Die Mormonen - Zwischen 'Wahrheit' und Wirklichkeit
Die verlorenen 116 Seiten

Hier soll nur kurz eine Überlegung dargestellt werden, die mir all die Jahre sehr fragwürdig vorkam.

Gemäß der Kirchengeschichte war Martin Harris vom 12. April bis zum 14. Juni 1828 als Schreiber für Joseph Smith tätig. Harris bedrängte Smith immer wieder mit der Bitte, das Manuskript einigen seiner Verwandten und Freunde zeigen zu können. Smith willigte schließlich ein und so nahm Harris die 116 Seiten der bisherigen Übersetzung mit. Die Seiten wurden daraufhin gestohlen oder vernichtet. Joseph Smith soll dann vorübergehend die Gabe des Übersetzens entzogen worden sein und Martin Harris durfte nie mehr als Schreiber tätig sein. 1

Der Prophet erhielt daraufhin im Sommer 1828 eine Offenbarung, in der der Herr das scheinbare Motiv der Diebe aufdeckt 2. Es sei daher die Absicht gewesen, abzuwarten, bis der Prophet nochmals eine Übersetzung anfertigen würde und wenn diese dann gleich wäre, hätte man die erste geändert, um einen Beweis gegen Smith zu führen. Die Übersetzung des selben Zeitraumes wurde dann auch nicht mehr von den gleichen Platten ( den großen Platten Nephis ) gemacht, sondern von den kleinen Platten Nephis, die Nephi einst „in einer weisen Absicht", die er selbst nicht kannte, anfertigte. 3

Mehrere Punkte erscheinen an dieser Geschichte fragwürdig:

    1.Das gestohlene Manuskript war in der Handschrift von Martin Harris. Hätte jemand eine Änderung gemacht, so wäre dies leicht an der Handschrift zu erkennen gewesen. Niemand hätte diese dann ernst genommen, da man wusste, dass Harris als Schreiber tätig war.

    2.Die Menschen der damaligen Zeit wären wohl eher daran interessiert gewesen, einen Beweis für Smiths Behauptungen zu erhalten, als einen echten Beweis in sein Gegenteil zu wandeln. Zumal man von einer Wiederholung der göttlichen Gabe ausging ( LuB 10:16,17). Der Versuch, einen Plan Satans dahinter zu verstecken, scheint eher plump.

    3.Ist es realistisch anzunehmen, dass Gott wegen der 116 Seiten tatsächlich einen solchen Aufwand betreiben lässt? Man muss sich dazu im Klaren sein, dass Nephi bei all der Mühsal und der vielen Aufgaben, die das neue Leben mit sich brachte, einen zweiten Stapel Platten anfertigen musste, um einen weiteren Bericht anzufertigen, der dann ja über Generationen hinweg transportiert und weitergegeben wurde. Hätte es da nicht ein einfacheres Mittel getan? Hätte Gott nicht einfach die Macht gehabt, die 116 Seiten zu beschützen, so wie er ja auch die goldenen Platten beschützt hat?

Das Ganze scheint sehr suspekt und drängt die Frage auf, ob Joseph Smith schlichtweg nicht einfach in Bedrängnis kam, nachdem die 116 Seiten verschwunden waren und sich dann eine solche Erklärung selbst ausdachte? Der Leser möge selbst entscheiden.


Fußnoten

1 William Edwin Barret, Seine Kirche wiederhergestellt, S.31

2 Lehre und Bündnisse, Abschnitt 10

3 Buch Mormon, 1. Nephi 9:5, Mormon 3-7