davon berichtet, dass es ernste Auseinandersetzungen zwischen Emma und Joseph gegeben hat. Der Mormonenschreiber John J. Steward berichtet:

"Somit säte der Satan die Samen der Disharmonie im Heim des Propheten, wegen Qualen im Kopf von Emma, welche Kummer für Joseph waren, und legte damit das Fundament für die abgefallene reorganisierte Kirche, die letztendlich Emma und ihre Söhne hinaus aus der wahren Kirche zogen." 25

Die Spannungen spitzten sich seit 1841 bis zu Smiths Tod zu und entsprangen immer aus dem Thema Polygamie. Aus Zeitzeugenberichten geht hervor, dass Emma äußerst eifersüchtig und misstrauisch war. Unter diesen Umständen kam es fast zum Bruch der Familie. Joseph setzte Emma sogar einmal auf die Straße, doch wegen der schlechten Reputation holte er sie zurück:

"Joseph hatte acht Mädchen in seinem Haus, die er 'Töchter' nannte. Emma drohte damit, das Haus zu verlassen und Joseph sagte ihr, 'Gut, Du kannst gehen.' Sie ging, aber als sich Joseph klar darüber wurde, dass solch ein Skandal seine prophetische Würde verletzen würde, folgte er seiner Frau und holte sie zurück. Die acht 'Töchter' mussten aber das Haus verlassen." 26

Über die Ehen von Joseph Smith wird oft gesagt, dass sie nur geistiger Natur waren und die Frauen weder sexuellen Kontakt mit Joseph hatten noch bei ihm wohnten. Das Thema wird besonders pikant bei den beiden 17 und 14 jährigen Mädchen Sarah Ann Whitney und Helen Mar Kimball. Selbst der moderate Mormonenschreiber Dr. Todd Compton gibt in einem seiner Bücher zum Thema des Alters der Frauen von Smith zu:

"Diese Daten [Altersangaben] suggerieren, dass die sexuelle Attraktion ein wichtiger Teil für Smiths polygame Motivation waren. In der Tat war das Gebot sich zu vermehren und die Erde zu füllen Teil der polygamen Theologie und somit waren Ehen ohne sexuelle Beziehung nicht im von Smith gelehrten polygamen Programm enthalten." 27

Es steht außer Frage, dass Smith zu seinen Frauen sexuelle Kontakte hatte und diese auch bei ihm wohnten. Was heutzutage mit einem Mann geschieht, der sexuellen Kontakt zu Minderjährigen pflegt ist allgemein bekannt. Dabei kann man auch nicht argumentieren, dass es sich damals um andere Zeiten gehandelt hat. Moralische und ethische Werte verändern sich nicht. Aus einem Brief von Benjamin F. Johnson geht hervor:

"Da ich nicht länger von zu Hause und meinem Geschäft abwesend sein konnte, kehrten wir bald nach Ramus zurück. Drei Wochen später, am 15. Mai, kam der Prophet wieder und belegte den selben Raum und das selbe Bett mit meiner Schwester, welchen er einen Monat vorher mit der Tochter des späteren Bischofs Partridge als Frau belegte." 28

In einer eidesstattlichen Erklärung von Lucy Walker heißt es:

"Ich war eine der Frauen des Propheten Joseph Smith ... Der Prophet lebte damals mit seiner ersten Frau Emma, und ich weiß, dass sie ihre Zustimmung zur Heirat von wenigstens vier Frauen mit ihrem Mann machte, und es war ihr wohl bewusst, dass er mit diesen verkehrte und kohabitierte wie mit Ehefrauen." 29

Über die Anzahl von Smiths Frauen gibt es unterschiedliche Angaben. Wie oben bereits beschrieben, listete der Mormonen Historiker Jensen 27 Frauen auf. Der Mormonengelehrte Todd Compton spricht in seinem Buch, In Sacred Loneliness: The Plural Wives of Joseph Smith, von 33 Frauen. Andere berichten von 36 bis 48 Frauen und sogar mehr. Es gibt Angaben darüber, dass nach seinem Tod mindestens noch 200 Frauen an ihn gesiegelt wurden. Manche von diesen Frauen wurden auf eigenen Wunsch gesiegelt, ohne dass Smith jemals seine Zustimmung dazu gegeben hat. Ähnliche Zahlen können bei Brigham Young und anderen genannt werden. Dass Frauen in den Augen dieser religiösen Führer eine Art Ware darstellten, beweist folgende Aussage von Heber C. Kimball:

