Die Mormonen - Zwischen 'Wahrheit' und Wirklichkeit
Die Erste Vision

Gordon B. Hinckley, ehemaliger Präsident der Mormonenkirche (10/2002), machte folgende Aussage bezüglich der Ersten Vision:

"Unsere ganze Stärke ruht auf der Gültigkeit dieser Vision ... Entweder ist es geschenen oder nicht. Wenn es nicht geschenen ist, dann ist dieses Werk ein Betrug. Wenn es geschehen ist, dann ist es das wunderbarste und wichtigste Werk unter den Himmeln." (Herbstkonferenz 2002)

Lange Zeit war innerhalb und außerhalb der Kirche nur eine Version der Ersten Vision Joseph Smiths im Jahre 1820 bekannt. Diese findet sich heute in der „Köstlichen Perle“ wieder. Dort heißt es:

„ Also begab ich mich gemäß diesem meinem Entschluss, Gott zu bitten, in den Wald, um den Versuch zu machen. Es war an einem strahlend schönen Morgen in den ersten Frühlingstagen des Jahres 1820 ... Ich kniete nieder und fing an, Gott meinen Herzenswunsch vorzutragen. Kaum hatte ich das getan, da wurde ich auch schon von einer Gewalt gepackt, die mich gänzlich überwältigte ... – und nicht etwa einem eingebildeten Verderben, sondern der Gewalt eines wirklichen Wesens aus der Welt des Unsichtbaren, das eine so unglaubliche Macht hatte, wie ich sie noch nie bei einem Wesen verspürt hatte –, eben in diesem Augenblick höchster Angst sah ich gerade über meinem Haupt eine Säule aus Licht, heller als die Sonne, allmählich herabkommen, bis es auf mich fiel ... Als das Licht auf mir ruhte, sah ich zwei Gestalten von unbeschreiblicher Helle und Herrlichkeit über mir in der Luft stehen. Eine von ihnen redete mich an, nannte mich beim Namen und sagte, dabei auf die andere deutend: Dies ist mein geliebter Sohn. Ihn höre! ... Ich bekam die Antwort, ich dürfe mich keiner von ihnen anschließen, denn sie seinen alle im Irrtum; und derjenige, der zu mir sprach, sagte, ihre sämtlichen Glaubensbekenntnisse seien in seinen Augen ein Gräuel; jene Glaubensbekenner seien alle verderbt, denn 'sie nahen sich mir mit den Lippen, aber ihr Herz ist ferne von mir; sie verkünden Menschengebote als Lehre, sie haben zwar die äußere Form der Frömmigkeit, aber sie leugnen deren Kraft'. Nochmals verbot er mir, einer von ihnen beizutreten ... Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich auf dem Rücken liegen, den Blick zum Himmel gerichtet ...“ 1

In dieser Version erschienen, wie allgemein bekannt, Jesus Christus und der Vater selbst. Der Bericht wurde das erste Mal im Jahre 1842 veröffentlicht 2, also über zwanzig Jahre nach dem angeblichen Geschehen.

Innerhalb der Kirchenarchive gab es jedoch weitere Versionen, die lange Zeit nicht an die Öffentlichkeit gelangten. Darunter der sogenannte „Sonderbare Bericht" der Ersten Vision. Dieser Bericht wurde 1965 das erste Mal veröffentlicht. Zunächst wurde an seiner Authentizität gezweifelt. Dann aber bestätigte die Kirche die Echtheit des Dokuments. Dieser Bericht stammt aus dem Jahre 1831 oder 1832 und ist der einzige von Joseph Smiths handgeschriebene . Dort heißt es:

„ ...Ich schrie zum Herrn um Gnade, denn es gab niemanden anderen, an den ich mich wenden konnte und Gnade erlangen, und der Herr hörte meine Schreie in der Wildnis, und während ich so den Herrn in meinem 16. Lebensjahr anrief, kam von oben eine Säule aus Licht, heller als die Mittagssonne, und ruhte auf mir und ich wurde mit dem Geist Gottes erfüllt und der Herr öffnete mir die Himmel und ich sah den Herrn und er sprach zu mir und sagte: Joseph, mein Sohn, Deine Sünden sind dir vergeben, gehe deines Weges, wandle in meinem Gesetz und halte meine Gebote. Wahrlich, ich bin der Herr der Herrlichkeit, ich wurde für die Welt gekreuzigt, damit alle, die an meinen Namen glauben, ewiges Leben haben mögen. Siehe, die Welt liegt jetzt in Sünde und nicht einer tut Gutes, sie haben sich vom Evangelium abgewandt und halten meine Gebote nicht, sie nähern sich mir mit ihren Lippen, aber ihre Herzen sind weit von mir und mein Zorn ist gegen die Einwohner der Erde entbrannt, ich werde sie wegen ihrer Gottlosigkeit heimzusuchen und das zustande zu bringen, was ich durch den Mund der Propheten und Apostel gesprochen habe. Wahrlich, ich komme schnell, wie es von mir geschrieben steht, in einer Wolke, umhüllt von der Herrlichkeit meines Vaters. Und meine Seele war mit Liebe erfüllt und viele Tage lang konnte ich mit großer Freude jubeln und der Herr war mit mir. Aber ich konnte niemanden finden, der die himmlische Vision glauben wollte ..."

