Die Mormonen - Zwischen 'Wahrheit' und Wirklichkeit

Ein Kommentar zu Daniel C. Petersons Immer neue Beweise für das Buch Mormon

Von Holger Rudolph

In der Septemberausgabe (2000) des Liahona war wieder einmal ein Artikel zum Buch Mormon zu finden - Immer neue Beweise für das Buch Mormon -, von Daniel C.Peterson, den ich nicht unkommentiert lassen möchte.

Auffällig zunächst folgendes Zitat auf der Rückseite der Zeitschrift:

"Selbst Forschungen glaubenstreuer Gelehrter werden nicht beweisen, dass das Buch Mormon wahr ist. Aber zumindest wird jedem, der aufrichtig nach der Wahrheit sucht, dadurch bewusst, dass das Buch Mormon es wert ist, sich ausführlich damit zu befassen und selbst herauszufinden, ob es das ist, was es zu sein vorgibt ..."
Daniel C. Peterson selbst dazu:
"Und auch wenn wir niemals 'beweisen' können dass das Buch Mormon wahr ist, so spricht doch vieles dafür, dass es das ist, was es zu sein vorgibt ..."

Interessante Aussagen! Waren Mormonen Gelehrte doch noch vor Jahren sehr optimistisch, was die Funde bezüglich des Buch Mormons angeht, so scheint sich deren Forschungsanspruch nach "vielen Tausend Forschungsstunden" auf diese Aussage reduziert zu haben. Ist dies das erwartete Eingeständnis, das der bekannte Anthropologe Michael D. Coe - und andere - schon seit Jahrzehnten fordert? Haben die F.A.R.M.S.-Gelehrten endlich eingesehen, dass das Buch Mormon wissenschaftlich nicht zu beweisen ist, egal wie lange man nach Beweisen sucht? Sollte Thomas Ferguson, der 25 Jahre lang an der Spitze der kirchlichen Buch-Mormon-Forschung stand und letztlich aus Mangel an Beweisen die Kirche verließ, doch Recht gehabt haben? Mehr Information

Nun, dies ist wohl etwas weit gegriffen aber ich finde dieses Eingeständnis nach allem, was ich bislang gelesen habe, sehr interessant. Diese Aussage grenzt die Buch-Mormon-Forschung ein und gesteht, dass der Wahrheitsanspruch des Buches letztendlich nur mit zusätzlicher, spiritueller Hilfe erhalten werden kann.

Liest man den gesamten Artikel, so fällt auf, dass es sich wieder einmal um einen dieser "glaubensstärkenden" Artikel handelt, den man dem einfachen, kritiklosen Volk zur Beruhigung gibt. Millionen von Mitgliedern werden diesen Artikel dankbar gelesen und erneut ihr Zeugnis vom Buch Mormon gestärkt haben. Für mich stellt dieser Artikel aber nichts anderes als einseitige Informationspolitik dar.

Zunächst fällt auf, dass sich fast alle Argumente auf eine alte Beweisführung der Apologeten stützen, ohne die viele der angeblichen "Beweise" nur wenig Bedeutung haben. Dieses für Apologeten so wichtige Argument ist die scheinbare Unbefangenheit und Unwissenheit des jungen Joseph. In einem Satz wird behauptet, dass Joseph zum Zeitpunkt der Übersetzung wahrscheinlich nicht mal eine Bibel besaß! Joseph Smith besaß nicht nur eine Bibel, sondern war sicherlich in vielen Bereichen sehr viel belesener, als die Gelehrten zugeben möchten. Zugriff zu einer Vielzahl von Büchern hatte er jedenfalls, was eine Liste der Bücher der Bibliothek in Palmyra zu Zeiten Smiths belegt. Ich bin auf meiner Homepage umfassend auf dieses Thema eingegangen: Mehr Information
Anerkennt man die Tatsache, dass Smith belesen war, so wird bald klar, woher er seine Ideen und Informationen hatte.