"In der Geisterwelt gibt es einen Zuwachs von Männern und Frauen. Es gibt Millionen von ihnen und wenn ich allezeit treu bin und gemeinsam mit Bruder Brigham weitermache, dann werden wir zu Bruder Joseph gehen und sagen, 'Hier sind wir Bruder Joseph. Wir sind selbst hier, nicht wahr und ohne den Besitz, den wir in unserer Prüfungszeit gehabt haben, nicht einmal mit den Ringen an unseren Fingern? ' Er wird zu uns sagen, 'Kommt her meine Jungen, wir werden euch schöne Kleider geben. Wo sind eure Frauen?' 'Sie sind hinter uns geblieben; sie wollten uns nicht folgen.' 'Macht nichts', sagt Joseph; 'hier sind Tausende, nehmt so viel ihr wollt.'" 30

Aber noch unfassbarer ist die Tatsache, dass Joseph Smith auch die Frauen anderer Männer forderte. In einer Predigt von Jedediah M. Grant, zweiter Ratgeber von Brigham Young, heißt es:

"Als die Familienorganisation vom Himmel her offenbart wurde - begannen die patriarchalische Ordnung und Joseph Smith zur Linken und Rechten, zu seiner Familie hinzuzufügen. Was für ein Zittern gab es da in Israel. Da sagt ein Bruder zum anderen, 'Joseph sagt, dass alle Bündnisse nicht mehr bestehen und keine außer den neuen Bündnissen sind bindend. Nun nehmen wir einmal an, dass Joseph kommen und deine Frau verlangen würde, was würdest du dazu sagen? Ich würde sagen, dass er zur Hölle gehen soll.' Dies war die Einstellung vieler in den frühen Tagen der Kirche... Was würde ein Mann Gottes sagen, der richtig fühlt, wenn Joseph ihn um sein Geld fragen würde? Er würde sagen, 'Ja, und ich wünschte ich hätte mehr, um das Reich Gottes aufzubauen.' Oder wenn er käme und sagen würde,'Ich möchte deine Frau?' 'Oh ja', würde er sagen, 'hier ist sie, es gibt noch so viele andere.'" 31

In seinem Buch Mormon Portrait machte Dr. Wyl folgenden Aussage:

"Joseph Smith verlangte schließlich die Frauen aller zwölf Apostel..." 32

Im letzten Bekenntnis von John D. Lee ist sogar die Rede davon, dass Smith Frauen anderer Männer nahm, ohne deren Wissen. So auch die Frau von H.B. Jacob im Jahre 1842. Sie wurde während der Abwesenheit ihres Mannes an Smith gesiegelt. 33 Ann Eliza Young, eine der Frauen von Brigham Young, beschuldigte Joseph Smith wie folgt:

"Joseph sprach nicht nur zu den jungen und unverheirateten Frauen, sondern suchte 'spirituelle Verbindungen' mit vielen verheirateten Frauen ... Er lehrte sie, dass alle früheren Ehebündnisse null und nichtig seien und dass es ihnen völlig freigestellt sei, einen anderen Ehemann zu wählen.... Eine Frau sagte kürzlich zu mir, während sie einige Erfahrungen bezüglich der Polygamie mit mir teilte: 'Die größte Prüfung die ich jemals in meinem Leben ertragen musste war, mit meinem Mann zusammenzuleben und ihn zu betrügen, in dem ich Joseph Smith immer dann empfing, wenn er es wollte.'" 34

Joseph Smith erklärte also, dass alle alten Ehebündnisse keinen Bestand mehr hätten und nur noch die neuen anerkannt sein würden. Dadurch konnte er sich alle Frauen zu eigen machen, die er wollte. Das dies nichts mehr mit einer "heiligen Ordnung" zu tun hatte, sondern in eine Promiskuität ausartete, ist offensichtlich. Spätestens jetzt wird klar, dass es Smith sehr wohl um sexuelle Motive bei der Mehrehe ging. Dass die Polygamie nicht nur auf einige wenige beschränkt war, wie eingangs von Gorden B. Hinckley behauptet, zeigen folgende Aussage, in denen die Monogamie verdammt wird:

