Die Mormonen - Zwischen 'Wahrheit' und Wirklichkeit
Belastungssyndrom und Antidepressiva

Vor einiger Zeit hatte ich eine interessante Unterhaltung mit einer mir anverwandten Mormonin. Wir kamen zufällig auf das Thema Depressionen zu sprechen und sie teilte mir ihre Meinung darüber mit, die für viele (vor allem deutsche) Mormonen typisch ist.
Ihrer Ansicht nach können Menschen, die einen festen Glauben besitzen, keine Depressionen haben. Weiter ordnete sie die Medikamentengruppe der Antidepressiva den Drogen zu, die zur Abhängigkeit führen. Und was sie nicht aussprach war die so oft hinter vorgehaltener Hand vertretene Meinung, dass Depressionen durch den Einfluss "schlechter Geister" zustande kommen, was den Deutungsversuchen des Neuen Testamentes in Zusammenhang mit Epilepsie ähnelt (Markus 9,14-29).

Sicher, man hatte über Jahrtausende hinweg keine Erklärungen für gewisse Erkrankungen gehabt und deutete daher vieles auf der Grundlage von Religion. Heute haben wir allerdings modernste medizinische Erkenntnisse die den wahren Grund solcher Erkrankungen erklären.

Interessant an dieser Thematik ist auch, was die Mormonen vor allem in Amerika gerne zu verschweigen suchen: Den regelmäßigen Gebrauch von Antidepressiva unter den Utah-Mormonen.
Soziologische Untersuchungen haben aufgezeigt, dass Utah - mit einem mormonischen Bevölkerungsanteil von 70% - führend im Gebrauch dieser Medikamente ist, verglichen mit allen anderen US-Staaten. Die Medikamente werden demnach fast zweimal so oft verschrieben, wie im US-Durchschnitt (fast dreimal so oft, wie in New York). Dabei treten besonders die mormonischen Frauen in den Vordergrund. Dr. Curtis Canning, Präsident der Utah Psychiatric Association, spricht in diesem Zusammenhang vom Mutter-Zion-Syndrom. Er führt dies auf die hohen Erwartungen zurück, die die Religion an ihre Mitglieder stellt. So leiden in Utah zweimal mehr Frauen als Männer an Depressionen.
Eine Betroffene sagte:

"Es ist wie im 'glücklichen Tal' hier. Es ist ein unheimlicher Ort manchmal. Die Leute sprechen nicht über ihre Probleme. Alles ist immer rosig. So befördern wir uns selbst in die Probleme - wir sind gut im Ignorieren von Dingen."
Helen Wright, 71, nimmt, wie ihre drei erwachsenen Kinder nunmehr auch, seit etwa 20 Jahren Antidepressiva:
"Schauen sie sich um. Sie können leicht Leute finden, die das nehmen. Ich denke, es ist das kulturelle Umfeld. Die meisten Männer hier möchten lieber, dass ihre Frauen Antidepressiva nehmen, als sich um die Probleme zu kümmern, um dann herauszufinden, dass sie etwas mit den Problemen zu tun haben könnten."
Dabei kommen vor allem die Medikamente Prozac, Zoloft, Paxil und Clomipramin gehäuft vor. Utah führt aber die USA auch im Gebrauch von narkotischen Schmerzmitteln wie Kodein und morphium-blasierten Medikamenten an. (Quellen: Salt-Lake-Tribune, LoS Times)

Nun, es soll hier nicht der Eindruck erweckt werden, dass alle Mormonen Antidepressiva nehmen würden. Das ist sicherlich nicht der Fall aber die Studienergebnisse sollten vor allem den Mormonen selbst, zu denken geben.

In meinem Artikel psycho-soziale Betrachtung der Mormonen bin auch auf meine eigenen Beobachtungen bezüglich des Belastungssyndroms unter den deutschen Mormonen eingegangen. Da es in Deutschland nur relativ wenig Mormonen gibt, können keine Studien Aufschluss über ähnliche Sachverhalte wie in den USA zu Rate gezogen werden. Meine persönliche Beobachtung hat aber gezeigt, dass auch in Deutschland viele der vor allem 100%igen Mormonen unter den starken Belastungen und Anforderungen der Religion leiden, was sich in verschiedenen Symptomen äußert. Leider gestehen sich die wenigsten ein, dass sie unter den Belastungen leiden. Die Religion fordert Hingabe und Aufopferung und auch hierzulande zieht man gerne eine Maske auf, um zu verbergen, was nicht sein darf - auch wenn die eigene Gesundheit dabei aufs Spiel gesetzt wird.


Zum Mutter-Zion-Syndrom ein Erklärungsversuch (aus einem Forenbeitrag):
Depressionen werden in drei Ursachenfelder eingeteilt:
- psychogene Depressionen, zu denen auch die Erschöpfungsdepressionen zählen
- endogene Depressionen bei denen im allgemeinen keine einleuchtenden Ursachen festgestellt werden können
- somatogene Depressionen zu denen zumindest ein Teil der postnatalen Depressionen gezählt werden müssen.

