Die Mormonen - Zwischen 'Wahrheit' und Wirklichkeit
Abschied vom Mormonismus

Im Dezember 2002

Als ich mich mit 19 (1985) den Mormonen anschloss, war nicht abzusehen, wie viele Jahre meines Lebens ich mit dem Mormonismus zubringen würde. Mittlerweile sind es fast 18 Jahre geworden. 14 davon verbrachte ich als aktives Mitglied und 3 ½ mit der Ablösung und Auseinandersetzung. Dies umfasst die Hälfte meines Lebens.
Ich habe mich daher entschlossen, das Kapitel zu schließen und loszulassen. Ich erkenne dies als einzig richtige Konsequenz, resultierend aus meiner intensiven Auseinandersetzung, sowohl mit der mormonischen Theologie, als auch meiner eigenen Geschichte.

Damit ist auch die Arbeit an meiner Webseite - Mormonismus zwischen Wahrheit und Wirklichkeit - beendet. Der Sinn meines Schreibens hat sich erfüllt und das Ergebnis ist umfangreich und aufschlussreich zugleich. Eine Einstellung der Seite beinhaltet meine Entscheidung jedoch nicht, da ich es als wichtig erachte, in einer freien Gesellschaft, freie Informationen jeglicher Art zu erhalten. Die Geschichte der Menschheit hat gezeigt, dass ideologische Einseitigkeit und Dogmatismus, immer zur Einschränkung des Denkens und Handelns für andere geführt hat. Für jede einseitige Kraft braucht es eine Gegenkraft, im Sinne gesellschaftlicher und soziologischer Stabilität. Meine Homepage ist ein Beitrag dazu. Allerdings werde ich für Anfragen bezüglich des Mormonismus nicht mehr zur Verfügung stehen.

Der Ablösungsprozess vom Mormonismus beinhaltet zweierlei Dinge:
1. Aufdecken der "Doppelten Unwahrheit"
2. Aufarbeitung der eigenen Geschichte
Es muss also eine thematische und innere Betrachtung stattfinden.

Thematische Betrachtung:
Unter "Doppelter Unwahrheit" verstehe ich die Erkenntnis darüber, dass im Mormonismus, sowohl das Weltbild unrealistisch und unhaltbar ist, als auch die Art und Weise, wie die Mormonen ihre Lehre und Geschichte darstellen. Ersteres geschieht dann, wenn der Mensch wieder beginnt, kritisch mit dem eigenen Glauben umzugehen und es wagt, über den Tellerrand hinaus zu blicken. Danach erfolgt der Blick in die "tatsächliche Historie" der Gemeinschaft, die sich erheblich von dem unterscheidet, was heute in Hand- und Lehrbüchern der Mormonen verbreitet wird. Weder die 60.000 Missionare, noch die meisten der ca. 11 Mio. Mitglieder haben jemals die Dinge so gehört und gelesen, wie sie tatsächlich geschehen sind. Weiter beschäftigen sich die wenigsten mit der wissenschaftlichen Hinterfragung - z.B. der Authentizität, bzw. dem Anachronismus, des Buches Mormon oder Abraham - oder nehmen dankbar apologetische Literatur zur Hand, die meist selbst fern ab jeglicher Realität steht.
Eine Ausnahme bilden die, vor allem in Amerika, an Zahl zunehmenden "liberalen Mormonen" oder auch "Kulturmormonen". Das Weltbild dieser Mitglieder lässt eine viel größere Toleranz und damit Schnittmenge mit anderen Weltbildern zu, deren Tendenz sich in der Entfernung vom Konservatismus, hin zum freiheitlichen, also liberalen Denken abzeichnet.

Innere Betrachtung:
Meiner Ansicht nach kann eine Ablösung nur dann vollständig sein, wenn der oder die Betreffende die Frage nach dem "Warum" gestellt hat. Die Erkenntnis über den Trugschluss der mormonischen Dogmen reicht nicht aus. Die Betrachtung des eigenen Werdeganges und die ehrliche Hinterfragung bezüglich der Gründe einer Mitgliedschaft, muss sowohl ein Konvertierter, als auch ein "Geburtsmormone" mit seinem Ablösen stellen. Die gewonnene Einsicht hilft, den neuen und vor allem "eigenen Weg" auf ein gutes Fundament zu stellen.

Ich habe für mich selbst beide Punkte be- und verarbeitet und sehe daher keinen Grund mehr, mich weiterhin mit dem Mormonismus, vor allem mit seinen Dogmen, zu beschäftigen. (Nachtrag 2012: Dennoch werde ich weiterhin Ausstiegswilligen und Hilfesuchenden zur Seite stehen und journalistische Anfragen beantworten, bzw. mein Wissen als Insider, wenn notwendig, der Aufklärung zur Verfügung stellen.)

Jemand sagte mir vor einigen Tagen: "Erst jetzt, mit dieser Entscheidung, bist du kein Mormone mehr." Eine interessante Aussage, die ihre Richtigkeit in einer anderen Definition von "Mormone" begründet, denn in der Tat müssen wir uns so lange als eine "Art Mormone" bezeichnen, wie wir uns auf der einen oder anderen Seite damit beschäftigen. Daher ist das Loslassen ein wichtiger Schritt. Es besteht sonst die Gefahr, dass mit dem Austritt aus der Gemeinschaft ein - nennen wir es einmal - "Rebounce Effekt" eintritt, und man "hängen" bleibt.
Allerdings besteht diese Gefahr nicht für jeden. Die Art und Dauer der Ablösung ist nämlich außerdem abhängig von der Zeit und Intensität (Tiefe der Indoktrination) der Mitgliedschaft bei einer religiösen Gruppierung und von der Menge der Ich-Struktur, welche kompensiert wurde.

Ich halte daher die sich in vielen Ländern gebildeten Gruppierungen von ehemaligen Mormonen für sehr wichtig. Diese bilden eine Art Selbsthilfegruppe mit Eigendynamik. Auch ich war nach dem unmittelbaren Ausstieg froh, dass ein direkter Austausch mit so genannten "Aussteigern" möglich war. Es ist daher falsch zu behaupten - und von manchen Mormonen oft zynisch vorgeworfen - dass man von der "Mormonensekte" in die "Ex-Mormonen-Sekte" rutscht. Unter psychologischen Gesichtspunkten sind diese Gruppen nämlich wichtige Auffangbecken für Ratsuchende. Weiterhin sind diese Gruppen mit einer Art Bahnhof zu vergleichen, in dem Reisende an- und abfahren. Die Verweildauer bestimmt jeder selbst und für jeden kommt einmal der Tag der Abreise. Man beachte nur den oben erwähnten "Rebounce-Effekt".

Ich verlasse den Mormonismus ohne Reue oder Vergeltungsgefühl, denn ich war es selbst, der sich für den zurückgelegten Weg entschieden hat. Man kann andere dafür nicht verantwortlich machen. Die Mormonen entsprechen daher auch keinem subjektiven Feindbild oder Ähnlichem, warum auch.

Ich hoffe - als Resultat meiner Erkenntnisse - das eigene Weltbild so offen halten zu können, dass die Schnittmenge zu anderen immer ein größtmögliches Maß an Toleranz bieten wird, ohne meinem kritischen und stets nach Wissen suchenden Geist die Hände zu binden - oder eben binden zu lassen.