"Ich habe bemerkt, dass ein Mann, der nur eine Frau hat und dieser Lehre zugeneigt ist, bald zu verdorren und zu vertrocknen anfängt, während ein Mann, der in der Polygamie lebt, frisch, jung und spritzig aussieht. Warum ist das so? Weil Gott diesen Mann liebt und weil er sein Wort ehrt. Manche von euch mögen dies nicht glauben aber ich glaube nicht nur daran, sondern ich weiß es. Denn ein Mann Gottes, beschränkt auf nur eine Frau, bedeutet kleines Geschäft... Ich weiß nicht, was wir tun würden, wenn wir nur eine Frau pro Kopf hätten." 35

Brigham Young dazu:

"Monogamie, oder die Restriktion für nur eine Frau durch das Gesetz, ist nicht Bestandteil der himmlischen Ökonomie unter den Menschen." 36

George A. Smith dazu:

"Wir atmen die frische Luft, wir haben die bestaussehenden Männer und die hübschesten Frauen. Und wenn sie uns wegen unserer Position beneiden, nun, das mögen sie tun, denn sie sind arm, da sie sich selbst an das Gesetz der Monogamie ketten und ihr ganzes Leben unter der Herrschaft einer Frau leben. Sie sollten sich eines solchen Benehmens schämen ..." 37

Diese Aussagen zeigen deutlich auf, dass die Polygamie als eine religiöse Pflicht angesehen wurde und dies die ideale Lebensform der Mormonen wurde. Monogamie war verpönt und wenn die Führer der Kirche damals solche starken Aussagen machten, ist wohl kaum anzunehmen, dass nicht jeder Mann in der Kirche diesen Gedanken folgen wollte. Daher ist die in der Kirche auch heute noch oft erwähnte, niedrige Anzahl von Männern eine komplette Fehlinformation. Die Lehre der Polygamie wurde noch bis 1890 offiziell gepredigt, bis Wilford Woodruff diese aufgrund einer angeblichen Offenbarung beendete. Um den Vorgang verstehen zu können, muss dem Leser klar sein, dass die Kirche zu dieser Zeit - und schon vorher - von der Regierung unter großen Druck gesetzt wurde, die ein Gesetz erlassen hatte, welches die Praktizierung der Polygamie verbot. Trotz des Verbots hielten die Mormonen zunächst an der Polygamie fest und verteidigten sie. Diverse Generalautoritäten machten jahrelang vor dem so genannten Manifest deutlich, dass es niemals zu einem Ende der Polygamie kommen würde. Trotzdem kam es zu Verhaftungen. Bei Gerichtsverhandlungen teilten die Mormonen den Richtern mit, dass das Gesetz Gottes höher sei, als das Gesetz des Landes und dass sie deshalb an der Polygamie festhielten. 38

Heber C. Kimball machte folgende Aussagen:

"Das Prinzip der Polygamie wird niemals entfernt werden, auch wenn einige Schwestern Offenbarungen gehabt haben, die besagen, dass diese Zeit vorüber gehen wird und sie durch den Schleier gehen und jede Frau wird einen Mann für sich alleine haben." 39
"Es würde für die Vereinigten Staaten einfacher sein einen Turm zu bauen, um die Sonne zu entfernen, als die Polygamie zu entfernen..." 40

John Taylor, 3. Präsident der Kirche, dazu:

"Gott hat uns eine Offenbarung bezüglich der celestialen Ehe gegeben... sie möchten von uns eine Änderung dieses Prinzips sehen und dass wir es den Ansichten der heutigen Zeit anpassen. Dies können wir nicht tun... Ich kann es nicht tun und ich werde es nicht tun." 41

Wilford Woodruff, der als Präsident mit dem Manifest von 1890 die Polygamie beendete, erhielt noch vor diesem Zeitpunkt eine "Offenbarung", in der den USA mit Zerstörung gedroht wurde, falls sie ihre Haltung bezüglich der Mehrehe nicht ändern würde:

"So spricht der Herr zu meinem Diener Wilford Woodruff... es ist nicht mein Wille, dass meine Ältesten die Schlacht Zions bestreiten, denn ich werde eure Schlachten bestreiten... Die Nation ist an Schlechtigkeit reif geworden und die Schale des Zorns meines Unwillens ist voll... Und sich sage nochmals, wehe dieser Nation oder Haus oder Volk, die danach trachten mein Volk daran zu hindern, dem patriarchalischen Gesetz Abrahams zu gehorchen, welches zu celestialer Herrlichkeit führt... denn wer auch immer diese Dinge tut, soll verdammt sein, spricht der Herr der Heerscharen und soll abgebrochen und unter dem Himmel weggewaschen werden durch das Gericht, welches ich gesandt habe..." 42

