Das Buch Mormon erwähnt eine Reihe von landwirtschaftlichen Produkten, die in
der Neuen Welt nicht in dieser Form oder gar nicht existierten. Dabei ist die Rede von Weizen,
Gerste, Leinen und Seide.
Und wegen der Beständigkeit der Kirche fingen sie an, überaus reich zu sein; sie
hatten Überfluss an allem, was auch immer sie brauchten - Überfluss an Schafen und Rindern
und Mastvieh, jeder Gattung, auch Überfluss an Getreide und Gols und an Silber und an
Kostbarkeiten, Überfluss an Seide und feingezwirnten Leinen und allerart gutem einfachen
Tuch. " 1
Seide und Leinen wurden also in einer Zeit um 90 v. Chr. hergestellt.
Und wir fingen an, den Boden zu bebauen, ja mit allerart Samen, mit Saat von Mais und
Weizen und Gerste und Neas und Schehum und mit Samen von allerart
Früchten; " 2
Weizen und Gerste finden um 180 v. Chr. ihre erste Erwähnung.
Zunächst muss man wissen, dass das landwirtschaftliche Hauptprodukt der
Neuen Welt der Mais war. Wilder Mais wurde in versteinerter Form, mit einem Alter von 80000 Jahren,
gefunden. Also noch bevor es Menschen dort gab. Die Wissenschaftler haben sich lange den Kopf
darüber zerbrochen, wie aus dem wilden Mais ein domestizierter Mais werden konnte.
Domestizierter Mais kann nämlich nicht von allein aus wildem Mais entstehen, sondern nur unter
Mithilfe des Menschen. Ab 5000 v. Chr. sammelten die Höhlenbewohner den wilden Mais. Aus der
Zeit um 3400 v. Chr. fand man jedoch größere Maiskolben. Diese waren die Resultate aus
Selektion und Zucht. Nach 3000 v. Chr. war der daraus entstandene Kulturmais so ergiebig, dass viele
Menschen von der Landwirtschaft leben konnten. Noch heute spielen die von den alten Indianern
Süd- und Mittelamerikas kultivierten Pflanzen eine wichtige Rolle bei der Ernährung der
Menschen. 3
Mais kann also in der Neuen Welt in verschiedenen Zeiten nachgewiesen werden.
Dies betrifft sowohl seine Entwicklung, als auch die landwirtschaftliche Nutzung. Weitere Produkte
waren Bohnen und Kürbisse, Chili, Maniok, Kartoffeln, Tomaten, Paprika, Kakao, Tabak, usw..
Gehen wir noch kurz auf den Unterschied von domestizierten (gezüchteten) und
wildwüchsigen Pflanzen ein.
An dieser Stelle wäre zu fragen, was eine Zuchtpflanze von einer wildwachsenden Pflanze
unterscheidet? Der berühmte russische Pflanzenbiologe N.I. Vavilov hat einmal Kultivierung als
vom Menschen gesteuerte Evolution definiert. Die ertragreichsten Arten von Zuchtgetreide sind heute
vollständig auf den Menschen angewiesen, da sie ohne menschlichen Eingriff ihre Samen nicht
mehr verbreiten können. " 4
Die im Buch Mormon erwähnten Getreidesorten Weizen und Gerste müssen
also in domestizierter Form vorhanden gewesen sein, da hier Ackerbau betrieben wurde und nicht das
Sammeln von Wildfrüchten, wie es anfänglich beim Mais der Fall war. Hatten die alten
Indianer aber Weizen und Gerste in dieser Form und haben sie damit Ackerbau betrieben? Die Antwort
lautet schlichtweg: Nein!
Von Mormonengelehrten, wie John L. Sorenson und anderen, wird hier gerne
erwähnt, dass man Gerste gefunden hat und dies die Aussagen des Buches Mormon bestätigen
würde. Die Gerste die man gefunden hat ist jedoch keine domestizierte Gerste, sondern wilde
Gerste und kann somit nicht als Beweis gelten.
Hätte es domestizierten Weizen und Gerste gegeben, so hätte man diese wie
den Mais entdeckt und als Bestandteil der alten indianischen Kulturen vorgefunden.
Vorkommen von Seide und Leinen
Seide sind die Fasern aus der Mittelschicht des Kokons, den die Raupe des Seidenspinners bei der
Verpuppung spinnt. Die Raupe des Maulbeerspinners züchtet man seit dem Altertum in China,
Japan und Indien.
Leinen ist ein Gewebe aus Flachsfasergarnen. Flachs, ein blaublühendes
Leinengewächs, ist in den Gebieten zwischen dem Persischen Golf und dem Kaspischen bzw.
Schwarzen Meer beheimatet. 5
Weder Flachs noch Leinen waren Bestandteil der präkolumbianischen Flora.
Die am meisten entwickelte Textilindustrie war in Peru zu finden. Die Frauen benutzten z.T.
komplizierte Webtechniken. Gesponnen wurde mit Baumwolle und Wollfasern. Es entstanden
prächtige Brokatstoffe, Wandteppiche, Schleier und sogar doppelseitige
Stoffe. 6
Apologeten der Kirche, wie John Welch, versuchen mögliche Parallelen zu
finden. So sollen beispielsweise die Faser der Agave oder Feigenrinde für Leinen und Hasenhaare
oder Ananasfasern für Seide gedient haben. 7
Diese weit hergeholten Vergleiche können allemal den nach Bestätigung
suchenden Buch-Mormon-Leser zufrieden stellen. Aus wissenschaftlicher Sicht sind sie nicht haltbar.
Fußnoten
1Buch Mormon, Alma 1:29
2 Buch Mormon, Mosia 9:9
3 Zeitalter der Menschheit, Altes Amerika, S.15,16. TIME-LIFE International
4 Michael D. Coe, Weltatlas der Alten Kulturen, Amerika vor Kolumbus, 1993, S.89
5 Bertelsmann, Universal Lexikon, 1991, S.267,506,814
6 Zeitalter der Menschheit, Altes Amerika, S.124,125. TIME-LIFE International
7 John Welch, Reexploring the Book of Mormon, S.162. Zitiert in Questions on the
Book of Mormon, its Author and his Work, www.california.com/~rpcman/BOMUEST.HTM