Der größte Unterschied zur offiziellen Version der Ersten Vision ist die Tatsache, dass hier in diesem ersten Bericht nur der „Herr" erschienen ist und nicht der Vater. Mormonengelehrte versuchen diesen Unterschied herunterzuspielen, indem gesagt wird, dass Joseph hier nur einen kurzen Bericht gemacht hat, in dem der Vater halt nicht vorkam und dass viele Menschen erlebte Dinge mehrfach niederschreiben müssen, bis sie das Erlebte so wiedergeben, wie es ihnen am Besten erscheint.

Es stellt sich dazu folgende Frage: Wie viele Menschen haben jemals Gott den Vater gesehen? Würde ein Mensch ein so überaus bedeutendes Ereignis einfach aus dem Bericht herauslassen? Kaum vorstellbar. Es scheint offensichtlicher, dass Joseph diesen Teil der Vision erst später hinzufügte.

1971 erschien ein weiterer „sonderbarer" Bericht der Ersten Vision. Dieser wurde in Joseph Smiths Tagebuch von 1835-36 gefunden. Diese Tagebücher wurden von der Kirche bis zu diesem Zeitpunkt von der Öffentlichkeit ferngehalten.
Wir lesen darin:

„ Derart im Geist verwirrt zog ich mich in einen stillen Wald zurück, wo ich mich dem Herrn unterwarf, mit einsichtigem Sinn (wenn die Bibel wahr ist) fragen und du wirst empfangen, klopfe an und es wird dir aufgetan, suche und du wirst finden, und auch, wenn jemandem unter euch an Weisheit mangelt, der bitte Gott, der allen Menschen gern gibt und niemandem einen Vorwurf macht. Information war es, was ich zu dieser Zeit am meisten wünschte, und mit der festen Zuversicht, sie zu bekommen, rief ich den Herrn zum ersten Mal am oben erwähnten Ort an, oder in anderen Worten, ich machte einen nutzlosen Versuch zu beten. Meine Zunge schien in meinem Mund anzuschwellen, so dass ich nicht sprechen konnte, ich hörte ein Geräusch hinter mir, als ob jemand auf mich zugehen würde. Ich versuchte wieder zu beten, aber ich konnte nicht; die Laufgeräusche schienen immer näher zu kommen, ich sprang auf die Füße, schaute mich um, doch ich sah niemanden, bzw. nichts, was diese Laufgeräusche hätte erzeugen können. Ich kniete mich wieder hin, mein Mund wurde geöffnet und meine Zunge gelöst; ich rief den Herrn in mächtigem Gebet an. Eine Säule aus Feuer erschien über meinem Haupt, die bald auf mir ruhte und mich mit unbeschreiblicher Freude erfüllte. Eine Gestalt erschien in der Mitte dieser Flammensäule, die alles herum erfasste und doch nichts verzehrte. Bald erschien eine zweite Gestalt wie schon die erste: Er sagte zu mir, deine Sünden sind dir vergeben. Er bezeugte mir auch, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist. Ich sah viele Engel in dieser Vision. Ich war etwa 14 Jahre alt, als ich diese erste Mitteilung erhielt ..."

In dieser Version erschienen zwar zwei Personen, nichts weist aber darauf hin, dass es Jesus und der Vater waren. Eine Person bezeugte, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist. Dies kann nicht Jesus gewesen sein und der Vater hätte sicher eine andere Wortwahl getroffen, wie z.B. „Dies ist mein Sohn Jesus Christus" o.ä..
Außerdem sah er viele Engel, was in den anderen beiden Versionen nicht vorkam.

Interessant zu wissen ist auch, dass die Kirchengeschichte an einer bestimmten Stelle bezüglich der Ersten Vision geändert wurde. Im Jahre 1852 druckte die Deseret News einen Auszug aus der Kirchengeschichte, der da lautet:

„.. Ich erhielt den ersten Besuch von Engeln, als ich ungefähr 14 Jahre alt war;..."

Dieser Satz wurde in der heutigen Kirchengeschichte so geändert, dass er wie folgt lautet:

„ Ich erhielt meine erste Vision, als ich ungefähr 14 Jahre alt war;.." 3

Diese unterschiedlichen Erzählungen der Ersten Vision scheinen in den ersten Jahren der Kirche auch Generalautoritäten durcheinander gebracht zu haben. Brigham Young sagte einmal folgendes in einer Predigt im Jahre 1855:

„ Der Herr kam nicht mit den Armeen des Himmels, in Kraft und Herrlichkeit, noch sandte er seine Boten mit etwas anderem ausgerüstet als Wahrheit vom Himmel, um mit den Sanften zu sprechen.... Aber er sandte seinen Engel zu dieser selben obskuren Person, Joseph Smith jr., der danach ein Prophet wurde, Seher und Offenbarer, und sagte ihm, dass er sich keiner der religiösen Sekten seiner Zeit anschließen solle, denn sie waren alle falsch und dass sie den Gesetzen der Menschen folgten, statt dem Herrn Jesus.“ 4

