Die Mormonen - Zwischen 'Wahrheit' und Wirklichkeit
Blutsühne - gelehrt und praktiziert

Brigham Young machte am 21. September 1856 folgende Aussage bezüglich der Blutsühne:

"Es gibt Sünden, die von Menschen begangen werden, die weder in dieser noch in der kommenden Welt vergeben werden können. Und wenn sie ihre Augen geöffnet hätten, um ihren wahren Zustand zu sehen, wären sie vollkommen bereit, ihr Blut auf dem Boden vergießen zu lassen, so dass dessen Rauch als ein Opfer für ihre Sünden zum Himmel aufsteigen möge, denn, wenn dies nicht der Fall sein sollte, werden diese in der Geisterwelt bei ihnen verbleiben. Ich weiß, dass wenn ihr, meine Brüder, davon hört, dass Menschen von dieser Erde abgeschnitten werden sollen, dass ihr es als strenge Lehre betrachtet, aber es dient dazu, sie zu retten, nicht sie zu zerstören ... Ich weiß, dass es Übertreter gibt, die, wenn sie sich selbst kennen würden, und die einzige Möglichkeit der Sündenvergebung darin läge, ihre Brüder darum bitten würden, ihr Blut zu vergießen, damit dessen Rauch als Opfer zu Gott aufsteigen möge, um den Zorn zu besänftigen, der gegen sie entflammt ist und damit das Gesetz seinen Lauf nehmen kann. Es ist wahr, dass das Blut des Sohnes Gottes für die Sünden des Falles und für jene, die von Menschen verübt wurden, vergossen wurde. Menschen können jedoch Sünden begehen, die niemals verziehen werden können. So wie es in alten Tagen war, so ist es heute... Es gibt Sünden, für die durch ein Opfer auf einem Altar gesühnt werden kann, wie in alten Tagen und es gibt Sünden, für die das Blut eines Lammes, eines Kalbes oder einer Wildtaube keine Verzeihung bewirken kann, denn diese müssen mit dem Blut eines Menschen gesühnt werden." 1

Diese Predigt wurde in diversen Kirchenpublikationen veröffentlicht, was beweist, dass die Lehre der Blutsühne allgemein gelehrt wurde und Bestandteil der Kirchendoktrin war. Weiter gibt es viele andere Predigten, Tagebücher und Manuskripte, in denen von der Blutsühne die Rede ist. J. M. Grant, ein Mitglied der Ersten Präsidentschaft unter Young, machte einmal folgende Aussage:

"Einige haben das Priestertum empfangen und Wissen über die Dinge Gottes und trotzdem bringen sie die Wahrheit in Unehre, begehen Ehebruch, und jede andere Abscheulichkeit unter dem Himmel... Es gibt Männer und Frauen, denen ich raten würde, sofort zum Präsidenten zu gehen, um ihn darum zu bitten, ein Komitee einzuberufen, welches sich mit ihrem Fall befasst. Und dann soll ein Ort ausgewählt werden, bei dem das Komitee deren Blut vergießen soll." 2

Diese Lehre erinnert sehr stark an Praktiken des Alten Testaments und hat nichts mit den Lehren Jesu Christi im Neuen Testament zu tun. Ein weiteres Indiz dafür, dass Joseph Smith und Brigham Young, viele ihrer Lehren aus dem Alten Testament ableiteten ( siehe Polygamie, Priestertum usw.), obwohl die Blutsühne, in der Form wie sie von den Mormonen praktiziert wurde, in der Bibel nicht zu finden ist. Für Mormonen dürfte es jedenfalls interessant sein, dass das Neue Testament anderes lehrt, obwohl ja seit Anbeginn der Kirche immer betont wurde, wie sehr man im Einklang mit den Lehren Jesu Christi sei. Ist die in der Bergpredigt und an vielen anderen Stellen zu findende Vergebung Gottes auch ein Resultat des Abfalls vom Glauben?