Weniger als ein Jahr bevor Woodruff das Manifest veröffentlichte erhielt er eine weitere Offenbarung, die besagte, dass er dem Druck der Regierung nicht nachgeben dürfe. Apostel Abraham H. Cannon berichtete das folgende in seinem Tagebuch vom 19. Dezember 1889:

"Während unseres Treffens wurde eine Offenbarung vorgelesen, die Präs. Woodruff erhielt... Der Kirche wurden Vorschläge unterbreitet, Konzessionen [ein Manifest] gegenüber den Gerichten bezüglich seiner Prinzipien zu machen. Beide Ratgeber von Präs. Woodruff lehnten es ab, ihm zu raten, welcher Weg er einschlagen solle und daher legte er die Sache vor den Herrn. Die Antwort kam schnell und stark. Das Wort des Herrn für uns war, nicht ein Partikel dessen aufzugeben, was er offenbart und errichtet hat. Er würde sich um sein Werk kümmern, so, wie er es getan hat... Die ganze Offenbarung war mit Worten der Ermutigung und des Trostes erfüllt und mein Herz wurde mit Freude und Frieden erfüllt, während der ganzen Vorlesung. Es vertreibt alle Zweifel darüber, welchen Weg gegangen werden sollte." 43

Woodruff sagte den Aposteln am 20. Dezember 1889:

"Wenn wir diesem Dokument [einem Manifest] zugestimmt hätten, wäre jeder von uns verdammt worden vor Gott. Der Herr wird niemals eine Offenbarung geben, die besagt, dass die Mehrehe abgeschafft werden soll." 44

Doch es sollte anders kommen, wie uns die Geschichte gelehrt hat. Woodruff verabschiedete das Manifest im Jahre 1890. Dieses Manifest wird seither in der Kirche als "Offenbarung" angesehen. Wie widersprüchlich dies ist, zeigen die oben angeführten Sachverhalte auf. Weil Woodruff noch kurz zuvor lehrte, dass es niemals zu einer Offenbarung und der damit verbundenen Beendigung der Polygamie kommen würde, waren nicht wenige Führer der Kirche verwirrt. Die Kirche verkündete nun öffentlich, dass es den Gesetzen des Landes gehorchen wolle aber intern wurde die Polygamie fortgesetzt, auch von den Führern der Kirche. Es kam zu vielen Gerichtsverfahren gegen die Mormonen, wegen Polygamie und ungesetzlicher Kohabitation. Der Mormonenhistoriker Dr. Quinn fand heraus, dass zwischen 1890 und 1904 in 90% der neuen, polygamen Eheschließungen Kirchenautoritäten involviert waren. Bekanntlich wurde Dr. Quinn wegen seinem offenen Umgang mit der Geschichte der Kirche exkommuniziert. Es gab auch bis 1904 keine Exkommunikationen wegen Polygamie in der Kirche. Zu bemerken sei hier noch, dass es zwei Apostel gab (John W. Taylor und Matthias Cowley), die noch im 20. Jahrhundert Polygamie praktiziert hatten und und von der Kirche mit disziplinarischen Maßnahmen bestraft wurden, um die Öffentlichkeit zu beruhigen. Taylor wurde 1911 exkommuniziert und Cowley erhielt Gemeinschaftsentzug. Nachdem Historiker herausgefunden hatten, dass beide mit Genehmigung der Kirche an der Polygamie festhielten, wurden beide nach ihrem Tod wieder rehabilitiert. Sie dienten regelrecht als Sündenböcke für die Kirche.
Die dargelegten Tatsachen zeigen eindeutig, dass es sich bei dem Manifest von 1890 nicht um eine Offenbarung, sondern um eine unter Druck getroffene Entscheidung handelt, die zudem einen Betrug darstellt, da ja insgeheim an der Lehre der Polygamie weiter festgehalten wurde. Diese Politik des Verbergens war nicht neu. Auch Joseph Smith verleugnete seinerzeit die Polygamie und praktizierte sie im Geheimen, um nicht in Konflikt mit dem Gesetz (und zeitweise mit seiner Frau) zu kommen.45