Auch John Taylor machte eine bemerkenswerte Aussage im Jahre 1879:

„ ... als der Prophet Joseph den Engel fragte, welche der Sekten recht hätte, damit er sich ihr anschließen könne, war die Antwort, dass keine richtig sei. Was, keine von ihnen? Nein. Wir wollen nicht aufhören über diese Fragen zu diskutieren; der Engel sagte ihm nur, dass er sich keiner anschließen solle... “ 5

Solche Aussagen gibt es auch von George A. Smith, Heber C. Kimball und einigen anderen. Die uns heute so eindringlich präsentierte Version der Ersten Version, scheint im vergangenen Jahrhundert selbst den Führern der Kirche nicht recht bekannt gewesen zu sein.

Bei so vielen Änderungen stellt sich unwillkürlich die Frage: Wie hat sich die Geschichte in den vorangegangenen Jahren vor 1842 entwickelt? Weiterhin ist fraglich, welche religiöse Erregung Joseph Smith auf das Jahr 1820 datiert. Solche so genannten 'Revivals' sind in den Jahren 1799, 1808, 1816/17 und 1824-27 geschichtlich belegt. Religiös war 1820 ein sehr ruhiges Jahr im westlichen New York. 6
Überhaupt gibt es keinen einzigen Bericht, in dem von einer Engelserscheinung von Joseph Smith berichtet wird, der vor 1831 veröffentlicht wurde und sich nicht auf die goldenen Platten bezieht. Auch dort war von Engeln erst später die Rede, aber das gehört nicht in diese Betrachtung. Wichtiger ist, dass Joseph mit dem Buch Mormon und seiner neuen Kirche viel Aufmerksamkeit bekam, andere Kirchen und Zeitungen schrieben über ihn. Aus der Zeit, in der er nach seinen eigenen Worten so viel Verfolgung erleiden musste, lassen sich merkwürdigerweise keine solchen Erwähnungen finden, gerade so, als ob sich niemand für ihn oder seine Visionen interessiert hätte. 1831 schreibt der Palmyra Reflector als Reaktion auf die Kunde aus Kirtland, Joseph habe 'Gott mehrfach und persönlich gesehen': „Es ist allgemein bekannt, dass Joseph Smith niemals vorgab, irgendwelchen Umgang mit Engeln zu haben, bis lange Zeit nach dem angeblichen Fund seines Buches, und dass die Manipulation durch ihn oder seinen Vater nicht weiter ging als die angebliche Fähigkeit, Wunder in einem Seherstein zu sehen ...“
Interessant ist die Reaktion seiner Familie. Sollte Joseph tatsächlich gesagt haben, die Presbyterianerkirche sei falsch, nahm ihn niemand ernst. Lucy, Hyrum und Samuel blieben dort bis September 1828 aktive Mitglieder, wie aus den Kirchenunterlagen hervorgeht. Er selbst schreibt noch 1832, niemand hätte ihm geglaubt. Und es gibt sogar Hinweise darauf, daß Joseph selbst sich 1828 der Methodistenkirche anschließen wollte.
Seine Mutter Lucy schrieb ihrem Bruder 1831 einen sehr detaillierten Brief über das Buch Mormon und die Gründung der Kirche. Eine Erste Vision erwähnt sie darin mit keinem Wort.
1834 schreibt Oliver Cowdery mit Josephs Hilfe für die Kirchenzeitschrift Messenger and Advocate einen Artikel über die zeitige Kirchengeschichte. Joseph entschuldigt sich darin vielfach für seine jugendliche Nachlässigkeit. Über eine erste Vision schreibt Oliver nichts, dafür erwähnt er, die religiöse Erregung habe begonnen, als Joseph 17 Jahre alt war, also 1823, und beginnt entsprechend mit dem Besuch eines Engels (mutmaßlich Moroni) als Josephs erster Erscheinung.
Noch viele Jahre später bringen Familienmitglieder und enge Vertraute die Erscheinungen von erster Vision und Ankündigung des Buches Mormon in Wort und Schrift durcheinander. Das traf selbst auf Josephs Cousin und Kirchenpräsident George Albert Smith mehrfach zu.

Diese aufgezeigten Unterschiede werfen ein sehr fragliches Licht auf dieses für die Mormonen so fundamentale Ereignis. Nicht nur steht und fällt die Kirche mit dem Buch Mormon, sondern auch mit der Ersten Vision.


Fußnoten

1 Die Köstliche Perle, Joseph Smiths Lebensgeschichte

2 Times and Seasons, Bd.3, S.728 und 748, 1842

3 History of the Church, Band 2, S.312

4 Brigham Young, Journal of Discourses, Bd.2, S.171

5 John Taylor, Journal of Discourses, Bd. 20, S.167

6 Dies ist aus den Kirchenberichten der Methodisten und Presbyterianer ersichtlich, die von Pastor Wesley P. Walters zu diesem Thema untersucht wurden.