"... und das Blut seines Sohnes reinigt uns von aller Sünde." 3

Eine genaue Studie von frühen Publikationen der Mormonen zeigt eine Reihe von Sünden auf, für die man mit dem Tod bestraft werden konnte. Hier einige Beispiele:

1. Mord
Joseph Smith machte diese Aussage:

"Während einer Diskussion sagte George A. Smith, dass Gefängnis besser als Hängen sei. Ich gab ihm zu verstehen, dass ich gegen das Hängen sei, selbst wenn ein Mann einen anderen getötet hätte. Ich werde ihn erschießen, oder seinen Kopf abschneiden, sein Blut auf dem Boden vergießen, um dessen Rauch zum Himmel emporsteigen zu lassen und wenn ich jemals das Recht haben würde, ein Gesetz dazu zu machen, würde ich es so tun." 4

Joseph Fielding Smith sagte 1962 dazu:

"Es ist falsch jemanden zu hängen oder mit Gas zu töten, der einen Mord verübt hat. Der Herr sagt, dass sein Blut vergossen werden soll." 5

2. Ehebruch und Unmoral
Brigham Young lehrte:

"Lasst mich einen Fall annehmen. Nehmen wir an, dass du deinen Bruder im Bett mit deiner Frau vorfindest und du einen Speer durch beide bohren würdest. Du wärest gerechtfertigt und sie würden für ihre Sünde sühnen und in das Königreich Gottes aufgenommen werden. Ich würde in solch einem Fall genau so handeln. Und unter solchen Umständen gäbe es keine Frau, die ich so lieben würde, dass ich keinen Speer durch ihr Herz treiben würde und ich würde dies mit reinen Händen tun ..." "Es gibt keinen Mann und keine Frau, die die Bündnisse, die sie mit ihrem Gott gemacht haben, verletzen, ohne dafür die Schuld zu bezahlen. Das Blut Christi wird so etwas niemals auslöschen, dein eigenes Blut muss dafür sühnen." 6

Auch dies steht aus christlicher Sichtweise in komplettem Widerspruch zum Neuen Testament. Man erinnere sich daran, wie Jesus mit der Ehebrecherin umgegangen ist.


3. Diebstahl
Brigham Young:

"Wenn ihr wissen möchtet, was ich mit einem Dieb tun würde, der beim Stehlen ertappt wird - ich sage, tötet ihn auf der Stelle ..." 7

4. Ehe mit einem Afrikaner
Brigham Young:

"Soll ich euch das Gesetz Gottes in Bezug auf die afrikanische Rasse sagen. Wenn der weiße Mann, der zum auserwählten Geschlecht gehört, sein Blut mit dem Kains vermischt, ist die Strafe, die darauf folgt, der sofortige Tod. Dies wird immer so sein." 8

In den Tagebüchern von Wilford Woodruff wird eine Ansprache von Brigham Young erwähnt, in der es zusätzlich heißt:

"Und wenn irgend ein Mensch seinen Samen mit dem Samen Kains vermischt, besteht der einzige Weg, wie er dies wieder loswerden oder Erlösung erlangen kann, darin, hervorzukommen, um seinen Kopf abschlagen und sein Blut auf dem Boden vergießen zu lassen. Dies würde auch bedeuten, dass das Leben seiner Kinder genommen wird ." 9

Weitere Beispiele sind: Bündnisbruch, Lügen, Abfall vom Glauben, Verdammung Joseph Smiths, Feinde der Kirche. ( Siehe dazu Tanners, Major Problems of Mormonism, S.176-180 )

Der Ursprung der Blutsühne liegt bei Joseph Smith selbst. Joseph Fielding Smith, der 10. Präsident der Kirche, machte in einem seiner Bücher folgende Aussage:

"Joseph Smith hat erklärt, gewisse Sünden seien so schwerwiegend, dass das Sühnopfer Christi sie nicht tilgen könne. Wenn daher jemand eine solche Übertretung begehe, könne ihn das Blut Christi auch nicht mehr durch Buße davon reinigen. Seine einzige Hoffnung sei daher, dass sein eigenes Blut, soweit dies möglich sei, für ihn als Sühne vergossen werde. Diese Lehre ist schriftgemäß, denn sie ist in allen heiligen Schriften der Kirche niedergelegt." 10

Im Gleichen Buch erklärt Joseph Fielding Smith jedoch auch, dass die Blutsühne niemals von der Kirche praktiziert wurde:

"Wissen sie nicht, dass die Kirche niemals eine derartige Blutsühne vollstreckt hat - weder wegen des Abfalls vom Glauben noch aus sonstigen Gründen?" 11