Im Artikel der Los Times wird angesprochen, dass es sich bei den Konsumenten vorwiegend um Frauen handelt. Mormonische Frauen sind schon einmal auf Grund ihrer Rolle als Mutter, Magd, Dienerin, Versorgerin der Familie und aufgrund der häufigen Geburten und großen Kinderzahl anfällig, für die Entstehung einer Erschöpfungsdepression oder postnataler Depressionen. Erschöpfungsdepressionen sind gekennzeichnet durch Dauerbelastungen.
Mormoninnen sehen sich im Laufe ihres Lebens gleich mehreren Situationen ausgesetzt, die zu einer solche Erschöpfungsdepression führen können.
- Ehekonflikte: Auch wenn Konflikte in der Partnerschaft nicht mehr lösbar sind, muss die Ehe aufrecht erhalten werden, da mit einem Scheitern besonders für die Frau das ewige Leben in der celestialen Herrlichkeit auf dem Spiel steht.

- Eine größere Kinderschar und ein entsprechend großer Haushalt produzieren eine körperliche Dauerbelastung. Häufig werden diese Frauen von ihren Partnern nicht entlastet, da diese viel Zeit außer Haus in entsprechenden Berufungen verbringen.

- Große Familien sind eine finanzielle Dauerbelastung, was durch das Entrichten des Zehnten noch eine Verschärfung erfährt.

- Sonntag für Sonntag wird die Familie und damit die Eltern durch die gesamte Gemeinde einer stillen Kontrolle unterworfen: Sind alle Kinder mitgekommen? Sind sie ordentlich gekleidet? Benehmen sie sich den Kirchenregeln entsprechend? Welche Mutter möchte da nicht die Beste sein und strengt sich unablässig an, um unter den Augen Gottes und ihrer Mitschwestern bestehen zu können?

- Aber nicht nur ein perfekt geführte Haushalt mit den Einjahresvorrat, selbstgebackenen Brot, selbst genähter Kinderkleidung und Garten ist Mormoninnen auferlegt, sondern sie sollte möglichst noch Besuchslehren gehen, eine Berufung inne haben und sich im Gemeinwesen engagieren.

- Vielleicht ließe sich eine so große, permanente Belastung noch einigermaßen verkraften, wenn es dafür eine entsprechende Anerkennung gäbe. Aber auch da sind Mormoninnen nicht gerade verwöhnt. Denn schon ihre zwölfjährigen Söhne dürfen das Aaronische Priestertum tragen und Aufgaben erfüllen, die ihnen für immer versagt sein werden.
Unter solchen Lebensbedingungen kann man eigentlich nur krank werden. Traurig, dass es für diese Frauen keinen Ort zum Ausruhen und zu sich selbst kommen gibt. Traurig, dass sie gezwungen sind ihre Leistungsfähigkeit und ihr Funktionieren mittels Medikamente sicher zu stellen.


Und zum Thema Drogen:

Im englischen Sprachraum, wird der Begriff "drug" nicht nur für den deutschen Ausdruck "Droge" gebraucht, sondern auch und viel häufiger steht er für "Medikament" bzw. "Arzneimittel". Droge im deutschen Sprachraum bezeichnet immer ein suchtauslösendes Pharmakon.
Per Definition sind Drogen zur Abhängigkeit führende, also suchterzeugende Pharmaka. Zu ihnen zählen die klassischen Drogen wie Alkohol, Kokain und Folgeprodukte, LSD, Cannabis und die moderne Drogen wie Ecstasy. Auch bei den Medikamenten gibt es Substanzen, die suchterzeugenden Charakter haben: Analgetika (=Schmerzmittel) vom Morphintyp, Barbiturate, Ampethamine, Tranquilantien (Beruhigungsmittel,) Hypnotika (Schlafmittel). Suchterzeugende Medikamente sind in Deutschland verschreibungspflichtig und unterliegen, dem Betäubungsmittelgesetz d.h. Verkauf und Abgabe sind lückenlos zu dokumentieren. Antidepressiva dagegen haben keinerlei suchterzeugendes Potential und gehören demnach nicht zu den Drogen.
In diesem Sinn fallen sie auch nicht unter das Verbot des Drogenmissbrauches im Wort der Weisheit.
Suizide gehen zum überwiegenden Teil auf Depressionen zurück und Antidepressiva sind wichtige, sinnvolle und hochpotente Medikamente, die dies verhindern.

Antidepressiva sind vorwiegend:
+stimmungsaufhellend
+angstlösend- beruhigend
+antriebssteigernd

Während hierzulande alle Antidepressiva verschreibungspflichtig sind, da ihre Dosierung und Auswahl in die Hand eines erfahrenen Arztes gehören, sind sie in den USA zumeist freiverkäuflich. Sie entfalten bei falscher Auswahl, Dosierung aber vor allem bei nicht von Depressionen betroffenen Personen keine Wirkung, höchstens Nebenwirkungen.
Dass in Gottes eigenem Land der Verbrauch dieser Medikamente viel höher ist, als in anderen US-Bundesstaaten, lässt selbstverständlich tief blicken. Interessant wäre es daher, nicht nur den Verbrauch an Antidepressiva zu untersuchen, sondern die Indikation für deren Verordnung.