Apologetik <gr.-mlat.> die; -, -en: 1.
die Gesamtheit aller apologetischen Äußerungen; wissenschaftliche
Rechtfertigung von [christlichen] Lehrsätzen. 2. (ohne Plural) Teilbereich
der Theologie, in dem man sich mit der wissenschaftlich-rationalen Absicherung
des Glaubens befasst.
Ich beschäftige mich nun schon seit einigen Jahren
mit dem Mormonismus,
dessen Lehre, Geschichte und Problematik. Je mehr Objektivität
und Unbefangenheit man dem Thema gegenüberstellt, desto klarer
und eindeutiger wird, was für einen außenstehenden, unabhängigen
Forscher ohnehin schon feststeht: Der Mormonismus ist ein synkretistisches
Produkt Joseph
Smiths und der Denkweise des 19. Jahrhunderts.
Um so erstaunlicher ist die Vehemenz, mit der mormonische Gelehrte - kurz
Apologeten - versuchen, die Lehre und den Glauben an die "einzig wahre
Kirche" zu verteidigen. Ich bin auf dieser Site ausgiebig auf deren Argumente
eingegangen und es ist daher nicht notwendig, sich hier zu wiederholen. Dennoch
möchte ich aus meinen Beobachtungen einige Gedanken und Schlussfolgerungen
anführen.
Mehrere Jahrzehnte lang schwieg die Mormonenkirche
und hat auf die vielen Kritiken keine Antwort gegeben. Und wenn man
es richtig betrachtet, so tut sie das heute auch noch nicht, denn der
"offizielle" Teil der Gemeinschaft (Generalautoritäten)
blieb eine Antwort bislang schuldig. Stattdessen hat sich an der BYU
eine Gruppe von Mormonengelehrten formiert, die als Organisation unter
dem Namen F.A.R.M.S.
(Foundation for Ancient Research and Mormon Studies) auftritt und
es sich zum Ziel gesetzt haben, die Vorwürfe zu entschärfen.
Die meisten der Apologeten verfügen über eine gute, wissenschaftliche
Ausbildung. Die bekanntesten unter ihnen sind:
Hugh Nibley, John L. Sorenson, Daniel C. Peterson, Michael D. Rhodes, John
Gee und Mat Roper.
Wichtig festzustellen ist, dass F.A.R.M.S. nur die eigne Meinung vertritt
und diese mit offiziellen Stellungnahmen der Gemeinschaft nicht gleichzusetzen
sind. Trotzdem bleibt den nach Antworten suchenden Mitgliedern nichts anderes
übrig, als sich den F.A.R.M.S. Argumenten anzuschließen, denn ansonsten
gibt es ja nichts, auf was sie sich berufen könnten. Generalautoritäten
raten ihren Mitgliedern nach wie vor, kritisches Material nicht zu lesen.
Es ist jedenfalls ein Phänomen, gelehrte Leute auf eine Art und Weise
argumentieren zu sehen, die meiner Ansicht nach jeglicher Vernunft widerspricht.
Apologeten sind bereit, für "ihre Wahrheit" eine äußerst
fragwürdige Methodik anzuwenden und sogar den etablierten Lehren der
Mormonenkirche zu widersprechen.
Ich habe mich daher gefragt, wie es zu solch einem Verhalten kommen kann
und stelle fest, dass es 1. zu einer "Realitätsverschiebung"
bei den Betroffenen kommt und 2. der innere und äußere Druck besteht,
Dissonanzen (Unstimmigkeiten) mit allen Mitteln zu minimieren.
1. Realitätsverschiebung
Dieses Phänomen findet überall dort statt, wo Ideologien oder Religionen,
das Weltbild eines Menschen beeinflussen oder bilden. Anstelle des eigenen Weltbildes,
tritt das von der "Lehre" vorgegebene und ersetzt dieses weitgehend.
Menschen, die in einer Religion oder Ideologie aufgewachsen sind, unterliegen
diesem Vorgang meist noch intensiver, als Konvertierte. Es ist daher für
Aussteiger oft schwierig, diese psychologische Barriere zu überwinden und
wieder zu sich selbst zu finden.