Peterson spricht vom reformierten Ägyptisch und spricht von "den meisten Forschern", die sich damit befasst haben. Welche Forscher sind das denn? International anerkannte oder die von F.A.R.M.S.? Die wichtigste Frage bei diesem Thema ist: Hat man solche Schriftzeichen in der Neuen Welt gefunden, egal ob es sie dabei um abgewandeltes Hebräisch, Hieratisch, Demotisch oder sonst eine Sprachform der Alten Welt handelt? Antwort: Nein. Man hat nicht und man wird nicht. Laut dem Buch Mormon haben die Nephiten viele Berichte in reformiertem Ägyptisch verfasst. Man muss also davon ausgehen, dass weitere Berichte gefunden werden und man die Schriftzeichen an Mauern, Tempeln usw. findet. Man findet sie aber nicht. Man hat überhaupt kein Kulturgut der Alten Welt gefunden. Es gab außerdem nur wenige Völker, die überhaupt über eine Schriftform verfügten. Die Maya hatten die am weitesten entwickelte, die aber nicht mit einer der fortgeschrittenen Sprachen der Alten Welt verglichen werden kann. Siehe dazu: Mehr Information

Peterson spricht von "umfassenden statistischen Analysen", die beweisen sollen, dass das Buch Mormon von mehr als nur einem Autor geschrieben worden ist. Da das Buch Mormon Texte diverser anderer Bücher enthält, darunter über 400 Zitate aus der Bibel, kann eine solche Analyse zu keinem anderen Ergebnis kommen. Dies ist aber kein Beweis für das Buch Mormon: Mehr Information

Peterson erwähnt das Münzsystem. "Das Münzsystem beispielsweise, das in Alma 11:3-19 beschrieben wird, erinnert an die Wirtschaftsgesetzgebung Babels." Kein Wunder, denn Joseph Smith hatte ja die Bibel als Grundlage für Informationen und noch viel wichtiger ist, dass es in der gesamten Neuen Welt keinerlei Münzverkehr gab. Kein einziges der uns bekannten Völker hatte Münzen! Mehr Information

Peterson führt Namen wie "Jerschon" als Beweis für deren hebräischen Ursprung an. Ich möchte wissen, wie er erklärt, warum die Namen Moroni und Cumorah im BM vorkommen, die beide auf Landkarten des 19. Jahrhunderts zu finden sind und auf Örtlichkeiten verweisen, die bereits lange vor der Zeit Joseph Smiths bekannt waren. Mehr Information

Auch das gezeigte Bild der Übersetzung, welches Joseph Smith mit den Goldenen Blatten zeigt und im Hintergrund einen Schreiber, ist irreführend. Die Literatur hat gezeigt, dass Smith den größten Teil der Übersetzung mit Hilfe seines Sehersteines vornahm, den er in einen Hut legte und dann seinen Kopf darin vergrub. Die Platten waren die meiste Zeit gar nicht anwesend. Mehr Information

Und so geht es weiter, indem dem Leser ein völlig falsches Bild der tatsächlichen Problematik vorgegeben wird.

Als Schlussfolgerung fügt Peterson an:
"Wer nichts vom Buch Mormon wissen will, muss die immer neuen Beweise für seine Authentizität ignorieren"

Statt sich immer wieder auf diese "Beweise" zu stützen, sollte den Mitgliedern lieber einmal vor Augen geführt werden, wie viele Beweise es gegen das Buch Mormon gibt. Beweise, die dessen Authentizität unmöglich machen. Und um auf den Anfang zurückzukommen: Es wird deshalb nie möglich sein, das Buch Mormon zu beweisen, weil es bereits zu viele Beweise gegen seinen Wahrheitsanspruch gibt. Diese Gegenbeweise fehlen aber natürlich in allen diesen "glaubensstärkenden" Ausführungen, und - diese Gegenbeweise sind u.a. zentrale Dreh- und Angelpunkte betreffend der Anthropologie und Archäologie der Neuen Welt. Darum bleiben die "Forscher" der Mormonen auch unter sich, weil es niemanden außerhalb der Kirche gibt, der diese abenteuerlichen Behauptungen unterstützt. Oder erwähnt Peterson in seiner Ausführung Forscher anderer Institute als der BYU? Jahrelang haben wir diese dankbar angenommen, wie viele derer, die es heute noch tun. Doch so wie man heute in der Kirche kaum noch wagt, Quetzalcoatl mit Christus zu vergleichen (Mehr Information) und Stela 5 als Baum des Lebens zu verkaufen (Mehr Information), so werden all diese "neuen" Beweise auch ihren Meister finden. Und darum wird man sich weiterhin auf das Zeugnis des Geistes berufen - berufen müssen.

Interessant sind auch die Aussagen von nicht-mormonischen Wissenschaftlern zu diesem Thema, die auf dieser Homepage nachgelesen werden können.

Eines muss man Joseph Smith allerdings lassen, er hat es auch noch im 21. Jahrhundert geschafft, Menschen aller Schichten an der Nase herumzuführen. Phantasie und die Schlauheit eines Fuchses hatte er jedenfalls. Was man mit Glauben alles erreichen kann.