Wurde die Blutsühne also nur gelehrt und nie praktiziert? Diverse historische Berichte der damaligen Zeit belegen, dass die Blutsühne auch in die Tat umgesetzt wurde. Ein trauriges Beispiel dafür ist das Moutain-Meadows-Massaker, auf welches eingehend auf dieser Site eingegangen wird. Viele Menschen verloren in Utah ihr Leben wegen der Blutsühne. In einem Bericht von John D. Lee, einem Daniten und engem Vertrauten von Brigham Young, heißt es:

"Die tödlichste Sünde unter den Leuten war Ehebruch und viele Menschen wurden in Utah für dieses Verbrechen getötet." 12

Lee führt in seinem Bericht dann den Fall Anderson an, der Ehebruch begangen hatte. Ein Bischofsgericht wurde gegen Anderson einberufen:

" ... der Rat beschloss, dass Anderson für die Verletzung seiner Bündnisse sterben solle. Klingensmith ging daraufhin zu Anderson und informierte ihn darüber, dass die Anweisung darin bestünde, dass sein Hals aufgeschnitten werden müsse, so dass das Vergießen seines Blutes für seine Sünden sühnen würde... "

Es wurde für Anderson ein Grab geschaufelt und man schnitt ihm den Hals durch. Dies wurde als eine religiöse Pflicht angesehen. Weitere Beispiele können in weiterführender Literatur nachgelesen werden. 13

Ein Relikt der Blutsühne könnten auch die bis 1990 im Tempel angedrohten Todesstrafen sein - die allerdings auch in den Zeremonien der Freimaurer vorkommen, von denen die Tempelriten ja abgeleitet wurde - im Falle einer Herausgabe der geheimen (heiligen) Zeichen und Kennzeichen. Eine davon war das Durchschneiden des Halses, angedeutet durch das Ziehen des Daumens quer über die Kehle. Eine interessante Parallele jedenfalls.

Weiterhin zeigt sich möglicherweise auch im Falle von Gary Gilmore, der im Jahre 1977 wegen Mordes in Utah hingerichtet wurde, dass die Lehre der Blutsühne auch noch bis ins 20. Jahrhundert in den Köpfen der Mitglieder verankert war. Gilmore wurde erlaubt, sich die Art seiner Hinrichtung selbst auszusuchen und er entschloss sich - gemäß der Aussage seines Bruders im Bewußstsein der Lehre der Blutsühne - für die Erschießung, statt Erhängen. Seit 1852 können Verurteilte diese Wahl in Utah treffen, wobei zu bemerken ist, dass es bei der Erschießung zum Blutvergießen kommt, beim Hängen jedoch nicht.

Ausführliche Informationen zur Blutsühne in englischer Sprache

Buchtipp:
Jon Krakauer
Mord im Auftrag Gottes - Eine Reportage über religiösen Fundamentalismus.

Kurzbeschreibung
Als Allen Lafferty am Abend des 24. Juli 1985 nach Hause kommt, findet er seine Frau und seine Tochter ermordet auf. Beide wurden grausam hingerichtet. Zu dem Mord bekennen sich Allens Brüder Ron und Dan Lafferty. Sie behaupten,den Auftrag dazu habe ihnen Gott gegeben. Ausgehend von diesem Familiendrama untersucht Jon Krakauer den Ursprung des religiösen Fanatismus. Die Laffertys sind Mormonen. Krakauer schildert die Geschichte dieser erst 170 Jahre alten Religion und zeigt, wie bedrohlich es sein kann, wenn Menschen glauben, einen "direkten Draht zu Gott" zu haben.


Fussnoten

1 Predigt von Brigham Young, Journal of Discourses, Band 4, S.53f. Auch in der Deseret News, 1. Oktober 1856, S.235

2 Journal of Discourses, Band 4, S.49f.

3 Die Bibel, 1 Joh. 1:7

4 History of the Church, Band 5, S.296

5 Answer to inquiry, 18. Oktober 1962

6 Journal of Discourses, Band 3, S.247f.

7 Journal of Discourses, Band 3, S.247f.

8 Journal of Discourses, Vol. 10, S.110, 1863

9 Wilford Woodruff's Journal, Band 4, S.97

10 Lehren der Erlösung, Band I, S.141f.

11 Lehren der Erlösung, Band I, S.143

12 Confession of John D. Lee, 1880, S.282f.

13 Tanners, Mormonism - Shadow or Reality, S.403ff.