Obwohl Apologeten, wie bereits erwähnt, meist über eine solide Ausbildung
und Qualifikation verfügen, greift bei der Ausübung der Apologetik
eben diese Realitätsverschiebung und die wissenschaftlichen Argumente driften
ins Irreale ab. Die Folge sind spekulative Theorien und Hypothesen, wie sie
mannigfaltig auf dieser Site diskutiert wurden. Ein schönes Beispiel dafür
sind Nibleys zahlreiche
Theorien
zum Buch-Abraham-Problem.
Da der Glaube prinzipiell den dominierenden Bereich der Psyche darstellt und
nicht der Ratio, muss es notwendigerweise immer eine Erklärung geben, da
der Glaube ja "wahr" ist. Dies erklärt auch die teilweise akrobatischen
Bemühungen, Dinge zu beweisen oder zu erklären, die nicht zu bewiesen
sind, da schlichtweg unmöglich. Im Glauben aber ist alles möglich
und die Realität wird verdrängt, bzw. durch eine "neue"
Realität ersetzt. Eng in Verbindung mit der Realitätsverschiebung
steht der nächste Punkt.
2. Reduzierung von Dissonanz
Kognitive Dissonanz (eine das Erkennen/Wahrnehmen betreffende Unstimmigkeit)
resultiert meist aus einer Desillusion, die durch das Nichteintreffen eines
den Glauben betreffenden Ereignisses entsteht. (Z.B. Das Kommen Christi datiert
und nicht eingetroffen)
Solche Desillusionen gibt es in allen Religionen, besonders dort, wo angebliche
Voraussagen gemacht werden, die dann nicht eintreffen oder sich als richtig
angenommene Ereignisse, als falsch herausstellen. Im Mormonismus gibt es eine
Vielzahl von Ereignissen und Fakten, die im Gläubigen eben diese kognitive
Dissonanz auslösen. Diese Dissonanz erzeugt Unbehagen, das vom Betreffenden
unbedingt eliminiert werden will. Die betreffende Person wird dann verschiedene
Wege einschlagen, um diese Dissonanz, bzw. das resultierende Unbehagen, zu
eliminieren: (1) Änderung eines oder mehrerer Glaubensgrundsätze,
Meinungen oder Verhaltensweisen. (2) Erwerb neuer Informationen oder Glaubensgrundsätze,
welche den bestehenden Einklang verstärken und somit die gesamte Dissonanz
reduzieren. (3) Die Wichtigkeit solcher Wahrnehmungen vergessen oder reduzieren,
die im dissonanten Verhältnis stehen.
Der Mormonismus ist voller Beispiele, die dies belegen. Die Lehre der Mormonen
hat sich über all die Jahre immer wieder angepasst und verändert,
nur um bestehen zu können und F.A.R.M.S. hat sich als wahrer Meister
dieses Vorgangs entpuppt.
Das größte Problem bei Artikeln, die von F.A.R.M.S.
geschrieben wurden, ist, dass normale Mitglieder in keinster Weise die Richtigkeit
der dargelegten Fakten überprüfen können. Die meisten wollen
das auch nicht, sondern glauben dankbar alles, was man ihnen so präsentiert.
Dadurch ist ein Eldorado für Apologeten entstanden, in welchem sich die
oben genannten Protagonisten so richtig in Szene setzen. Allen voran Hugh
Nibley.
Glücklicherweise gibt es aber genug Gelehrte innerhalb und außerhalb
der Gemeinschaft, die sich mit dem Mormonismus und den Schriften von F.A.R.M.S.
beschäftigt haben und dabei behilflich sind, die Wahrheit ans Licht zu
bringen. Es ist interessant zu bemerken, dass es immer mehr Mormonengelehrte
gibt, die sehr gute wissenschaftliche Ansätze haben und F.A.R.M.S. in
vielen Punkten widersprechen. Darunter die Ägyptologen Edward H. Ashment
und Steven E. Thompson. Aber auch etliche Professoren an der BYU teilen die
Meinung von F.A.R.M.S. nicht, sondern beginnen ein viel realistischeres Bild
aufzuzeigen.
