Die Mormonen - Zwischen 'Wahrheit' und Wirklichkeit
Beziehungen zwischen Mormonen und Nichtmormonen

Regelmäßig erhalte ich E-Mails mit Anfragen bezüglich Problemen bei Beziehungen zwischen Mormonen und Nichtmormonen. Meist kommen diese Anfragen von jungen Frauen, die sich in einen Mormonen verliebt haben und nun bemerken, dass es zu Schwierigkeiten kommt. Die Betreffenden suchen nach Hilfe und einem Ausweg aus den durch Differenzen entstandenen Problemen.

Eine junge Frau schrieb mir kürzlich:

Hallo,
ich habe auch einen Freund der Mormone ist und ich bin Muslime! Was sind die Folgen einer gemeinsamen Beziehung? Darf er überhaupt eine Beziehung mit mir führen? Wir waren und sind glücklich aber seit kurzem erzählt er, er habe ein Problem welches mich auch betreffen würde, aber er könne es mir nicht sagen er müsse das alles alleine ins Lot bringen! Ich weiß nicht, was das sein soll dieses Problem aber ich spüre, dass er sich zwischen mir und etwas anderem entscheiden muss! Aber ich weiß es ist keine andere Frau! Kann es sein das ihn die Kirche zwingt sich von mir zu trennen? Was ist das für eine Gemeinschaft die von zwei Menschen die sich lieben verlangt das sie sich trennen!
Was soll ich machen? Was kann ich tun! Ich bin so unwissend was die Anforderungen der Kirche betrifft, hinsichtlich der Partnerwahl! Und wir denken noch nicht an Heirat! Aber er ist schon 28 und nimmt die Sache ernster als ich, ich bin erst 20!

Hier haben wir ein Beispiel, bei dem die Nichtmormonin einer anderen Religion angehört. Wie in anderen Anschreiben auch, wird die Unsicherheit deutlich, die die junge Frau empfindet.

Eine andere Zuschrift enthielt folgendes:

Mein Freund (Amerikaner) ist Mormone und ich würde ihn gerne darüber aufklären, dass er sich in einer Sekte befindet. Er ist die große Liebe meines Lebens und hat, außer dass er die normalen Regeln (keine Genussmittel, Unterwäsche...) immer eingehalten hat, niemals auf mich durch seine Religion bedrohlich gewirkt. Im Gegenteil, er ist ein sehr aufgeschlossener und intelligenter Mensch, aber als wir das Thema Heiraten angesprochen hatten, hat er mir mitgeteilt das es zwar keine Bedingung seiner Kirche ist, aber er für sich entschieden hat, dass er im Tempel heiraten will, um somit mit mir das ewige Leben zu bekommen. (Natürlich hatten wir bereits Diskussionen ohne Ende) Ich (evangelisch und noch dazu Europäer und somit nicht so Glaubens orientiert wie die Amerikaner) bin der Meinung, wenn ich ihn wirklich liebe, dann muss ich ihm irgendwie klar machen, dass diese Religion nicht das ist was sie vorgibt. Mein Problem ist, dass mein Englisch für Diskussionen solcher Art nicht ausreicht und deshalb möchte ich ihm gerne ihre Homepage mitteilen. Er spricht aber fast kein deutsch und deshalb wollte ich wissen, ob es diese Homepage auch in Englisch gibt, oder ob sie eine vergleichbare in der englischen Sprache wissen.
Diese junge Frau ist evangelisch und wahrscheinlich ziemlich frei denkend. Sie hat erkannt, dass die Religion zwischen ihr und ihrem Freund steht und möchte ihm helfen, die Gemeinschaft zu verlassen.

