Die Mormonen - Zwischen 'Wahrheit' und Wirklichkeit
Diverse Themen zur Archäologie

Baum-des-Lebens-Stein
Eine Geschichte, die auch heute noch von Mitgliedern der Kirche als wahr anerkannt wird, ist die Entdeckung eine Steines, der Eingravierungen enthalten soll, die mit dem Buch Mormon in Zusammenhang gebracht werden. Der Stein heißt „Stela 5" und wurde in Izapa Mexiko gefunden. Ein entsprechender Artikel erschien erstmals 1965 in der Deseret News.
Die Eingravierungen sollen Lehis Traum mit dem Baum des Lebens darstellen. Weiter sollen drei Hieroglyphen übersetzt worden sein, die die Namen „Lehi", „Sariah" und „Nephi" enthalten.

Hauptverantwortlicher für diese Aussagen war M. Wells Jakeman, BYU, der die Eingravierungen als erstes gefundenes Buch-Mormon-Portrait deklarierte. Die Begeisterung unter den Mitgliedern war groß. Leider ist Jakemans Arbeit das Produkt seiner überzogenen Ambitionen und durch den Wunsch geleitet, endlich Beweise für das Buch Mormon zu finden. Gelehrte innerhalb und außerhalb der Kirche kritisierten schon früh seine Arbeit. Darunter auch der Mormonengelehrte John L. Sorenson:

„ Wir wollten Nephis Namen finden oder einen ägyptischen Schreiber oder etwas dieser Art. Wir wollten herausfinden wann Zarahemla verbrannt wurde; wir wollten die Asche finden. Wir wollten die Straßen finden, auf denen Nephi wanderte. Was ich herausstellen möchte ist, dass es ziemlich unwahrscheinlich ist, dass wir irgendetwas dieser Art finden, um Anderen überzeugend glaubhaft zu machen, das es ist, was wir denken, dass es ist. " 1

Der Mormonengelehrte Hugh Nibley sagte: „ Mr. Jakemans Studie ist nichts als ein ausgeführter syllogistischer Eintopf", in der er mit „naiver Üppigkeit" feststellt, dass er genau das fand, was er zu finden erwartete ( oder wollte ). Die National Geographic Society sagte dazu aus:

„ Die National Geographic Society sponserte, gemeinsam mit dem Smithsonian Institut, archäologische Arbeit in Mexiko, wo man 'Stela 5' fand.... Niemand, der bei unserer Expedition dabei war, brachte dieses Stela mit dem Buch Mormon in Verbindung ". 2

Auch der bekannte Anthropologe Michael D. Coe lehnt Jakemans Interpretation ab:

Ungeachtet der inneren und äußeren Kritiken ist Stela 5, oder wenigstens seine Miniatur Plastiknachbildung, nun eine Art Kultobjekt in den Wohnzimmern der Heiligen der Letzten Tage in der ganzen Welt geworden. Ich befürchte, dass nichts die Gläubigen davon überzeugen wird, dass Nicht-Mormonenarchäologen die 20 so genannten 'Korrespondenzen in den Hauptmerkmalen' und die 81 'detaillierten Übereinstimmungen' Jakemans, eher als eine Sache des bloßen Zufalls, basierend auf oberflächlichen Ähnlichkeiten, betrachten. " 3

Jakemans Übersetzungen sind eigenwillige Interpretationen der Gravierungen, für die es keine wissenschaftlichen Grundlagen gibt. Und dennoch wurden seine Aussagen zu einem Mythos, der bis heute in Filmen der Kirche gezeigt wird. Niemand außerhalb der Kirche und keine Kapazität innerhalb der Kirche würde jedoch zu den selben Schlussfolgerungen kommen.

Gemeinsam mit den glaubensstärkenden Geschichten über Quetzalcoatl und den angeblich biblischen Geschichten stellen sie ein völlig falsches Bild der Tatsachen dar, welches gerne von den Mitgliedern angenommen wird.