Das Buch von Dan Vogel, The
Word of God: Essays on Mormon Scripture (Salt Lake City: Signature Books,
1990), in dem etliche sehr gute Essays von Mormonengelehrten zu finden
sind, von denen auch auf dieser Site zitiert wird, dient als gutes Beispiel.
Auch verlassen immer mehr Gelehrte die Gemeinschaft, da die drückenden
Beweise gegen den Glauben mit nichts mehr zu rechtfertigen sind. So
z.B. Simon Southerton, ein ehemaliger Bischof und Molekularbiologe,
der aufgrund der genetischen
Erkenntnisse die Mormonenkirche verlassen hat. Andere
Gelehrte werden wegen ihrer der Lehre widersprechenden Studien von
der Gemeinschaft exkommuniziert.
Am Rande zu bemerken sei noch, dass es zwischen F.A.R.M.S.-Gelehrten und
evangelikalen Apologeten zu einer regelrechten Erklärungsschlacht gekommen
ist, bei dem sich einige der Evangelikalen sogar in die Defensive gedrängt
fühlen. Ich möchte nicht näher auf diesen Bereich eingehen,
da es sich hier um eine Schlacht handelt, bei der es darum geht, Mythen und
Glaubensansichten zu verteidigen. Wer soll da gewinnen? John Weldon geht in
seinem Artikel: Response
To Mosser/Owen and FARMS näher darauf ein.
Ich werde nun kurz einige Beispiele für das bereits Genannte anführen.
Ausführlichere Informationen befinden sich überall auf dieser Site
(siehe Links dazu).
Hugh Nibley und seine Methodik
Beginnen wir mit Chef-Apologet Hugh Nibley:
Nibley besticht seine Leser mit seinem unglaublichen Wissen in den verschiedensten
Gebieten. Seit Jahren veröffentlicht er eine Publikation nach der anderen
und hat innerhalb der Mormonengemeinschaft sicherlich eine gewisse Fangemeinde
aufgebaut. Ich selbst kenne Mitglieder, die ihren Glauben mit von dem abhängig
machen, was Nibley schreibt. Und dennoch ist Nibley zum Meister der "reduzierten
Dissonanz" geworden. Kein anderer ist so frei in der Wahl seiner wissenschaftlichen
Methodik und Interpretation. Seine Theorien sind teilweise höchst spekulativ
und hypothetisch. Am Beispiel des Buches
Abraham und der von ihm erhobenen Theorien wird dies sehr gut sichtbar.
Der Ägyptologe Steven E. Thompson sagte als Kommentar zu Charles M. Larsons
Buch ...by
his own hand upon papyrus:
"Meiner Meinung nach ist es die beste Quelle, zu der man
gehen kann, wenn man wissen will, was es mit dem Buch Abraham auf sich hat
... Nichts, was von apologetischer Seite her geschrieben wurde, kommt ihm
an Richtigkeit nahe ...
Nun, ich sage ihnen, es ist weit mehr akkurat, als alles, was Hugh Nibley
jemals zu dem Thema geschrieben hat ..." (Interview
mit Steven E. Thompson)
Auch der Ägyptologe Edward H. Ashment kritisiert Nibley Methodik in
bezug auf das Buch Abraham. In seinem Essay: Reducing
Dissonance: The Book of Abraham as a Case Study, heißt es:
"Es wird daher vorgeschlagen, dass solch ein Umgang mit
Dissonanz, in bezug auf das Buch Abraham, unterlassen wird. Eine Beobachtung
des Bibelforschers Jacob Neusner scheint hier angebracht zu sein: 'ein alter,
christlicher Text, einer aus dem ersten Jahrhundert z.B., kann als würdiges
Thema für wissenschaftliche Untersuchungen erachtet werden [durch Religionshistoriker].
Aber ein frischer christlicher Ausdruck (ich denke dabei an das Buch Mormon)
steht eigentlich für Verspottung zur Verfügung aber niemals zum
Studium. Religiöse Erfahrung im dritten Jahrhundert ist faszinierend.