Weiter gibt es auch immer wieder Anfragen bezüglich Trauungen:

Hallo Holger,
mein Freund ist ein Mitglied der HLT (Mormonen). Stimmt das Gerücht, dass ein Mormonenmitglied "rausfliegt" (was auch immer das bedeuten mag, Ausschluss, Exkommunikation, etc.??), wenn er/sie sich evangelisch/katholisch trauen lässt ?
Und manche bremsen noch kurz vor ihrer Heirat mit einem Mormonen, wie folgendes Beispiel zeigt:

Hallo,
ich stehe kurz vor der Heirat mit einem Mormonen, der unheimlich lieb, etc. zu mir ist (zu schön, um wahr zu sein). Nun sind meine Eltern auf Dinge gestoßen, die mich sehr beunruhigen, ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, was ich glauben soll: er sagt, ich habe nichts zu befürchten - na klar! meine Eltern sagen, was sie alles gelesen haben, das habe ich nun auf den diversen Sites auch getan und das beunruhigt mich schon etwas. Was tun? Wie gefährlich sind die? Die Hochzeit wird mal verschoben. Was passiert, wenn ich mich von ihm trenne? Habe ich etwas zu befürchten, muss ich etwas beachten? Ich bitte um Ihre Info, bin ziemlich verzweifelt.

Was alle Fälle gemeinsam haben ist, dass die Betreffenden verunsichert sind, innerlich zerrissen und vor allem wenig Wissen über die Religion des Partners haben. Es scheint, als ob viele sich erst mit größeren Entscheidungen, wie der Ehe, über die Konsequenzen einer solchen Beziehung Gedanken machen.
Dies liegt zum einen daran, dass Menschen ohne strenge religiöse Strukturen sich nicht vorstellen können, wie sehr sich das Weltbild eines sehr gläubigen Menschen, von seinem eigenen unterscheiden kann. Und genau hier beginnen die Probleme.

Mormonen leben - wie alle anderen Mitglieder einer Sekte oder streng religiösen Gruppierung - in einer eigenen Welt, mit eigenen Gesetzen und Vorstellungen. Für dieses Weltbild haben sich diese Menschen zwar zunächst entschieden aber vorgegeben wird es von anderen: Sie sind indoktriniert. Durch Indoktrination entsteht, je nach Intensität, ein gewisses Maß an Realitäts- und Persönlichkeitsverlust. Der Mensch ist nicht frei und steht in direkter Abhängigkeit zur Religion und ihren Führern. Die Religion stellt das Zentrum des Lebens dar, nach dem sich alles ausrichtet. Eine Entscheidung gegen die Religion ist immer mit Gewissenskonflikten verbunden, die automatisch durch die Vermittlung von Dogmen tiefenpsychologisch verursacht werden.

Mormonen erhalten von klein auf ein fest vorgegebenes Weltbild, in dem der Ablauf des Lebens mit verschiedenen Stationen fest vorgegeben ist. Das ultimative Ziel ist der Gang zum Tempel mit seinem Partner, um dort für alle Ewigkeit aneinander gesiegelt zu werden. Denn gemäß mormonischer Theologie, kann nur derjenige wie Gott werden, der die Ehe für die Ewigkeit im Tempel geschlossen hat. Dieser Schritt hat also Auswirkungen auf die gesamte postmortale Lebensvorstellung der Mormonen. Ein glaubenstreuer Mormone wird nie mit einer Beziehung zufrieden sein können, die nicht genau in diese Richtung läuft. Daher wird den Mitgliedern auch empfohlen (nicht verboten), sich nur Partner mit der gleichen Gesinnung zu suchen.

Nun verhält es sich bei den Mormonen oft so, - besonders im europäischen Raum - dass nicht genug Auswahl innerhalb der Gemeinschaft zur Verfügung steht. Die Kirche organisiert daher interne, überregionale "Tagungen" an denen junge oder allein stehende Mormonen ihresgleichen treffen können. Diese werden hinter vorgehaltener Hand auch oft als "Heiratsmärkte" bezeichnet, was sie in Wirklichkeit auch sind.
Trotzdem findet dort nicht jeder Mormone/in einen passenden Partner und es bleibt nur die Wahl außerhalb.