Chiasmus und Parallelismus
Unter Chiasmus versteht man die kreuzweise syntaktische Stellung von aufeinander bezogenen Wörtern oder Redeteilen. Bsp.: Groß war der Einsatz, der Gewinn war klein. Der Gegensatz von Chiasmus ist der Parallelismus, unter dem man den inhaltlichen und gleichmäßigen Bau von Satzgliedern oder Sätzen versteht. Diese beiden Sprachstile finden sich sehr häufig in der Bibel aber auch im Buch Mormon.

Von Mitgliedern wird oft argumentiert, dass Joseph Smith diese Stile gar nicht gekannt haben kann und dies daher ein Beweis für den semitischen Ursprung des Buches Mormon sei. Auf den vorangegangenen Seiten wurde bereits aufgezeigt, dass es weder sprachliche, kulturelle oder architektonische Einflüsse aus der Alten Welt gab. Die Ureinwohner Amerikas entwickelten sich isoliert von der restlichen Welt.

Wie nun brachte Joseph Smith diese genannten Sprachstile in das Buch Mormon?
Wie bereits erwähnt, finden wir diese Stile in der Bibel, die Joseph Smith von Kind auf kannte. Man muss sich hier im Klaren sein, dass zwar vielleicht die Namen Chiasmus und Parallelismus zu Zeiten Joseph Smiths nicht geläufig waren aber diese Schreibweise schon. Richard C. Shipp entwickelte eine These an der BYU (wollte das Buch Mormon damit aber nicht widerlegen) in der er aufzeigte, dass Joseph Smith den Rhythmus dieser Stile aufnahm und in seinen Schriften umsetzte 4. So finden wir diese nicht nur im Buch Mormon, sondern auch in Lehre und Bündnisse, der Köstlichen Perle und den Tagebüchern von Joseph Smith.

Im Oktober Ensign 1989, erschien ein Artikel mit dem Namen Hebrew Literary Patterns in the Book of Mormon. In diesem Artikel wird ein Buch über Hebräische Poesie von 1787 erwähnt, welches über den Parallelismus diskutiert.

Es ist also falsch anzunehmen, dass Joseph Smith nichts über diese Schreibstile wusste. Und es ist auch falsch anzunehmen, dass man zu seiner Zeit so gut wie keine Vorstellungen über das Alte Amerika hatte. Auf weiteren Pages dieser Site (siehe: Quellen ) wird aufgezeigt, wie viele Quellen Joseph Smith zur Verfügung gestanden haben können, die alle, so wie das Buch Mormon auch, die Sichtweise des 19. Jahrhunderts widerspiegeln und aus denen viele Informationen genommen worden sein könnten.

Es wurde aber in der Vergangenheit nicht nur nach dem Chiasmus und dem Parallelismus im Buch Mormon gesucht, sondern nach weiteren Parallelen zu ägyptischer oder hebräischer Schreibweise. Edward Ashment, ein Ägyptologe, der für die Übersetzungsabteilung der Kirche arbeitet, machte zu diesen Versuchen einmal folgende nüchterne Bemerkung:

„ Es ist daher verständlich, dass das Buch Mormon zum Großteil die buchstäbliche Sprache Joseph Smiths widerspiegelt und nicht annähernd Ägyptisch und/oder Hebräisch. Es ist aufschlussreich gewesen, das Buches Mormon mit alten ägyptischen oder hebräischen Texten zu vergleichen um sicherzustellen, ob deren Syntax und Stil mit der sehr andersartigen Syntax und Stil des Buches Mormon übereinstimmen: unvollständige Sätze, ein außergewöhnlich häufiger Gebrauch von den Umständen entsprechenden Gerundium Redewendungen, zahlreiche Abschweifungen, die wiederum eine Kette von Abschweifungen erzeugen, bevor sie zum Haupttext zurückkehren und einen umfassenden Gebrauch von Adverbien und Konjunktionen, die häufig fälschlicherweise dazu dienen Beziehungen zu knüpfen, wo es gemäß dem Kontext keine gibt.
Diesem Schreiber bekannte alte ägyptische oder semitische Texte enthalten keine solche Charakteristika. Im Gegenteil, sie tendieren dazu eng strukturiert und knapp zu sein ( eine notwendige Voraussetzung für eine Zeit, in der Schreibmaterial sehr rar und teuer war).....
Die hervortretenden Charakteristika der Syntax und des Stiles des Buches Mormon, stellen auf der anderen Seite die herausragenden Merkmale anderer Literatur des Propheten dar: die Geschichte von 1832, die er schrieb und diktierte, Lehre und Bündnisse, die Köstliche Perle und die handschriftliche Geschichte der Kirche von 1832 wurden alle durch den selben Kopf gefiltert..... "
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Wie sehen also, dass der Text des Buches Mormon atypisch für ägyptische oder semitische Schreibweise ist. Jegliche Ähnlichkeiten des Textes sind auf Joseph Smiths Kenntnisse der Bibeltexte seit seiner frühen Kindheit zurückzuführen, deren Terminologie er auch in anderen Schriften zu Geltung gebracht hat, und stellen in keinster Weise einen Beweis für deren altertümliche Herkunft dar.