Religiöse Erfahrung im zwanzigsten Jahrhundert [oder neunzehnten] ist
beängstigend oder absurd.'
Mormonische Apologeten haben die mangelhafte Hypothese, von der Neusner spricht,
völlig akzeptiert. Ein Beweis dafür ist deren Versuch, aus dem Buch
Abraham ein 'würdiges Thema für wissenschaftliche Untersuchungen'
zu machen und es davor zu bewahren, ein Gegenstand der Verspottung zu sein,
indem es unnötigerweise archaisiert wird. Es scheint mehr angebracht
- und mehr akkurat - es als einen 'frischen christlichen Ausdruck' zu betrachten.
Lasst die HLT-Gemeinschaft beginnen zu studieren, nachzudenken und vom Buch
Abraham zu lernen, von dem was es ist - nicht von dem, was manche in der Gemeinschaft
wünschen, das es ist."
Ashment dementiert in diesem Essay vor allem diverse Theorien, die von Nibley
aufgestellt wurden.
Ashment hat auch schon zu früheren Gelegenheiten, Nibleys Fehler offen
gelegt. So etwa in
Sunstone, Dez. 1979. Nibley sagte dazu:
"Nachdem ich Bruder Ashment gehört habe, muss ich einige
Änderung in bezug darauf machen, was ich bereits gesagt habe."
"Ich bin nicht verantwortlich für etwas, was ich vor mehr als drei
Jahren geschrieben habe." (Salt
Lake City Messanger #82)
Diese letzte Aussage umschreibt ziemlich gut, was von Nibleys Methodik zu halten
ist. Wir haben hier einen Gelehrten, der spekulative Theorien entwirft, für
die er sich nach einer gewissen Zeit nicht mehr verantwortlich fühlt.
David P. Wright, Professor of Hebrew Bible and Ancient Near
East, untersuchte den Inhalt des Buches Abraham, wie er von Joseph Smith verfasst
wurde und stellte fest, dass dieser nichts mit dem Ägyptischen zu tun
hat, sondern vielmehr mit dem Hebräischen. Er machte folgende Aussage
und nahm dabei Bezug auf Nibley:
"Diese Beweise, gemeinsam mit Thompsons Beobachtungen, zeigen,
dass das Buch Abraham nicht von Abraham verfasst wurde, nicht historisch ist
und, in der Tat, das Produkt von Joseph Smiths kreativer - inspirierter, wenn
man denn so will - Bibelauslegung ist. Diese Schlussfolgerung kann mit Bestimmtheit
gemacht werden. Sie ist weit von einer wilden Spekulation entfernt. Entegegengesetzt
muss man betonen, dass die meisten Forschungen, die geschrieben wurden, um
die altertümliche Herkunft des Buches ( und abrahamische Herkunft oder
Geschichtlichkeit ) zu verteidigen ( das meiste von Hugh Nibley ), schwach
und spekulativ sind und Mängel aufweisen durch wenig präzise Textanalyse
und methodische Ungenauigkeit." (David
P. Wright: Egyptology and the Book of Abraham)
Der eher orthodoxe Mormone
Kent
P. Jackson, kritisierte in den BYU-Studies (Artikel wurde von F.A.R.M.S.
entfernt) die Methodik, die Nibley in dem Buch
The Collected Works of Hugh
Nibley. Vol. 1, Old Testament and Related Studies verwendet hat. Er schreibt:
"1. In den meisten Artikeln zeigt Nibley eine Tendenz dazu,
Quellmaterial von einer Vielzahl von Kulturen aus der gesamten Alten Welt
zu sammeln, diese dann zusammenzuwerfen, um dann die Stücke und Teile
herauszuwählen, die er braucht...
2. In diesem Buch benutzt Nibley die sekundären Quellen auf die selbe
Weise, wie die primären Quellen, indem er Aussagen aus dem Kontext entnimmt,
um Argumente zu erstellen, mit denen die, von welchen er zitiert, wahrscheinlich
nicht einverstanden wären...
3. Mehreren Artikel mangelt es an genügend Dokumentation und bei manchen
fehlt sie ganz.