Die oben genannten Personen haben nun wahrscheinlich alle ein solches Mitglied der Gemeinschaft gefunden und es kommt unweigerlich zu Problemen, weil hier zwei Weltbilder, trotz der empfundenen Gefühle, aufeinander treffen.
Man kann davon ausgehen, das der/die Mormone/in die Absicht niemals verlieren wird, den nichtmormonischen Partner zu seiner Religion zu bekehren und mit ihm zum Tempel zu gehen, auch wenn er dies zunächst nicht zugeben wird. Ich habe daher vielen schon geraten, dem/der Mormonen/in einmal die Frage zu stellen, ob er/sie bereits ein "Zeugnis" davon hat, dass man selbst der "auserwählte" Partner sei.
Mormonen beten in der Regel vor der Partnerwahl und wollen, dass Gott ihre Wahl durch den Heiligen Geist bestätigt. Dies erschwert die Situation, weil der nichtmormonische Partner eigentlich überhaupt nicht bekehrt werden will. Dieser will nur die Liebe des anderen, ihn aber nicht mit einer Religion teilen. Für Mormonen steht aber die Religion an erster Stelle. Ihr ist alles andere untergeordnet, auch der Partner.

Es kann nun gut sein, dass der mormonische Partner versucht, nur Stück für Stück Informationen über seinen Glauben preiszugeben, um den anderen nicht zu verunsichern - sprich, ihn nicht zu verlieren. Dies geschieht in der Hoffnung und dem Glauben - der sicher durch ständiges Gebet begleitet ist - dass der nichtmormonische Partner sich zur richtigen Zeit bekehren lassen wird.

Irgendwann kommt es eben dann zu den von allen oben genannten Reibungspunkten, die manchmal erst sehr spät auftreten.
Meist werde ich dann nach Rat gefragt, weil man den Partner nicht verlieren will. Mein Rat dazu fällt sehr nüchtern aus: Die Erfahrung hat gezeigt, dass Beziehungen zwischen glaubenstreuen Mormonen und Nichtmormonen in der Regel schwierig sind oder auf die Dauer keinen Bestand haben, wenn die Schnittmenge der beiden Weltbilder nicht ausgesprochen groß ist.

Diese Schnittmenge ist abhängig von der Toleranz, die beide füreinander aufbringen. Leider ist es - wie oben beschrieben - so, dass Mormonen aufgrund ihres indoktrinierten Weltbildes nur wenig Toleranz aufbringen können und sich letztendlich immer für ihre Religion entscheiden, auch wenn sie hier und da, ein paar Ausnahmen machen.
Mormonen sind beispielsweise angewiesen, vor der Ehe keine sexuellen Beziehungen einzugehen. Aber in heterogenen Partnerschaften vor der Ehe, kommt es durch unterschiedliche Vorstellungen zu Konflikten. Lässt sich der Mormonen zu sexuellen Handlungen hinziehen, hat dies für ihn Konsequenzen. Er wird mit seinem schlechten Gewissen konfrontiert, muss die "Sünde" seinem Bischof beichten, darf kein Abendmahl zu sich nehmen und muss einen Weg der "Umkehr" einschlagen, wenn er vor Gott nicht "schuldig" sein will. Dies hätte dann auch den Verlust seiner "ewigen Segnungen" zur Folge.

Auch Ehen zwischen Mormonen und Nichtmormonen leiden meist unter beträchtlichen Problemen. Dies ist auf die unterschiedlichen Auffassungen bezüglich des sozialen Umfeldes, der Kindererziehung, der Gestaltung des Wochenendes und vieler anderer Punkten zurückzuführen.

Ich kann daher nur sagen, dass eine Beziehung nur dann einen Sinn ergibt, wenn die genannte Schnittmenge sehr groß ist und selbst dann ist nicht gewährleistet, dass der/die Mormonen/in nicht später doch einen konservativeren Weg einschlägt und dies zu Problemen führt.
Manche versuchen dann über den Weg der Aufklärung, eine Sinnesänderung zu bewirken aber dies gestaltet sich bei indoktrinierten Menschen als ziemlich schwierig. Einen Versuch ist es jedoch wert. Gelingt es aber nicht, so kann ich aus meinen Beobachtungen nur sagen, dass eine Beziehung auf die Dauer keine Früchte tragen wird..