Steinboxen
Auch dieses Thema wird von Seiten der Kirche, z.B. im Film Das alte Amerika spricht, oft als Beweis für die Authentizität des Buches Mormon angeführt. Genauso wie beim Thema Chiasmus und Parallelismus muss gesagt werden, dass Joseph Smith durchaus Wissen über Steinboxen und andere Dinge gehabt hatte.

Dafür stand nicht nur Spauldings Manuscript Found zur Verfügung, in dem Steinboxen genannt werden. Wie schon erwähnt, gehen wir auf mögliche Quellen auf weiteren Pages dieser Site ein.

Sieben-Tage-Woche / Kalendersysteme der Neuen Welt
In Mosiah 13:18 werden in der Belehrung Abinadis die zehn Gebote angeführt in denen u.a. die Sabbatruhe am siebten Tag vorgeschrieben wird. Da diese Gebote für die Nephiten bindend waren würde das bedeuten, dass die Menschen nach einer Sieben-Tage-Woche gelebt haben.

Die Ureinwohner Amerikas kannten keine Sieben-Tage-Woche. In ganz Mesoamerika beispielsweise wurde ein gemeinsamer Kalender verwendet, dessen Wurzeln bis zu den Olmeken zurückreichen.

Den Kern des Maya-Kalenders bildete die alte 260-Tage-Zählung, der so genannte heilige Almanach. Er bestand aus den Koeffizienten 1-13, die mit 20 mit Namen bezeichneten Tagen kombiniert wurden und diente in klassischer Zeit wohl in der Hauptsache zur Bestimmung besonders Glück bringender Tage, gleich ob es sich um die Geburt oder den Regierungsantritt eines Herrschers handelte. Das Jahr bestand dabei also aus 13 Monaten. Parallel zum 260-tägigen Kalender wurde ein Kalender benutzt, der auf einem vagen Sonnenjahr von 365 Tagen beruhte. Er war in 18 Monaten zu je 20 Tagen sowie in einen Monat von 5 Tagen eingeteilt.

Obwohl die klassischen Maya wussten, dass das Sonnenjahr eigentlich 365¼ Tage hatte, arbeiteten sie nicht mit Schaltjahren. Aus der Verschiebung der beiden Zyklen entstand der Calendar Round , ein Intervall von 52 mal 365 Tagen. Und dann gab es da noch den Long-Count-Kalender, der die Tage seit dem Anfang der Welt ( 13. August 3114 v. Chr ) zählte. 6


Fußnoten

1 John L. Sorenson, Book of Mormon Institut, 5. Dez. 1959

2 Brief von Crossette vom National Geographic Magazine, 27. April 1965, an Marvin W. Cowan. Zitiert in Mormonism - Shadow or Reality, von Jerald und Sandra Tanner, S.117

3 Michael D. Coe, Mormons and Archeology: An Outside View. Dialogue, 1973

4 Richgard C. Shipp, „Conceptual Patterns of Repetition in the Doctrine and Covenants and their Implications". Master Thesis, BYU

5 Edward Ashment, Sunstone, März-April 1980, Seite 13. Zitiert in Mormonism - Shadow or Reality, von Jerald und Sandra Tanner, S.96-G

6 Michael D. Coe, Weltatlas der Alten Kulturen, Amerika vor Kolumbus, 1993, S.118,119