4. Nibley Scharfsinnigkeit hat ihn zu einem der gefragtesten Sprecher in der
Kirche gemacht. Aber ich bin darüber bestürzt, in dieser Zusammenstellung
mehrere Passagen zu finden, in welchen seine Satire zu Sarkasmus und Beschimpfung
tendiert, die keinen Platz in ernsthafter Wissenschaft finden sollten..."
Diese Problematiken finden sich auch in anderen Werken von Nibley wieder.
Vielleicht kann man abschließend folgende Bemerkung aus dem Buch
BYU:A
House of Faith, als beste Beobachtung anführen:
"Wie ein ehemaliger BYU-Geschichtsprofessor [Richard Poll]
1984 beobachtete, '[Nibley] ist die Sicherheitsdecke von den Heiligen der
Letzten Tage, für die Dissonanz unakzeptabel ist ... Sein Beitrag zum
Dissonanz-Management besteht nicht so sehr darin, was er geschrieben hat,
sondern dass er geschrieben hat. Nachdem ich Hugh Nibley nun seit 40 Jahre
kenne, bin ich der Meinung, dass er mit seinen Lesern herumgespielt hat...
Relativ wenige Heilige der Letzten Tage lesen die Bücher, die sie einander
geben, oder die reichlich kommentierten Artikel, die er Kirchenpublikationen
beigesteuert hat. Für die meisten von uns ist es genug, dass sie existieren.'"
(BYU:A House of Faith, by Bergera and Priddis, S.362)
Hugh Nibley als Dissonanz-Manager und Sicherheitsdecke. Ein passender Vergleich.
Verdrehung historischer Tatsachen
Reduzierung von Dissonanz äußert sich bei F.A.R.M.S.-Artikeln auch
oft in der Verdrehung von historischen Tatsachen. Dies wird besonders am Beispiel
der Kinderhookplatten
und der
Joseph-Smith-Manuskripte sichtbar. Man versucht heute, das Interesse von
Joseph Smith an den Kinderhookplatten herunterzuspielen und den Schreibern
die Schuld, an den in der Kirchegeschichte klaren Beweisen gegen Smith, zu
geben. Ähnlich verhält es sich mit den Manuskripten des Buches Abraham,
die klar aufzeigen, dass Smith überhaupt kein Ägyptisch übersetzen
konnte. Auch hier versucht man, die Problematik von Smith abzuwenden und die
Schreiber verantwortlich zu machen (Nibley). Edward H. Ashment hat in dem
Essay Reducing
Dissonance: The Book of Abraham as a Case Study, sehr detailliert
dargelegt, warum F.A.R.M.S. sich dabei irrt. Er schreibt:
"Dieser Beweise widerspricht nicht nur Nibleys Annahme, dass
'das Englische des Buches Abraham hier hin geschrieben wurde, bevor die ägyptischen
Zeichen hinzugefügt wurden', und dass die hieratischen Zeichen 'herauskopiert
wurden ... von einem einzelnen Schreiber in einer hervortretenden und ziemlich
geschickten Handschrift', sondern zeigt auch auf, dass in diesen Manuskripten
die 'achtzehn hieratischen Randsymbole' von Papyrus JS 11, direkt mit dem
Englisch des Buches Abraham in Verbindung stehen."
Smith hat in seiner gesamten Wirkungszeit nur sehr wenig
selbst geschrieben, sondern Schreiber eingesetzt. Jedes Mal dann die Schreiber
verantwortlich zu machen, wenn es Probleme gibt, scheint ein typisches Argumentationsspiel
geworden zu sein und ein gutes Beispiel für Dissonanzreduzierung.
Fragwürdige wissenschaftliche Sichtweise
Ein Artikel bezüglich des Buches Abraham wurde 1992 offiziell im Ensign
abgedruckt. In diesem wird von John Gee behauptet, dass das Wort Abraham in
den gefundenen Papyri vorkommen soll und eine Verbindung zwischen dem Patriarchen
und den Papyri besteht - auch in Zusammenhang mit Faksimile Nr.1.