Fussnoten

1 Interview von Larry King mit Gordon B. Hinckley, Ausstrahlung am 8. September 1998 im amerikanischen Fernsehen

2 Lehre und Bündnisse, Amtliche Erklärung Nr. 1, 6. Oktober 1890, deutsche Ausgabe 1984

3 Lehre und Bündnisse, Auszüge aus Abschnitt 132, deutsche Ausgabe 1984

4 Lehre und Bündnisse, Abschnitt 101:4, englische Ausgabe von 1835

5 Temple Lot Case, S.309, zitiert in Mormonism - Shadow or Reality von Jerald and Sandra Tanner, S.203

6 Temple Lot Case, S.320ff, zitiert in Mormonism - Shadow or Reality von Jerald and Sandra Tanner, S.203

7 Max Parkin, Conflict at Kirtland, S.166, zitiert in Mormonism - Shadow or Reality von Jerald and Sandra Tanner, S.203

8 Aus einem Brief von Oliver Cowdery, abgedruckt in The Mormon Kingdom. Band 1, S.27

9 Andrew Jonson, Historical Record, S.233

10 John A. Widtsoe, Joseph Smith - Seeker After Truth, S.237

11 History of the Church, Band 5, Einleitung

12 Historical Record, S.240, zitiert in Mormonism - Shadow or Reality von Jerald and Sandra Tanner, S.206f

13 Siehe Mormonism - Shadow or Reality von Jerald and Sandra Tanner, S.207

14 Lehre und Bündnisse, Abschnitt 58, Verse 21 und 22, deutsche Ausgabe 1984

15 Church Chronology, Eintrag vom 25. Mai 1844

16 Buch Mormon, Ether 10:5 und Mosia 11:2, deutsche Ausgabe 1984

17 David Whitmer, An Address To All Believers in Christ, S.44

18 Neues Testament, 1 Tim. 3:2,12, Titus 1:5,6

19 John A. Widtsoe, Evidences and Reconciliations, 1960, S.390ff, zitiert in Mormonism - Shadow or Reality von Jerald and Sandra Tanner, S.208

20 Stanley P. Hirshon, aus dem New York Herald vom 27. Januar 1872 und The Lion of the Lord, 1969, S.126ff, zitiert in Mormonism - Shadow or Reality von Jerald and Sandra Tanner, S.208

21 Brigham Young, Journal of Discourses, Band 12, S.312

22 Temple Lot Case, S.375, zitiert in Mormonism - Shadow or Reality von Jerald and Sandra Tanner, S.209

23 Kimball Young, Isn't one wife enough?, S.147f

24 Aus einer Predigt von Brigham Young, Journal of Discourses, Band 5, S.274

25 John J. Steward, Brigham Young and His Wives, S.33

26 Dr. W. Wyl, Mormon Portraits, 1886, S.57f

27 Dr. Todd Compton, In Sacred Lonliness: The Plural Wives of Joseph Smith, S.11f

28 Brief von Benjamin Johnson an George S. Gibbs, 1903, zitiert in Mormonism - Shadow or Reality von Jerald and Sandra Tanner, S.211

29 Eidesstattliche Erklärung von von Lucy Walker Smith Kimball, abgedruckt in Blood Atonement an the Origin of Plural Marriage, von Joseph Fielding Smith, S.68

30 Heber C. Kimball, Journal of Discourses, Band 4, S.209

31 Journal of Discourses, Band 2, S.13ff.

32 Dr. Wyl, Mormon Portrait, 1886, S.70ff. Zitiert in Mormonism - Shadow or Reality von Jerald and Sandra Tanner, S.213

33 Confessions of John D. Lee, S.132

34 Wife No.19, by Ann-Eliza Young, 1876, S.70f., Zitiert in Mormonism - Shadow or Reality von Jerald and Sandra Tanner, S.213

35 Deseret News, 22. April 1857

36 Deseret News, 6. April 1862

37 Journal of Discourses, Band 11, S.128

38 Major Problems of Mormonism, Tanners, S.21f.

39 Deseret News, 7. November 1855

40 Millennial Star, Band 28, S.190

41 Journal of Discourses, Band 25, S.309f.

42 Wilford Woodruff's Journal, 26. Januar 1880. Zitiert in Major Problems of Mormonism, S.24

43 Journal of Abraham H. Cannon, 19. Dezember 1889. Zitiert in Major Problems of Mormonism, S.24

44 Mormonen Historiker Michael D. Quinn, Dialogue: A Journal of Mormon Thought, Frühling 1985, S.35

45 Major Problems of Mormonism, S.31ff.