Diese Abhandlung wurde ebenfalls von Edward H. Ashment (The
Use of Egyptian Magical Papyri to Authenticate the Book of Abraham)
dementiert und als falsch erklärt. Ashment zeigt auf, dass Gee seinen
Lesern verheimlicht, dass er bei seinen Recherchen auf magische Papyri zurückgreift,
die viel jünger sind, als die JS-Papyri. Weiter legt er offen, dass es
sich bei der Person in diesen Papyri um eine Frau handelt, über die magische
Sprüche auf einer Löwencouch ausgesprochen werden und nicht um Abraham,
der geopfert werden soll. Er schließt seine Abhandlung mit den folgenden
Worten:
"Gees Artikel zeigen anschaulich die beiden Vorgehensweisen
auf, die die mormonische Apologetenschule benutzt, um mit dem Hauptproblem,
vor dem sie steht, umzugehen. Nämlich, dass der Überfülle an
verkündeten Wahrheiten, die in der Geschichte verwurzelt sein sollen,
nur sehr dürftige Beweise gegenüber stehen.
Die erste Herangehensweise, die andernorts verwendet wird, leugnet konträre
Beweisstücke mit philosophischen Argumenten. Sie nimmt einfach relativierend
an, dass Beweise, die dem Glauben nicht förderlich sind, nur im Kopf
des 'objektivistischen' Historikers existierten, der ja nach einem
verborgenen Handlungsplan vorgeht, dabei aber so tut, als gehe er empirisch
vor. Andererseits nimmt sie objektivistisch an, der Apologet habe die sichere
'objektive Erkenntnis' von der verkündeten Wahrheit, was dazu führt,
dass er mit Beweisen nach eigenem Ermessen verfährt......
Mehr als alles andere deuten die Artikel darauf hin, dass Gees wissenschaftliche
Sichtweise, von seinem Bestreben 'glaubensstärkende' Beweise hervorzubringen,
verdeckt ist. Leser solcher Verteidigungsartikel müssen konsequenterweise
äußerst vorsichtig sein, solche 'glaubensstärkenden' Behauptungen
zu akzeptieren. Wie die oben angeführte Prüfung [aus seiner Abhandlung]
zeigt, können Verteidigungsartikel 'glaubhafte Geschichte' vermitteln,
die von einem nichts ahnenden Publikum historisch nicht streng hinterfragt
wird. Leider verliert dabei jeder: Rechtfertiger werden von ihren Kollegen
in der akademischen Welt nicht ernst genommen; Kirchenmitglieder werden falsch
informiert; und Peinlichkeit wird letztendlich auf die Kirche zurückkommen
..."
Ich kenne Mitglieder, die auch heute noch Artikel von Gee verteilen, ohne
jemals geprüft zu haben, was deren Inhalt überhaupt aussagt und
sich dadurch in Sicherheit wiegen. Gee ist ein gutes Beispiel dafür,
wie man wissenschaftliches Arbeiten dazu missbrauchen kann, um seinen Glauben
zu rechtfertigen. Und ich stimme Ashment zu: Leider verliert dabei jeder.
Widerspruch zur Kirchenlehre
Wie bereits erwähnt, sind F.A.R.M.S.-Gelehrte auch dazu bereit, mit ihren
Theorien der offiziellen Lehre der Mormonenkirche (sofern es denn eine gibt) zu widersprechen.
Dies wird bei John L. Sorenson und seiner Buch-Mormon-Geographie
deutlich. Zu Zeiten von Joseph Smith glaubte man noch fest daran, dass die
Hebräer (verlorenen 10 Stämme) die Vorfahren
der Indianer seien und sich die Nephiten und Lamaniten über ganz
Nord- und Südamerika ausgebreitet hatten. Dies entsprach der Denkweise
des 19. Jahrhunderts und somit auch dem Buch
Mormon. Im Laufe des letzten Jahrhunderts wurde durch archäologische
Untersuchungen jedoch deutlich, dass die Indianer mongolider Herkunft sind.
Von Seiten der Mormonenkirche räumte man also ein, dass es noch andere gegeben
hat, die Hauptblutlinie sein aber israelitisch (McConkie). Gegen Ende des
letzten Jahrhunderts wurde dann immer klarer, dass es für die Buch-Mormon-Lehre
der Herkunft der Indianer keine archäologischen Beweise gab. Zudem haben
moderne genetische
Untersuchungen längst bewiesen, dass die Indianer mongolider Herkunft
sind und keine der Untersuchungen hat das Buch Mormon bestätigt. Dies
veranlasste Sorenson dazu, die Geographie des Buches Mormon auf einen sehr
kleinen Bereich irgendwo in Zentralmexiko festzulegen. Einen Bereich, den
man bis heute nicht finden oder nachweisen konnte. Sorensons Theorie wirft
nicht nur neue Probleme, bezüglich des Buches Mormon auf, sondern widerspricht
dem, was offiziell seit Joseph Smith gelehrt wurde. Sorenson geht sogar so
weit, dass er die orthodoxen Ansichten als "Unsinn"
bezeichnet. Nun, auch wenn er damit Recht hat, dass diese Ansichten Unsinn
sind, so erkennt er nicht, dass seine Theorie nichts anderes ist, als Dissonanzreduzierung
und eine Flucht vor der Realität. Moderne Ärchäologie und Genetik
haben dem Buch Mormon längst den Todesstoß verabreicht.
Vielleicht ist es angebracht an dieser Stelle eine Aussage von Michael
D. Coe, Professor für Anthropologie an der Yale Universität
( Emeritus) anzuführen:
"Die nackte Tatsache ist, dass nichts, absolut nichts, aus
den Ausgrabungen der Neuen Welt einem leidenschaftslosen Beobachter einen
Hinweis geben würde, dass das Buch Mormon, wie von Joseph Smith behauptet,
ein historisches Dokument sei, das von den frühen Bewohnern unserer Hemisphäre
handelt....
Lassen sie mich nun ganz unkategorisch feststellen, dass es, so weit ich weiß,
keinen professionellen Archäologen gibt, der kein Mormone ist, der irgendeine
wissenschaftliche Beweisgrundlage für die Wahrheit des Genannten sieht
und ich möchte behaupten, dass es einige Mormonen Archäologen gibt,
die sich dieser Gruppe anschließen." (Mormons and Archeology:
An Outside View. Dialouge, 1973)
Typisches Argumentationsverhalten
Apologeten scheinen sich immer wieder in die selben Argumentationen zu verstricken.
Eine ausführliche Beschreibung findet sich in dem Artikel: Review
of FARMS Review of Books, von Dr. Shade. Hier einige kurze Beispiele:
- "Joseph Smith hat das nicht wirklich gesagt."
|
Aussagen Smiths werden auf
seine Schreiber geschoben oder von ihm abgewendet |
|
|
F.A.R.M.S. interpretiert jede
Kritik an der Kirche oder der Lehre als direkten Angriff, der unbedingt
abgewehrt werden muss. Das scheint schon fast zwanghaft zu sein. (Siehe
Dissonanz) |
- Den Leser mit Wissenschaft blenden
|
Apologeten versuchen ihre
Mitglieder mit wissenschaftlicher Spitzfindigkeit zu beeindrucken und
damit in Sicherheit zu wiegen |
- Forderung eines gottgleichen Literaturstandards
|
Pedantische Kritik wird an
jedem Artikel geübt, der gegen die Kirche spricht. Dabei geht es
oft mehr um stilistische Nebensächlichkeiten, als um Inhalt |
|
|
Wie am Beispiel von Charles
M. Larsons Buch ...by his own hand upon papyrus, wird versucht,
die Qualifikation des Autors zu misskreditieren. Das eigentliche Problem
wird aber umgangen |
- "Dies wurde falsch zitiert oder aus dem Kontext genommen"
|
Ein beliebtes Argument von
allen Mormonen, wenn es darum geht, peinliche oder fragwürdige Aussagen
zu rechtfertigen |
- "Das ist das selbe alte Anti-Mormonen-Argument, dass seit Jahren
kursiert"
|
Mit dieser Aussage suggerieren Apologeten, dass nach einer solch langen
Zeit längst eine passende Antwort gefunden wurde und das Argument
daher irrelevant ist. In der Regel ist genau das Gegenteil der Fall.
|
Schlussfolgerung
Die sind nur einige wenige Beispiele zum Thema Reduzierung von Dissonanz aber
jeder, der sich mit F.A.R.M.S. auseinandersetzt, sollte sich die angesprochene
Problematik bewusst machen, um in der Lage zu sein, deren Sichtweise und Argumentation
richtig einschätzen zu können.
F.A.R.M.S. scheint für die Mitglieder die eiserne Stange des Buches Mormone
geworden zu sein. Viele haben begonnen danach zu greifen. Doch mehr als ein
Gefühl der Sicherheit mag diese Stange nicht zu vermitteln, denn sie
ist rostig und bei der geringsten Belastung zerfällt sie in ihre Bestandteile.
Es folgt nun eine Liste ausgewählter Artikel, die im Internet zum Thema
zu finden sind.
Ulrich Tünsmeyer - Streiten
mit religiösen Fanatikern?
Bei weltanschaulichen Konflikten stoßen Argumente auf Grenzen. Kann
man mit jemandem inhaltlich debattieren, wenn man mit ihm in den fundamentalen
Prinzipien nicht übereinstimmt?
USA-Today - DNA research and Mormon scholars changing basic beliefs
Zeitungsartikel über die Unstimmigkeiten zwischen Dogma und Wissenschaft der Mormonen
Institute for Religious Research - Das
verlorene Buch Abraham
Wissenschaftliche Stellungnahme zum Buch Abraham
Edward H. Ashment - The
Use of Egyptian Magical Papyri to Authenticate the Book of Abraham
Widerlegt John Gees Theorien zu den Magical Papyri
Siehe dazu auch in Deutsch: Abraham
in alten ägyptischen Texten? Ägyptologe dementiert Aussagen
von Apologet John Gee
Edward H. Ashment - Reducing
Dissonance: The Book of Abraham as a Case Study
Geht auf das Dissonanzproblem von Apologeten (hier besonders Nibley) ein,
am Beispiel des Buches Abraham
Steven E. Thompson - LDS
Egyptologist Doubts Joseph Smith Translated the Book of Abraham
Ein Interview mit den Ägyptologen. Seine Stellungnahme zu Charles M.
Larsons Buch ...by his own hand upon papyrus
Prof. David P. Wright - Egyptology
and the Book of Abraham
Untersucht den Text des Buches Abraham auf ägyptische und hebräische
Merkmale
Sandra and Jerald Tanner - Solving
the Mystery of the Joseph Smith Papyri
Artikel geht auf John Gee, Nibley und Rhodes ein. Mit Aussagen von Ashment
Kent P. Jackson - Nibley Review
Einige Aussagen zur Methodik von Nibley
Dazu noch eine weitere
Betrachtung
Dr. Shades - Review
of FARMS Review of Books
Ein Blick auf die typischen Argumentationen von F.A.R.M.S.
John Weldon - Response
To Mosser/Owen and FARMS
Eine Antwort auf "Mormon Scholarship, Apologetics, and Evangelical
Neglect: Losing the Battle and Not Knowing It?" by Carl Mosser and
Paul Owen, sowie eine Betrachtung von F.A.R.M.S. und Nibley
Michael D. Coe - Spekulationen
und Archäologische Forschungen
Stellt die Denkweise des 19. Jahrhunderts mit moderner Forschung gegenüber
H. Michael Marquardt - Kinderhook
Plates
Ein weiterer Beweis dafür, dass Joseph Smith mit den Kinderhookplatten
in Zusammenhang gebracht werden kann
Prof. David P. Wright - Isaiah
in the Book of Mormon...and Joseph Smith in Isaiah
Eine Studie zum Thema Jesaja im Buch Mormon. Ein weiterer Beweis gegen die
Echtheit des Buches
H. Michael Marquardt - Priesthood
Restoration
Zeigt auf, dass das höhere Priestertum nicht vor 1835 in Aktion trat